Die Frühlingsblüten am Baum wissen nichts von der Liebe und doch sind sie ihr
tiefer Ausdruck.

Geh mal ganz nah heran und sieh, wie sorgsam gefaltet ein Blatt aus der Knospe ragt. Es ist vollkommen. Der Lebensimpuls drängt es hinaus in die helle Sichtbarkeit. Es entfaltet sich selbst gemäß, seine Form. Es gibt nichts was diese Entfaltung stört. Die Sonne wärmt es, der Regen nährt es.

Es zeigt sich. Es verströmt sich. Einfach so. Es erwartet nichts und wartet auf nichts und gibt alles. So wie ich, so wie Du. Wenn wir uns lassen. Wenn wir darauf vertrauen ebenso vollkommen gefaltet zu sein, wie die Kirschblüte, wie das Kastanienblatt, als einmaliger Ausdruck schöpferischer Existenz, die uns versorgt, wenn wir uns nicht ängstlich dagegen stellen.

Wenn wir die Augen schließen und still werden, können wir das Wesen spüren, das in vielen ungeahnten Formen durch uns in die Sichtbarkeit will. Es fühlt sich etwas, es denkt sich etwas. Es findet in Dir statt. Sei ganz offen dafür.

Wie Wellen, die sich hier und da erheben, vom Wind bewegt und den unsichtbaren Gefällen unter Wasser. Leg diesen Bewegungen keine Fesseln an, fühle sie ganz. Gib ihnen Raum durch Deine stille Anwesenheit …

Das Leben legt seinen Geschöpfen keine Fesseln an. Es bewegt sie, es lenkt sie. Der Baum biegt sich im Sturmwind, die Wiesenblumen legen sich zu Boden unter Deinem Schritt und richten sich wieder auf. Wären sie hart, würden sie zerbrechen. Aber sie sind weich, zart und biegsam. Und deshalb stark.

Liebe entfaltet sich in Dir, ganz zart, ganz nah, ganz leicht. Es ist die Berührung des Lebens, die zu Dir spricht: Du bist gemeint. Ja, Du!

Du als dieses Wesen, das in dieser Welt sichtbar wurde. So einfach, so klar, wie eine Apfelblüte. Einfach aufgegangen. Aus dem Nichts als Etwas ins Leben gesprochen. Jetzt bist Du hier. Lebendig. Anwesend. Fühlend.

Wir sind die Liebe nicht gewöhnt. Deshalb misstrauen wir ihr und leben zurückgezogen in uns selbst. Vor uns selbst verborgen. Wie Schnecken, die den ewigen Winter fürchten und die eingerollten Fühler in Sicherheit lassen. Sie werden nie die Sonne sehen.

Angst kennt keine Liebe. Liebe ist weit und frei und tief und nah. Sie tanzt und bewegt sich wie sie will. Angst ist eng, klein und auf die kleinste Möglichkeit begrenzt. Angst ist gut. Sie beschützt uns, sie lässt uns klar, direkt und zweifellos handeln. Wenn Existenz bedroht ist.

Angst ist ein guter Begleiter, der allzeit bereit von selbst hervorspringt wenn er gebraucht wird. Die Katze ist immer sprungbereit.

Doch dieser unsichtbare Begleiter verhindert die Liebe, wenn er sich nicht mehr auf seinen Platz zurückzieht.

Er verschließt alle Türen und Tore, die Fenster und Schlösser. Nichts und Niemand dringt herein. Hier kann nichts geschehen. Alles ist gut und sicher. Und leblos dazu. Hier kommt weder Schmerz noch Freude zu sich. Alles ist verriegelt. Angst lässt Dich erstarren. Innerlich und äußerlich.

Angst will immer, dass Du alles weißt. Du bemühst Dich zu wissen wo es langgeht, was die Dinge bedeuten und was als nächstes geschehen soll. Hier wirst Du zur bewegten Hülle, die unsicher ihre pergamentene Haut retten will. Keine Vollheit, kein Herzschlag, kein Leben in Dir, das aus sich selbst heraus weiß, was geschieht.

Du kannst diesen angstvollen Begleiter beruhigen. Indem Du tief in Dich hineinsinkst, bis zu Deinem Ursprung als Blüte, als Blatt, als „In die Welt Geworfenes“.

Das Blatt am Baum „kennt“ seine Wurzel. Und Du kennst auch Deine. Es ist das Leben selbst. Hervorgegangen aus der tiefsten Innerlichkeit der Liebe. So in sich selbst versunken, dass sie kein Ende ihrer Tiefe kennt.

Und daraus bist Du hervorgegangen. Von da heraus drängst Du in die Blüte Deiner selbst. Vertraue der Liebe, die Dir Ursprung und Heimat ist. Lass alles los, was angstvoll hält, was nicht zu halten ist. Der Fluss des Lebens reißt es mit sich fort.

Wir sind vollkommene Anfänger der Liebe. Der Liebe, die nichts kennt, als sich selbst in unsagbarer Mannigfaltigkeit. Es wird Zeit, dass die Angst der Liebe weicht. Lass Dich von Dir selbst berühren.

Ganz tief, ganz echt, ganz hier. Dort, wo Du hinblickst kommt alles in die Blüte. Sowohl die Angst, als auch die Liebe. Nähre die tiefe Zartheit in Dir, indem Du sie beschützt durch Deinen liebenden und lassenden Blick auf Dich selbst. Greife nicht mehr angstvoll in Dich ein. Nur hieraus erwächst die Kraft Deines Lebens, das in seinen Ausdruck drängt.

In Verbundenheit, Nicole

 

 

 

10 Kommentare

  1. Monika Slavic

    Wunderschön Nicole, passt gerade.
    Herzlichen Dank Licht und Liebe
    Monika Maria

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    • Nicole Paskow

      Das ist gut, dass es gerade passt, Monika! 🙂

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  2. Nina

    Deine Worte haben etwas in mir tief berührt, danke Nicole. Liebe Grüße, Nina K.

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    • Nicole Paskow

      Das freut mich sehr, Nina!

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  3. Donau Annegret

    Wunderschön, vielen Dank, ist sind so schöne Worte, die ich weiß, jedoch durch das Lesen anders ins Bewusstsein kommt. Danke!
    Annegret

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    • Nicole Paskow

      Danke Dir sehr, Annegret!

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  4. Susanne von Wedel- Cilio

    Liebe Nicole
    Deine Texte sind einfach immer wieder unendlich klar, poetisch, zart, kraftvoll, berührend🙏
    Danke so sehr👼

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    • Nicole Paskow

      Liebe Susanne, ich danke Dir für Dein Feedback! 🙂

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  5. Bernd Bienentreu

    Liebe Nicole,
    Deine Worte sind wie Musik… ein Tanz.. eng umschlungen, verzückt, zu den Klängen des Sternenlichts…
    Danke für Deine Liebe,
    Bernd

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  6. Anna unterweger

    ♥ lichen Dank fůr dich Nicole.. Anna

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