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by Radical Now - Nicole Paskow


Wenn ich den Bäumen zusehe, wie der Wind ihre Blätter in alle Richtungen zerrt, wenn die Wolken am Himmel ziehen und die Vögel im Flug scheinbar in die Tiefe stürzen,
erlebe ich Stille.

Die Stille, die jeder Szenerie zugrunde liegt. Dem größten Unwetter, gleichwie dem toten Gehölz, der Sommerwiese oder dem nimmermüden, lebendigen Dschungel –
hinter allem liegt Stille.

Stille ist Erfahrungsraum. Maximale Offenheit, die Bühne für alle Erscheinungen.
Sie ist die Leichtigkeit des Seins, weil sie an nichts festhält und alles lässt. Alles Natürliche ist in sich still. Es schweigt zu sich selbst und lässt sich in die volle Erfahrung ein.

Stell Dir vor: In Dir wird es still.

Was bedeutet das?

Keine Idee mehr davon, wer Du sein sollst. Stell Dir vor: Du darfst einfach sein.
So, wie Du jetzt bist.

Ohne Gestern, ohne Morgen. Ohne zu wissen, was als nächstes kommt. Ohne die Angst, die Dir gleich in den Sinn kommt, wenn Du das liest.

Du strengst Dich nicht mehr an

Du ruhst in Dir. In reiner Anwesenheit. Alles kommt von selbst zu Dir. Du mischst Dich nicht mehr ein. Du strengst Dich nicht mehr an. Du „tust“ nichts mehr. Du lässt Dich führen. Von Dir selbst als jene Anwesenheit, die jenseits des mentalen Lärms Deinen Hintergrund bildet.

Immer tiefer werde ich in sie hineingezogen. Es geht um die vollkommene Distanzlosigkeit zu mir selbst. Diese Distanzlosigkeit bedeutet absolute Intimität.
In dieser Intimität löst sich jeder Gedanke über mich auf. Ich lasse mich nicht mehr ent-zwei spalten – in die Erlebende und diejenige, die kommentiert. Was übrig bleibt, ist die ein-fache Erfahrung meiner selbst. Direkte Empfindung. Keine gedankliche Konstruktion.

Und auch das Denken kommt von diesem Ort, der sowohl multidimensionale Tiefe als auch unmittelbare, reine Anwesenheit ist, die sich selbst erlebt. Hier ist nichts anderes als Hiersein, das mich, als nachdenkende Instanz, nicht braucht. Hiersein ist die vollkommene Distanzlosigkeit zu mir selbst. Es geht immer nur um diese reine Erfahrung, ohne mentale Überlagerungen.

In mir schweigt alles, damit ich hervortreten kann. Ich kann nur in der vollkommenen Offenheit erscheinen. In der totalen Offenheit für mich selbst. Ich brauche die Bereitschaft, dass alles aus dem Weg geht für mich in reiner Form. Alle Ideen, Konzepte, Gedanken über mich, alle Vorstellungen und Wünsche, alle Kritik, jeder Selbstzweifel, jedes Festhalten an vergangenem Leid …

Bis nur noch dieses Leben übrig bleibt …

In mir muss Stille herrschen, damit ich mein Leuchten in den Raum senden kann. Damit ich mich durch dieses Licht, das in mir scheint, als ich selbst erkenne. Damit ich hier sein kann. Dieses Licht zieht mich an und verbrennt mich in gleichem Maße. Bis nur noch dieses Leben übrig bleibt, das sich selbst durch mich als diese körperliche Erscheinung (er)lebt.

Die meisten Menschen fühlen sich glücklich und geliebt, wenn ein anderer Mensch ihnen anhaltend seine volle Aufmerksamkeit schenkt. Dann entspannen sie sich, dann fangen sie an sich zu öffnen, dann trauen sie sich, sich zu zeigen, sie fühlen sich angenommen, kommen sich selbst näher, werden weicher und stiller.

Wenn Deine Aufmerksamkeit sich ernsthaft Dir selbst zuwendet, wenn Du aufhörst Dingen hinterherzujagen, die Dich anders sein lassen sollen, als Du bist, wenn sich Dein Fokus direkt auf Dich richtet, wie Du wirklich bist, mit all Deinen Schwächen und vermeintlichen Fehlern, Unzulänglichkeiten und verbesserungswürdigen Stellen, wenn Du anfängst, Dich für Dich zu interessieren – dann geschieht Öffnung.

Du kannst das ungesehene Leiden in Dir nicht übergehen. Es vorschnell zur Illusion zu erklären, hält Dich daran gebunden. Es wird Dich überall einholen. Du musst mitten hindurch. Alle vergangene und verdrängte Emotion wird sich in Dir zeigen. Sie wird aufsteigen und in dem Licht Deiner Bewusstheit verbrennen.

