Noch bevor wir zu einem Ich-Empfinden werden, haben bereits die in uns gepflanzten Prägungen zu keimen begonnen. Die Befindlichkeiten, Ängste, Einstellungen und Wertigkeiten unseres Umfeldes gehen direkt in uns über. Das ist einerseits ein wichtiger Prozess, der uns zur Orientierung dient, doch andererseits ist es ein Verhinderungsprozess, der uns in einem angenommenen Denk- und Empfindungssystem gefangen hält.

Dieses System aus übernommenen Überzeugungen, Erfahrungen, Bedeutungen und Meinungen formt unser Erleben. Es ist normalerweise so mächtig, dass wir es felsenfest für uns selbst halten. Wir kommen zumeist nicht mal auf die Idee, dass es auch anders sein könnte, als wir es erfahren. Bereits im Mutterleib sind wir an das Denk- und Empfindungssystem der Mutter angeschlossen, die wiederum auf ihre Prägungen reagiert.

Es ist ein geschlossener Kreislauf.

Doch wir sind nicht hier, um eine ständige Rekapitulation vorerfahrener Denkstrukturen und Handlungsweisen darzustellen. Wir sind hier, um das Leben, das durch uns selbst fließt, zu entdecken. Denn das echte Leben wiederholt sich nie. Es ist so voll und so reich, dass es sich restlos in immer neuen Varianten verschenkt. Das könnte uns langsam klar werden.

Dir selbst die Bedeutung geben

Erst, wenn wir das wirklich verstanden haben, haben wir die Möglichkeit diese Entdeckungsreise zu beginnen. Erst dann geben wir uns selbst die Bedeutung, die nötig ist, um in die Energie zu finden, die es erfordert, diese Reise anzutreten und auch auf dem (unserem) Weg zu bleiben.

Es gibt viele esoterische und spirituelle Systeme, die uns trotz gegenteiliger Intention in der Trance gefangen halten. Sie zieht sich nur ein anderes Kleid an. Hier wird der völlig desintegrierte Mensch in eine Levitation gesprochen, die ihn weiter von sich selbst entfernt, als er schauen kann.

Was wir erfahren, ist Dualität. Wir können ihr nicht entrinnen. Auf der tiefsten Ebene bestehen wir aus zwei Informationen: Hier und nicht hier. An und Aus. Sein und Nicht sein. Diese zwei Zustände, die in unzähligen Variationen auftreten, machen unser Erleben als diesen Weltempfang erfahrbar.

Auf den oberflächlicheren Ebenen wissen wir, dass ohne Schmerz keine Freude möglich ist, dass ohne Hässlichkeit keine Schönheit sichtbar wird. Wir wissen, dass ein Mensch nicht nur angenehme Seiten hat, und doch wollen wir immer wieder nur eine Seite des Lebens sichtbar halten. Die andere spalten wir kollektiv vor uns selbst ab.

Alles ist wahr und nicht wahr

Wir wollen in den heiteren Himmel, aber den dunklen Keller wollen wir nicht betreten. Der ist – „spirituell“ gesehen – „nicht wahr“. Praktisch gesehen ist es dort einfach sehr unangenehm. In Wirklichkeit ist alles wahr und nicht wahr. Und an diesem Punkt kommt noch etwas Drittes ins Spiel: Bewusstsein.

Bewusstsein ist, worin sich Dualität abspielt. Hier öffnet sich direkt die Bühne für die Heilige Dreifaltigkeit: Ich bin Tag, ich bin Nacht und ich bin der unbewegte Raum, in dem Tage und Nächte stattfinden.

Ich bin das Bewusstsein, in dem sich meine Gedanken und Gefühle abspielen. Ich als Bewusstsein kann all das sehen, was mich so bedrängt. Ich kann es direkt erleben und sehen, wie es sich zusammensetzt. Ich bin die neutrale Partei in mir, die den Himmel und die Hölle meiner Gedanken und Gefühle durch deren Wahrnehmung beherbergt. Wahrnehmung ist immer leer von Meinung. Nur reine Wahrnehmung kann Etwas so betrachten, wie es ist, ohne es durch eine vor-gestellte Idee zu verzerren.

Dieses Bewusstsein ist in jedem Menschen angelegt. Ganz natürlich. Doch er ist sich selten dessen bewusst. Normalerweise sind wir zu sehr gefangen in unseren Gedanken und Gefühlen und können nicht „sehen“, wie es immer wieder zu den gleichen Gedanken und Gefühlen kommt. Wir denken und wir fühlen, wir leiden und beschuldigen die Umstände, die Anderen, die Welt, und das wars. Wir können nicht raus aus der „Box“.

