Natürlichkeit hat viele Dimensionen. Erleben kann ich immer nur diejenige, die ich erleben kann.  Es ist eine atemberaubende Gewissheit, dass es kein Ende der Dimensionen gibt. Alles bleibt Entdeckung, bis zum Schluss. Den es nicht geben kann, denn alles ist ineinander verwoben. Eine unendliche, in sich selbst gespiegelte Erscheinung, die sich, in intelligenter Betrachtung, überall entdeckt, wo sie hinsieht.

Was wir normalerweise für Natürlichkeit halten, ist ein sehr konkreter Ausdruck einer allumfassenden Übereinstimmung, deren Ausmaß unsagbar ist. Hier geht es nicht allein um die Übereinstimmung eines Menschen mit sich selbst, mit seinem aktuellen Ausdruck.

 – Wir bezeichnen jemanden als natürlich, wenn er unverstellt spricht und agiert. Entspannt, gelassen, und in Harmonie mit sich selbst. Ein solcher Mensch wirkt anziehend, weil die Harmonie, die in ihm und durch ihn wirkt, etwas ist, was uns an etwas viel Tieferes erinnert. –

Etwas, das jedem Menschen zu eigen ist und doch so selten empfangen wird: Hier geht es um die Übereinstimmung mit uns selbst als undefiniertes Erfahrungsfeld grenzenloser Möglichkeiten. Auch wenn unsere Möglichkeiten in der jeweiligen Verkörperung begrenzt sind.

Und doch unbegrenzt in ihrer Eigenheit. Wohin ich auch blicke: In der Tiefe ist es unendlich. Ich selbst bin so unendlich, dass meine gesamte Lebenszeit in dieser Verkörperung nicht ausreichen kann, mich in allen mir möglichen Formen des Ausdrucks und des Eindrucks, zu erforschen.

Unmöglich. Weil das Prinzip überall wirkt. Auch in mir: Je tiefer ich in mich hineinblicke, um so tiefer wird der Raum, in den ich sehe. Er wächst mit meinem Sehen. Der Grad der Konzentration meines höchsten Interesses, bestimmt über die Tiefendimension, die mir erscheint.

Und dann die Offenbarung: Wohin ich auch blicke, ich blicke in mich hinein. Hier werde ich zum Universum, das sich selbst in unsagbarer Vielheit entgegensieht. Ein Moment, in dem alles zu Nichts zerfällt, um gleichzeitig wieder vor sich selbst zu erscheinen. In keiner Zeit. Die unendliche Spiegelung. Bin ich.

Wird mir die Dimension meines Erkennens bewusst, erblasst jede psychologische Angst. Weil jede Psychologie verschwindet. Ich durchschaue sie als haltlosen Ausdruck einer gewohnheitsmäßigen Art der Identifikation mit einem Glaubenssystem, das nur jemandem zu Diensten erscheint, der nicht hindurchsehen will. Es ist ein Phantomsystem, erdacht von einem Phantom: Dem eigensinnigen Verstand.

Aber nichts erscheint ohne seinen Gegensatz. Sonst träte es nicht in Erscheinung. Und so ist der Verstand die Kehrseite von Bewusstsein. Es braucht den Verstand, der sich von seinem Eigensinn befreien kann, indem er sich selbst als Bewusstsein erkennt.

In diesem Moment verbrennt der blinde Eigensinn und allumfassende Intelligenz übernimmt die Regie. Hier ist keine Angst mehr, weil keine Trennung existiert. Angst gibt es nur in Grenzen.

Wo keine Angst ist, folgt es sich selbst. Bedenkenlos. Es überlässt sich der Bewegung, die in endloser Gegenwärtigkeit aus dem Nichts ins Etwas drängt. Und hier sind wir in jener Dimension angelangt, die durch einen Menschen wirkt, der vollkommen er selber ist.

Wir nennen es einfach natürlich. Ohne zu ahnen, woher sich die Natürlichkeit speist. Denn sie entspringt dem arationalen Wissen von der Leerheit. Leerheit von Eigensinn – ermöglicht die vollkommene Natürlichkeit:

Die totale Übereinstimmung mit sich selbst als permanenter Schöpfung, die höchst eigen ist! Die ursprüngliche Quelle erlebt sich selbst in unaufhörlicher Freude an ihrer kreativen, also schöpferischen, Existenz. Es ist ihre Natur.

