Wir reagieren in Allem was uns widerfährt, auf uns selbst und zwar immer in unserer aktuell möglichen Version. Wir können uns nicht entrinnen. Wir können uns nur erkennen. Dieses Erkennen hat unendlich viele Dimensionen. Doch bevor wir das erkennen können, müssen wir die erste Dimension durchbrechen. Jene, die uns bekannt ist, ohne, dass wir uns dessen bewusst sind …

Es ist meine Prägung, die durch mich wirkt. Es ist das Prägungs-Programm, das durch mich spricht, fühlt und handelt, wenn ich nicht anwesend bin.

Ich als das, was sieht. Ich als das bewusste Erkennen dessen, was in Wirklichkeit vor sich geht. Es wirkt oft so abstrakt, wenn wir davon sprechen, dass wir unbewusste Vorstellungen und Ideen von uns haben auf die wir reagieren und die durch uns wirken. Doch was ist damit wirklich gemeint?

Neulich bekam ich eine Email einer langjährigen Freundin. Sie schrieb mir, dass es ihr sehr schlecht ginge, sie aber keine Ratschläge von mir hören wolle. Sie beschrieb einen Abend, den sie mit anderen Freunden verbrachte und der anders verlief, als sie es angenommen hatte. Sie beschrieb, wie sie es (anders als sonst) schaffte sich mal zu öffnen, ihren Schmerz zu zeigen und wie sie aufgefangen wurde, einfach nur, indem die anderen zuhörten und für sie da waren. Sie erlebte wie wohl sie sich damit fühlte, sich auszudrücken.
Und wie heilsam das für sie war.

Das war alles. Sie beschrieb was sie erlebte und fühlte.

Doch in mir zog sich alles zusammen. Was ich aus ihren Worten las war: „Du gibst mir immer nur Ratschläge und lässt mich nicht sein, wie ich bin. Andere schaffen das besser.“ Ich wurde traurig und auch wütend. Und diese Trauer und diese Wut nahmen meinen gesamten Innenraum ein.
Ich „glaubte“ das, was ich herausgelesen hatte. Warum? Weil mein Urprogramm: „ICH werde nicht gesehen! Ich werde nicht anerkannt! Andere machen es immer besser als ich!“, wieder ansprang.

Diese Vorstellungen und Ideen, die ich unbewusst von mir habe, bestimmen, was ich lese, was ich denke, was ich fühle. Und normalerweise reagieren wir genau auf diese Ideen, dann, wenn wir eben nicht anwesend sind, als die sehende Instanz.

Wenn niemand sonst im Raum ist als die Reaktion auf diese alten Ideen von mir, dann reagiere ich mit Schmerz auf die Zeilen meiner Freundin. Worauf sie dann mit Unverständnis reagieren muss, weil sie nicht geschrieben hat, was ich gelesen habe. Und eine Spirale aus Unverständnis, Schmerz und am Ende noch Vorwürfen nähme ihren Lauf.

Das ist das, was wir allzu oft erleben.

Mittlerweile ist mein „Bewusstseinsmuskel“ sehr stark. Das bedeutet, ich kann sehr schnell erkennen, was wirklich vor sich geht. Worauf ich reagiere. Hier kommt es darauf an, wie bereit ich bin hier zu bleiben, in der Wirklichkeit, und wie stark der Glaube an die alten Ideen ist.

Je stärker der Glaube an meinen Unwert ist, umso schmerzvoller sind die Gefühle, die sich aufführen und meinen Innenraum besetzen wollen. Ja, wollen. Ab einem bestimmten Punkt kannst Du beobachten, dass das Programm sich abspielen will. Es will das Gefühl der Wut, das Gefühl der Traurigkeit und das Gefühl, das Opfer zu sein. Niemand versteht, sieht, erkennt, liebt … mich!

