Wenn wir verlassen werden, uns nicht unterstützt und geliebt fühlen, keine Freunde haben, keinen Partner, keine Familie, oder einfach in uns und von uns selbst verlassen sind, dann fühlen wir uns allein. Dieses Alleinsein ist schmerzvoll. Wir fühlen uns verletzt, verloren und einsam. Viele Menschen versinken in diesen Zustand, verharren darin oder versuchen sich, auf verschiedene Weise, davon abzulenken.

Wenn Du aber ein Vogel bist, der sich in die Lüfte seiner Selbst aufschwingen will, ein Selbstentdecker, ein Kosmonaut, der sein inneres Universum erforscht, dann gibt es Wege, dem Alleinsein zu begegnen, um es als Tor in ein neues und tieferes Selbstverständnis und
-Empfinden zu benutzen.

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Welche Sicht hast Du auf Deine Gefühle, welche Beziehung hast Du zu ihnen? Bewusstsein erwacht zu sich selbst, wenn es sich bewusst wird, dass Unglück dann entsteht, wenn Du auf Deinen Vorstellungen beharrst, wie die Dinge sein sollten, anstatt mit den Dingen zu fließen.

Das wird oft missverstanden.

Damit ist nicht gemeint, Du sollst allem gleichmütig begegnen, was Dir widerfährt. Im Gegenteil, Du sollst allem, was in Dir als Empfindung vorgeht, still und offen die Tore öffnen, ohne Deine Meinung dazwischen zu stellen. Erst dann hast Du die Möglichkeit unmittelbar zu erleben, was wirklich in Dir vorgeht.

Der Schmerz ist die Abwehr

Im Grunde ist bereits der Schmerz über das Alleinsein die Abwehr des Gefühls allein zu sein.
Dieser Schmerz ist nämlich Ergebnis der Vorstellung: Ich will/sollte nicht allein sein oder mich nicht allein fühlen. Geschieht es dennoch, fühlst Du den Schmerz darüber, dass Deine Vorstellungen nicht erfüllt werden. Aber Du fühlst nicht das Alleinsein an sich, Du fühlst nur Deine Vorstellung davon.

Wirkliches Alleinsein führt Dich direkt zu Dir selbst. Dieses Alleinsein ist radikal und deshalb sehr wirksam. Wenn wir uns normalerweise allein fühlen, sind wir es nicht wirklich. Wir setzen uns nämlich immer noch in Bezug zu anderen Menschen. Zumeist zu jenen, nach denen wir uns sehnen. Oder zu jenen, deren Meinung uns wichtig ist. Wir denken an sie, wünschen sie herbei und fühlen den Verlust, die Trauer darüber, dass es jetzt gerade nicht möglich ist. Wir reagieren auf unsere Gedanken, fühlen aber nicht unser Alleinsein.

Wirklich allein zu sein bedeutet, Du bist bereit alle inneren Verbindungen zu allen anderen Menschen in Deinem Leben fallen zu lassen. Und sei es auch nur für einen Moment, eine Weile, einen Tag … bis Du verstanden hast, was damit gemeint ist: Es ist niemand mehr da, außer Dir selbst. Niemand. Nicht mal die Kinder, die Frau, der Mann, der/die Liebste, die Geschwister, die Eltern, Freunde … Niemand. Nur Du selbst. Mit Dir. Ohne einen Gedanken an jemand anderen. Jetzt.

Du lässt Dich vollständig auf Dich selbst ein.

Du strömst in Dich ein

Wenn es Dir möglich ist, dieses Alleinsein zu erspüren, frei von allen Gedanken an andere, völlig versunken in Dich selbst, kann es Dir passieren, dass Du langsam und stetig in Dich einströmst. Wie frischer Atem, der Deine Zellen aufwachen und vibrieren lässt. Du schlüpfst in Dich hinein, wie in einen Handschuh, den Du von innen her fühlst.

