In dem Moment, als ich aufhörte nach meinem Glück zu suchen, zeigte sich mir mein Leben von einer Seite, die mir bis dahin völlig unbekannt war. Ich wurde Ursache, Teil und Zeugin einer Eröffnung, die bis heute andauert und mich vollständig übernommen hat. Mein Leben zeigte mir seine wahren Dimensionen und begann mich auf eine Reise mitzunehmen, deren Fülle und Schönheit unermesslich und deren Ende nicht abzusehen ist.

Mir wurde bewusst, dass meine Vorstellungen davon, was „mein Glück“ sein sollte, der Grund dafür war, warum ich es nicht finden konnte. Ich wollte jemand sein, der ich nicht war. Das, was ich als mich selbst empfand, war immer fehlerhaft und nie das, was ich wollte.

Das, was ich als selbstverständlich angesehen hatte, die Suche nach Glück, so wie „alle“ es tun, die Suche nach dem idealen Leben, die Orientierung an den anderen, scheinbar besseren Menschen, die Versuche mich zu ändern, richtig zu werden, Anerkennung zu bekommen, endlich „in mir“ anzukommen … entpuppte sich als die tödliche Falle, in der ich mich mein ganzes Leben lang aufhielt.

Die Falle, die verhinderte zu sehen, was so offensichtlich ist. Die Falle, die verhinderte zu fühlen, was so nahe liegt, die Falle, die verhinderte zu erkennen, wer ich bin und was das Leben bedeutet und was echtes Glück ist.

Die Falle, die das Wesen unter Verschluss hielt, das frei und ungezwungen glücklich sein kann, weil es nur sich selbst folgt in unbändiger Lebenslust und Entdeckerfreude.

Du musst die Welt verlassen, wird im Zen postuliert … Ja! Du musst die Welt verlassen, die Du für Deine eigene gehalten hast. Das perfide daran ist, dass Du gar nicht weißt was Du für Deine Welt hältst, bis Du sie verlassen kannst.

Erkennen kann immer nur aus dem vollzogenen Perspektivwechsel geschehen. Erst wenn Du es „siehst“, wird es sichtbar. Vorher geht das nicht. Um sehen zu können, musst Du bereit sein für möglich zu halten, dass die Suche nach Glück, die maximale Entfernung von Dir selbst bedeutet und nur Du selbst das Tor zum Glück bist.

Um Dich selbst zu finden, musst Du bereit sein alles zu verlassen, was Du für Dich selbst hältst. Und bereit sein das anzunehmen, was Du wirklich fühlst. Unverstellt. Ungeschönt. In maximaler Offenheit und Anwesenheit.

Dann landest Du am schönsten Ort der Welt: Hier. Hier ist nur hier. Hier ist ohne Dimension und gleichzeitig das Tor zu allen Dimensionen des Lebens. Dimensionen, die Du entdecken kannst, die nicht festgelegt sind, die für Dich gemacht sind und durch Dich sichtbar werden.

Von hier aus geht es erst los. Das Prinzip zeigt sich immer und überall: Etwas offenbart sich Dir nur, wenn Du bereit bist es völlig offen zu sehen, unverstellt von Deinen Meinungen.

Ein verschlossenes Kind wird sich nicht öffnen, wenn es ständig zu hören bekommt, wie es zu sein hat oder mit Fragen bombardiert wird warum es dieses und jenes nicht täte und warum es denn schon wieder so und so wäre …

Ein verschlossenes Kind öffnet sich nur jemandem, der bereit ist still zu sein und es wirklich zu sehen. Wer ist dieser Mensch unabhängig von meinen Ansichten über ihn?

Und so ist es auch mit Dir. Du wirst Dich Dir selbst erst dann zu erkennen geben, wenn Du aufhörst zu glauben, Dich bereits zu kennen. Wenn Du aufhörst Dich zu befragen, warum Du so bist wie Du bist und nicht anders, nicht besser, so wie andere … Wenn Du mal still wirst und hinhörst, und fühlst und siehst …

Eine Blume offenbart Dir ihre Schönheit erst dann, wenn Du die Blume vergisst und Dich ihrer Schönheit überlässt. Und diese Schönheit entsteht in Dir. Deine Möglichkeiten zu Sehen und zu Fühlen wachsen in dem Maße, wie Du bereit bist Dich wirklich einzulassen.
Auf Dich selbst.

