Radical-Blog

Ich bin zu nichts nütze – Befreiung aus dem Darstellungszwang


Du bist zu nichts nütze.
Diese Erkenntnis kann Dich entweder in eine Depression treiben oder befreien.

Depressiv werden wir, wenn wir diesem Satz volle Bedeutung schenken, indem wir uns mit anderen vergleichen, die in dieser Welt scheinbar viel nützlicher mit ihren Fähigkeiten und Gaben sind, als wir. Dann füllen wir unseren Innenraum vollkommen aus mit dieser Bedeutung. Als Ergebnis dieser schwächenden Gedanken, werden wir uns völlig nutzlos fühlen und zu spüren bekommen, wie sich das anfühlt: Blockierend, eng, dicht, traurig, verloren, unsicher, vernichtend.

Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich mich nutzlos gefühlt habe, weil meine Interessen und Befähigungen so gar nichts mit den Anforderungen der äußeren Welt zu tun haben. Ich hielt es nie lange durch Dinge zu tun, die mir nicht entsprachen, die ich nur tat, um damit Geld zu verdienen. So kam es immer wieder zu dem Empfinden, nicht in diese Welt zu passen. So lange, bis ich diese Vorstellung hinterfragt habe. Die Vorstellung von Nützlichkeit.

Die meisten Menschen tun Dinge, die sie nicht tun wollen, weil sie glauben, dass das, was sie eigentlich tun wollen würden, zu nichts nütze sei.
Wir leben in einem System, das sich nur deshalb selbst erhält, weil so viele Menschen an dieses System und seine Funktion glauben und damit daran festhalten.

Der tiefe Glaube, etwas darstellen zu müssen 

Wir glauben daran, dass wir etwas sein, darstellen und arbeiten müssen, was nichts oder wenig mit uns zu tun hat, weil wir früh beigebracht bekommen haben, dass wir bereits froh sein könnten, überhaupt einen Job zu kriegen. Oder weil wir glauben, dass nur bestimmte Fertigkeiten, Denk- und Verhaltensweisen in diesem System wirklich gebraucht und geachtet werden. Dann eignen wir uns diese Fertigkeiten an, ohne wirklich mit ihnen in Berührung zu sein. Wir studieren beispielsweise BWL statt Kunstgeschichte.

Und genau diesen Glauben bekommen wir bestätigt. Weil sich jeder Glaube selbst bestätigt. Insbesondere der kollektive Glaube, einfach weil er stark genug ist, sich in der Manifestation zu halten.

Viele Menschen wissen noch nicht einmal, wohin es sie ziehen würde, wenn sie plötzlich die Möglichkeit hätten zu tun, was sie wollen. Weil wir größtenteils damit beschäftigt sind uns zu fragen, was die anderen (von uns) wollen. Deshalb spüren wir unsere eigene Energie nicht.
Wir tun Dinge, die wir nicht wollen und arbeiten dann an uns, weil wir die
Auswirkungen dieses Tuns nicht haben wollen.

Ausgebrannt, weil Du nicht Du selbst bist …

Sie passen nicht in diese leistungsorientierte Welt. Burnout, Depression, Unlust, Trägheit … sind alles Auswirkungen von Handlungen, die uns nicht entsprechen. Zu denen wir uns antreiben, um etwas zu erreichen, was wir so gern wollen: Finanzielle Sicherheit und soziale Anerkennung.
Könnten wir unsere Eigenenergie spüren, würden wir direkt fühlen, wo wir wirklich sein wollen, was wir wirklich tun wollen und was nicht.

Wir scheuen uns aber davor uns zu uns selbst umzudrehen, weil der Verstand uns sofort die Konsequenzen vor-stellt, die das mit sich führen würde. Wir fürchten soziale Ächtung im weiten und im engen Sinne, wenn wir uns geben würden, wie wir sind.  Wir fürchten das finanzielle Desaster und den sozialen Abstieg. Und wir erkennen nicht, dass diese Befürchtungen lediglich das Ausmaß unserer Verstellung beschreiben.

