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Das unsichtbare Paradies


In jenem Moment, als die Zeit verrutschte, saß ich frühmorgens in der Bäckerei und hielt mich an meinem Kaffee fest. Ich sah verschlafen auf die Menschen, die ihre Brötchen bestellten und die Verkäuferinnen, die sie einpackten. Mechanisch, auf Vollautomatik, mit eingeübtem Lächeln.

Das Licht fiel weich und warm auf die frisch aufgebackenen Brötchen und tauchte sie in einen rötlichen Schimmer. Alles strahlte eine aufgesetzte und dennoch angenehme Geborgenheit aus.

Wohin gehen eigentlich die Momente? Diese Frage stand plötzlich in meinem Kopf, wie der dicke Mann, der mir jetzt die Sicht auf die Theke versperrte. Vorher war er nicht da. Wo sind die Leute hin, die vorher da waren? Wo ist der Augenblick hin, als ich die Bäckerei betreten habe?

Alles nur in meinem Kopf

Es ist alles nur noch in meinem Kopf. Mein gesamtes Erleben spielt sich vor meinen Augen ab und verschwindet dann in meinen Kopf. Oder ist es vielleicht sogar die ganze Zeit schon dort? Und wo ist mein Kopf, wenn alles darin sein soll? Eine endlose Verschachtelung tat sich vor mir auf.

Nein. So nicht.

Nochmal. Wo gehen all die Momente hin? Wo ist die Vergangenheit? Sie existiert einzig und allein in meiner Vorstellung. Meine Vorstellung? Die Zukunft ist ebenfalls dort. In meiner Vorstellung.

Die Vergangenheit und die Zukunft existieren ausschließlich in unserer Vorstellung.

Die Gegenwart ist der Ort, an dem wir atmen, an dem wir leben. An dem wir sind. Wenn, ja wenn wir anwesend sind. Wenn wir nicht in unseren Vorstellungen verschwinden. Von der Vergangenheit, von der Zukunft.

In Vorstellungen versunken

Die Gegenwart ist ein sich ständig selbst generierender Moment. Eine Geburt, die sich selbst gebiert, die wieder vergeht, im selben Augenblick. Alles ist ständig in Bewegung.

Alles erscheint in meinem Bewusstsein. In meinem Bewusstsein? Wo ist mein Kopf, wenn alles darin erscheint? Mein Kopf erscheint im Bewusstsein. Mein Körper ist davon durchströmt. Ich bin nichts, ohne es.
Nichts. Bewegungslos. Pulsierend. Leer. Unfassbar in sich.

Ohne Bewusstsein lebe ich in tiefer, unsichtbarer, bewegter Stille. Ich weiß nichts von mir, ich bin ein unbeschreibliches Gehirn, das funktioniert, auf eine Weise, die kein Wesen je begreifen wird, weil es unbegreiflich ist, in seiner Größe und Kreativität. Jedes Wort begrenzt es und ist dadurch auf ewig unzureichend, es zu treffen. Jeder Gedanke trennt sich davon, will es betrachten und sieht doch nur  seine Projektion. Du kannst es nur atmen, Du kannst es nur fühlen mit Fühlern, die Du nicht haben kannst, die Du bist, tief durch Dich hindurch.

Und dann tauche ich auf und erkenne. Ich erkenne mich in diesem Spiel als das pulsierende, leere, göttliche Gehirn, dass sich nur durch mich erfahren kann. Und durch Dich. Es hat alles Leben erschaffen, um sich lieben zu können. Um sich entdecken zu können, um seine Herrlichkeit zu feiern.

Wir sind das Tor zur Unendlichkeit.

Die Fülle bleibt unsichtbar

Ich ging zur Toilette und wusch mir die Hände mit kaltem Wasser. Ich wusch mir das Gesicht und fuhr mir über die Augen. Meine Haut wurde kalt und ich schmeckte das Wasser und meine Lippen. Ich sah mir in die Augen und musste lächeln. Alles existiert gleichzeitig.

Ich spüre mich ganz real, ich bin hier, die Füße auf dem Boden, ich lebe in dieser direkten, unmittelbar erfahrbaren Realität, der konkreten Welt. Und diese herrliche, schmackhafte, duftende, schreckliche, stinkende und reizvolle Welt, die in mir, aus mir, durch mich entsteht, ist ein Ausdruck der ewigen Stille, die in sich versunken einen unendlichen Traum träumt, den ich sehen kann, der ich selber bin.

Weil diese Fülle unsichtbar bleibt für uns, diese Gleichzeitigkeit von Allem, diese Untrennbarkeit von persönlicher und unpersönlicher Lebensrealität, dem Wunder, das im Fallenlassen all unserer Vorstellungen und dem Ergeben in das, was ist, entsteht – sieht die Welt aus, wie sie aussieht. Geschieht, was geschieht, wie es jetzt gerade geschieht. Weil wir von uns selbst getrennt sind, demonstriert sich diese Trennung überall. In der Zerstörung von Natur und Mensch.

Wir versuchen zu überleben statt zu feiern

Statt uns selbst zu erleben, versuchen wir lediglich zu überleben. Mit Schmerzen, mit Erleichterungen und wieder Schmerzen, im Wechsel.