Wenn Du Dich endlich traust, Dich wirklich zu fühlen, so, wie Du bist, ganz tief unter den Schichten Deiner Ideen über Deinen Wert und Deinen Unwert, dann wirst Du einer Zweifelsfreiheit begegnen, die Du nie für möglich gehalten hast. 

Wenn Du wirklich Du selbst wirst, Dich spürst und zeigst, in Deiner augenblicklichen Form, vereinen sich alle Paradoxien in Dir, alle auseinanderdriftenden Anteile verschmelzen zur Unsichtbarkeit und grenzenlose Offenheit hält Einzug in Dich. Dem grellen Lärm urteilender Gedanken, weicht eine Stille, die Dir den Raum eröffnet in dem Du erscheinst.

Und der war immer schon da. Was Du jetzt weißt.

Und hier fängt alles erst an.

In Verbundenheit, Nicole

 

14 Kommentare

  1. Simone-Irene

    Liebe Nicole,

    danke für Deine tiefgehende und tiefberührende Beschreibung von „Vollkommene Natürlichkeit „, die sich meiner Meinung nach nur in und durch Bewußt-werdung bzw Bewußt-sein erschließt und erfahren werden kann❣

    Ich staune und bewundere immer aufs Neue, wie und was Du durch Worte, Sätze, Gedanken das zum Ausdruck bringen kannst, was für mich unbeschreiblich ist.

    Herzliche Dankes-Grüße
    Simone-Irene

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    • Nicole Paskow

      Ja, liebe Simone-Irene,die Entdeckung von Bewusstsein ist das schönste Geschenk! Herzlich, Nicole

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  2. Henrike

    Danke für den schönen, klaren Text, liebe Nicole.
    Das Thema der Natürlichkeit beschäftigt mich zur Zeit auch.
    Sie begegnet mir in einer beeindruckenden Unbefangenheit – ich denke, das Wort passt zu den Grenzen und Ängsten, von denen du sprichst – und spiegelt mir wohl, wo es hingehen soll bzw. darf.

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    • Nicole Paskow

      Unbefangen ist ein schönes Wort, Henrike. Ja… unbefangen, ungehemmt, nicht besetzt mit ängstlichen Vorstellungen darüber, wie es auf andere wirken mag, wenn wir uns selbst, ohne Bedenken, folgen.

      Die mutige Hinwendung zu Dir selbst ist der Anfang eines echten Selbstgefühls. Dich selbst wirklich zu fühlen, nimmt jede Angst, denn wo keine Trennung zu Dir existiert, bleibt nur Selbsterleben übrig. Und die vielen selbstzweiflerischen Gedanken verschwinden, weil Du sie einfach nicht mehr nachvollziehen kannst. Das hat nichts mehr mit DIR zu tun. 😊 Herzlich, Nicole

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      • Henrike

        Sehr schön ausgedrückt.
        Manch einer hat es von sich aus, andere dürfen es erst wieder suchen – nachdem sie es vielleicht im Anderen erkannt haben. Bewusstwerdung eben.
        Herzlichen Dank, dass du es zum Ausdruck bringst und uns Suchende damit unterstützt. 🙂

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  3. Sarika

    Ich selbst bin so unendlich, dass meine gesamte Lebenszeit in dieser Verkörperung nicht ausreichen kann, mich in allen mir möglichen Formen des Ausdrucks und des Eindrucks, zu erforschen. …

    Die ursprüngliche Quelle erlebt sich selbst in unaufhörlicher Freude an ihrer kreativen, also schöpferischen, Existenz. Es ist ihre Natur. ….

    Liebe Nicole, genau diese Gedanken tauchten eben in mir auf. Und erst dann fand ich gerade deinen Text. Sehr schön, danke!

    Würde sich nicht das ganze Leben ändern, wenn man dies ernst nehmen würde?
    Liebe Grüße Sarika

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Liebe Sarika, wenn diese Gedanken wirklich einsinken könnten in Dich, würde diese Frage,sehr wahrscheinlich, nicht mehr
      auftauchen in Dir. Es geht darum, Dich zu erleben, Dich einzulassen und zu fühlen – weniger darum, über Dich, als etwas Fremdes, nachzudenken. LG Nicole

      Antworten
  4. Regina

    Danke, liebe Nicole. Das hat mir etwas zu sagen. Ähnlich wie bei Daniel’s Beiträgen wünsche ich mir aber oftmals eine einfachere Sprache. Wie würdest Du z. B. einem Kind erklären, auf welche Weise Du die psychologische Angst verloren hast? Ich hab’s nämlich leider nicht verstanden, möchte es aber wirklich verstehen.

