Zeit meines Lebens konnte ich nichts mit christlicher Symbolik anfangen. An der Kirche und ihren Bräuchen interessierte mich nie etwas anderes als die Atmosphäre, der ich in ihren Gemäuern begegnete. Ich liebe die tiefe Stille und die hohe Feierlichkeit, die mich dort empfängt.

Etwas ist aber am Aufbrechen in mir. Im doppelten Wortsinn. Etwas bricht auf, wie eine Kruste, die sich löst, und etwas bricht auf, zu neuen Ansichten, zu neuen Verknüpfungen von Wahrnehmung und Reflexion.

Seitdem ich auf dem Weg zu mir selbst bin und beginne mich in allem wiederzuerkennen, was für mich Bedeutung hat, verschieben sich Inhalte und Bedeutungen. Konzepte brechen auf wie Gebäude, die gesprengt werden und an ihrer Stelle entsteht Raum ohne Begrenzungen. Ich lerne zu sehen. Ohne zu wissen, was das heißt. Ich lerne die Sicht freizumachen für das, was sehen will.

Dieses Freimachen heißt nichts anderes als in Frage zu stellen, was stimmt und was nicht. Herausfinden zu wollen, was ist echt und was nicht?  Ich habe spontan beschlossen 30 Tage Wasser zu fasten, um herauszufinden, woran ich hänge, was an mir zieht und was es bedeutet an einem Punkt stehen zu bleiben und mich davon nicht wegzubewegen.

Ich will wissen, was an mir zieht und zerrt. Seien es körperliche Bedürfnisse oder geistige. Ich will stehen bleiben und fühlen, wahrnehmen, darin still sein und sehen. Und damit verwirkliche ich die andere Seite in mir …

Es ist Ostern. Jesus starb am Kreuz und wir feiern seine Wiederauferstehung. Das könnte ich so stehen lassen. Doch was hat das mit mir zu tun? Überhaupt nichts. Außer, dass alle Leute um mich herum Ostereier färben und Süßigkeiten für die Kinder verstecken. Und dass ich das für meine Kinder auch mache. Aber das hat dennoch nichts mit mir zu tun. So lange, bis ich für mich selbst ergründen will, was es bedeutet zu sterben und wieder aufzuerstehen.

So lange wir nur eine Seite der Medaille kennen und leben – und wir leben immer, was wir kennen – leben wir einseitig und deshalb nicht wahrhaftig. Wenn ich einseitig auf den Tod blicke, so ist er immer ein Ende, dem nichts folgt. Und das macht, aus dem materiellen Blickwinkel heraus, der auf Teufel komm raus fortbestehen will, Angst.

Ebenso verstehe ich unter Auferstehung nichts anderes als die Wiedererweckung aus dem Tod. Das funktionierte vielleicht für Jesus, aber nicht für alle anderen Menschen. (Also in Wahrheit auch nicht für ihn.)

Ich merke, dass ich hier nicht weiterkomme. Ich will es ganz zu mir nehmen. Verschiebe ich die Sicht vom materiellen Tod hin zu meinem ideellen Tod, erkenne ich, dass damit genau so gut der Tod einer Sichtweise gemeint sein kann, die mich nur eine Seite der Medaille sehen lässt.

Wenn ich eingeschlossen bin in die Welt meiner Gedanken und Gefühle und nur sie in der Lage bin wahrzunehmen, dann lebe ich ein Leben, das genau daraus besteht: Aus Gedanken und meinen gefühlsmäßigen Reaktionen darauf. Die wiederum erschaffen meine Realität, die ich als Bestätigung für meine Gedanken und Gefühle ansehe.

Ich folge Konzepten, die sich als Gedanken äußern und in Gefühle übersetzen und halte sie für den Ursprung meiner Welt. „So ist es!“ „Ich bin so!“ werden zu felsenfesten Überzeugungen, die mich steuern. Hier liegt der Ursprung meines Leidens begraben. Eines unentrinnbaren Leidens, denn hier gibt es schlichtweg keinen Ausweg.

Doch was ist der Ausweg? Zunächst ist es die andere Seite der Medaille. Die besagt: Die Erde ist etwas anderes als der Himmel. Etwas vollständig anderes. Unvorstellbar anders. Aber ohne Himmel keine Erde und ohne Erde kein Himmel.

Die Kehrseite meiner Medaille ist die Unpersönlichkeit, die mir, als Individuum, zugrunde liegt. Ohne das Unformierte gibt es keine Form.

In mir muss der Fokus auf mich selbst als rein materielle und individuelle Erscheinung sterben, damit ich erkennen kann, wer ich noch bin. Damit ich erkennen kann, welch Geistes Kind ich bin. Und im vollen Erkennen dessen, dass ich sowohl Erde als auch Himmel bin, werde ich in meiner Verkörperung vollständig.

Ich beruhige mich. Und komme zu mir. Ich erkenne die Substanzlosigkeit von Gedanken und den nachfolgenden gefühlsmäßigen Reaktionen. Ich bin nicht mehr gezwungen ihnen zu folgen, wenn ich erkenne, dass sie nicht das mit mir zu tun haben, was ich glaubte.

Ich weiß nun um die Leichtigkeit von Luft, die dunkle, harte Erde durchdringt. Ein leichter Geist verliert sich nicht in schweren Gedanken. Schwer werden Gedanken allein durch die Bedeutung, die sie erhalten. Und Bedeutung wird von Aufmerksamkeit kreiert, die wiederum dem Glauben folgt, dem sie zugrunde liegt. Und Glauben wurde uns allen in der Kindheit eingepflanzt.

