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Wie wir wirklich sind


Vielleicht sollte der Titel eher lauten: „Wie ich wirklich bin“ – denn woher sollte ich wissen, wie wir alle sind? Aber ich habe dennoch „wir“ geschrieben. Etwas in mir weiß nämlich sehr gewiss, wie wir alle in Wirklichkeit sind. Dennoch erhebt es keinen Anspruch auf die letzte Wahrheit, denn alles, was ich sehe, ist durch meine Augen gesehen, durch meine Sinne gefärbt und durch meine Erfahrung bestätigt. Doch was bin ich anderes als Bewusstheit, die sich selbst durch ihre bestimmte Struktur erfährt? So, wie alles andere, das denken, lieben und spüren kann?

Dieses Etwas in mir weiß schlicht, dass es das gleiche ist, was allen Menschen eingeboren ist.
Von dieser Gewissheit will ich schreiben. Weil es Liebe ist, die durch sie spricht. Eine Liebe, die so klar ist, wie das reine Tageslicht, die so fließend ist, wie Quecksilber und so lebendig wie die Freiheit alles in Erfahrung zu bringen, was dieses Leben hier, an dieser Stelle, hervorbringen will…

Es ist noch gar nicht so lange her, als mir klar wurde, dass ich mir tatsächlich nur einbilde, das Steuerrad meines Lebens in der Hand zu halten und was es bedeutet, diese scheinbare Kontrolle über Bord zu werfen. Irgendwie ist uns das allen scheinbar klar – „Das Leben ist das, was geschieht, während wir andere Pläne machen“, sagte schon John Lennon – wir verhalten uns nur überhaupt nicht danach. Dieser Moment, als mir das wirklich klar wurde, war ein Moment des Verlustes.

Ich hörte auf, auf offener See zu strampeln

Mir entglitt mein altes Leben, das seit vielen, vielen Jahren meine ganze Erfahrungs- und Erlebnisgrundlage bildete. Nachdem ich mich ein halbes Jahr gegen den Umsturz meiner Lebensrealität gewehrt hatte, hörte ich damit auf. Ich hörte auf, mich gegen das zu wehren, was mich mit aller Macht zur Veränderung drängte. Ich hörte auf, es anders haben zu wollen, ich hörte auf, auf offener See zu strampeln, als könnte ich damit meinen Untergang verhindern.

Ich öffnete die Schleusen für die Angst, die Trauer, die Verzweiflung und die Verlorenheit. Ich gab mich der Ohnmacht preis und hielt still, um tiefer und tiefer zu sinken. In die totale Ungewissheit eines neuen Lebens.

Was mir dann begegnete, war alles andere, als ich erwartet hatte. Ich erfuhr das erste Mal, was geschieht, wenn ich bis zum Ende des gegenwärtigen Schmerzes gehe. Bisher hatte ich mich nie so sehr damit konfrontiert. Letzten Endes bin ich ihm ausgewichen, habe mich abgelenkt, ihn nicht in vollem Ausmaß spüren wollen.

Den Schmerz zu Ende gehen…

Wer will sich denn schon wirklich seinem tiefsten Schmerz aussetzen, seiner größten Angst? Ist sie uns denn überhaupt bewusst? Kennst Du Deine größte Angst? Wirklich? Bis vor Kurzem war es in der Essenz Ohnmacht, der ich immer ausgewichen bin. Dem Gefühl, nicht mehr weg zu können. Keinen Ausweg zu finden, ausgeliefert zu sein. Sprunghaftigkeit ist eine Auswirkung davon. Ungerichtete Impulsivität, keine Anbindung an meine Tiefe, Abhängigkeit von anderen Menschen, Unklarheit und Verwirrung …

Und dann ließ ich mich hinein Fallen in dieses Schwarze Loch des Verlorenseins in einer isolierten Existenz, der in diesem Alleinsein nur die Auslöschung drohen konnte …

Es war grauenhaft. Es war wirklich schlimm. Als ob sich zwischen Bauchnabel und Herz ein tiefes Loch in mich hineinfressen würde, um mich von dort auszuhöhlen und zu vernichten, langsam und quälend. Ich heulte, ich schrie, ich lag auf dem Boden, wie ein angeschossenes Tier. Da war Angst, Wut und Verzweiflung und vor allem bodenloses Unverständnis, wie das alles nur so real sein konnte. Als hätte ich bis dahin in einer Seifenblase gelebt, die nun ohne Vorwarnung mit mir selbst darin zersprang und mich völlig haltlos ins Irgendwo fallen ließ.

Und ich fiel. Lange.

Dann versiegten die Tränen auf einmal. Und die Verzweiflung verebbte. Der Körper war völlig erschöpft und der Geist schwieg. Ich lag auf dem Boden und nahm plötzlich den Duft der Blumen wahr, die in einer Vase auf dem Tisch standen. Er duftete so intensiv und schön…

Ich schloss die Augen und ließ diesen Duft in mich einströmen. In mir war alles still. Ich spürte eine tiefe Weichheit und Nähe. Zu mir. Ja, zu mir selbst. Ich spürte mich so direkt, wie noch nie.