Die eigene Energie spüren bedeutet wirklich einzutauchen in den See, der wir sind. Wirklich mitzubekommen, was hier drin wirklich will und was nicht. Wo fühle ich mich wohl, wo fließt es von selbst? Was will ich machen, auch wenn mich niemand dafür bezahlen würde? Einfach, weil ich eine tiefe Freude daran habe und mich selbst darin vergessen kann? Welches Tun erfüllt mich mit Energie, wenn ich ihm gedankenlos nachgehe?

Wenn es von selbst fließt …

Je mehr ich mir erlaube in mich hinein zu fühlen, und je geduldiger ich mit mir bin, um so deutlicher wird sich die Einmaligkeit meines Erlebens zeigen. Und diese Einmaligkeit zu spüren, führt mich in eine sinnliche, direkte Nähe zu mir selbst. Es fühlt sich gut an, sich zu spüren. Dem eigenen Erleben gegenüber zugeneigt zu sein, ist ein intimer Akt, der mit Intimität, Vertrautheit und Offenheit beantwortet wird. Er ist der Nährboden für neue, kreative Ideen.

Ich lasse mich sein, ich erlaube mich. Ich erlaube mir zu fühlen, was ich fühle. Ich spüre mich durch das, was durch mich fließt. In dieser Erlaubnis eröffnet sich mir eine Welt, die ich noch gar nicht kenne, weil ich sie bisher unter Verschluss gehalten habe. Sie war ja zu nichts nütze.

Es liegt eine schöne Ruhe darin, einfach anwesend zu sein in dem, was ich fühle. Dann merke ich mit der Zeit, was ich gern mache und was definitiv nicht. Wenn ich mir selbst einen inneren Erlaubnisraum für mein Erleben gestatte, lerne ich den Fluss an Gedanken und Gefühlen, der zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen durch mich strömt, immer besser sehen.

Den inneren Erlaubnisraum gestatten …

Jetzt erlebe ich, wie die Dinge in mir auftauchen und wieder abtauchen. Gedanken kommen und gehen, Gefühle kommen und gehen. Ich reagiere auf Situationen, Momente, Ereignisse. Ich agiere oder auch nicht. Ist all das festgeschrieben? Je festgeschriebener, vorausgeplanter, routinierter es ist, um so weniger Fluss ist in meinem Leben.

Umso weniger Kontakt habe ich zu dem unbeschriebenen, lebendigen Wesen, das ich in Wirklichkeit bin. Mich selbst zu überraschen ist ein köstliches Gefühl. Es kann aber nur dann geschehen, wenn ich mir alles erlaube. Wenn ich mir alles zugestehe, herausnehme und in mir sein lasse, wie es ist. Wenn ich mich nicht einmische in den Lauf der Dinge in mir.

Inspiration kommt mich besuchen, wenn die nicht inspirierte Zeit auch sein darf. Wenn sie nicht sein darf, verbringe ich meine wertvolle Zeit damit, die nicht inspirierten Phasen abzuwehren, sie zu bekämpfen und zu bedauern. Ich merke nicht, wie ich sie gerade dadurch manifestiere und in die Länge ziehe.

Misch Dich nicht ein!

Wenn ich mich zum Beispiel in einer uninspirierten Phase mit produktiven, inspirierten Menschen vergleiche, treibe ich mich immer weiter in die innere Dunkelheit, anstatt mir die Dunkelheit einfach zu erlauben. Ich darf vollkommen unproduktiv, uninteressiert, lustlos, träge, schwach, traurig und verletzlich sein, wenn es das ist, was gerade geschieht. In dieser Erlaubnis liegt die Einladung für die tiefen Küsse der Musen.

Wenn ich die schlechten Phasen durch mich durchlasse, als sowieso stattfindendes Ereignis, dann können diese Phasen in ihrem natürlichen Ablauf ankommen, sein und auch wieder gehen.

Und dann kommt die inspirierte Phase ganz von selbst. Wenn ich nicht an mir als einem definierten Selbstbild festhalte, kann ich erkennen, dass ich im Grunde zu nichts nütze sein muss.

Ich muss zu nichts nütze sein

Ich bin nicht zu „gebrauchen“. Zu dem,  was andere von mir wollen könnten. Ich tauge nur zum Leben. Ich kann verdammt gut darin werden mein Leben zu leben und zwar so, wie es mir entspricht.