Die Vertiefung der Entspannung

Diese Öffnung für alles Ungesehene und Ungebetene in Dir bewirkt eine Ent-spannung, die den Kommentaren in Deinem Kopf immer weniger Beachtung schenkt. Von selbst. Das Interesse hat sich von außen nach innen verlagert und somit verschoben. Diese Entspannung vertieft sich immer mehr, je mehr Du ihr folgst und je unbeirrbarer sich alles Denken in Dir einstellt, das sich selbst betrachtend von Dir abspaltet. Also alle Gedanken, die Dir sagen, wer Du bist und sein sollst, wo Du herkommst und wo Du hinzugehen hast.

Dann beginnst Du zu verstehen, dass all das Gerede in Dir, die Gedanken über Dich und Andere und Anderes der Grund sind, warum Du Dich nicht fühlen kannst. Der Grund, warum Du Dich so oft eingeengt, eingesperrt, falsch und isoliert fühlst.

Weil Du Dich dadurch von Dir selbst abspaltest. Von dieser tiefen Entspannung, die sich einstellt, wenn all das nicht anwesend ist. Dann tritt etwas hervor, das zutiefst mit Dir zu tun hat. Nämlich Du, in Deiner reinen Form.

Ohne Bedenken, ohne Text, ohne Idee, ohne Gerede im Kopf. Einfach nur Du. Dann merkst Du sehr deutlich, dass Du dieses ICH nicht benennen kannst. Du kannst ihm keine Dimension zuordnen, Du kannst es nicht „fassen“. Nur wahrnehmen und sein.
Du kannst nur Du selbst sein.

Deinem eigenen Rhythmus folgen

Es lockern sich alle zuvor gespannten Schnüre eines Konditionierungs-Korsetts, das Dich nun endlich frei atmen lässt. Der Atem wird tief und voll und folgt seinem eigenen Rhythmus, weil er nicht mehr behindert wird von den mentalen Fallstricken Deiner Selbstbilder.

Dein wahres Wesen zeigt sich Dir, öffnet sich Dir, wenn Du anfängst still zu werden und Dir selbst mit allen Sinnen zuzuhören. Du wirst zum Zuhörer. Und je länger Du zuhörst, umso deutlicher wird Dir der Automatismus Deiner sich wiederholenden Gedanken und Gefühle. Du lernst zu unterscheiden, was unmittelbares Empfinden und was eine Kopfgeburt ist. Und weil es Dich zur Unmittelbarkeit zieht, bleibst Du immer öfter hier und folgst einfach nicht mehr automatisch. Und dann …

Wenn Du lange genug zugehört hast, fällt Dir auf einmal der Zuhörer auf.

Du interessierst Dich immer mehr für die Quelle der Aufmerksamkeit in Dir. Dieses Interesse bewirkt die enorme Hinwendung zu Dir, was Dein gesamtes Leben immer mehr in bewusste Übereinstimmung mit Dir selbst bringt. Du trittst ein in die Harmonie mit Dir selbst. Allmählich wandelt sich diese Harmonie in Liebe. Und diese Liebe zieht an, was Du zutiefst begehrst: Dich selbst als Aufmerksamkeit. Bewusstsein, das sich selbst berührt und aufgeht als hohe Blüte, die in stiller Anwesenheit erstrahlt.

Sein Wille geschieht

Übrig bleibt Dein Leben, das von sich selbst gelebt wird, wie es will. Sein Wille geschieht und wirkt als Du selbst durch Dich. Du, als verstehendes, Bedenken tragendes, schuldiges, kritisches, angstvolles, besserwissendes, flüchtendes, intensivierendes, einsames, leidendes Ich, tauchst darin nicht mehr auf. Dieses kleine und begrenzte Ich entlarvt sich immer mehr in Deiner ein-fachen Anwesenheit im Augenblick.

Einfache Anwesenheit, selbst diese Worte sind der Anwesenheit zu viel. Bewusstsein ist leichter als Schmetterlingsflügel, leichter als jede Idee. Bewusstsein ist. Mehr kann man darüber nicht sagen.

Sei Dir bewusst, dass Du bewusst bist, und lebe Dein Leben wie es kommt. Ohne Konzept, ohne Gestern, ohne Morgen. Das bedeutet nicht planlos in den Tag zu leben. Außer das ist es, was sich als stimmig für Dich herausstellt. Es bedeutet in erster Linie die Bereitschaft jeden Gedankeninhalt, der Dein Erleben konstruiert, fallen zu lassen. Denn diese Gedankenkonstrukte verhindern die Möglichkeit Dich selbst direkt zu erleben.

Sie konstruieren Angst, Schmerz und Leid, wo keines wäre ohne ihre Anwesenheit. Diese Bereitschaft kostet Dich Deine Identität, was beängstigend sein kann, wenn Du sehr stark an ihr festhältst. Diese Identität jedoch verhindert jede wahre Entspannung, anhaltende Harmonie und Leichtigkeit in Dir.

