„Das wahre Zeichen von Intelligenz ist nicht das Wissen, sondern die Vorstellungskraft.“
Albert Einstein

Ich will Dich entführen. In die Sphären Deiner Vorstellungskraft. Wir halten sie normalerweise für weniger wertig und real als die sichtbare Welt, und doch können wir nur durch sie erfahren, dass alles Sichtbare auf dem Unsichtbaren basiert. Das Eine bedingt das Andere. Das können wir allein durch diesen Blick in unser Inneres erfahren. Dort, wo die Bilder auftauchen, die Ideen, die Vorstellungen und Visionen. Es sind die leichtesten, die luftigsten Manifestierungen, die es gibt.

Es ist eine rein geistige Welt, die gleichwertig zur verkörperten Welt existiert. Wenn Du ihr Deine Aufmerksamkeit schenkst und damit den Raum, der sie für Dich erst sichtbar macht …

Treten wir also mit einem unerschrockenen Geist in den ewigen Anfang ein. Stell Dir vor: Nichts. Abwesenheit von Allem. Nichtexistenz. Niemand der sieht. Kein Empfänger. Rein gar nichts. Das können wir uns nicht vorstellen. Weil darin keine Vorstellung von sich selbst existiert, und doch ist es vorhanden.

Als reine Möglichkeit. Wir können es nur vage erahnen, weil es uns immanent ist. Und ebenso werden wir es niemals erahnen. Diese Abwesenheit ist Teil von uns als Anwesenheit. Eine unendliche Umarmung. Null und Eins. Yin und Yang.

Ins Nichts hinein bricht Raum

In dieses Nichts hinein bricht plötzlich Raum. In Wahrheit aber gibt es diesen „Anfang“ nicht. Und doch: Urknall. Bersten. Ausdehnung. Im Nichts erscheint nun Etwas. Unendlicher Raum und damit Zeit. Ohne Raum keine Zeit. Deshalb sprechen Astronomen von Raumzeit.
Weil es dasselbe ist.

Die Zeit wird als Raum geboren. In ein Feld der reinen Möglichkeit. So wie Du.

Lassen wir uns nun vom Großen ins Kleine Fallen: In Dich hinein als kleiner Urknall, der als Raum zur Welt gebracht wird. Augen öffnen sich. Ohren spitzen sich, Fingerchen tasten, Haut fühlt, Nase riecht, Zunge schmeckt. Du bist als verkörperter Raum in Erscheinung getreten, in den nun Information einwirken kann.

Die Welt findet in Dir zu sich.

Und nun erinnere Dich: Wie lang waren Deine Sommerferien? Sechs Wochen waren für mich wie Jahre. Ein Tag zog sich wie Wochen … Als Kind haben wir scheinbar unendlich viel Zeit und erleben in dieser Zeit unendlich viel. Wann ändert sich das? Mit zwanzig? Mit dreißig? Irgendwann vergeht die Zeit so schnell, dass es uns auffällt. Wir bemerken das Vergehen der Zeit, doch ohne die Erlebnisfülle der Kindheit. Die Zeit vergeht und wir haben oft den Eindruck, nichts mehr „richtig“ zu erleben.

Gehen wir nochmal zurück in die Kindheit. Eine Information nach der anderen findet zu uns. Wir sind ein offener Raum, in den alles einfließen kann, was uns unmittelbar umgibt und betrifft. Wir saugen alles mit den Sinnen auf, was sich uns bietet: Die bunte Rassel, die Süße der Erdbeere, den Duft der Mutter, die leise Melodie, den Lufthauch auf unserer Haut …
In diesem Wahrnehmungsprozess sind wir vollständig anwesend.

Ich ist eine Verdichtung aus Informationen

Dann formiert sich diese Information zu einem scheinbaren Zentrum, sie verdichtet sich. Dieses Zentrum nennt sich „Ich“. Ich ist eine Verdichtung aus vielen Informationen, die im Rechenzentrum meiner Verkörperung als Raumzeit, zusammenfließen.

Ich könnte auch einfach sagen: Der Raum in mir füllt sich mit Information. Und diese Information erlebe ich irgendwann als „mich“. Ein Kind ist ein offenes Gefäß, in das alles hineinfließen kann. Es spielt mit Informationen, wertet sie aus und legt sie als abrufbare Erfahrung ab. Es tut dies nicht. Es geschieht einfach. Wie eine Pflanze jede Information aus Licht, Wasser und Erde auswertet und als Baustein in sich aufnimmt. Wir wachsen durch Information.

Wir werden vor dem Hintergrund der reinen Möglichkeit zu Etwas.
So, wie eine Vase entsteht, die von den Händen des Töpfers nach und nach über ihre Form in Kenntnis gesetzt wird …

Wenn es beim reinen Auswerten der Information bliebe, wenn wir dabei still wären und die Dinge geschehen ließen (dem großen Töpfer vertrauen …), wenn wir zusehen würden als Raum, der sich als Inhalt vorbehaltlos betrachtet, hätten wir Zeit und wären um einiges glücklicher. (Nein … wir wären tatsächlich glücklich.)

