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Die Sucht nach Emotionen und Zuständen


Für die meisten Menschen, mit denen ich spreche, besteht das Leben aus einer Aneinanderreihung von Ereignissen. Manche werden als folgerichtig empfunden, andere als willkürlich und nicht verstehbar. „Es geschieht einfach“. Dem Geschehen fühlen wir uns ausgeliefert, weil es Gedanken und Emotionen, also Reaktionen in uns auslöst, die wir ebenfalls nicht unter Kontrolle haben.

So lange die Ereignisse gut und die Gefühle angenehm sind, ist alles in Ordnung und wir lehnen uns zurück. Doch wenn wir uns schlecht fühlen, ist nicht alles in Ordnung. Dann sind wir die Opfer der Umstände und analysieren, hinterfragen, versuchen herzuleiten, wie es dazu kam, und erhoffen uns daraus zu lernen, wie wir die Kontrolle über die Ereignisse gewinnen können. Doch das ist nicht möglich und führt an der Lebendigkeit des Lebens vorbei.

Mein gefühltes Leben lang will ich wissen, was Freiheit wirklich ist. Wie frei kann ein lebendiger Mensch wirklich werden? Wie frei kann ich selbst wirklich werden?

Ich bin ein Mensch, der von Gedanken und Gefühlen heimgesucht und von unterschiedlichen Energien durchströmt wird, die sich ständig ändern.
Kann so ein Mensch frei sein? Und was bedeutet diese Freiheit?

Ein ewiger Ritt auf Emotionen

Was ich erlebe, kann man gut als Gefühlssurfing beschreiben: Ein Gefühl taucht auf, ich springe auf, verschmelze vollständig damit und erfahre meine Realität aus ebendieser Perspektive. Hieraus werden Entscheidungen gefällt und die Welt erlebt. Dann vergeht dieses Gefühl wieder und ich lande im Nirgendwo. So plötzlich das Gefühl auftaucht, so plötzlich verschwindet es wieder und ist in seiner Anmutung keinesfalls mehr für mich nachvollziehbar.

Bevor ich aber ins scheinbar bodenlose Nichts falle, kommt das nächste Gefühl, auf das ich aufspringen kann, mit dem ich verschmelze und als das ich so lange agiere, wie es anwesend ist. Auf die Dauer der Gefühle habe ich nie einen Einfluss. Wäre ich eine Gestalt aus der Mythologie, gehörte ich zu den Gestaltveränderern. Jene magischen Wesen, die sowohl ihre Form als auch ihre Gestalt ändern können, nie gleich, nie vorhersehbar.

Ein beständiges Selbstgefühl ist damit unmöglich.

Im Grunde könnte ich unzählige, halb gelebte Leben in einem führen. Und doch wären diese leer. Gefühlssurfing hat nämlich einen großen Nachteil. Es ist völlig substanzlos und insofern auch bedeutungslos. Ein ewiger Ritt auf Emotionen.
Freiheit bedeutet für jeden etwas anderes. Freiheit in meinem Sinne bedeutet die Erkundung des Hintergrundes, vor dem diese Emotionen stattfinden. Denn das Fehlen dieses Hintergrundes macht es den Emotionen so leicht mich einzufangen.

Die Wolke braucht den Himmel …

Doch im Grunde fehlt der Hintergrund nie. Gäbe es ihn nicht, würde es ebenfalls keine Emotionen geben. Die Wolke braucht den Himmel, vor dem sie in Erscheinung tritt.

Vielleicht findet nicht in jedem Menschen dieses Ausmaß an Gefühlssurfing statt, das ich kenne, doch jeder Mensch springt auf den Emotionszug auf und verbindet sich mit ihm. Und zwar so stark, dass die Gefühle die Wahrnehmung der eigenen Realität färben. Die Welt erscheint Dir genau so, wie Du sie fühlst.

Deine Stimmungen beeinflussen Deine Handlungen, Deine Vorstellungen lassen Dich urteilen und sind die Grundlage Deiner Orientierung im Leben. Doch Stimmungen vergehen und Vorstellungen verstellen den Blick auf das, was hinter dem Schleier Deiner Meinungen liegt: Deine wirkliche Natur. Das, was beständig ist und unveränderlich trotz seiner ständigen Wandlung. Das, was immer ist und Dir zu Grunde liegt. Präsenz und Bewusstheit.

