Wenn man sich irgendwann in seinem Leben angezogen fühlt von jenem inneren Ruf, der Menschen zur spirituellen Suche aufbrechen lässt, begegnet man vielen Lehrern und Lehren. Diese Lehrer und Lehren versuchen, stets auf ihre Art, zu vermitteln, was es bedeutet zu finden, was man sucht: sich selbst.

Ein normaler Mensch leidet immer wieder an sich selbst, und spirituelle Lehrer betonen, dass dieses Selbst, worunter man leiden kann, nicht das Selbst ist, worum es geht. Das Ich, unter dem wir leiden, sei nicht wahr, illusionär und damit die eigentliche Ursache des sich ständig wiederholenden Leids.

Der „Ich“-denkende Geist in uns ist tatsächlich illusionär, weil wir in Wirklichkeit keine feste Größe sind, kein statischer Zustand. „In Wirklichkeit“ bedeutet hier, es ist erfahrbar. Du kannst selbst erfahren, dass Du ein frei schwingendes Feld bist, in dem Zustände auftauchen und wieder abtauchen, wenn Du Dich zutiefst auf Dich selbst einlässt. Dann erlebst Du diese Wirklichkeit und musst nichts mehr glauben.

Bist Du ein substanzloser Gedanke?

Das erfordert allerdings auch, jenes illusionäre Ich zu Dir zu nehmen, als wäre es vollständig gültig. Denn es ist ebenso gültig, wie es ungültig ist. Und wenn wir tief in das Leben eintauchen und lernen es von einem stillen Ort aus zu betrachten, begegnen uns diese heiligen Paradoxien auf Schritt und Tritt.

Ob Du ein substanzloser Gedanke bist oder nicht, spielt in einem Punkt keine Rolle: Du musst erleben, was es bedeutet, dieser Gedanke zu sein. Du entkommst Dir in diesem Leben nicht. Egal, wie sehr Du Dich bemühen magst Dich loszuwerden. Du musst dieses Leben als Du selbst erleben.

In anderen Punkten spielt es eine große Rolle, ob Du die Substanzlosigkeit eines „festen“ Ichs erkennst oder nicht.

Das als mich selbst empfundene Ich, das ich so gut kenne, weil es mich schon mein Leben lang begleitet, ist die Ursache meines Leidens, weil es mich auf die immer gleiche Art und Weise sehen, denken, fühlen und handeln lässt. Es ist nichts als eine Verdichtung aus Meinungen und zwanghaft aufgerufenen Glaubensinhalten.

Willst Du wirklich sehen?

Es ist gut, Ich zu sein, weil es mich über meine Anwesenheit in Kenntnis setzt und damit erlebensfähig macht. Es ist nicht gut, wenn ich es als alleinige Referenz, das Leben zu betrachten und zu bewerten, anerkenne. Weil ich damit vollständig an dem vorbei gehe, was mir das Leben noch über sich verraten kann. Denn es zeigt sich nur demjenigen in seiner Tiefe und Fülle, der es wirklich sehen und erfahren will und damit bereit ist, von seinen Meinungen und Ansichten abzulassen.

Dem, der sehen will, begegnen Lehrer und Meister. Jene, die so intensiv geforscht haben, dass das Leben sie reich mit Erkenntnissen über sich selbst beschenkt. Menschen, die den Unterschied zwischen dem illusionären Selbst und dem wahrhaftigen Selbst problemlos ziehen können und in Vollkommenheit deren natürliche Verwobenheit inhaliert haben. Menschen, die in jener Stille verweilen und aus jener Stille sprechen und handeln, die alle Gegensätze durchdringt und umfängt.

Präsenz ist die Kraft

Diese Menschen werden mit Legenden umwoben, mit verklärter Begeisterung empfangen, zu ihren Füßen wird gekniet, gefragt, gebetet, gesungen und geweint.

Weil Präsenz etwas ist, das im Menschen sichtbar wird, wenn er zu sich kommt. Und nichts ist anziehender, kraftvoller und wird stärker ersehnt als reine Präsenz: Ein Mensch, der vollkommen anwesend ist, dort, wo er ist. Präsenz steht für die verkörperte Urkraft.

Es hört sich so einfach an. Und es ist im tiefsten Grunde, trotz seiner Komplexität, mehr als einfach. Doch der mehrheitliche, aktuelle Bewusstseinszustand, dem wir Menschen angehören, macht es uns fast unmöglich. Wir sind zu stark überlagert von unseren eingeschränkten Glaubenssystemen, die uns zwingen zu sehen und zu erleben, was wir glauben.

Wir sind zudem viel zu abgelenkt und zerstreut, um direkt wahrnehmen zu können. Wir können uns selbst fast nur aus einer verzerrten Sicht wahrnehmen, weil die menschlichen Spiegelungen von echter Präsenz noch zu rar sind.

