Du bist nicht der Schöpfer Deines Lebens

von Nicole Paskow von Radical Now

Jeder, der sich auf den Weg zu sich selbst macht, kommt an Slogans vorbei, die sich so anhören: „Du bist der Schöpfer Deines Lebens“, oder „Werde zur besten Version Deiner selbst!“ usw.

Ich selbst habe mich lange mit Charles Haanel, dem Urvater der Manifestationsbewegung beschäftigt. Affirmationen habe ich selbst geschrieben, aufgenommen und vertont. Und ich bin früh genug an ihnen gescheitert. Früh genug, um weitergehen zu können und nicht „hängen“ zu bleiben, wie es so vielen geschieht.

Menschen, die einfach nicht die Hoffnung aufgeben wollen, dass es doch noch gelingt, sich das, was ihnen die Erfüllung ihres Lebens verspricht, durch Positivismus und Affirmationen herbeizuwünschen. Dass es doch noch gelingt, sich über das Leben selbst zu stellen und es in die Bahnen desjenigen zu affirmieren, der so viel Angst hat, sich direkt den Gefühlen zu stellen, die sich in Wirklichkeit durch ihn fühlen.

Selbstermächtigung ist Illusion

Und diese Gefühle entspringen nichts anderem als dem Mangel. Aber es scheint leichter, sich Vision Boards zu basteln und sich selbstermächtigt in die Besserung in einer fernen Zukunft hinzutrimmen, als stehen zu bleiben und sich tief auf sich selbst einzulassen. Weil es ja stimmt: Es ist das schwerste auf der Welt wirklich zu sich zu kommen.

Und wir wollen es uns alle leicht machen. Was nicht verkehrt ist. Wenn uns klar ist, dass wir uns damit etwas vormachen. Der Tag der Erfüllung wird weder kommen, noch bliebe er, wenn er käme. Aus einem ganz einfachen Grund: Derjenige in uns, der sich in eine Welt träumt, die frei von Schmerz, Angst und allen schwierigen Gefühlen ist, ist auch derjenige, der verhindert, dass wir wirklich erfahren, wer wir sind und was das Leben ist: ein sich beständig wandelnder Fluss.

Die Wahrheit ist: Nichts und niemand kann Dich vor Dir selbst retten. Keine Technik der Welt wird Dich erlösen. Kein Coach, Guru oder Lehrer weiß die Wahrheit über Dich, und niemand kann Dir helfen, der Dich nicht radikal auf Dich selbst verweist.

Je früher Du an diesen Punkt kommst, um so besser. Denn erst hier wartet Deine Chance. Deine echte Chance.

Leben als Korrektur

Das, was wir am besten von uns kennen, ist die Version von uns, die von Kindesbeinen an korrigiert wurde. Sie wurde in die Richtung korrigiert, die wünschenswert und angepasst war und die in die Familienstruktur und in die Gesellschaftsstruktur eingefasst wurde.

Deshalb fühlen so viele nichts, wenn sie anfangen sich auf sich selbst zu besinnen. Auf sich selbst als das Wesen, das ein Leben lang übersehen wurde, weil es beständig in der und als die Korrektur seiner selbst „überlebt“ hat. Nach der Zeit, in der unsere Bezugspersonen über uns bestimmten, hat sich die Zweitstimme, die sich als Kritiker und Antreiber in uns manifestierte, in uns eingenistet. Und zwar so sehr, dass wir uns nun fast vollständig mit ihm verwechseln.

Diese Stimme ist es, die uns immer noch einflüstert, wir müssten und könnten uns ändern, wenn wir nur … Dann würde sich unser Leben endlich hierhin und dorthin entwickeln und wir wären endlich die, die wir uns wünschen zu sein und es würde endlich passieren, was wir wollen …

Wir übersehen das Echte 

Und schon wieder verpassen wir uns. Und schon wieder unterdrücken wir uns. Und schon wieder übersehen wir uns als diejenigen, die wir jetzt gerade vielleicht wirklich sind: Unsicher, schwach, enttäuscht, verwirrt, strauchelnd, labil, unperfekt, einsam und voller Angst „es“ nicht zu schaffen.

Erst wenn die Bereitschaft da ist, wirklich als diese Hoffnung auf Besserung, diese Hoffnung auf Änderung unserer Selbst und der Umstände zu scheitern, können wir in uns einströmen als die, die wir in unserer momentanen Wirklichkeit sind.