Du erlebst Deine Gedanken

Raus aus der Box heißt sehen lernen, raus aus der Box heißt denken lernen. Es heißt zu erkennen, dass ich nicht nur meine Gedanken und Gefühle bin, sondern Gefühle die Reaktion auf meine Gedanken sind. Der Ursprung meines Erlebens liegt demnach in meiner Art die Welt zu sehen, die sich wiederum in meinen (den dazu passenden) Gedanken spiegelt.

Wenn ich nun zusätzlich erkennen kann, wer diese Gedanken und Gefühle „sieht“ und erlebt, dann treffe ich zum ersten Mal auf jene ominöse Instanz, die den Namen Bewusstsein trägt. Und die Perspektive kann sich in mir verschieben.

Bewusstsein ist etwas Heiliges. Heiles. Weil es die Anwesenheit der totalen Offenheit bedeutet. Totale Offenheit bedeutet nichts anderes als Liebe. Nicht jene falsche und kitschige „Wir sind ja alle Eins und müssen so tun als hätten wir uns alle lieb“-Liebe. Das ist Teil der totalen Trance und fördert lediglich die Trennung.

Nein. Im reinen Raum ist alles willkommen. Und das ist völlig normal und unemotional. Wenngleich von absolut positiver Qualität. So positiv, dass diese Qualität kein Gegenteil kennt.
Und dieser reine, offene Raum ist auch in mir – als ICH. Das ist das Heilsein, aus dem wir kommen. Das ist die Einheit, das Ganze, das Ungeteilte. Ist es einmal in einem Menschen erwacht, ruft es ihn immer weiter zu sich. Die Liebe will sich. Unbedingt.

Dich direkt fühlen

Und hier beginnt das Problem. Wir wissen nicht, wie wir es in uns erkennen, weil wir es nicht fühlen. Wir fühlen alles andere als Offenheit, Positivität, Klarheit und Freude. Wir fühlen Enge, Verachtung, Angst, Kleinheit, Abgrenzung und Schmerz. Aber das nehmen wir viel zu wenig wahr. Weil wir so überlagert sind mit Vorstellungen davon, wie wir sein sollten: Positiv, glücklich, offen, interessiert, gesund, froh und stark und irgendwie über Allem stehend.

Wir sind von dieser Vorstellung überlagert. Und werden absolut unberührbar. Deshalb können wir uns nicht fühlen, weil wir nicht offen genug für uns selbst sind. Wir sind für uns selbst verschlossen, solange wir uns nicht so nehmen, wie wir sind.

Der direkteste Weg zu mir selbst führt durch mich selbst. Um reines Bewusstsein als jenen liebenden Raum ungeteilten Seins in mir selbst zu realisieren, muss ich offen, liebend und ungeteilt bereit für mich werden, so, wie ich jetzt bin. Spätestens hier ist Schluss mit jedem Verbesserungsgedanken. Ich muss erkennen, dass alles, wirklich alles, was mich davon abhält, nicht wahr ist. Das zu glauben, muss ich mich trauen. Es bedeutet ganz klar in mir zu sein, gut unterscheiden zu können, worauf ich reagiere und wohin es mich wirklich zieht.

Es zieht sich selbst zu sich

Ein erwachtes Bewusstsein zieht sich immer tiefer ins Erwachen. Und damit zu sich selbst. Hier geht es nicht darum andere Menschen zu lieben. Das ist falschherum gedacht. Du bist der Geburtskanal für die Realisation von Bewusstsein in Dir. Du musst aktiv und bewusst durch die Verzerrung Deines eigenen Selbsthasses fühlen, um in die Selbstliebe zu fallen.

Von dort aus siehst Du nur noch das in Dir selbst und im Menschen, was Du in Dir realisiert hast. Du siehst Dich ganz, Du siehst ihn heil. Weil Du selbst als realisiertes Bewusstsein es bist, der sieht. Offene Weite. Stiller Raum. Heilsein. Kein Druck. Keine Enge. Nichts zu „tun“.

Dafür heißt es manchmal eben auch in den Keller zu gehen und mit Dreck zu werfen. Das hat allerdings nur dann Sinn, wenn Du, als Bewusstsein, wirklich dabei bist. Denn dann kannst Du „sehen“ was Du tust und worauf Du reagierst. Hier geschieht Lernen.

