Radical-Blog
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Wir wollen das pure Leben nicht


Diese große Verzweiflung darüber, nicht zu wissen, was das Leben ist. Nicht zu
wissen, welchen Platz man darin einnehmen soll. Nicht zu wissen, was richtig
ist und wer man denn nun wirklich ist. Diese irrsinnige Verstrickung im
Karussell der Gedanken, das sich in einem Affentempo, um sich selbst dreht.

Dieses Taumeln, dieses Straucheln, dieses Fassen ins Nichts. Diese große
Sehnsucht nach Ruhe, nach Ankommen.
Menschen, die fragen, bekommen Antworten. Von Menschen, die Fragen
beantworten. Wir wollen nicht verstehen, dass die Fragen selbst
Teil des Problems sind.

Antworten sind nicht das Leben

Wir wollen einfach nicht verstehen, dass alle Antworten auf Fragen nur
Antworten auf Fragen sind, aber nicht das Leben selbst. Das wollen wir gar nicht.
Wir wollen das pure Leben nicht.

Wir wollen das Leben, das wir uns vorstellen können. Das Leben unserer
inneren vier Wände. Wir leben uralte Gedanken, von Generationen weitergegeben
an uns. Gedanken, die wir weitergeben an die nächsten Generationen, die immer
vorbeizielen an dem, was wirklich ist. Weil wir es nicht besser wissen wollen,
wir behaupten es nur.

Wir vererben Gedanken der Verzweiflung, der Angst, der Traurigkeit.
Gedanken der Kleinheit, der Lieblosigkeit, der Gewalt und Verwirrung.

Wir müssten schweigen wollen

Wir tun das, ohne uns darüber bewusst zu sein. Denn aus dem Gedankensystem,
das wir für uns selbst halten, gibt es kein Entrinnen. Es kann nur sich selbst
denken. Um sich zu übersteigen, müsste es sich selbst vernichten.
Doch dafür müsste es schweigen wollen.

Schweigst Du aber, nimmst du nicht mehr an der Welt teil, die Du kennst.
Du gehörst nicht mehr dazu. Das will das Schaf nicht. Es will bei der Herde
bleiben. Weil es da so angenehm ist.

„Der Wolf wird mich fressen, wenn ich alleine dastehe“, denkt das liebe Schaf.
„Ich bleibe lieber wo ich bin.“

Es ist angenehm verzweifelt zu sein

So ist das eben. So ist es programmiert. Es ist im Grunde genommen angenehm
verzweifelt zu sein, weil es das ist, was wir kennen. Damit kennen wir uns aus.
Das ist sicher. Die Verzweiflung wurde und wird in all ihren Facetten beleuchtet,
durchleuchtet, analysiert, beschrieben, besungen, verfilmt und dargestellt.
Alle wollen sie loswerden und klammern sich doch an sie.

Was wären wir ohne Verzweiflung? Nicht mehr wir selbst. Wir wären etwas, das
wir nicht kennen, etwas Fremdes, Beängstigendes. Die Erleuchteten der Welt
lachen uns aus, oder mühen sich mit uns ab, je nach Temperament, weil sie
das Spiel schon kennen. Sie haben es durchschaut und sitzen am anderen Ufer.

Sie sind in den Abgrund gesprungen, den „Ich weiß nicht was jetzt kommt“ –
Abgrund. Sie schwimmen im Meer der Unwissenheit und erkennen
den Ausgang darin.

Wir wollen weiter spinnen

Wir aber rennen durch die Zimmer unseres Denkens und finden den Ausgang
einfach nicht. Weil wir uns die Augen zuhalten. Und die Ohren. Und was man
noch so braucht zum Wahr-nehmen.

„Es ist so entsetzlich schwer den Gedanken nicht zu folgen“, schreien
wir verzweifelt.

Wir wissen um ihre Phantomhaftigkeit und doch sind wir ihnen ausgeliefert.
Wir lassen uns von Geistern herumscheuchen und zu Gefühlen zwingen, die
uns Unsinn treiben lassen.Und dabei nehmen wir uns auch noch ernst.

Brauchen wir eine Katastrophe?