Und nur hier können wir tiefer sinken und nur hier können wir uns wirklich fühlen. Und echtes Mitgefühl entwickeln mit diesem Wesen, das schon sein ganzes Leben lang nicht richtig ist. Das sein ganzes Leben lang kämpfen muss, um richtig zu sein.

Und immer, wenn es etwas errungen hat, kommt bereits das nächste, was es zu erringen gilt. Dieses gepeinigte Wesen, das nie zur Ruhe kommen darf, das liebenswert, gutaussehend, finanziell erfolgreich, gesund und glücklich werden soll, damit es sich gut fühlen kann, wertvoll und sinnvoll.

Dieses Wesen, das nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt verändern soll, damit es seinen Eigenwert spüren darf, den es an der nächsten Ecke wieder verliert. Spätestens dann, wenn der Applaus mal ausbleibt …

Wir können uns nicht retten …

Wir können unserer Konditionierung nicht entkommen. Wir können uns nicht eigenhändig aus dem Sumpf ziehen. Wir können es weder uns selbst noch irgendjemandem sonst recht machen.

Alles, was wir können, ist uns selbst zu fühlen. Ganz tief und ganz weich und ganz hilflos. Hilflos diesem Leben ausgeliefert. Hilflos diesen Kampf verlierend, den wir mit uns selbst kämpfen.

Zu Dir zu kommen heißt nicht erfolgreich werden, heißt nicht gerettet werden, es heißt nicht jung zu bleiben und es heißt nicht heilig sein zu müssen und meditierend die Welt und Deine Gefühle zu verlassen.

Wenn Du Du selbst bist, musst Du nicht gut sein, musst Du nichts darstellen, musst Du nichts sein, was Du nicht bist. Du selbst zu sein heißt, Dich vollkommen in Ruhe zu lassen und in jeder Gefühlslage bei Dir zu sein und Dich nicht von Dir abzuspalten, indem Du darüber nachdenkst, warum Du fühlst, was Du fühlst, indem Du zu verstehen versuchst, was nicht verstehbar ist:

Wir wissen gar nichts

Wir wissen nicht, warum wir hier sind, wir sind einfach hier. Wirklich keiner kann es erklären. Und das scheinen wir so schwer auszuhalten, dass wir uns in unzähligen Konzepten über uns, als fühlende Wesen verlieren.

Wir können nur atmen, uns fühlen, uns berühren. Wir können uns selbst als Anwesenheit entdecken, die sich selbst erkennt, wenn sie sich lässt und nicht mehr an sich herumzerrt. Die bereit ist, die dunklen Stunden zu durchschreiten und die schlimmsten Gefühle in sich zu fühlen, weil sie größer ist als alle schlimmen Gefühle zusammen.

Durch diese mutige Bereitschaft hindurch, die alles andere als leicht ist, fallen wir in uns selbst als Eines. In uns selbst als die Nichtabspaltung von unserem wahren Fühlen. Wenn in Dir sein darf, was sich als wenig gewinnversprechendes Empfinden darstellt, wird sich jene Nähe einstellen, nach der Du in Wirklichkeit suchst.

Die echte Nähe zu Dir

Jene Nähe zu Dir, die Dich vertrauen lässt – in Dich als Bewusstsein, das Dich trägt. Der Kritiker und Antreiber, den Du als inneres Zentrum gewohnt bist, weicht dem Bewusstsein, das sich als jenes leere Zentrum erweist, von dem die Weisheitslehren sprechen.

Dann stehst Du Dir selbst meinungslos gegenüber und lässt Dich vollständig sein. In allen Gefühlsregungen, die sich durch Dich erfahren wollen. Du bleibst darin felsenfest anwesend und gleichzeitig zutiefst berührbar und erfährst somit alles über Dich als frei schwingendes Feld.

Jetzt begegnest Du dem Leben direkt, unverstellt und bedingungslos offen. Und dem entsprechend ist seine Antwort: Du bist nicht der Schöpfer Deines Lebens – Du bist das Leben selbst, das seine Schöpfung durch Dich erfährt. Auf eine Weise, die Du nicht eigenmächtig bestimmst, die Du auch nicht vorhersehen kannst.

Du erfährst Dich auf eine Weise, die Du einfach erlebst: fließend, staunend, herzzerreißend, stürmisch, leise und zart, lustvoll wollend, klar und deutlich, berührt und berührbar und einfach echt, weil es hier zutiefst mit Dir zu tun hat. Hier wirst Du zur schöpferischen Schöpfung selbst, die aus ihrer Vollheit heraus ihren Ausdruck kreiert, weil sie sich so sehr liebt, dass sie restlos alles sein darf, was sich durch sie zeigt.