Keine Vergleiche, keine Urteile, keine Meinung, keine Trennung mehr von Dir. Dann öffnet sich Das Leben für Dich, weil es kein gegen Dich mehr gibt.

Hier verwirklicht sich Potenzial. Hier ist der Ort jener Zweifellosigkeit, nach der wir uns alle sehnen. Hier bin ich in all meinen unerwarteten Farben und Formen. Hier ist die Entdeckung.

Was übrig bleibt, wenn alle Vorstellungen von Dir und der Welt verbrannt sind, ist die wahre Feier des Lebens. Es zeigt Dir seine ihm innewohnende existenzielle Freude in Dir selbst und durch Dich selbst.

Wenn die Schwere der Gedanken durchbrochen ist, weil Du ihre Substanzlosigkeit klar erkannt hast und Du in der Lage bist die andere Richtung einzuschlagen und ihnen nicht mehr zu folgen, dann verwirklicht sich wahre Leichtigkeit.

Du kannst Dich einlassen, weil Du nichts mehr suchst. Weil Dich keine Hoffnung mehr fortzieht von hier – dem einzigen Ort, an dem Du Dir wirklich begegnen kannst.

Um zu Dir zu finden musst Du nicht nach Indien, Du musst keinem Guru folgen, Du musst nichts und niemandem „entsagen“. Außer Deinen eigenen Vorstellungen von Dir selbst und dem, was Leben ist.

Es sind unsere echten Gefühle, die Räume öffnen, in denen wir erkennen können, was wahr ist und was nicht, die uns in uns selbst hinein führen und über uns selbst hinausführen. Wenn wir verstehen, dass die Wahrheit niemals außerhalb von uns selbst liegen kann, niemals woanders, nur hier in Dir. Von hier aus geht es in die Tiefe.

Es geht im Grunde ausschließlich darum herauszufinden, was es bedeutet „hier“ zu sein und nicht „dort“.  Dort heißt im Rausch meiner Gedanken, wo ich nicht sein kann, was ich bin. Dort jage ich immer nur einem Schatten hinterher, von dem ich mir Substanz verspreche. Doch dieses Versprechen kann sich niemals einlösen. Ein Schatten ist ein Schatten.

Erst wenn ich das verstehe, bin ich bereit hier zu bleiben, hinzuhören, zu fühlen und die Reise meines Lebens wirklich anzutreten.

In Verbundenheit, Nicole

 

20 Kommentare

    • Nicole Paskow

      Wie schön, danke Dir Christian!

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      • Sam

        Danke für diesen Text. Wie erkenne ich die Substanzlosigkeit meiner Gedanken? Ganz praktisch, was kann ich tun?

        Antworten
        • Nicole Paskow

          Diese Frage kann man auf unterschiedlichen Ebenen beantworten.
          Auf der absoluten Ebene:
          Gedanken kommen und gehen. Sie sind hoch veränderlich. Alles,
          was Veränderungen unterliegt, ist substanzlos. Das Unbewegte und damit
          Unveränderliche, ist das, was sieht und erlebt. Ist also Bewusstsein, in dem
          Gedanken auftauchen und als solche erkannt werden.

          Auf der relativen Ebene:
          Du kannst mal schauen, wie sehr sich Deine Gedanken und damit das, was Du
          glaubst und wonach Du handelst, im Laufe der Zeit Deines Lebens verändert haben.
          Dann kann Dir auffallen, dass Du ziemlich blind/unhinterfragt auf sie reagierst.
          Das ist unproblematisch, solange es unproblematische Gedanken sind.
          Doch üblicherweise sind Gedanken, denen Du Glauben und damit Aufmerksamkeit schenkst
          Auslöser für Ängste, Sorgen, Nöte. Wenn Du anfängst Dich direkt zu fühlen,statt zu denken,
          werden sich viele Fragen nicht stellen, weil direkte Wahrnehmung direktes Erkennen
          ermöglicht. Gedanken führen Dich innerhalb ihres Systems herum. Direktes Fühlen,
          ohne in Gedanken abzuhauen sagt Dir was über Dich.