Um direkt von der Natur zu lernen, was auch möglich ist, sind wir meist zu vollgestellt mit Beschriftungen, die wir auf alles Lebendige kleben und es damit für jede echte Erfahrung töten …

Schweigen statt Lärm

Wir machen viel emotionalen und intellektuellen Lärm, anstatt zur Ruhe zu kommen, zurückzutreten von den eingefleischten Ansichten und von dort aus zu sehen, was wirklich ist. Und was wirklich ist, kann ich nur als jenes Ich erfahren, das sich seiner Haltlosigkeit umfassend bewusst ist und sich aufgrund dieser umfassenden Bewusstheit restlos hingeben kann, an das, was ist. Dann findet es sich wieder in dem, was ist.

Und was ist – das kann eine Wolke sein, auf die meine Aufmerksamkeit fällt. Je ausschließlicher sie von meiner Betrachtung umhüllt wird, um so tiefer zieht sie mich in sich hinein. Ich gebe mich ihr vollkommen hin, so direkt, dass ich zu jener Wolke werden kann. Und später zu jenem wilden Wind, der die Wolken vor sich hertreibt …

Alles, was mir direkt erscheinen kann, – weil ich da bin, hier, anwesend, aufmerksam und nicht überlagert von Gedanken und Konzepten – enthüllt mir seine Information in der gleichen graduellen Stärke jener Aufmerksamkeit, die ich ihm zuteil werden lasse. Diese Form der Information entschlüsselt mir grundlegend die Fülle, die Tiefe und wesenhafte Schönheit des Betrachteten. Und inhaltlich entschlüsselt es sich mir darin als ich selbst.

Der Musiker wird zur Musik, der Poet zur Poesie …

Es geht um wesentliches Wissen

Hier und nur hier kann ich berührt werden. Und wesentliches Wissen erlangen. Hier, in der reinen Anwesenheit, kann ich einen Menschen wirklich sehen, und seine Bedeutung für mich zeigt sich von selbst, weil ich ihn lasse wie er ist, weil ich ihn leer betrachte, ohne ihn in mein Wertesystem einzuordnen.

Meinung, Urteil, Gewusstes … alle Benennung, alle Betitelung trennt mich von der tiefen Empfindungsmöglichkeit des Lebens, das pur und rein durch mich scheinen und sich erleben will, im Licht meines Bewusstseins.

Ich – in Form reiner Aufmerksamkeit – bin totale Anwesenheit, und totale Anwesenheit ist Bewusstsein. Stiller Raum, in dem sich mir alles zeigt. Als ich. Das ist die göttliche Verschmelzung, die Untrennbarkeit – Raum und Inhalt sind eins.

Vollkommene Aufmerksamkeit bedeutet jenes reine Sehen, das seinem abgrundtiefen Interesse folgt, zu sehen und zu erfahren, und zwar ohne Vorstellung davon, was es sehen und erfahren soll. Diesem Interesse fällt alles zum Opfer. Zu allererst – und zu allerletzt – das Interesse daran, an sich selbst als bekanntes Gedanken- und Gefühlsaufgebot festzuhalten. Weil ich sehen kann, dass hier die Grenze ist, die mich nicht sehen lässt.

Alles in Dir – Raum und Inhalt sind eins

Ich werde bereit, aufmerksam zu werden für mich als diese verdichtete Grenzstation, bereit aufmerksam hineinzufühlen, wie es immer wieder zu dieser Verdichtung kommt.
Wir glauben zu viel, anstatt alle Schleier des Wissens zu heben und uns grenzenlos und damit vorbehaltlos zu fühlen.

Wenn Du fühlst statt zu wissen, dann weißt Du nicht mehr, was Feuer sein soll. Du begegnest diesem Gefühl, wenn sich Deine Hand, ganz vorsichtig, der Hitze nähert. Du empfindest diese Begegnung Deiner Hand und der Hitze ganz direkt. Du fühlst, was Du fühlst, ohne Hand und Hitze dazu sagen oder denken zu müssen. Dann erfährst Du die Bedeutung allein durch diese Begegnung, die als Berührung in Dir zu sich findet. In dieser Berührung liegt alles, was Du wissen musst und Du erfährst es durch die Berührung.

Fühle auch Dich, ohne Dich zu benennen. Ohne Dich zu kennen. Du wirst Dir auf ganz neue und ungeahnte Weise begegnen. Hier erst kannst Du Dich berühren und erkennen.

Fühle Schmerz, ohne Schmerz, fühle Traurigkeit, ohne Traurigkeit, fühle Angst, ohne Angst. Und wisse durch diese Erfahrung.

Hier verglüht der Meister im Licht, weil das Licht in Dir erscheint. Die Verschmelzung ist gelungen. Die Illusionen sind durchschaut. Was bleibt ist Dein Leben. Und das ist Alles.