Es bringt nichts, den Keller zu ignorieren und mit angezogener Handbremse die Dämonen hinter Dir in Schach halten zu wollen. Sie müssen raus, wenn sie wirklich gehen sollen. Der Keller muss leer sein. Und sich auch nicht wieder anfüllen. Das schafft er aber erst, wenn kein Füllmaterial mehr sichtbar ist. Wenn ich also wirklich nichts mehr von mir – vor allem vor mir – zurückhalte.

Es ist die Zurückhaltung, die oft nicht sichtbar ist, die sich aber dennoch bemerkbar macht. In jedem Zweifel in mir. Und dieser Zweifel wird mir im Außen begegnen, bis ich ihn durchschaut habe. Jedes unwohle Gefühl, das ich in mir übersehe oder übergehe, ist ein weiterer Dämon in meinem Keller…

Wir halten normalerweise unsere Gefühle zurück. Sie müssen uns aber auffallen, damit wir sie hergeben können.

Bereit für den Keller

Erst, wenn ich wirklich für mich selbst bereit bin, werde ich bereit, alle meine dunklen Gefühle zu sehen, weil ich keine Angst mehr davor habe sie zu fühlen. Ich muss sie in Wirklichkeit so lange fühlen, bis sie in mir nicht mehr abgelehnt werden.

Sie vorschnell wegen ihrer erkannten Substanzlosigkeit aus dem Raum reflektieren zu wollen, ist wiederum ein fieser Trick der alten Prägungen, die sich einfach abspielen wollen. Es funktioniert nicht. Wir kommen nicht an uns vorbei.

Vorschnell bin ich immer dann, wenn ich die Gefühle zwar mitbekomme, aber nicht wahrhaben will. Je anwesender ich also während einer Wutattacke oder einer Traurigkeitsflut bin, um so tiefer kann ich die Information, die für mich in diesen Gefühlen liegt, erfassen. Je bereitwilliger ich ihnen bewusst folge, um so deutlicher erfahre ich die Information, die mich zu MIR führt. In jedem Gefühl liegt ein Hinweis auf mich.

Erwachen ist, wenn Bewusstsein sich im Einzelnen selbst begegnet. Damit wird ein Reinigungsprozess in Gang gebracht, der in der Lage ist so viel Licht in unsere inneren Verdichtungen zu bringen, dass sie sich darin erlösen. Bewusstsein ist unendliche Offenheit, und endlose Offenheit ist Liebe. Es ist somit nichts als die Liebe, die sich durch uns selbst durchbrennt.

 In Verbundenheit, Nicole

26 Kommentare

  1. Martin

    liebe Nicole, ich danke dir für diesen wunderbaren Beitrag, in einem Moment von starkem geist schaue ich meinen Mustern entsprechend in mein Postfach und klicke intuitiv lese und lasse mich von deinen Worten in mein Bewusstsein führen und dieses erkennen…für diesen Moment……ich danke dir von Herzen für deine Wunderbare arbeit und Inspiration
    liebe grüße Martin

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    • Nicole Paskow

      Vielen Dank, Martin 🙂

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      • Ute Strauß

        Liebe Nicole, was Du schreibst ist für mich reine Essenz und berührt mich sehr tief, zart und auch hart. Und das darf so sein. Ich danke Dir sehr.
        Von Herzen Ute

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        • Nicole Paskow

          Liebe Ute, zwei sehr fruchtbare Pole: zart und hart. Harte Erkenntnis kann zu zarter Selbstberührung führen.
          Und tiefer Nähe. Herzlich, Nicole

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  2. Isa Becker

    Liebe Nicole, Danke 🙏 so viel Wahrheit und Klarheit! Danke 🙏
    Liebe Grüße Isa

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    • Nicole Paskow

      Wahrheit und Klarheit … ja, die beiden kennen sich sehr gut 😉 Herzliche Grüße, Nicole

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  3. Sibylle

    liebe Nicole, danke für diesen Beitrag. Er ist der i-Punkt auf das was ich die letzte Stunde erleben durfte. Es ging mir wie Martin, auch ich wurde zu deinem Betrag geführt. Von Herzen alles Liebe und mach weiter so!
    liebe Grüße
    Sibylle

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    • Gabi lachmann

      Liebe Nicole, ich lese alle Deine Artikel gern, aber dieser toppt alles! Ich werde ihn vielen Menschen schicken.