Was für ein blödes Spiel. Dabei müssten wir nur unsere fünf Sinne benutzen
und uns an das halten, was tatsächlich vor sich geht. Aber dazu müssten wir
hinsehen wollen. Und das wollen wir womöglich erst dann, wenn wir keine
andere Wahl mehr haben.

Und wann ist das? Dann wenn alles zusammengebrochen ist, was wir kennen.
Dann bleibt uns nichts mehr anderes übrig, als zu sehen, was tatsächlich ist.

Was können wir also tun? Nichts. Gar nichts.
Nur zusehen, wir wir uns selbst zerstören. Oder?

In Verbundenheit, Deine Nicole

Facebook Comments

19 Kommentare

  1. Karin sagt

    Hallo liebe Nicole,
    wowww, hast wirklich toll geschrieben und auch beschrieben.
    Berührt mich sehr, weil ich das genauso wahrnehme und das durch dich jetzt zum Ausdruck kommt. Bin also nicht allein mit meiner Ansicht. Dafür bin ich dir sehr dankbar!
    Hast den Nagel voll auf den Kopf getroffen.
    Fühle mich grad ohnmächtig und traurig.
    Und wir können nichts tun?! ………..Ich will einfach nur aufwachen aus diesem (Alp)traum!
    Herzensgrüßle Karin

    • Nicole Paskow sagt

      Liebe Karin, ja der Text klingt vielleicht ein wenig pessimistisch, aber es gibt keinen Grund zu verzagen.
      Es liegt immer an uns! Wenn wir wirklich, wirklich wollen, dann können wir da raus kommen. Das Problem ist,
      wir müssen uns für das Unbekannte entscheiden. Und darin liegt der Haken. Unser Denken überwinden heißt ja
      uns selbst überwinden, also das, was Du für Dich hältst. Willst Du das wirklich? Wenn ja, dann gibt es
      Wege. Herzliche Grüße, Nicole

    • Halten wir uns vielleicht
      einfach
      an den nächsten Augenblick , der kommt bestimmt und
      einfach
      so daher und möchte wahrgenommen werden. Das kann der Beginn einer ganz großen Liebe und ein (langer) Weg in die Befreiung zur Lebendigkeit hin sein. Die machtvolle Eroberung einer Lebensweise, die uns zunehmend befreit, stärkt und trägt. Kehren wir immer wieder heim zum nächsten Augenblick und zum Vertrauen, das dort das Tor in eine leuchtende Welt liegt.
      Stoße es auf und nimm einfach…
      nimm an, was Deine fünf Sinne Dir präsentieren,
      Strebe nach dieser heiligen Präsenz, Achtsamkeit und danke dem Leben für seine Fülle, Farben und Erscheinungs-Formen.
      Kehre um..
      Kehre ganz heim.

      Bennow, Dietmar WortFritz

  2. helga sagt

    liebe Nicole
    Sehr tiefgründig und sehr verständlich und Erkenntnis schenkend! Man sieht den Wahnsinn der Denkspirale deutlich vor sich. Du machst sehr deutlich was wir mit uns treiben (lassen). Dein Artikel hilft mir sehr, hoffentlich, immer mehr, Aus-Weg zu SEIN.
    Danke und liebe Grüße Helga

  3. Jutta Pagenkopf sagt

    Welch guter Beitrag, ja das ist es und der Weg, das nicht Wissen anzunehmen ist daher lang, weil er so verklebt ist von alters her. Sagte nicht Osho entsprechendes?
    In das Wasser springen, sich dann schütteln wie ein Hund und jeder sich selbst sein ohne an etwas zu kleben, das ist es . Nur da gibt es keine Sicherheit, die ich brauche zum Überleben, oder?

    • Nicole Paskow sagt

      Liebe Jutta, schön, von Dir zu lesen! Ich glaube, wenn wir sehen, was das Leben ist, dann erkennen wir, dass die
      Sicherheit ausschließlich im Wandel zu finden ist. Wir sind auf Überleben programmiert, was gut so ist,
      doch die psychologische Angst ist das, was uns hindert zu „sehen“. Sie als
      Illusion zu entlarven, setzt, wie ich glaube, ein Gescheitertsein an der Welt voraus.
      Herzliche Grüße, Nicole

  4. Regula sagt

    Was für eine unglaubliche Tiefe steckt in deinen Worten, Nicole! Ich danke dir von Herzen!
    In Verbundenheit
    Regula