Die Ereignisse des Lebens laufen ab wie ein Film. Ein Moment folgt auf den nächsten. Es gibt kein Ende und keine Lücke darin. Wir sind jetzt. Wir sind hier. Und doch sind wir es nicht, weil uns Vorstellungen, Meinungen und Emotionen davon abhalten zu erfahren, was jetzt wirklich zu sich kommen will.

Wir verlieren uns in unseren Gefühlen

Wir nehmen uns wahr als das, was wir denken und fühlen, und verlieren uns darin.

Freiheit beginnt für mich in dem Moment, wo ich erfahren kann, dass meine Gefühle Filter sind, durch die ich sehe. Es sind bunte Brillen, die ich mir auf die Nase setze. Warum setze ich sie mir auf?

Weil ich sie für mich selbst halte. Dieser Prozess geht so schnell, dass er nicht wahrnehmbar ist.
Die Bewusstheit in mir sieht durch den Filter und verschmilzt augenblicklich mit ihm. Das ist Identifikation. Der Bewusstheit  fehlt die Kraft. Emotionen haben Kraft, weil sie, sobald wir das Licht der Welt erblicken, kultiviert werden.

Das, was ihnen jedoch zugrunde liegt, bleibt den meisten Menschen verborgen. Und so bleiben wir so lange Spielball unserer Gedanken und Emotionen, solange wir die Kraft unseres Bewusstseins nicht entdecken. Bewusstsein ist das, worin alles zu sich kommt. Es ist der Raum, in dem die Gefühle und Gedanken stattfinden. Kraftloses Bewusstsein verschmilzt
– bewusstlos – mit dem, was in ihm erscheint und durchdringt den Schleier nicht, der ihn von sich selbst trennt.

Emotionen beschreiben nicht die Wahrheit einer Situation

Es ist ein subtiles Verstehen, das sich selbst erhellt, sobald sich diese Perspektivverschiebung einstellt: Ich bin das, was meine Gefühle wahrnehmen kann, und nicht die Gefühle selbst.
Das, was wahrnehmen kann, ist in herzlicher Umarmung mit dem wahrgenommenen Gefühl verbunden. Wie eine Mutter, die ihr weinendes Kind umarmt.

Sie ist anwesend und hält es, bis es sich beruhigt. So wird es möglich, mich im Schmerz der Verlassenheit zu umarmen, Raum zu sein für die Verlorenheit und zu erfahren, dass sie sich darin erlöst. Nun werde ich der Vergänglichkeit aller Emotionen und Gedanken gewahr und kann mich aufmachen, das Unvergängliche zu erforschen, weil es nun mehr, als Anwesenheit,
in mir aufgetaucht ist.

Was befeuert diese Erforschung? Es ist die Liebe zur Wahrheit. Es ist die Liebe zum Abenteuer der Entdeckung dieses Lebens. Was an meinem Erleben ist real? Was hindert mich daran zu wachsen, zu erkennen, echt zu sein? Ist ein Gestaltveränderer wirklich das, was ich zu sein verdammt bin? Oder bin ich das, was seine Gefühle in sich erleben kann als Jahreszeiten, die sich im ewigen Kreislauf entfalten, ohne den Kreislauf selbst zu berühren?

Die Sucht nach Identität

Hier tritt endlich Entspannung ein. Ich erkenne die Sucht nach den Emotionen, die Anziehungskraft der Identitäten, die sie in mir stiften. Eine Identität ist ein Netz, ein Halt, der dem ängstlichen Verstand mitteilt, wer ich angeblich bin und mir deshalb die Möglichkeiten raubt mich tatsächlich zu erfahren, mich zu verströmen als das, was sich in der Tiefe meiner Selbst tatsächlich ereignet.

Die Angst vor der  Haltlosigkeit lässt mich nicht ablassen von den inneren geistigen Aktivitäten, vom Surfen. Deshalb springe ich auf jedes neue Gefühl, das mich davon abhält, in meine eigene Tiefe zu sinken.