In herkömmlichen Vorstellungen von Nützlichkeit nützt dieses Leben möglicherweise niemandem direkt, weil ich vielleicht am liebsten Eichhörnchen beobachte und Blumen gieße. Aber die Freude, die mich darin erfüllt, strahlt direkt in meine Umgebung aus. Wir bringen Licht in diese Welt mit unserer natürlichen Freude. Ich zumindest glaube, dass wir einen hohen Bedarf an Lichtbringern haben. (Damit sind keine Lichtarbeiter gemeint.)

Vielleicht liebe ich einfach Spaziergänge und male Bilder, die mich erfüllen. Vielleicht liegt dahinter aber noch viel mehr, wenn ich dem nachgehe, hineinspüre, mich in mich einsinken lasse … Ich kann mich erst entdecken, wenn ich mich zulasse, wenn ich die echten Impulse in mir zulasse und ihnen nachgehe. Ohne, dass ich den Nützlichkeitsapparat in mir nach seiner Meinung befrage.

Wie ist es ein Pantoffeltierchen zu sein?

Vielleicht lasse ich mich einfach Pantoffeltierchen sein, schließe die Augen und schwimme da hin, wo es warm, hell und leicht ist und bemerke die Strömungen, die mich in kalte Gewässer leiten wollen, die mir nicht guttun. Und bleibe ihnen fern.

Ich bin zu nichts nütze, ist eine schöne Erkenntnis. Sie befreit mich vom Darstellungsdruck. Ich muss nichts sein, um ein Anrecht auf dieses Leben zu haben. Ich muss nichts leisten und darstellen. Ich bin nicht dazu geboren worden, um – zu.  Nicht um irgendetwas gesellschaftlich nutzbringendes zu arbeiten, nicht um etwas Besonderes zu sein, nicht um mich für andere aufzuopfern, nicht um mich zu verleugnen, meine Grenzen zu übergehen, nicht um meine Lebenszeit irgendwie rumzubringen.

Ich bin einfach am Leben. Hier in dieser Welt aufgetaucht, als ein Ich-Erleben. Ungefragt. Einfach so. Was in diesem Erleben geschieht, kann ich entdecken, je weniger ich mich selbst in Bahnen dränge, die mich bedrängen, weil sie mir nicht entsprechen. Weil ich auf kurzsichtige Art nicht erkenne, worin der Ursprung meiner Überzeugungen liegt, wie die Dinge für mich laufen sollten.

Im tiefsten Ursprung bist Du Intelligenz

Ich gebe mir die Erlaubnis mich zu erleben. In all meinen Facetten. Es ist alles in uns angelegt, was wir brauchen, um in jeder Umgebung zu überleben. Im tiefsten Ursprung sind wir Intelligenz, die sich selbst aufdeckt und durchdringt. Auch in einer kreativitätsfeindlichen Umgebung wie der kapitalistischen Welt, die Kreativität nur für ihre Zwecke gebrauchen will, haben wir mehr Möglichkeiten uns selbst zum Ausdruck zu bringen und darin gut zu überleben, als wir gewöhnlich erkennen können.

Diese Anlagen in uns zu entdecken erfordert umzudenken. Denn im Grunde kann ich anderen Menschen erst dann wirklich nützlich sein, wenn ich meine ganz eigenen Fähigkeiten entdeckt habe. Wenn ich sie zulasse und ihnen folge, statt Dinge zu tun, die mir gar nicht entsprechen. Darin werde ich nämlich nie gut sein. Weil sie nichts mit mir zu tun haben.

Ich kann nur gut sein in den Dingen, die mich zutiefst berühren. Die mich von selbst in sich einsaugen. Als tiefes Interesse an sich selbst. Diese haben dann wirklich mit mir zu tun. Und das spüre ich direkt und klar, wenn ich es mir erlaube.

„Ich bin zu nichts nütze, außer mich selbst zu (er)leben.“ Wenn sich diese Idee in Dir ausbreiten darf, bist Du auf einem guten Weg Deiner Wirklichkeit zu begegnen. Sie wird Dich garantiert überraschen und zutiefst bereichern.

In Verbundenheit, Nicole

 

dav

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