Aus Leiden wird natürlicher Schmerz

Die tiefe Grundentspannung bleibt Dir erhalten, selbst im Schmerz, der ein natürlicher Schmerz wird, aus der Unmittelbarkeit heraus empfunden. Dieser Schmerz hat mich sich selbst kein Problem. Natürlich und grenzensetzend  wird auch die Wut, die sich direkt zeigt und direkt wieder verschwinden kann, wenn sie in Deiner Anwesenheit erlebt wird. Das Leiden verschwindet, weil es kein Leiden an und unter Etwas mehr gibt. Es gibt Schmerz, aber kein Leid. Leid ist das Festhalten und die andauernde Rekapitulation vergangener schmerzvoller Inhalte. Ein ständiges Aufwärmen einer Mahlzeit, die längst gegessen wurde.

Die Essenz der Stille bist Du selbst. Jenes Selbst, das in der Mitte dessen erscheint, was sich bisher als Dein Ich gezeigt hat. Du vereinigst Dich in Dir mit allen scheinbaren Widersprüchen und erlebst Dich als lebendiges Erfahrungsfeld, das alles, was in ihm auftaucht, erlebt, statt es zu bedenken.

Die Erfahrung des Schweigens ist sehr heilsam, um Dich als Raum zu erkennen, in dem sich zumeist die immer gleichen Inhalte spielen. Im mehrtägigen Schweigen kann Dir deutlich werden, was das Gleichnis des trüben Wasserglases bedeutet: Unsere unruhigen Gedanken wühlen in hoher Beständigkeit alles Vergangene und Zukünftige in uns auf und lassen uns in permanenter Beschäftigung damit vollkommen übersehen, wer wir ohne diese ständige Aktivität in unserem Inneren sind.

Wir sind wie ein getrübtes Glas voll Wasser und Schmutz, in dem der Schmutz in andauernder Bewegung ist. Wenn wir anhalten und gewahr werden, was in uns geschieht, dann kann sich alles beruhigen. Die Schmutzpartikel sinken auf den Boden und übrig bleibt stilles, klares Wasser, in dem sich alles spiegeln kann.

Wenn Du das Schweigen und die Stille in Dir einmal erleben willst, dann kannst Du das
am Ort der Stille in Gut Saunstorf tun. Ich selbst habe diesen Ort besucht und war beeindruckt von der in sich selbst versunkenen Schönheit des Hauses und von der Klarheit und deutlichen Präsenz eines konzentrierten Geistes, der diesem modernen Kloster innewohnt.

Vom 26.07. bis 04.08. 2019 findet das Silent Love Schweige Retreat statt. Du kannst in Gemeinschaft schweigen und im Darshan mit dem Weisheitslehrer OM C. Parkin
in die Stille gehen.

In Verbundenheit, Nicole

11 Kommentare

  1. BeaBea

    Danke liebe Nicole, für diesen berührenden und wahrhaftigen Text. Sonnige Grüße Bea

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    • Margret Giloi

      Vielen Dank liebe Nicole ,besonders für den gesprochenenText.
      Durch Deine berührende Stimme kann ich tiefer in Kontakt mit dem Text kommen.

      Liebe Grüße sendet Dir
      Margret

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      • Nicole Paskow

        Vielen Dank, Margret, dann werde ich öfter was lesen :-).

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  2. Helmut Leimer

    Liebe Nicole! Danke für deine Stimme und die Energie,die durch deine Worte strömt! Ja genau darum geht es -sich seiner SELBST vollkommen hinzugeben!
    In Wertschätzung, Helmut

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    • Nicole Paskow

      Danke für Deinen Kommentar, Helmut! Schön, wenn die Energie ankommt!

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  3. Patricia Klara

    Danke liebe Nicole für diese wundervollen Worte. Durchs Zuhören bin ich tief in diese Stille eingetaucht………….

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    • Nicole Paskow

      Wie schön! Das nehme ich als Anregung. Ich werde öfter einlesen…:-) Danke!

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  4. Paul

    Liebe Nicole du bist überwältigend, wenn ich dir zuhöre oder lese kommen bei immer wieder Zweifel hoch, ja Zweifel daß ich mich zuwenig bemühe und tue obwohl mir das Leben oft zeigt daß alles ok ist so wie es ist.
    Ja was soll ich sagen, du spornst mich an und gibst mir Mut einfach dran zu bleiben.
    Danke dir

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    • Nicole Paskow

      Lieber Paul, vielleicht wäre es ja ratsam dem Leben zu vertrauen, dass Dir „oft zeigt, dass alles
      ok ist so, wie es ist?“ …

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  5. Rolf

    Danke liebe Nicole,
    wie wunderbar berührend du deine Erfahrungen in Worte fassen kannst und mit uns teilst.
    :-))
    Herzlichst
    Rolf

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    • Bernd Bienentreu

      Liebe Nicole,
      Durch das vorlesen bekommt der wundervolle Text noch eine weitere Dimension, die mich mit einer Gänsehaut wieder in das Leben zurück entlässt.
      Die Superlative mit der ich dein schaffen und wirken gerne benenne, sind mir ausgegangen. Daher ein, aus tiefstem Herzen empfundenes Danke.
      Danke für Deine Liebe.
      Bernd

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