Jetzt, wenn ich darüber reflektiere, kann ich nachfühlen, dass es Vertrautheit war, die ich spürte. Nähe und Vertrautheit, von Frieden und Stille begleitet. Der Blumenduft zog sich wie ein Faden durch meine Wahrnehmung. Ich spürte, was es heißt leer zu sein. Leer von mir als Enge und Vorbehalt gegen das, was durch mich drängt und offener Raum zu sein für das, was durch meine Sinne fließt.

Seitdem hat sich wirklich viel verändert in mir. Ich bin viel offener für die Gefühle, die durch mich fließen. Ich habe keine Angst mehr vor der Angst. Ich habe keine Angst mehr vor dem Alleinsein. Vor Verlorenheit – da ist keine Verlorenheit mehr. Hier ist Vertrauen. Ein Vertrauen, das keines Vertrauens bedarf, so verwoben ist es nun mit mir. Kann ich so weit gehen? Ja. Ich kann.

Keine Angst mehr vor der Angst

Es werden wieder leidvolle Erfahrungen kommen, es wird wieder Angst geben … so läuft das Lebensrad nun mal. Aber ich habe eines begriffen: Wie ich wirklich bin, kann ich nur herausfinden, wenn ich alles zulasse, was sich in mir zeigen will. Wenn ich die Wirklichkeit dessen erkunde, was sich mir vorstellt. Wenn ich zum Erkundungs-Raum werde für alle Erfahrungen, die sich in mir ausdrücken wollen.

Die Nähe zu mir ist voll und weich und kennt kein isoliertes Alleinsein mehr. Wenn es Schmerz ist, der mir sein wahres Gesicht zeigen will, dann sehe ich ihn an. Dann werde ich zu ihm, dann bin ich ganz Schmerz, ohne Gegenwehr. Und wenn ich ganz Schmerz bin? Dann habe ich kein Problem mit mir selbst und löse mich auf in Nähe. Und echte Nähe ist Liebe.

Wie wir wirklich sind … kann niemand sagen. Das kann nur erfahren werden von einer stillen Anwesenheit in Dir – als Du. Du kannst es herausfinden, wenn Du es wirklich willst. Du kannst herausfinden, wie Du bist, wenn Du Dich für alle Erfahrungen öffnest, die in Deinem Leben anklopfen, die Deine Aufmerksamkeit wollen. Du kannst Dich dagegen wehren und versuchen das Steuerrad im Sturm festzuhalten und auf Kurs zu bleiben. Das geht eine Weile gut …

Sei transparent, wie der Atem für Deine Gefühle

Bis es nicht mehr geht, Dein Schiff auseinanderbricht, Du über die Reling geworfen und in die Tiefe des Meeres gezogen wirst. Je länger Du Dich wehrst, um so schlimmer wird es.

In mir ist eine Gewissheit: Unsere Natürlichkeit, so flüstert sie mir zu, unsere wahre Natur, unsere Essenz, das, was uns trägt, uns durchdringt … offenbart sich uns dann, wenn wir so transparent werden wie der Atem, der uns belebt. Transparent für alle Erscheinungen, die durch unser Bewusstsein gehen.

Ich öffne mich für Dich, Leben, ich öffne mich für alles, was Du mir zeigen willst. Ich schrecke nicht mehr zurück. Ich bin bereit mich mitreißen zu lassen von Dir.  Ich will alles, alles in Erfahrung bringen durch Dich. Ich verwandle mich in jedes Erleben, das Du mir zuträgst und bleibe doch tief am Meeresgrund vollkommen still, anwesend und sehend.

Wenn Du Begleitung suchst, um zu Erfahren, was es heißt, Dich vollkommen für
Dich selbst zu öffnen, bin ich gerne für Dich da.

Unter Radical-You findest Du alle Infos darüber.

In Verbundenheit, Nicole

 

 

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6 Kommentare

  1. Adriane sagt

    Liebe Nicole, ich glaube, dass es der Weg des Aufwachens ist, den Du beschreibst. Ich habe ebenso die Momente des Erlebens einer Tiefe in mir, von der ich glaube, dass es das ist, was ich bin oder was Du bist oder was wir sind. Diese Essenz ist uns wohlgesonnen, nein, wir sind uns wohlgesonnen, immer in Frieden und Schönheit.

    • Nicole Paskow sagt

      Immer in Frieden und Schönheit, selbst im Unfrieden und Unschönheit… 🙂
      Herzliche Grüße an Dich Adriane!

  2. liebe Nicole
    mir fehlen die Worte diesmal – ich fühle mich ganz ganz tief berührt und fühle Demut vor dieser Ehrlichkeit und dem Mut – DANKE

  3. Karin sagt

    Wunderbare Seele,

    ich bin immerwieder zutiefst berührt
    von deinen „SEIN“, in Resonanz mit meinem „Ich bin….“
    Freue mich auf dein Buch!

    In Liebe und Dankbarkeit
    Karin

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