 

In Verbundenheit, Nicole

 

12 Kommentare

  1. Bernd Bienentreu

    Liebe Nicole,
    Danke für diesen inspirierenden Text. Deine Worte transportierten Wissen von der intellektuellen Ebene ohne Umwege in das Herz. Und dort werden die Worte zu gefühltem Wissen. Einer Wahrheit die kein Wissen braucht.
    Weiterhin ist es auch so spannend, dass dieses Sujet endlich auch von einer Frau
    Bedient wird. Nichts gegen die verstaubten und oft schon toten alten Männer, aber die Sicht- und Herangehensweise einer Frau die mitten im Leben steht ist für mich neu und bemerkenswert.
    Danke für deine Liebe,
    Bernd

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    • Nicole Paskow

      Hahaha, „verstaubte und tote alte Männer“! Ja, was denen zumeist fehlt,
      zumindest den Verstaubten, ist sich zu trauen, das Leben wirklich zu schmecken.
      Mit voller Lust hineinzubeißen! 🙂 Frauen fällt zuweilen diese Offenheit für das Erfühlen
      und damit zum Erfahren der Dinge, statt sie ausschließlich zu denken, etwas leichter.
      Scheint mir.

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  2. Sabine

    Liebe Nicole,

    danke für das Teilen dessen, was ich so tief in mir empfinde, dass das ICH sowohl gültig als auch ungültig ist und dass ich es zu mir nehmen darf, um wirklich zu sein.

    Viele sog. LehrerInnen fokussieren sich darauf, das ICH als Illusion zu erkennen, zu durchschauen und damit aufzulösen, doch fühlt sich das für mich nicht richtig an.

    Mit Deinen Gedanken dazu kann ich hingegen mitschwingen, dann das Halten des Paradoxen ist, was das Sein als etwas Lebendiges erfahrbar macht, so wie es Plus- und Minuspole braucht, damit Strom fließen kann. Danke!
    Sabine

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    • Nicole Paskow

      Erst wenn Du das Ich vollständig zu Dir nimmst, kannst Du es durchschauen.
      Du bist das Tor zu Deinem Selbst.
      Ich könnte auch sagen: Der Verstand ist das Tor zur Intelligenz.
      Obwohl Intelligenz allem zugrunde liegt, auch dem Verstand.
      Wieder so ein schönes Paradox! 🙂

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  3. Christine Geiler

    In der erfahrenen Neutralität, während der Hingabe, lösen sich die scheinbaren Widersprüche und die reine Präsenz erfährt sich.

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    • Nicole Paskow

      Ganz einfach gesagt: Neutralität ist die Abwesenheit von Widerstand gegen die Hingabe.
      Ich sage lieber Offenheit dazu, weil in Offenheit noch weniger „drin“ liegt. Die Haltung
      ist weniger „starr“, sie ist weicher, fließender, einladender.
      Sie ist der Hintergrund, vor dem die Hingabe stattfindet und Präsenz ist das vollständige
      Erleben dieser Hingabe an das, was ist. Du lässt die Angst, den Schmerz, den Zorn in Dir zu, ohne Dich davon
      überfluten zu lassen. Du bleibst darin anwesend, also präsent. Das ist die ganze Kunst.

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  4. Valentina

    WUN-DER-VOLL … ♥ … !!
    In deine Texte möchte ich mich manchmal einfach reinsetzen können, wie in eine blühende Wiese. Und riechen, sehen, hören, berühren …
    Präsenz … genau das Thema … erreicht mich genau diese Tage immer wieder … und es erreicht endlich tatsächlich etwas in mir, was sich gaaanz langsam dahin bewegt. Auf der Suche nach scheinbar ganz Anderem. Wie spannend.
    DANKE, Nicole, für dieses dein wunderbares Wirken.

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    • Nicole Paskow

      Suche ist pure Ablenkung. Dir selbst folgen. Immer hier. Da hineinspüren.
      Dich von hier aus führen lassen. Hmm. Wunderbar! Und ganz ein-fach. Im Sinne von
      nicht gespalten.
      🙂

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      • Valentina

        Ja, meistens ist suche Ablenkung und Angstkaschierung. Manchmal, oder ein Teil davon ist aber auch: ich merke, da stimmt was nicht … nur weiß ich nicht, wie ich das Stimmige finde/erreiche … es hat uns ja niemand beigebracht … Auch die Suche darf ihren Platz haben … bis sie dann irgendwann als überflüssig erkannt ist …

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        • Nicole Paskow

          Ja. Weil wir merken, dass etwas nicht stimmt, können wir das stimmige finden.
          „nur weiß ich nicht, wie ich das Stimmige finde …“ Indem Du nur noch Dich selbst fragst.
          Denn nur bei Dir ist es auffindbar. Und ja, um zu finden, müssen wir suchen. Und wenn wir
          gefunden haben, merken wir, dass die Suche uns vom Finden getrennt hat. Schon wieder paradox …
          🙂

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  5. StefanSelbst Schnepf

    nicht nur Wissen, Verstand und Intellekt, sondern das Fühlen macht´s ganz. Wer fühlt, spricht nicht, wer spricht fühlt nicht….

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    • Nicole Paskow

      Fühlend kann man erfahren, worüber sich danach sprechen lässt, um es
      (mit)zu teilen:-))

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