Je bewusster ich werde, umso tiefer kann ich mich auf den jeweiligen Moment meines Lebens einlassen. Im Grunde ist „Jetzt“ nichts anderes, als die erlebbare Dimension des Grades meiner Bewusstheit.

Je unbewusster ich bin, um so mehr lebe ich in gedanklichen Konstruktionen. Ich verschwinde als Bewusstsein in meinen Gedanken. Diese Gedanken sind wie ein Netz, in dem ich
gefangen bin.

Ein Netz, das seit meiner Kindheit in mich hineingewachsen ist, ein Orientierungsnetzwerk, an dem ich es gewohnt bin, mich entlang zu hangeln. Die meisten Menschen leben in diesem Orientierungsnetzwerk, das nichts zu bieten hat, als ausgetretene Wege. Und die Verhinderung meiner selbst als lebendiges Wesen.

Wir alle glauben bereits lebendige Wesen zu sein und zu wissen, was Lebendigsein eigentlich ist. Doch erst der wirkliche Kuss offenbart seine wahre Dimension und lässt alles zuvor Geträumte sofort hinter sich zurück.

Bevor wir nicht aus dem Orientierungsnetzwerk erwacht sind, sind wir trostlose Gefangene automatisch ablaufender Strukturen in uns. Wir haben keine Chance ihnen zu entkommen. Solange sie uns nicht bewusst werden.

Wie Computerprogramme, rufen wir uns von früh bis spät auf, laufen ferngesteuert von einer Station zur nächsten und halten das für unser Leben. Wir leiden unter unseren Gedanken und übersehen das Wesentliche: Uns selbst.

Für mich ist das die wahre Hölle: Als Marionette ausgeliefert. An einen Spieler, der überhaupt nicht existiert, weil er aus Vorstellungen über das Leben, seine Funktion und seinen Ablauf hervorgegangen ist. Dieser Spieler beherrscht uns alle, solange wir seine Substanzlosigkeit nicht durchschauen.

Je bewusster ich werde, um so weniger Interesse habe ich an Vergangenheit, Zukunft und scheinbar feststehenden Abläufen. Ich lasse mich wirklich ein. Auf das, was jetzt ist. Welch eine Leichtigkeit entspringt dieser Tiefe!

Im vollkommenen Einlassen auf das, was jetzt ist, entwickelt sich alles von hier aus. Und wird damit vollkommen stimmig. Es stimmt mit mir überein. Hier spüre ich, was zu mir passt und was nicht. Hier lasse ich mich von mir selbst bewegen.

 Ich überlasse mich dem Gespräch. Vollkommen. Ich bin bei mir, beim anderen, beim Thema, wir begegnen uns. Und sonst zählt nichts. Alles andere ist verschwunden, in diesem Augenblick, den ich jetzt, im Gespräch, erlebe.

Um welchen Moment des Lebens es sich auch handelt – wenn er mich übernehmen darf, verschwinde ich als Gedankenkonstrukt und erscheine als lebendiges Bewusstsein. Das tief eintauchen kann, in ein ganz kleines Ereignis. Musik hören. Lesen. Den Wolken zusehen. Küssen. Sprechen. Essen. Lachen …Tanzen! …

Und dann wird dieses Ereignis zur vollkommenen Erfüllung, ohne darin großartig und besonders zu sein. Aber stimmig und nah. Es übernimmt alles. In dem ich mich einlasse, bekommen die Momente meines Lebens ihre wirkliche Tiefendimension. Ich rausche nicht blind und getrieben von einer Station meines Lebens zur nächsten. Ich bin immer dabei. Ich bin immer hier. Und so hat alles direkt mit mir zu tun.

Es macht mich voll und reich, durch die unmittelbare Nähe, die in mich einzieht. Ich folge den Resonanzen und Dissonanzen meiner Empfindungen. Innen und Außen entwachsen einer Quelle und stimmen mit sich überein. Das ist Harmonie.

Mein Erleben und ich sind eins. Wenn nichts dazwischensteht. Es gibt mich nicht mehr als Wissende. Es gibt mich nur noch als Erleben.

Worauf willst Du Dich mehr einlassen? Auf ein Leben, das Dir so nah kommt, dass Du Dich deutlich in allem wiedererkennst und jede Angst vor Dir selbst verlierst? Auf ein Leben, das sich – wie Morgentau – jeden Tag frisch entfaltet und als Freude über sich selbst in Dir aufersteht?

Oder lieber darauf, zu wissen wer Du bist, was los ist, wer die anderen sind und was jeder zu tun hat? Jeden Tag in etwas Gekanntem zu verleben, das mehr oder weniger erträglich ist, mit dem Du umgehst und mit – mal mehr, mal weniger Freud oder Leid bewältigst? In dem es darum geht – irgendwann glücklich zu sein?

In Verbundenheit, Nicole

 

 

 

5 Kommentare

  1. Heike

    Liebe Nicole, das Geschriebene ist sehr schön. Der Frieden der durch Deine Worte in mir einzieht ist das Leben! In dem Kleinen das Große sehen ist nicht mehr eine Metapher sondern wird dadurch zur Erfahrung! Danke Heike

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  2. Simone-Irene

    Liebe Nicole,

    all Deine geschriebenen Worte berühren mich zutiefst❣

    Ich empfinde beim Lesen Deiner Mit-teilungen tiefe innere Schwingungs-Resonanz❣

    Jede Deiner Aussagen sind für mich unbeschreibliche Schätze, die sich nicht greifen lassen❣

    Eigentlich fehlen mir die richtigen Worte, um das auszudrücken, was ich beim Lesen empfinde❣

    In mir schwingt volle Zu-stimmung…❣

    Der gesamte Text ist unendlich gehalt-voll und ich verspüre das Bedürfnis, ihn immer wieder zu lesen, auf und in mir wirken zu lassen❣

    Vielen herzlichen Dank❣

    Simone-Irene

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  3. Anna

    Lieben 💕 Dank für deine punktgenauen, sanften Worte des wirklichen DaSeins. Anna

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  4. Valentina

    *Alles andere ist verschwunden, in diesem Augenblick, den ich jetzt, im Gespräch, erlebe.*

    So wahr … und diese, genau diese Momente sind es, die nähren … immer wieder … und dann … wie geht das ohne Gegenüber … SELBST-gespräch?!

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    • Nicole Paskow

      Liebe Valentina,Dich selbst immer mehr von Innen heraus fühlen, statt von außen zu bedenken.
      Herzlich, Nicole

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