Mit Plastikgedanken und Plastikgefühlen. Weil wir es nicht anders kennen.
Der Himmel ist auf Erden. Und keiner sieht es. Er ist hier, in dieser Bäckerei, frühmorgens im Irgendwo.

Ich bin glücklich und weiß nicht warum. Weil es so herrlich ist, was ist, ohne, dass es eine Bedeutung hätte, was ist. Denn dass es ist, sagt schon alles aus. Wir sind die Herrlichkeit, die wir nicht erkennen. Es steht überall, wie eine unsichtbare Botschaft, die man nur mit einer Spezialbrille sehen kann:

Du bist das Tor zum Paradies.

Und wir wissen nicht, wer wir sind, wir wissen nichts von einem Tor und haben keine Idee vom Paradies.

Das steht in den Gesichtern geschrieben, die wie weggetreten Brötchen bestellen, und in die Arbeit eilen. Wann hören wir auf zu funktionieren? Wann bleiben wir einfach mal stehen, mitten im Sturm, wann lassen wir uns mal darauf ein, dass alles zusammenbrechen könnte? Wann trauen wir uns nichts zu wissen? Wann trauen wir uns für uns allein zu stehen?

Einfach nur, um uns zu spüren. Um uns zu uns selbst umzudrehen und einen Moment zum allerersten Mal zu erleben, diesen Moment: Ich bin am Leben.

In Verbundenheit, Nicole

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10 Kommentare

  1. Adriane sagt

    Hallo, ja, ich bin auch am Leben! Vielleicht ist das genau der wichtigste Satz , das „Ich bin am Leben“. Mit dieser Erkenntnis oder Wahrnehmung kommt Trauer in mir hoch. Über alle Momente, in denen ich nicht am Leben war. Momente, in denen ich zwar offensichtlich doch am Leben war, aber eigentlich innerlich geschlafen habe. Ich wache auf Schritt für Schritt und bin neugierig darauf, was passieren wird. Oder vielleicht besser: Ich bin aufmerksam. Ich sage zu mir: Egal, was ich fühle, es darf da sein.

  2. Ingrid sagt

    Wunderbarer Text, Herz berührende Worte und doch so passend für mich, sie gerade heute Morgen zu lesen, weil sie meine Gefühle, meine Gedanken erreichen und ich mir genauso gerade alles anschauen darf, was in meinem Leben bisher so gelaufen ist, wie Du es beschreibst. Und doch frage ich mich in letzter Zeit ständig, wie viele Menschen sind wirklich wach, leben wahrhaftig und irgendwie fühle ich mich (noch) verloren darin, weil ich gerade dadurch die Trennung extrem in mir spüren kann und dann bin ich auch wieder total glücklich, beim Tanzen z.B., weil das Leben ist Tanz und da fühle ich die ganze Leichtigkeit und dass mich diese Leichtigkeit lebendig und zufrieden macht. Danke, liebe Nicole, für den Anstupser.

    • Nicole Paskow sagt

      Liebe Ingrid, danke für Deinen Kommentar! Du sagst es selbst, Du spürst die Trennung „in Dir“, das ist eben der Ort, an dem sie geschieht, genau so ist es der Ort, an dem „Einheit“ geschieht. Das Außen spiegelt Dir Deine innere Trennung wieder. Wenn Du mit Dir selbst Eins bist, ist es Dir egal, wer oder was außer Dir noch „erwacht“ ist, so geht es mir zumindest, Du strahlst in Dir für Dich und das ist genug für alle 😀

  3. Liebste Nicole,
    von Herzen DANKE für dich und dein SEIN…. für deine innere Stimme, der du folgst und dich gefunden hast…. und ein weiteres DANKE…. das du dies alles mit uns teilst!
    Deine Worte im Video und dieser Text haben im mir etwas berührt…. etwas bestätigt….. ich kann erahnen was dir wiederfahren ist und freue mich so sehr für dich!!!!
    Und ich musste so schmunzeln als ich deine Worte las…. das es „egal“wird was im Außen ist, wenn die Erfüllung in sich lebt…. genauso geht es mir….
    Seid dem Tod meiner lieben Freundin, die ihr Leben nicht annehmen konnte, weil ihr Schmerz einfach größer war als die Freude zu leben…. sie hat es genau so gesagt… dieser Tod hat mir gezeigt, wo ich selbst noch nicht LEBE…. und dann drei Monate später… die nächste Beerdigung …. und da wusste ich… ich lebe noch immer nicht wahrhaftig mein ganzes Sein…. wenn in meinem Außen in kurzer Zeit liebe und eng verbundene Menschen sterben… dann hat das etwas mit mir zu tun und dann schaue ich mach diesem Geschenk, dass die anderen mir mit ihrem Weg gemacht haben…. ich schaute und sah… ich belüge mich auch noch über mich selbst und über mein Leben….
    …. und dann deine Worte… und es macht „bing“ in mir….. Danke, Danke, Danke…..
    jetzt habe ich wieder ein Stück näher zu mir gefunden….
    ich gehe weiter…. Schritt für Schritt…. dankbar für jeden Impuls und jedes Erwachen… jedes Erkennen….

    Danke dir und Danke Daniel!
    In tiefer Liebe und Verbundenheit
    Cornelia

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