Es will sich durch Dich ausdrücken und ausagieren. Das ist seine Bestimmung. Immer, wenn ich sage und schreibe: „Bist Du wirklich bereit für Dich?“, meine ich damit genau das: Bist Du wirklich bereit die alten Ideen über Dich aufzugeben und hier zu bleiben, oder gibst Du Dich noch immer der Macht des Programms hin? Der Macht, die die ausgelösten Gefühle über Dich haben.

Und sie sind sehr mächtig und vereinnahmen Dich, wenn niemand sonst im Raum ist. Du wirst dann zum Raum, wenn Du sehen kannst, wie sich das Programm in Dir abspielt. Wenn ein starkes Programm-Gefühl, wie die ausgelöste Wut, den Raum ausfüllt und Du darin verschwindest, gibt es kein Sehen, dann bist du dem ausgeliefert und damit absolut identifiziert. Zu sehen, dass das ein Programm ist, heißt, das Sehen zu sein, und das heißt Raum sein.

Unsere Welt ist der Ausdruck dieser Übernahme von programmierten Vorstellungen. Wir sind tatsächlich besetzt von unseren Prägungen. Und wir denken, fühlen und handeln aus diesen Prägungen heraus. Gewalt, Ausgrenzung, Schmerz, Depression, Einsamkeit und Krankheit sind das Ergebnis.

Und es ist ein Akt der Befreiung, sich diesen Prägungen zu widersetzen und zu erleben, was stattdessen als „Ich-Erleben“ möglich wird. Ich bin glücklich, sehen zu können, worauf ich wieder reagieren sollte, wenn es nach meinem Urprogramm gegangen wäre. Denn nun habe ich die Wahl. Und weil ich die Wahl habe, entscheide ich mich nicht mehr für das Programm.

Ich entscheide mich für mich. Ich bin die sehende Instanz. Ich bin hier. Ich bin die, sich von zwanghaft ablaufenden Ideen und Vorstellungen über sich, befreiende und befreite Anwesenheit. Und statt meiner Freundin zu schreiben, wie sehr es mich verletzt, dass sie noch immer nicht versteht, dass ich ihr keine Ratschläge geben will und meinen Wert als Freundin nicht anerkennt, kann ich ihr das schreiben, was ich wirklich für sie fühle:

„Ich freu mich, dass Du die beiden hattest und wieder fühlen konntest, wie es ist, wenn man sich zeigen kann, wie man ist, und jemand da ist, der das einfach zulässt und Dich, einfach durch seine Anwesenheit, umarmt.
Ja, das ist wirklich schön und heilsam.
Ich würde Dich sehr gerne sehen und hab große Lust mit Dir spazieren zu gehen!
Ich hab Dich unendlich lieb.
Manchmal stell‘ ich mir einfach vor, wir wären zwei kleine Mädchen im Sandkasten, die noch gar nichts von der Welt wissen. Die einfach nur zusammen spielen. Du machst eine wunderschöne Sandburg, mit super Steindeko und Gänseblümchen drauf. Und ich bohre die Tunnel, durch die wir dann in die Burg reingehen. Mit Stöckchen und Blättern.

Und wir lachen. Und sind einfach nur da.“

 In Verbundenheit, Nicole

2 Kommentare

  1. Bernd Bienentreu

    Liebe Nicole,
    Es ist sehr mutig von dir, Dein Innerstes so vor uns aus zu breiten.
    Die Dinge geschehen einfach, es werden Worte gesprochen und etwas getan. Aber es ist ja niemand da der etwas macht. Wir begegne immer nur uns selbst.

    Es gibt nur Taten, aber keine Täter.
    Buddha

    Alles ist Liebe,
    Bernd

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    • Almuth

      Danke, liebe Nicole, für diesen Artikel, er hat mich zutiefst berührt! Es ermutigt mich sehr, weiter zu machen, an dieser Art Lebenseinstellung dran zu bleiben, den Bewusstseinsmuskel weiter zu trainieren und Raum, immer wieder Raum zu schaffen. …..Danke von Herzen!

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