          Was kannst Du tun? Tritt zurück. Beobachte, was in Dir vorgeht, ohne Dich darin denkend zu verstricken.
          Wie setzen sich die Gedanken in Dir zusammen und was lösen sie in Dir aus? Geschieht das freiwillig?
          Was geschieht in Dir, wenn Du erkennst, dass Du die meisten Gedanken denken musst?
          Und vor Allem: Wer kann das erkennen/sehen?

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          • Regina

            Deswegen empfinde ich Meditation so hilfreich, weil sie mir immer wieder hilft meine Gedanken zu beobachten und mich von ihnen zu distanzieren. Und die Präsenz von dem zu fühlen was sich da von den Gedanken distanzieren kann.

            „Wenn Du anfängst Dich direkt zu fühlen,statt zu denken,
            werden sich viele Fragen nicht stellen, weil direkte Wahrnehmung direktes Erkennen ermöglicht.“ Ganz wunderbar – danke – ganz besonders für diesen Satz…

          • Nicole Paskow

            „Und die Präsenz von dem zu fühlen was sich da von den Gedanken distanzieren kann.“
            Wunderbar! Ja! Je öfter Du diese Präsenz fühlen kannst, um so deutlicher wird sie!
            Bald brauchst Du keine Meditation mehr, um die automatischen, die schwächenden Gedanken zu sehen und
            ihnen „stante pede“ nicht mehr folgen zu müssen, weil Du (als diese Präsenz)das Interesse gänzlich an ihnen
            verlierst. Herzlich, Nicole

          • Sam

            Vielen Dank Nicole, das hat mir sehr geholfen und bestätigt, was ich schon vermutete…

          • Valentina

            Und was ist mit Gedanken(gängen/kreiseln), die sich eben nicht verändern, sondern immer wieder den gleichen Wegen und Inhalten folgen?

            Direktes Fühlen … wenn ich dich so lese, frage ich mich, ob ich das denn kenne und wie das ist. Doch ich kenne das glaub‘ ich schon … aber es ist nicht so häufig.

            Lieben Gruß, Valentina

          • Nicole Paskow

            Liebe Valentina, „Und was ist mit Gedanken(gängen/kreiseln), die sich eben nicht verändern, sondern immer wieder den gleichen Wegen und Inhalten folgen?“
            Die Gedanken „leben“ von der Bedeutung, die Du ihnen verleihst. Deine Aufmerksamkeit ist ihr Motor. Wenn Du sie als haltlos durchschaust, wenn Du ihnen nicht mehr glaubst, dann verlieren sie an Bedeutung für Dich und verblassen oder reißen völlig ab, sobald es Dir auffällt, dass sie wieder an Dir als Aufmerksmkeit „ziehen“.
            Herzlich, Nicole

        • Heike

          Liebe Nicole, Deine Texte drücken Dein Erleben aus, das alles erlebe ich in Resonanz. Für mich ist es eine schwierige Zeit, ähnlich wie bei der Raupe die zum Schmetterling wird….oder der Banane, die reift…..es ist ein Prozess und Deine Texte helfen mir und auch anderen, Bewusst zu sein, was passiert, bewusst mitzukriegen, das alles nur in uns passiert. Die Katze, die einem Nachbarn gehört, besuchte mich täglich. Jetzt ignoriert sie mich, geht vorbei, kommt nicht mehr kurz vorbei. Sie ist im sein…..! Und ich nehme wahr, das irgendeine Instanz das “ verstehen” will, jemand in mir fragt, ob ich was “ falsch” gemacht habe….sie spiegelt mir gerade meinen Prozess….und Du unterstützt es, durch Deine wunderschönen Beiträge! In Liebe Heike