Als Kind haben wir ein anderes Zeitempfinden, weil der Raum in uns noch nicht besetzt und vollgestellt ist von einem Ich, das sich durch angehäuftes Wissen verdichtet und den unendlichen Raum, der wir sind, verengt. Die Zeit vergeht umso schneller, je mehr Du zu wissen glaubst. Weil Du aufhörst zu betrachten. Du weißt alles. Dadurch kannst Du nichts mehr „sehen“. Du bist nicht mehr aufmerksam dabei, weil Du es ja kennst.

Bewusstsein schafft Zeit

Betrachten kann nur jemand, der nichts Endgültiges über das Etwas zu wissen glaubt, das er betrachtet. Betrachten kann nur jemand, der noch Raum ist. Ich ist Wissen. Raum ist Sein. Bewusstsein. Je größer, je freier der Raum ist, umso mehr Zeit ist vorhanden, weil Raum dasselbe ist wie Zeit. Je größer Dein Wissen um Dich selbst und die Welt der Dinge ist, umso mehr schrumpft der Bewusstseinsraum, der Du bist. Und die Zeit vergeht in Deinem Empfinden schnell. Du erinnerst Dich: Kein Raum bedeutet keine Zeit.

Du kannst es selbst erfahren. Setz Dich hin. Schließe die Augen, werde still. Ganz still. Du bist nur noch Deine Sinne. Du hörst, schmeckst, riechst, fühlst und siehst nach innen. Deine Aufmerksamkeit ist ganz hier bei Deinen Sinnen. Du nimmst einfach wahr, was Du jetzt an Information aufnimmst. Zum Beispiel: Es ist kühl, Vögel zwitschern, ein leichter Druck im Zwerchfell. Teegeschmack auf Deiner Zunge … Ohne Bewertung.

Alle Gedanken, die aufkommen, werden Dich aus dieser Betrachtung ziehen. Sie sind jenes „Wissen“, das Dich besetzt. Schaffst Du es ihnen nicht zu folgen und stattdessen hier zu bleiben, bei den reinen Informationen, die über Deine Sinne erfahrbar werden, dann sieh mal wie lang Dir nur 10 Minuten vorkommen … Und wie viel Du erlebst! Jetzt hast Du Dich als Raum erfahren, in dem Gedanken und Empfindungen stattfinden, anstatt Dich in Gedanken und Empfindungen zu „verlieren“. Du bist hier.
Freie Anwesenheit. Zeitlos und lebendig.

Nimm eine Blume von der Wiese! Ein einfaches Gänseblümchen. Betrachte es. Ganz still. Betrachte es umfassend! Sieh jede Einzelheit, jedes Blättchen an. Geh ganz nah heran. Kinder malen den Stempel immer als ein Ganzes. Ein gelber Punkt. Aber das stimmt nicht. Es ist kein Punkt. Der gelbe Stempel besteht aus unzähligen kleinen Einzelstämmchen mit kleinen gelben Puscheln drauf. Je stiller Du wirst, je offener Du hinsiehst, je näher Du kommst, desto deutlicher wird die Fülle, Tiefe und Wesenhaftigkeit aller Dinge, die Du betrachtest. Sie bekommen Raum in Dir und Du kannst sie plötzlich sehen.

Wenn Du nah herankommst, kommt das Leben nah zu Dir. Dann siehst Du das Wunder in einer kleinen Blume. Vollkommenheit. Und dieses Wunder bist auch Du. Das kannst Du erfahren. Wenn Du Dir Raum gibst, Dich vorbehaltlos zu betrachten. Dann kann Dir Deine Schönheit, Einzigartigkeit und Originalität auffallen, und Deine Zeit, die sich ausdehnt, erfüllt sich mit tiefer Nähe und stiller Freude.

 

In Verbundenheit, Nicole

 

8 Kommentare

  1. Valentina

    Liebe Nicole,
    mir geht es seit einiger Zeit schon so, dass sich mein Zeitgefühl verändert … ich kann im Nachhinein Chronologien nicht mehr gut wiedergeben und es passiert oft Zusammenziehen und Ausdehnen gleichzeitig. Neulich war ich krank in einem neuen Umfeld mit zeitlich strukturiertem Angebot … ich hatte nach jeder „Tageseinheit“ (Morgenkreis – Vormittag – Nachmittag – Abendkreis) das Gefühl, es sei schon ein hanzer Tag vergangen und wußte am Abend schon nicht mehr, ob etwas diesen Morgen oder den gesterigen Abend passiert ist … Das ist wirklich strange. Krankheit macht natürlich alles anstrengender, aber ich kenne das auch in Gesundheit. So gibt es ein Gefühl, dass die Zeit mir davonrennt und gleichzeitig, dass sie sich enorm ausdehnt ……………. Was bedeutet das aus deiner Sicht?
    Alles Liebe, Valentina

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    • Valentina

      vielleicht so: ich habe immer weniger ahnung, wer ich bin und was das hier soll … das öffnet den zeit-raum?? (das macht mich aber nicht glücklich :o/ )

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      • Nicole Paskow

        Fühlen. Dich (auf Dich) einlassen. Nicht über Dich nachdenken.
        Von innen heraus empfinden. Wahrnehmen. Immer freundlicher sein zu Dir.