In Verbundenheit, Nicole

 

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14 Kommentare

  1. Andrea

    Hallo, und doch ist jeder der Schöpfer seines Lebens! Jeder ist für das, was er tut, verantwortlich! Das gilt selbst für Dinge, die man irgendwie selber nicht erlebt haben will, weil sie so negativ waren. Schließlich waren ja auch andere Personen daran beteiligt. Dann heißt es so schön, dass man das ja mit sich machen lassen hat… Klar klingt das irgendwie provozierend, dennoch habe ich selber auch solche Situationen erlebt und mich gefragt, wie so etwas sein kann…

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    • Nicole Paskow

      Also für mich klingt das sehr, sehr anstrengend und belastend, wenn ich auch noch für das, was ich gar nicht erlebt habe, verantwortlich sein soll … Phuuu. Wie fühlt sich das für Dich an? Das mit der Verantwortung und der Schuld ist so eine Sache. Wie kann man verantwortlich sein, wenn man nicht sicher weiß, warum man Dinge denkt, fühlt und tut? Kann man je sicher wissen, warum man dies und das tut? Verbrecher werden aus gutem Grund aus dem Verkehr gezogen. Um Menschen vor ihnen zu schützen, aber ob sie verantwortlich sind für das, was sie tun …?
      Vielleicht auch ein Artikel wert. Mal sehen. LG Nicole

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      • Bernd Bienentreu

        Es gibt nur taten aber keine Täter

        Buddha

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  2. Gabi lachmann

    Liebe Nicole
    Wieder ein besonderes Highlight unter all Deinen Highlights. Du und Jeff Foster, ihr seid nach meinem Herzen! So, und jetzt laß ich mich einfach mal in Ruhe….

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    • Nicole Paskow

      Gute Idee, liebe Gabi! 🙂 LG Nicole

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  3. Rudolf

    Opfere Gott Dank und erfülle dem Höchsten deine Gelübde,
    und rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.«

    aus: Psalm 50,14+15

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  4. Ilka

    Liebe Nicole, diesen Text hast Du wohl extra für mich geschrieben 🙂 , denn es sind genau die Antworten auf meine Frage, was ist jetzt richtig? Muss ich mich einfach nur genügend anstrengen, diszipliniert sein, mein Leben selbst in die Hand nehmen, Verantwortung übernehmen, altes transformieren, umschreiben, abgeben, loslassen, neues kreieren, visualisieren, Schöpfer sein…. endlich ein guter Mensch werden 😉 ??? Ich bin soo müde, so verwirrt, die „Lösung“, die es wiederum nicht gibt, scheint aber so einfach, wenn die Gnade des Erwachens geschieht….

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    • Nicole Paskow

      Liebe Ilka, wenn der Text so eine Wirkung auf Dich hatte, dann war er bestimmt für Dich! 🙂 LG Nicole

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      • Ilka

        und ich glaube, ich habe noch etwas verstanden: das Ego kann kein Schöpfer sein.

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        • Nicole Paskow

          Wenn Du unter „Ego“ all die Meinungen und Ideen meinst, die Du über Dich hast, dann sind diese
          nicht schöpferisch sondern konstruierend. Sie basteln ein Weltbild, dass Du glauben und nach dem
          Du leben kannst. Es verhindert Dich wirklich wahrzunehmen, tief zu fühlen und mit Dir als fließender
          Ausdruck im Augenblick, zu verschmelzen. Schöpferisch ist – Dir in Deine Möglichkeiten zu folgen.
          Eher keine Eigenschaft von konstruierten Weltsichten. Ja. 🙂

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  5. Hans

    Nicole, was ist für dich die „Seele“, gibt es diese ? vor der Inkarnation (Thema Karma) und nach dem Tode?

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    • Nicole Paskow

      Lieber Hans, interessanter wäre die Frage: welches Gefühl steht hinter dieser Frage? Das ist das Gefühl, das nach Deiner Aufmerksamkeit verlangt und wo die richtige Antwort für Dich, auf Dich wartet. Herzlich, Nicole

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  6. Bernd Bienentreu

    Liebe Nicole,
    Danke für diesen Text, der wie immer zur rechten Zeit in mich einfließt…
    Anderst kann ich es halt nicht ausdrücken, weil es jenseits von Verstehen, am Verstand vorbei, im Herzen ein wohliges Gefühl von – ja, genau so – erzeugt.
    Danke für deine Liebe,
    Bernd

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    • Nicole Paskow

      Schön, wie Du es ausdrückst, Bernd. Danke.

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