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          • Nicole Paskow

            Liebe Heike, „jemand in mir fragt, ob ich was “ falsch” gemacht habe….sie spiegelt mir gerade meinen Prozess….“
            Die Katze lässt Dich fühlen, wie es sich anfühlt gemieden zu werden. Das ist, wenn ich es richtig verstehe,
            Deine Befürchtung.“Ich habe etwas falsch gemacht, jetzt kommt sie nicht mehr“. Du fragst Dich ob Du etwas falsch
            gemacht hast, anstatt den Hinweis anzunehmen: Fühle, wie es sich anfühlt gemieden zu werden. Denke Dich nicht
            von diesem Gefühl weg. Fühle es nur, ohne Geschichte dazu. Geh direkt rein. Dieses Gefühl kennst Du sehr gut,
            doch es lebt ungesehen in Dir und spielt sich immer wieder ein, bis Du wirklich bereit bist, es zu erleben.
            Nackt, ohne Sicherung, ohne Umweg, ohne Schranke. Fühle es im Körper, sei mit dem Gefühl. Lade es zu Dir ein.
            Denke nichts dabei. Und dann sieh, was damit passiert. Es wird Dich nicht umbringen. Auch wenn es weh tut.
            Stell Dir vor, es will endlich von Dir gesehen und empfunden werden … Von Herzen, Nicole

    • angelika

      dies hat mich sehr in meinem Herzen berührt, ich fühle mich gerade etwas hilfos es umzusetzen. Das ist ein guter Satz du kannst dich einlassen wenn du nichts mehr suchst, wie eine Sucht die man nie befriedigen kann.Mein Herz tut weh. Vielen, vielen Dank für diesen wunderschönen Text.

      Antworten
  1. Heike

    Ja, liebe Nicole, so ist es…..! So fühlt es sich an….! Zumindest habe ich bemerkt, das mein “ Verstand” angesprungen ist, und ich dem nicht gefolgt bin….aber eine Ebene tiefer ist genau das : wie fühlt es sich an , gemieden zu werden…..Danke dafür

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    • Nicole Paskow

      Ja … Dich fühlen, statt Dir etwas über Dich erklären zu wollen. Wir müssen in unser Erleben
      eintreten, wenn wir Antworten wollen. Mitgefühl für Dich selbst entsteht dann, wenn Du anfängst
      Dich zu fühlen und aufhörst Dich verstehen zu wollen.

      Antworten
  2. Natalia

    Danke, liebe Nicole, vielen Dank! Da entdecke ich gerade, ganz langsam und ehrfürchtig, hinter all den Versperrungen meines erlernten Lebens, sicher versteckt, stabil und geduldig wartend bis ich soweit bin, mein SEIN…WOW.

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    • Nicole Paskow

      Das hast Du sehr schön ausgedrückt, Natalia.
      Kann ich gut sehen und nachfühlen. Ja … Du erwartest Dich
      schon immer. 🙂 Superschön! Herzlich, Nicole

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  3. Johnßen, Waltraud

    Danke, liebe Nicole, für Deine wahren und erhellenden Worte.
    Es ist wunderschön, Deine Ent-Wicklung zu sehen über die ich mich mit Dir freue.
    Ich glaube in Deinem Beitrag eine tiefe, ehrliche Spiritualität erkennen zu können.
    Danke!!

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    • Nicole Paskow

      Liebe Waltraud,ich freu mich sehr über Deine Worte. Danke. Nicole

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  4. Almuth

    Liebe Nicole, deine Texte erfreuen mich sehr und ermutigen mich, an meinem
    derzeit wichtigsten Thema dran zu bleiben. Schon lange beschäftigen mich diese ganzen Fragen, die mit Selbstfindung Lebenssinn usw zusammenhängen.Jetzt ist es mir möglich , ins wirkliche Fühlen zu kommen. …raus aus dem Kopf und die manchmal überschwengliche Freude ist die Antwort darauf, dass das für mich die Wahrheit ist . Und es ist auch schon eine ganz zarte Freude gewesen, ….genauso wahr und unübersehbar. ….und es fühlt sich an, als wäre man verliebt. So ganz tief in mir. ……Alles Liebe und Danke! …..

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    • Nicole Paskow

      Überschwengliche Freude … wie schön! Mit der Verhinderung tief zu fühlen, verhindern wir auch tiefe Freude.
      Werden eingeschlossene Emotionen losgelassen, löst das unheimlich viel Energie … Ich freu mich, dass Du Dich
      mehr und mehr traust Dich und das, was in Dir auftaucht anzunehmen. Das ist die Startrampe ins Leben.
      Ganz herzlich, Nicole

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