Wenn wir Pech haben, sind wir dazu verdammt, diesem Kinderglauben so lange wir leben zu folgen. Ansonsten haben wir die Chance zurückzutreten und wirklich zu sehen. Wie ein Bild im Museum, dessen viele kleine Punkte, aus denen es besteht, erst ein Gesamtbild ergeben, wenn man viele Schritte zurückgeht. Plötzlich setzt es sich vor unseren Augen zusammen. Sind wir zu nah dran, sehen wir nur bunte Kreise, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen.

Ich muss sterben als das widersprüchliche Bündel an Überzeugungen über mich und die Welt, das ich bisher war. Um zu sehen, wie grenzenlos ich (auch noch) bin.

Wenn sich Persönliches und Unpersönliches in mir vereinen, erfahre ich mein vollständiges Menschsein. Hier komme ich zu mir als einmalige Möglichkeit, die wirklich in ihren Ausdruck findet.

Und wenn ich noch weiter zurücktrete, erkenne ich mich selbst als das, worin beides sich vereint. Ich erkenne mich als das Museum, in dem das Bild und ich sinnhaft zusammenfinden.
Ich erkenne mich als freier Geist, der sich durch Materie erfährt. Ich sehe, dass ich sehe, was ich bin. Ein endloser Kreislauf der Selbstbetrachtung.

Beide Seiten der Medaille finden sich als eine Medaille zusammen und werden erst durch das Sehen an sich ein und nicht -zwei gesehen. Ohne dieses Einsehen blieben sie blind, in zwei Hälften geteilt, jeweils auf sich reduziert. Das ist die Hölle. In dieser Einsicht entsteht die Dreifaltigkeit durch den Menschen.

Das ist mein Himmel. Meine Auferstehung. 
Frohe Ostern!

In Verbundenheit, Nicole

 

 

4 Kommentare

  1. Simone-Irene

    Liebe Nicole,

    ich glaube nach- und mitempfinden zu können, was Du in Worten und Gedanken zum Ausdruck bringst und ich danke Dir von Herzen für Dein Mit-teilen❣

    Ich persönlich habe Schwierigkeiten, mich d.h. meine Wahrnehmungen und Sichtweisen, Erkenntnisse – die sich ständig wandeln – ins Wort zu bringen und somit berührt es mich sehr, wie Du es vermagst Dich (Dein geheimnisvolles zartes Menschen-Seelen-Wesen) mit Worten derartig mit-zu-teilen ❣

    Ich danke Dir von Herzen und wünsche Dir weiteres Oster-Auferstehung-Freude-Frieden …Geschehen❣

    Frohe Oster-Grüße
    Simone-Irene

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  2. Paul

    Liebe Nicole
    Es sind wundervoll berührende Worte die aus dir kommen und wie du Ostern hinterfragst und deuten möchtest.
    Ich selbst war früher ein fleißiger Kirchen gänger, doch hab ich mich immer mehr zurückgezogen und gehe jetzt kaum mehr denn ich hab mich in letzter Zeit des Öfteren mit der Geschichte von Jesus auseinandergesetzt und kam deshalb zur Erkenntnis daß Jesus selbst, so eine Kirche nie wollte.
    Jesus ist für mich ein vollkommen erleuchteter Mensch gewesen denn an vielen Worten in der Bibel kann man das auch sehr deutlich erkennen, aber diese Worte wurden nur von ganz wenigen verstanden.
    Was an den ganzen Geschichten die geschrieben wurden wahr ist und was nicht, ist mir nicht mehr so wichtig.
    Das einzige Nicole was uns Menschen wichtig sein sollte ist den Spuren Jesu nachzufolgen und das sind genau die Worte die du so schön geschrieben hast.

    Frohe Ostern liebe Nicole
    Paul

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    • Almuth

      Diese Gedanken zu Ostern sind mir zu Herzen gegangen, auch die Kommentare danach. Mir ist wieder bewusst geworden , wie verschieden wir Menschen sind, jeder schillert in seiner eigenen Farbe wie in einem Regenbogen und wir sind alle dieser Regenbogen( und manche Farben treten hervor, sind stärker, leuchtender als andere).Was Du in dem einen Abschnitt mit “unpersönlich “meinst, bedeutet für mich, dass man einfach genießen kann , diese eine, einmalige Farbe zu sein….die sich verändern kann in der Intensität. …..das bedeutet für mich, auf meine inneren, leisen Stimmen zu hören, die mich zum Beispiel zu diesem Blog geführt haben 🙂 …ich habe auch das Bedürfnis zu fasten, nämlich, was die überflüssigen, beschwerenden Gedanken betrifft. Das werde ich jetzt angehen. …In herzlicher Verbundenheit, Almuth

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  3. Katrin Heinen

    Vielen Dank für diesen schönen Artikel, Nicole. Ich mag deinen Blick sehr – und habe jetzt spontan beschlossen, morgen auch zu fasten 🙂

    Ganz früh auf einen alten, wenig besuchten Friedhof, den ich gestern beim mich-treiben-lassen entdeckt habe, zu fahren und den Tag dort zwischen all den wilden Pflanzen und Kräutern, alten Bäumen und Grabmalen zu verbringen und abends dann zum Osterfeuer ans Wasser zu fahren … Darauf freue ich mich!

    Frohe Ostern, liebe Nicole!

    Herzlich,
    Katrin

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