Das Leben könnte eine absolute, immerwährende Offenbarung sein. Eine tägliche Entdeckungsreise unseres Selbsterlebens. Unser Atem könnte frei zirkulieren, wir selbst im Fluss sein mit unseren Energien, unseren Gefühlen und Impulsen.

Wir könnten uns vertrauend dem Prozess des Lebendigseins überlassen. Wir könnten strömen, als Lebensfluss fließen und uns leiten lassen von den Energien, die uns bewegen und frei und bedenkenlos handeln, wie wir es täten, wenn kein Zweifler im Weg stünde.

Uns wäre das ewige Mysterium, als das und in dem wir leben, ständig präsent, was uns Leichtigkeit, Staunen und Dankbarkeit bescheren würde. In totaler Offenheit für unsere Empfindungen wären wir vollkommen empathisch und selbstfühlend gleichzeitig.

Wir wären eins mit uns selbst als Fühlwesen und würden nichts abspalten, so unzureichend es sich auch anfühlen würde. Die Idee überhaupt unzureichend zu sein und nicht zu genügen, würde gar nicht mehr auftauchen, weil wir längst ihre Unhaltbarkeit durchschaut hätten.

Die Wachheit für unser Erleben, für die Instanz, die all dies mitbekommt, würde sich als direkte Deckung mit uns selbst zu erkennen geben. Aus dieser Entdeckung heraus könnte sich ein Erleben generieren, das mit dem gewohnten, dem vertrauten, in uns selbst und anderen erlebten Gebaren nichts mehr zu tun hätte. Es wäre, als würden sich die schweren Wolken verziehen und der klare Himmel dahinter erscheinen.

Auf dem Stand, auf dem die Mehrheit der Menschen heute ist, klingt diese Art von Leben jedoch wie eine ferne Ahnung, die wie eine schwache Melodie über die höchsten Berge unseres Bewusstseins zu uns herüber hallt.

Eine leise Ahnung, der wir erst zögerlich folgen. Woraus sich mit der Zeit vielleicht doch ein immer sicherer Schritt entwickelt, der uns schließlich zu etwas völlig Ungeahntem führt: In das unbekannte Land, das ich bin. Das Du bist. Das jeder ist.

Bis zu dieser Entdeckung ist es jedoch für die meisten Menschen sehr weit. Ihr geht ein erbarmungsloser Kampf voraus. Der Kampf um uns selbst. Diesen Kampf muss jeder allein kämpfen, der einmal damit begonnen hat. Nicht jeder will ernsthaft damit beginnen, weil schnell klar wird, dass er alles von uns abverlangt. Alles.

Es gibt nichts Schmerzvolleres als zu entdecken, wie sehr wir mit den Bildern und Vorstellungen von uns selbst verstrickt sind. Überhaupt die Entdeckung Bilder und Vorstellungen von uns selbst zu haben, denen wir völlig blind folgen (müssen), ist der erste schmerzvolle Schleier, der fallen kann und muss.

Die Hilflosigkeit, die sich uns daraufhin offenbart, ist schwer auszuhalten. Sie löst sich erst dann in eine klare, zärtliche, mitfühlende Nähe auf, wenn wir wirklich bereit sind, den Widerstand gegen sie aufzugeben.

Den Widerstand gegen die Hilflosigkeit, die uns völlig nackt vor uns selbst dastehen lässt. Hier können wir uns nichts mehr vormachen. Wir sind wirklich so schwach, unsicher, bedürftig, ängstlich, eifersüchtig und traurig, wie wir es immer befürchtet haben. Und niemals zugeben wollten. Vor uns selbst nicht und vor dem Rest der Welt schon gar nicht.

Doch die Instanz in uns, der all dies bewusst werden kann – Bewusstsein selbst – ist gleichzeitig die Kraft, die jene Heilung ermöglicht, nach der wir uns sehnen. Im Bewusstsein eröffnet sich der Raum, in dem alles von Dir Platz findet. Jede noch so dunkle, ungeliebte Regung, die Du im tiefsten Keller Deiner Unbewusstheit verbirgst. Sie findet in Dir selbst, als dieser Raum, ins Licht.

