Radical-Blog

Im Höllenfeuer der Gefühle


Unsere Gefühle sind der einzige direkte Zugang, den wir zu uns haben.

Es ist unser Körper, der uns als Instrument für unsere Erfahrungen dient. Nur durch ihn können wir uns selbst erfahren. Doch wir denken die Gefühle lieber, als sie wirklich zu fühlen.

Wir glauben zu fühlen, doch in Wirklichkeit denken wir sie. Ganz oft erkennen wir den Unterschied nicht. Doch der Unterschied ist so groß wie jener zwischen Zeichentrick und 3D. Mindestens.

Stell Dir vor, Dir mit einem Messer ins eigene Fleisch zu schneiden. Stell es Dir vor und fühle den vorgestellten Schmerz. Wie stark und genau ist Deine Vorstellung?

Eine Neugeburt unter Blut, Schweiß und Tränen

Und jetzt trau Dich und schneide wirklich hinein. Und fühle den echten Schmerz. Traust Du Dich? Oder erinnere Dich (in der light Variante) an den Moment, als Du Dich einmal in den Finger geschnitten hast. Jetzt weißt Du den Unterschied. Das Eine hat mit dem Anderen nicht das Geringste zu tun.

Wir reagieren größtenteils auf unsere Vorstellungen. Sie lassen uns handeln, sie formen unser Leben. Wir denken unser Leben aus. Wir haben Bilder davon, wie unser Leben auszusehen hat, wie es richtig wäre, wie es besser und glücklicher wäre. Wie es wäre, wenn …

Und so verträumen wir das, was uns geschenkt wurde. Wir verträumen dieses einmalige, einzigartige Geschenk der Selbsterfahrung unseres Lebens. Wir kommen auf die Welt mit der Aufforderung uns selbst zu erfahren. Fühl Dich! Erspür Dich! Wie ist das alles für Dich? Kälte, Hitze, Hunger, Angst, Schmerz, Traurigkeit, Freude, Kraft? Wie ist es zu atmen, zu gehen, zu sprechen, zu fühlen, zu schmecken, zu riechen, zu hören, zu lieben? Wie ist es am Leben zu sein für Dich? Ja, für Dich!

Doch dann kommt ein Moment, in dem sich alle Informationen über uns zu einem Gefühl verdichten. Zu dem Gefühl „Ich“. Und schon verlieren wir den unmittelbaren Zugang zu uns selbst.

Ich ist nur der Erlebnisrahmen

Denn was Du bist, ist nicht fassbar. Erst durch dieses Gefühl von „Ich“, beginnt die Begrenzung.Und damit ist nichts verkehrt. Es ist ein notwendiger Rahmen, von dem aus wir in die Tiefe starten können.

Doch leider verwechseln wir uns im Laufe der Zeit mit diesem Rahmen. Wir setzen uns mit ihm gleich. Wir glauben all diese Informationen, all diese Vorstellungen von uns und halten sie für das, was wir sind. So stark, dass es einem Sterbeprozess gleicht, uns wieder davon zu lösen und den Blick auf das Unfassbare zu lenken, das wir in Wahrheit sind.

Wir leben lieber in Vorstellungen von uns selbst und der Welt, wir bauen unser Leben lieber auf Informationen auf, die wir von Außen erhalten haben, als den Blick auf uns zu lenken, hierhin, ganz unmittelbar zu dem Erleben, wie es sich gerade vollzieht.

Wir glauben Versicherungen zu brauchen, Verträge, Abmachungen, Gelübde, Versprechen, Beteuerungen, damit alles so bleibt, wie es ist. Damit wir aufgefangen werden, damit wir weich fallen, wenn sich doch etwas verändern sollte. „Sie haben ja unterschrieben!“ … , „Du hast mir ja versprochen!“ … „Wir haben uns versichert, das …“

Wir denken nur verbunden zu sein, wir fühlen es nicht.