Nur Du. Ganz allein. Mit Dir als wacher Aufmerksamkeit, die alles mitbekommt, was an Gefühlen auftaucht, sich darin aber nicht verliert. Du fühlst Dein Herz schlagen. Es ist Dein Herz, das für Dich schlägt! Du schmeckst, riechst, siehst, hörst und weißt es, weil es Dir geschieht. Du richtest Dich in Dir ein, fühlst hier hin und da hin. Wirst neugierig …

Wenn Du es wirklich schaffst, ohne den Bezug zu anderen Menschen- für Dich- zu sein, fehlt nur noch ein weiterer Schritt, der noch schwieriger zu sein scheint: Sei ohne Bezug zu Deiner Meinung über Dich selbst. Egal, wie diese Meinung ist – lass sie fallen. Denn auch sie steht immer im Bezug zu anderen. Sie ist immer vergleichend. Sie sagt immer etwas über Dich, ohne Dich jemals wirklich zu meinen. Ohne Dich jemals wirklich treffen zu können.

Direkte Erfahrung von Existenz

Wenn Du es schaffst einfach nur anwesend zu sein in Dir, wirst Du sie schmecken. Die stille Süße Deines Lebens. In dieser Anwesenheit darf alles sein, weil Du als Aufmerksamkeit dabei bist. Du bekommst alles mit und bleibst darin anwesend. Du haust nicht ab. Du bekommst alles mit, was geschieht, und schweigst innerlich dazu, lässt es in Dir geschehen, was da geschehen will, und bist dabei.

Die Süße des Lebens ist die Erfahrung purer Existenz. Wenn Du Deinen Sinnen erlaubst scharf zu sein, ohne die Einflüsterungen Deines Verstandes zu beachten, wenn Du allem in Dir ein-fach und offen begegnest, bist Du nicht mehr allein. Du, als sehende Anwesenheit, fühlst alles was Du fühlst, ohne Gegenwehr, ohne Akzeptanz. Du bist einfach da.

Du bist die Erde, auf der völlig verschiedene Blumen und andere Gewächse wachsen. Du hast keine Kontrolle darüber, welche das sind. Du hast weder Einfluss auf Deine Gedanken, noch auf Deine Gefühle.

Du siehst und erfährst sie in ihrer Unterschiedlichkeit, in ihrer Einzigartigkeit, in ihrer Temperatur, ihrem Ausmaß, ihrer Unvorhersehbarkeit. Du empfängst und erlebst – Dich. So, wie Du bist.

Die positive Qualität von Sein

Diese Selbsterlaubnis, die am Ende nicht mal mehr Erlaubnis ist, sondern pures Sein, lässt Dich die Liebe erfahren, die alles durchdringt und alles hervorbringt.

Je öfter Du diese Liebe in Dich einlädst, je offener Du Deinen wahren inneren Vorgängen begegnest, je präsenter Du also in Dir selbst als stille Anwesenheit bist, um so weniger wirst Du Dich abgrenzen müssen. Weil Dir im Licht Deiner Bewusstheit – deren innewohnende Liebe alles trägt – nichts mehr geschehen kann. Du fängst alles auf. Alles verbrennt in Deinem Da-sein. Hier bist Du zu Hause in Dir. Hier wirst Du bemerken, dass es keinen Ort mehr gibt, der ohne Dich ist. Und somit keinen Ort mehr, der ohne diese Liebe ist. Aus diesem Hiersein heraus kannst Du allem und jedem begegnen, wie Du bist.

Dein inneres Geflecht an Gedanken und Emotionen, an Zusammenhängen und Verbindungen, ist wie ein dichtes Netz, das verhindert direkt den klaren Himmel zu sehen. Es verhindert direkt das Herz der Existenz zu fühlen. Ja, Du musst dieses innere Netz – Deine bisherige (Innen) Welt- von Dir abstreifen, sie verlassen, um Dir ganz unmittelbar als Wirklichkeit zu begegnen. Dann wird Dir deutlich, dass es keine Innenwelt und keine Außenwelt gibt. Es gibt nur Anwesenheit (in Dir). All-ein.