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Liebe Regina, da wünschst Du Dir wirklich Unmögliches von mir ;-).
      Ich kann und will mich nur so ausdrücken, wie es mir entspricht.
      Ich kann und will nichts vereinfachen, was unglaublich komplex ist.

      Am Einfachsten gesagt, verschwindet die psychologische Angst in Dir,
      wenn Du verstehst was es bedeutet Dich selbst wirklich zu fühlen,
      statt Dich zu interpretieren, also von „Außen“ zu betrachten.
      Aber ich bin mir sicher, dass Dir das genauso wenig weiterhelfen wird,
      wie der obige Artikel, in dem ich das Gleiche sage, nur, für mein Empfinden,
      umfassender ausdrücke.

      Es ist ganz einfach: Entweder bist Du in Resonanz mit meinen Texten und
      verstehst sie auf einer Ebene, die nichts mit dem „eigensinnigen Verstand“
      zu tun hat – oder eben nicht. Dann wäre es in Deinem Sinne, aufzuhören
      Spuren dort zu verfolgen, wo Du sie nicht lesen kannst, weil sie Dir einfach
      nicht entsprechen. Denn das strengt Dich nur an, und führt zu überhaupt nichts.
      Außer Kopfschmerzen 😉

      Herzliche Grüße, Nicole

      Antworten
      • Regina

        danke Nicole, deine vereinfachte Erklärung leuchtet mir durchaus ein…

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        • Nicole Paskow

          Wie schön! Dann wirst Du in Dich einfließen und Dich vollständig bewohnen. Hier
          hat Angst keinen Platz mehr, weil nichts, außer Dir selbst, anwesend ist.
          Von hier aus, geht die Entdeckung erst richtig los! 🙂

          Antworten
  5. Katrin Heinen

    Liebe Nicole,

    ich sauge deine Texte förmlich auf gerade. Ich verstehe mittlerweile fühlend sehr genau und gut, glaube ich …

    Das, was du vermittelst, tut mir so gut und ist gleichzeitig verrückt. Nein, verrückt war es die ganze Zeit – jetzt rückt sich etwas zurecht.

    Ich kann jetzt ahnen, dass alles möglich ist. Und ja, es ist ein Loslassen von allem, was ich bisher über mich angenommen und gedacht habe.

    Es ist noch nicht ganz leicht, immer wieder fühlend zu mir zurück zu kommen. Meine Wahrnehmung saust unendlich oft noch raus und weg von mir. Aber ich kann erst jetzt überhaupt damit anfangen …

    Mich als Wahrnehmungszentrum und – so wie du es ausdrückst – freie Schwingung zu begreifen, hilft mir gerade sehr, vor allem all die hinderlichen psychologischen Betrachtungen (mit denen ich mich so lange so entwertet habe) fallen zu lassen und es neu anzugehen.

    Danke, Nicole! Für all das hier …

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    • Nicole Paskow

      „…all die hinderlichen psychologischen Betrachtungen (mit denen ich mich so lange so entwertet habe) fallen zu lassen und es neu anzugehen.“
      Genau, diese Betrachtungen entwerten, weil sie Dich von Dir trennen und niemals ursächlich beschreiben können.
      Der direkteste Weg ist Dich von Innen zu fühlen. Wie schön, wenn sich etwas in Dir zurecht rückt! Denn es stimmt, wir sind ver-rückt.
      So lange wir uns betexten, bedenken und verändern wollen. Und nicht hinsehen wollen, was da eigentlich ist.
      Denn das, was da eigentlich ist, ist so wertvoll und unbeschreiblich, dass man nie wieder davon absehen will, wenn man es mal
      entdeckt hat! Du bist so viel mehr, als Du ahnst. Geh es ganz neu an, ja! 🙂 Herzlich, Nicole

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      • Katrin Heinen

        Das mache ich! 🙂 Danke, Nicole!

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