Wir erleben die Jahreszeiten im Außen, wir erleben das plötzliche Aufbrechen, das Erblühen des Lebens im Frühling, wir erleben die Blüte, das vollkommene sich Verschenken der Natur im Sommer, die Reife und Fülle des Herbstes und den Abschied und das Vergehen des Winters und setzen uns damit nicht in Bezug. Wir erleben uns außerhalb dessen. Wir glauben nur damit verbunden zu sein. Wir denken es uns, aber wir fühlen es nicht. Absolut nicht. Denn wir leben nicht danach.

Wir versichern uns. Wir halten uns fest, wir halten uns auf, wir bremsen uns. Wir kerkern uns ein in einen Status quo, der uns tötet, der uns mitten im Leben tötet.

Und warum? Aus Angst vor echten Gefühlen. Aus Angst vor der Überwältigung durch den Schmerz unserer vorgestellten Vergänglichkeit. Wir glauben, dass er uns unter sich begraben wird, wenn wir ihm in die Augen sehen. Jedes Erzittern in uns, jedes kleine Erbeben dieses Schmerzes, sobald wir an ihn denken, töten wir ab. Decken wir zu. Mit allem was uns in die Finger kommt. Um ihn nicht zu spüren.

Angst vor echten Gefühlen

Ich möchte Dir zeigen, wie echte Gefühle wirklich sind. Nein, ich möchte nicht, ich will es Dir zeigen! Ich will es, weil es das Einzige ist, wozu ich auf der Welt bin. Ich bin hier, um mich vollkommen zu spüren, zu entdecken, in meinen unermesslichen Ausmaßen. Und ich bin hier, um Dir von dieser Überwältigung zu berichten. Weil es nichts wesentlicheres in diesem Leben gibt, als Dich selbst zu erleben.

Weil Du erst dadurch den Zugang bekommst zu einem Raum, der vollkommen über Dich hinaus führt, der Dich erfahren lässt, was Leben wirklich heißt. Nicht erdenken, nicht vorstellen, sondern tatsächlich erfahren.  Und diese Lebendigkeit ist unermesslich.

Stell Dir vor, Du fühlst tiefen, bodenlosen Schmerz und er ist ganz anders, als Du es Dir vorstellst.

Stell Dir vor, dieser Schmerz führte Dich zu Dir. Zu einem Erleben von Dir, das Dir jetzt, da Du im Widerstand zu diesem Gefühl bist, unvorstellbar erscheint.

Stell Dir vor Du könntest Dich vollkommen ergeben in diesem Schmerz, mitten im Höllenfeuer stehen bleiben, das Dich zu zerreißen und verschlingen droht und er würde Dich aufnehmen, wie eine Mutter ihr Kind.

Stell Dir vor, Du dürftest Dich fühlen.

Ja. Es ist so.

Du darfst die totale Schwäche sein

Du darfst die totale Schwäche sein. Du darfst Dich fallen lassen, alle Vorstellungen davon, wie Du zu sein hast. Alle. Wirklich alle.

Alle Konzepte von Ego, Falschheit, Überwindung des Lebens, alle Ideen von besser sein, richtiger, stärker, überlegener, würden darin verbrennen und übrig bliebst nur Du, wie Du gerade jetzt bist. Schwach, klein, ängstlich unvermögend und bedürftig.

Und es wäre gut.

Stell Dir nur mal vor…

Kannst Du den Frieden schmecken? Kannst Du? Kannst Du im Frieden mit Dir sein, wie Du bist? Kannst Du es annehmen, auch wenn es nicht so ist?

Schließe die Augen und falle in Dich hinein. Falle durch Dich hindurch und Du fällst in ein unendliches Universum von Du selbst. Es gibt dann nichts mehr, was nicht erfüllt ist von Dir und die Welt, wie Du sie kennst, ändert sich in eine Welt, die vollkommen erfüllt ist von Deinem Duft, die nicht mehr trennbar ist, von dem, was sich in Dir als Ich erlebt.

Und Du erkennst, das alles, was Du wahrnimmst ein Ausdruck ist, von Dir selbst. Das ist Gnade. Das ist der ewige Frieden, das ist unermessliche Schönheit. Und Du erkennst, dass jeder Schmerz, vor dem Du Dich fürchtest, eine Abkehr ist, von Dir selbst.

In Verbundenheit, Nicole

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