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    • Godula

      Wow, das fühlt sich so klar, tief und unprätentiös , geerdet und dadurch sehr hilfreich an. Herzlichen Dank!
      Godula

      Antworten
      • Nicole Paskow

        Jetzt weiß ich, wie Du u.a. bist, liebe Godula: klar, tief, unprätentiös und geerdet. Hier treffen wir uns. Wie schön!
        Herzlich, Nicole

        Antworten
  4. Lis

    Wow, was für ein schöner und tiefgehender Text. So klar und auf den Punkt ist das sehr berührend. Vielen Dank!!!
    Lieben Gruß Lis

    Antworten
  5. Roswitha Hanewinckel

    Liebe Nicole,
    jedes deiner Worte trifft mitten hinein:
    einmal ins Herz, wo sie wie Balsam wirken und so richtig gut tun und einmal in die schmerzenden, offenen Wunden, wo sie richtig weh tun!
    Tief durchatmen! Alles darf sein! Alles darf gespürt und willkommen geheißen werden!
    Was immer es auch ist! Dann kann Heilung geschehen – und der Urgrund lächelt.
    Lass dich umarmen für diese in liebevoller Klarheit geschriebenen Zeilen!
    Innige Herzensgrüße
    Roswitha

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    • Nicole Paskow

      Liebe Roswitha, wenn Deine Schönheit einmal wirklich zu Dir durchdringen dürfte, würden Dir Deine Wunden
      wie traurige Schmetterlinge erscheinen, die Dich einfach wachküssen wollten …
      In Liebe, Nicole

      Antworten
  6. bernd

    Liebe Nicole,
    diese Texte sind so wundervoll und tragen mich immer wieder zu mir selbst zurück.
    Danke, Danke

    Alles Liebe,
    Bernd

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Wie schön, Bernd, dass Du Dich immer wieder zu Dir selbst entführen lässt 🙂 LG Nicole

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  7. Michelle Beuggert

    Vielen lieben Dank liebe Nicole! Ich erkenne mich in deinen Worten! So schön und dankbar!💗💗💗🙏

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Wie schön, Michelle! Dann hat es sich schon gelohnt! 🙂

      Antworten
  8. Mathilde

    Nicole,
    das ist eine Botschaft durch dich an uns –
    deutlich! wahr! klar! sooo verständlich !
    mehr geht nicht ! auf den Punkt gebracht.
    Werde sie weiterleiten an meine Qigong
    Freunde.
    Daanke , ganz herzlich
    Mathilde

    Antworten
  9. Paul

    Hallo Nicole
    Ich staune und staune über dich, man spürt die totale Offenheit und Wahrheit.
    Du hast eine einzigartige Gabe alles in vollkommener Einfachheit auszudrücken und das ist sehr wertvoll, für Dich und die Menschen.
    Weiter so.
    Alles alles Liebe

    Antworten
  10. Monika Slavic

    Nicole, herzlichen Dank für die Höhen und Tiefen, Stein und Watte, welche sich jetzt immer mehr bei und in mir finden durch deinen wunderbaren Beitrag.
    Beste Grüsse Licht und Liebe
    Monika Maria

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Danke, liebe Monika. Stein und Watte … 🙂 Sehr schön!

      Antworten
  11. Petra Gamper

    Danke, liebe sprachtanzende Nicole, deine Zeilen und das was dazwischen steht, berühren mich und heilen mich…ich werde sie wohl noch einige Male lesen.
    Petra

    Antworten
    • Kerstin

      Liebe Nicole,
      ein Ja oder nein auf meine Frage wäre wirklich fade gewesen im Vergleich zu dieser lebendigen Antwort, die das Bewusstsein sich selbst gegeben hat und hier für alle Interessierte zur Verfügung stellt. Deine Worte sind durchzogen von einem unbedingten JA zu allem, was ist. Das fühlt sich sehr kraftvoll, authentisch und erwacht an.
      Danke
      Herzlichst Kerstin

      Antworten
      • Nicole Paskow

        Vielen Dank für Deine schöne Antwort Kerstin! 🙂 Herzliche Grüße an Dich, Nicole

        Antworten
    • Nicole Paskow

      Liebe Petra, wie schön! Ja, es ist gut, den Dingen Zeit zu geben, sie wirken zu lassen.
      Wir können nicht alles sofort erfassen. Neue Dimensionen erschließen sich durch permanente Beschäftigung
      damit. Alles, was (immer wieder) Energie bekommt, erblüht. Auch Erkenntnis auch Heilung …

      Antworten
  12. Patricia Klara

    Vielen herzlichen Dank liebe Nicole für deine wunderbaren tiefgreifenden Texte, die mich sehr berühren. Du fasst es so wundervoll in Worte, wie ich es auch fühle, erlebe und wahrnehme. DANKE!

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