  5. Malte Becker sagt

    Liebe Nicole,
    das hört sich alles sehr düster aber auch vertraut an. Ich dachte mir, dass ich auf einem guten Weg bin, dass meine Gedanken mich nicht überfluten mit Informationen, die mir nicht gut tun. Aber ich durchlebe gerade eine Situation, wo meine großen Erwartungen nicht erfüllt wurden und sich meine Gedanken nicht mehr einkriegen und ich damit aber spüre, dass ich weit weg von meinem Innen bin. Ich denke, dass das Universum immer mal wieder testet, wie weit man ist und einen auf die Probe stellt. Ich habe gemerkt, dass ich noch einen weiten Weg vor mir habe, wie vermutlich jeder Mensch, der auf der Suche ist und (noch) nicht gefunden hat. Liebe Grüße Malte

    • Nicole Paskow sagt

      Lieber Malte, danke für Deinen Kommentar. Ja, ich denke, ich weiß was Du meinst. Meine Erfahrung ist, dass gerade die großen Erwartungen ein Hindernis sind, um irgendwo anzukommen.
      Wir wollen etwas anders machen und beschäftigen uns mit dem, was wir anders machen wollen,statt es wirklich anders zu machen.
      Mir helfen gerade die Bücher von Charlotte Joko Beck. Sie sind so alltagsnah geschrieben und bieten gute Anleitungen, um das Gedankenkarussel zu stoppen.
      So, wie ich es sehe, ist die Hinwendung zur inneren Stille, bzw. die Abwendung vom Sog des Denkens eine Lebensaufgabe. Es ist ein tägliches Üben, ohne den
      Anspruch jemals Meister zu sein. Es ist eher eine Hingabe an das, was ist, als ein Tun, um etwas zu erreichen. Düster wirkt der Text vermutlich, weil ich selbst
      sehe, wie stark die Zerrissenheit ist, wenn man sich noch nicht vollständig entschieden hat. Ich glaube, dann wird es leicht. Herzliche Grüße an Dich, Nicole

  6. Rosie sagt

    Liebe Nicole.
    Ich weiß was du meinst und fühle es aber nicht. So geht es mir immer wenn etwas Neue entsteht. Stelle gerade fest das es wirklich um nichts tun geht. Ich hätte so gerne etwas was ich tun kann. Wachstum braucht seine Zeit.
    Liebe Grüße, Rosie

    • Nicole Paskow sagt

      Liebe Rosie, danke für Deinen Kommentar! Du sagst, Du stellst fest, dass es um nichts tun geht.
      Dieses Nichtstun ist eher geistiger Natur als praktischer. Beim Nichtstun ist gemeint den Gedanken
      nicht zu folgen, einen ruhigen Geist zu entwickeln. Handeln kannst Du trotzdem! Der Verstand
      hätte gerne immer was zu tun, ihn müssen wir in die Schranken weisen, damit er unser Leben nicht
      dominiert. Vielleicht hilft Dir das weiter. 🙂 Herzliche Grüße, Nicole

    • Nicole Paskow sagt

      Ja, Angelika, das wäre doch was! Wobei – ich würde sagen: Hinschauen, fühlen, tun, was zu tun ist. Danke für Deinen Kommentar! 🙂

  7. victor sagt

    Liebe Nicole !
    Was, warum denkt der Mensch.
    Ein ganz spezifisches Geschenk der Schöpfung.
    So viel Ratlosigkeit und Hilflosigkeit auf der einen Seite,
    auf der anderen Klarheit, Ruhe.
    Jeder Augenblick im Hier und Jetzt stellt die Weiche.
    Woher kommt ursächlich der Impuls zu denken?

    • Nicole Paskow sagt

      Lieber Victor, das weiß ich nicht 🙂 Das Denken ist ja nicht das Problem, das „in Gedanken sein“,
      lässt uns am Leben vorbei gehen, das Grübeln, und die Geschichten, die wir uns immer wieder erzählen
      lassen uns leiden.Klarheit und Ruhe entstehen ja dann, wenn wir nicht mehr so fasziniert sind von
      unseren Gedanken, sondern sehen, was ist und bei dem bleiben, was wir tun. Herzlich, Nicole

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