Mich auf den Himmel zu besinnen, der ich bin, und die Wolken als Gefühle ziehen zu lassen. Sie wahrzunehmen, sie zu fühlen, sie zu umarmen, aber ihnen nicht mehr zu folgen als Realitätsstifter meiner Selbstwahrnehmung … Das ist der Anfang einer Freiheit, die mich in wirkliches Neuland führt. Was ist jenseits dieser vorübergehenden Annahmen über mich, die mich einsaugen und ausspucken wie einen verbrauchten Kaugummi?

Ein Erforscher der eigenen Innenwelten

In der äußeren Welt wimmelt es von Erforschern der konkreten Manifestationen. Sie alle haben die Haltung des offenen Endes. Meeresforscher zum Beispiel wollen wissen, was dort, tief unten noch alles ist. Welche geheimnisvollen Wesen die Tiefsee bewohnen. Sie haben keine Vorstellung davon, das Ende der Entdeckung ist offen. Nur die Liebe an der Entdeckung treibt sie voran.

Als Erforscher der Innenwelten haben wir die gleiche Haltung. Wir wollen wissen, was sich hinter den inneren Manifestationen, wie den Gedanken, den Emotionen, den Vorstellungen und Meinungen verbirgt. Wir geben uns nicht zufrieden mit den Dingen „wie sie aussehen“. Es gibt kein Stoppschild. Alles wird hinterfragt, jeder Stein umgedreht, der sich in den Weg legt.

Das Gitternetz der von der Gesellschaft empfangenen Informationen über uns selbst und die Welt und deren Auswirkungen auf unser Erleben können wir nur selbst durchdringen. Das ist die Freiheit, die uns ein starkes Bewusstsein schenkt.

Die Freiheit eines starken Bewusstseins

Es geht um Dein Leben. Wie tief willst Du es erfahren? Wie tief bist Du bereit Dich zu erleben? Wirkliche Selbstentfaltung ist ein endloses Abenteuer, das Dich in Gefahr bringt, Dir Prüfungen auferlegt, Dich mit Deinen gefürchtetsten Dämonen konfrontiert und Dir schließlich ein Geschenk überreicht, das Dir ein ganz unfassbares Glück offenbart: das Ankommen in der endlosen Entfaltung des Mysteriums des Lebens.

Das Geschenk ist die Möglichkeit, Dir selbst angstfrei auf den Grund zu gehen, Dich frei zu bewegen, frei zu äußern, frei zu fühlen, frei zu sein, dieses Leben vollständig zu erleben, zu lieben und es, wenn es Zeit ist, in Frieden zu verlassen. Weil Du wirklich gelebt hast und um die eine Beständigkeit weißt, die nie vergeht, in der alle Erscheinungen stattfinden: In Dir.
Auch Dein Leben. Dann wirst Du von der stärksten Sucht aller Süchte lassen können und in die direkteste Freiheit fallen.

***

Mehr zu dieser Entdeckungsreise findest Du hier, in diesem Buch, das ich zusammen mit Daniel Herbst,  einem weiteren Erforscher der inneren Tiefsee, geschrieben habe:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Du Begleitung suchst auf Deiner Reise zu Dir selbst, bin ich gerne für Dich da. Hier erfährst Du wie: RADICAL – COACHING

 

 

 

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1 Kommentare

  1. Mathilde Schütz sagt

    Ja Nicole,
    es ist soo tief ,wahr u. nachvollziehbar,was du da schreibst.
    Ich erkenne mich in meiner Identifikation mit Gedanken u. speziell Emotionen,die mich gefangen halten.Mal bin ich draußen u. dann wieder drinnen – –
    Aber jetzt hat mich die Klarheit durchdrungen – sie wahrnehmen u. umarmen wie die Mutter ihr weinendes Kind – zulassen ,fühlen
    Ja ja ich bin der Himmel u. die Wolken lasse ich ziehen , ich bin Bewußtsein in dem alles
    erscheint u.doch vergesse ich es mal wieder- daanke , ganz herzlich , Mathilde

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