Es scheint das schwerste auf der Welt zu sein, diese Verständnis-Hürde zu nehmen: Erlaube Dich in jeder Form Deiner Empfindung, und Du wirst in die ersehnte Nähe zu Dir finden. Trau Dich den kritischen, verurteilenden, antreibenden, schuldbewussten Stimmen in Dir zu misstrauen, und dem leisen, versteckten Gefühl für Dich selbst zu vertrauen.

Kämpfe um Dich. Weine um Dich, denn Du bist dieses Wesen, das sein ganzes Leben lang übersehen wurde, weil es zu funktionieren hatte, weil es falschen Bildern folgen musste, weil es voller Liebe Menschen vertraut hat, die selbst falschen Bildern folgten.

Misstraue dem Gefühl nichts wert und deshalb abhängig zu sein von der Aufmerksamkeit und Fürsorge und Liebe anderer Menschen. Du hast Dich einfach noch nicht entdecken dürfen, weil Du nun selbst als Wächter vor den Toren Deiner wirklichen Gefühle stehst.

Wir sind unendlich bedürftig, unendlich schwach, unendlich abhängig, 
unendlich sehnend, unendlich klein, unendlich unerfüllt, unendlich traurig, ängstlich und verletzlich.

Und gleichzeitig das genaue Gegenteil davon. Aber nur dann, wenn wir
restlos alles in uns hineinlassen. Und wieder hinaus.

Es ist ein Gang durch die wahre Hölle, denn all das, woran Du zutiefst glaubst, musst Du zugunsten einer vollkommen offenen, nichtwissenden Haltung Dir selbst gegenüber aufgeben.Und Du wirst erst wissen, was das bedeutet, wenn Du mitten in der Dunkelheit stehst.

Und dann wird es geschehen. Du wirst es von irgendwoher in Dir vernehmen. Ein tiefes Getroffensein. Ja. Ich bin gemeint. Ich. Als das Empfinden, das glaubte nie richtig zu sein. Genau Ich. Und das ist der Beginn Deiner Befreiung. Das Licht am Ende des Tunnels. Du selbst, als Raum für Dich, als Bewusstsein, leuchtest Dir damit den Weg.

Es gibt nichts auf der Welt, was mehr Bedeutung hätte als dieser Gang, als dieser Kampf um Dich selbst.

In Verbundenheit, Nicole

8 Kommentare

  1. Petra Gamper

    KOmplimente, liebe Nicole, ein wahrlich tief berührender Text für etwas, das mit Worten kaum zu fassen ist. Petra (Meran/Südtirol)

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  2. Matthias

    Danke 🙏
    Der Text ist sehr motivierend weiter zu gehen

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  3. Gabriele

    Liebe Nicole,

    du sprichst mir aus der Seele..
    und beschreibst genau das was ich
    erlebe..und weil ich mich immer wieder nach ganz alter Manier so falsch fühle damit wie ich bin …fühle ich mich durch deinen Text
    wieder auf einem guten Weg.
    Und motiviert ..weiter zu gehen.
    Ganz herzlichen Dank dafür.
    Gabriele *

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  4. Gila seel

    Zutiefst wahr.

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  5. Tobi

    Sehr schön ausgedrückt, man spürt förmlich die Herausforderung.

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  6. Birgit

    Ich fühlte mich sofort angesprochen…auch durch die Schönheit und Klarheit, die diesen Worten entspringt..es ist wie ein dichterisches Kunstwerk und ich danke dir Nicole fürs Mitteilen

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  7. Christina Müller

    Unglaublich präzise Beschreibungen. Es hat mich magisch hineingezogen…und erschüttert. Der vernichtungsmodus, das ist echt der gang durch die Hölle. Ich erahne es erst…aber immerhin. Danke Danke liebe Nicole.

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  8. Bernd Bienentreu

    Auch hier wird mir wieder so klar vor Augen geführt, dass die einzige „Rettung“ die Liebe ist. Die Liebe die kein Gegenteil kennt, die eine die zu zweien wird.
    Die Liebe zur Liebe… Agape.
    Danke liebe Nicole für die erhellenden Worte.

    Liebe ist alles
    alles ist Liebe

    Bernd

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