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      • Almuth

        Wieder so ein inspirierender Text! !!
        Es geht immer nur um Eines(den Raum zu endecken ) und ist trotzdem so vielseitig. ….erstaunlich !
        Manchmal fühlt sich das Leben so schwer an, manchmal so leicht. …ein scheinbarer Widerspruch. So lange eben,wie ich darüber nachdenke. …wenn ich im Raum bleiben kann, erlebe ich die Abwechslung,es bleibt im Fluss. …und dazu ist NUR ! ) die Bereitschaft nötig, still zu werden….die Angst zu erkennen ,- zB wenn es sich gerade um eine Auseinandersetzung mit jemandem handelt, dass man in eine Opferrolle gedrängt wird -und nicht reagieren, sondern einfach da zu sein und zu erleben, was und wie der andere etwas sagt. …Große Herausforderung und große Chance! Mir ist das EINMAL gelungen,und es nahm eine übrwältigende Wendung und das hat mich überzeugt und zutiefst gefreut.Und dieses Stillwerden kann man üben, wie du es so schön beschreibst. Vielen Dank !!!!…..

        Antworten
    • Nicole Paskow

      Liebe Valentina, die Bedeutung kann sich Dir letztlich nur selbst erschließen.
      Krankheit ist ein weites Thema. Ja, sie kann unser Bewusstsein einschränken, besonders,
      wenn Schmerzen im Spiel sind. Dann geht es einzig darum „hinzusehen“. Dann geht es gerade nicht
      darum, „das Leben zu entdecken“. Wenn mir ein Hammer auf den Fuß fällt, dann tut es weh.
      Und ich kann mich nicht mehr auf den schönen Baum vor mir einlassen. Ich muss erst den Fuß
      versorgen… So sehe ich jede Krankheit. Der Körper informiert mich über eine Verdichtung,
      Blockade, etwas, das ich nicht ansehen will, etwas, das schief läuft in mir. Etwas, das
      ich ernst nehmen soll … Jetzt geht es darum für Dich selbst herauszufinden,
      was sie Dir sagen will. Wo sollst Du hinsehen?

      Zerstreut sich Dein Verstand noch immer in Erklärungen von wenig relevanten Dingen, oder
      bist Du bereit wirklich hinzufühlen und hinzusehen, was mit Dir los ist? Ist es wichtig für Dich zeitliche Chronologien
      herstellen zu können? Und wenn ja, was sagt Dir die Unfähigkeit über Dich? Wo bist Du, während die Dinge um Dich
      herum geschehen?

      Herzlich, Nicole

      Antworten
  2. Eva

    ich danke dir liebe nicole!!! bin ganz begeistert von deiner sicht die „zeit“ betreffend. damit erklärt sich warum ältere menschen (so auch ich) das grfühl haben, die zeit vergeht rasend schnell. nun gut, ich weiss jetzt was ich zu tun habe:)….
    danke dir vom ganzen herzen für diese erkenntnis.
    eva

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  3. Tania

    Liebe Nicole, danke fūr dein Schreiben ūber Raum & Zeit. Ich kann das auch so wahrnehmen. Wenn ich zurūck blicke, als Kind ausserhalb der Schule ohne Erwachsene wenn ich Draussen spielte gab es fūr mich eine Unendlichkeit und Weite von Zeit und Raum. Da war ich im Entdecken und Schōpfen. Das fūhlt sich heute noch Reichvoll an, vielleicht weil die Verbundenheit mit der Natur so stark mitspielte. Jedenfalls sagt heute meine Tochter mit 18., dass die Zeit rasant lāuft. Und ja, wir sind voll mit Informationen (Wissen). Still werden, fūhlen und geniessen das kann ich leichter in der Natur, wenn ich unter einem Baum sitze. Dann spielt Zeit oft keine Rolle mehr. Danke fūr‘s Erinnern liebe Nicole:-) Tania

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  4. Sabine

    Liebe Nicole, das ist für mich ein echter AHA-Moment. Wie absolut recht Du hast mit Deinem Hinweis, wie lang 10 Minuten sein können, wenn man versucht, sich nicht von seinen Gedanken aus dem gegenwärtigen Moment ziehen zu lassen. In diesen 10 Minuten hat eine ganze Ewigkeit Platz. 🙂 Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet haben wir definitiv alle Zeit der Welt. Schön!! Ich sende Dir meine zeitlose Dankbarkeit. Sabine

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