 

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8 Kommentare

  1. Jörg

    Man das geht runter wie Öl und ist so wohltuend 🙂

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    • Nicole Paskow

      Vielen Dank für Eure Kommentare! Ich lasse sie einfach mal unkommentiert stehen. 🙂

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  2. Jenny

    Es ist so bewegend diesen Text zu lesen… wie eine Hand, die einen zu einer Tür führt, die man durchschreiten kann, wenn man mag. Danke.

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  3. Ramon Labusch

    Zu deinem Beitrag von RADIKAL ALLEIN:

    „DANKE Nicole !!! Es ist, als würde ich zum ersten Mal „das Geschenk des Alleinseins“ wirklich und real begreifen, nicht als Opfer, sondern als stiller Beobachter – so wundervoll klar, intensiv und wahr habe ich noch nie zuvor darüber gelesen und gehört, mich diesem Seins-Gefühl so fokussiert zugewandt und es BEWUSST wahrgenommen. Deine sanfte Sprechstimme schwingt noch in mir mit all‘ den gesagten Worten und alle Zellen meines Körpersystems lauschen andächtig und empfinden tiefe Dankbarkeit!

    Dem Abenteuer des All-EIns-Seins mutig zu begegnen wird nach dem Hören und Lesen deiner Zeilen überraschender Weise zur höchsten Freude und sicherlich zur Vorfreude für diejenigen, die es aus dieser Perspektive noch nie bewusst erfühlt haben.
    Wer ist heutzutage dankbar, für das, was IST, noch weniger für das „Alleinsein“, wo das „Nichts“ – wie in einem Alptraum – zu existieren scheint, wovon geglaubt wird, dass da nichts ist, ausser der „Leere“, in dessen Augenblicken jedoch die Selbst-Reflektion und das tief in sich Selbst hineinschauen unumgänglich wird – es „triggert“ die eigenen „Schatten“ ebenso wie das „innere Kind“, das trotz Zuwendung und den Jahren eigener Heilarbeit noch immer nach „Heil(ig)ung ruft!

    Von ganzem Herzen Danke, liebe Nicole Paskow für dein einfühlsames Wieder-Erinnern an ein Ur-Wissen, das sonst verloren wäre … danke, dass ich dir auf diese Weise begegnen darf, im Energiefeld der Herzliebe, im Quantenfeld des Alleinseins – zugleich mit Allem und Allen verbunden. Wir dürfen im gewahr sein des Alleinseins um ein Weiteres der Selbstliebe öffnen, die uns noch authentischer uns selbst erfahren lässt und die Tore öffnet, damit Wunder in und durch uns möglich werden.

    Dein Beitrag, deine Worte sind lichtvolle Transformation pur – von Herz zu Herz und von Seele zu Seele … namasté, mahalo, aho, Ramon!

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  4. Mathilde

    Während ich lese ,höre ich einen Schrei direkt aus mir heraus – Tränen fließen
    in mir hat ganz tief hat eine Berührung stattgefunden, ein Erinnern , eine Sehnsucht – spürbar als Schmerz
    und Vibration im Körper.
    ganz herzlichen Dank liebe Nicole , Mathilde

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  5. Monika Slavic

    Herzlichen Dank Nicole, nach Monaten der Apathie und Rückzug kommen deine Worte wie Tür-Seelenöffner zu mir sowie Erinnerung und Gefühle an mein Sein. Ich bin All eins in mir.
    Lg Monika Maria

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  6. Almuth

    Liebe Nicole, nicht das erste mal denke ich, nachdem ich deine Zeilen lese. …wenn das alles (das Leben )ein Märchen wäre und ich von drei Wünschen nur noch einen übrig hätte , ich hätte den Wunsch von der Angst vor diesem Schritt des vollständigen Loslassens befreit zu sein. …wie du es beschreibst. .,,das innere Geflecht an Emotionen und Gedanken abstreifen“…aber es ist kein Märchen und ich folge weiter meiner Spur und lasse mich von solchen Texten wie diesem von dir inspirieren!!!….Danke von Herzen !!!Du hast diesen letzten Schritt ganz offensichtlich getan und kannst das nun weitergeben. …

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