Wu Wei - Tun im Nichttun

by Nicole Paskow von Radical Now

Tun im Nichttun ist das spannendste Paradoxon, das mir je begegnet ist. Wu Wei ist ein Begriff aus dem Daoismus und bedeutet (nach Wikipedia) „die Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns“.

Wu Wei zu erfassen und zu leben, entspricht der Integration aller Gegensätze und bezeichnet die totale Entspannung ins Hier und Jetzt mit der gleichzeitigen Möglichkeit, der höchsten Dynamik Ausdruck zu verleihen. Wenn sie sich spontan zeigt.

Wu Wei kann man erst nachvollziehen, wenn man den Denker in sich als illusorisch entlarvt und ihn nicht mehr durch „Folgen“ bedienen und dadurch aufrechterhalten muss. Wenn er nach und nach das Interesse der Aufmerksamkeit verliert und zu einer Randfigur degradiert wird. Dann erst kann ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, was sowieso die ganze Zeit ungesehen durch einen Menschen wirkt.

Das Ichgefühl ist ein Zwang

Die größte Schwierigkeit dabei ist, den auf sich selbst bestehenden inneren Denker, als ursprünglichen Verhinderer dieser Entspannung wahrzunehmen.

Im Grunde ist das erst möglich, wenn ich erkenne, dass mein normales „Ichgefühl“ nichts anderes ist, als der unerkannte Zwang permanent aus einem verdichteten Zentrum heraus zu denken, zu vergleichen, abzuwägen, mich zu erinnern, vorauszusehen, zu beurteilen, zu verurteilen, abzugrenzen, abzustecken, zu ordnen und auf all diesem Wahnsinn ein Gedankengebäude aufzubauen und aufrecht zu erhalten, das sich wie „Ich“ anfühlt.

Ein riesiges Konstrukt mit unüberschaubaren Wegen, Windungen, Kanälen, Türen und Mauern, an dem ich festhalten muss, um mich nicht „verloren“ zu fühlen. Fatal ist, dass ein Mensch selten bis nie merkt, wie hoffnungslos verloren er innerhalb dieses Gebäudes ist. Wie sehr dieses konstruierte „Ichgefühl“ der Hort der persönlichen Hölle ist und dass erst die Auflösung dieses dunklen geistigen Labyrinthes, den Fall in wahres Gehaltensein bedeutet.

Dieser Prozess der Auflösung dauert unter Umständen Äonen. Und dennoch kann es auch sehr schnell geschehen. Wovon hängt das ab? Muss ich mich bemühen oder nicht? Kann ich was tun oder nicht? Im Grunde geht es darum, wie schnell Du verinnerlichen kannst, dass Du, als dieses denkende Konstrukt, nichts tun kannst, um etwas irgendwann zu erreichen.

Das Ich-Konstrukt will immer weg von hier

Als identifiziertes Bewusstsein kannst Du lediglich der Flamme folgen, die in Dir brennt. Jetzt. Jetzt. Und jetzt … Wenn Du ihrer gewahr wirst. Das Brennen wird zunächst als Interesse sichtbar. Als unerklärlicher Drang, sich mit den Fragen nach „Wer bin ich?“ zu beschäftigen. Je mehr Raum dieses Interesse in Dir bekommt, d.h. je mehr Du diesen Drang bemerkst und Dich ihm öffnest, um so heller wird die Flamme brennen und Dich, als illusionäres Denkkonstrukt, eines Tages, verbrennen.
Dann übernimmt Klarheit das Terrain und Wu Wei geschieht.

Man kann sagen: Bemerken (Sehen) geschieht, wenn es geschieht. Wenn Du es bemerkst, wenn Du „siehst“, dann kommt es darauf an, wie gut Du mit Deiner Aufmerksamkeit folgen, also dabei bleiben kannst, weil Du als Denker bereits durchlässig bist. Oder Du kannst weniger folgen, hast große Schwierigkeiten zu „verstehen“, dann ist Dein Denker noch zu stark.

Was willst Du wirklich?

Es gibt auf diesem Weg viele Fallen, in die Du geraten kannst. Deshalb ist es sehr wichtig, Dir immer wieder die Frage zu stellen, was Du wirklich willst. Willst Du Erleichterung von Deiner Qual? Willst Du nicht mehr einsam sein, echten Kontakt, willst Du Dich nicht verloren fühlen, keine Angst mehr haben, Liebe, Glücklichsein und ein gutes Leben haben? So, wie Du es Dir vorstellst? So, wie es scheinbar die anderen haben?

Dann musst Du das berücksichtigen und ernst nehmen. Denn dann geht es in erster Linie darum, Dich als dieses denkende Konstrukt zu entspannen und die Konditionierungen der Kindheit innerhalb dieses Konstruktes, das sich als „Du selbst“ präsentiert, aufzulösen.

Sonst wirst Du, unter Umständen, jahrzehntelang versuchen Dein Ich zu transzendieren, das Du noch nichtmal in Besitz genommen hast. Das ist so gut wie nicht möglich. Dann kann es nach vielen Jahren geschehen, dass Du erschöpft und ernüchtert zusammenbrichst und das Gefühl hast all die Jahre verschwendet zu haben, weil Du Dich wie am Anfang fühlst. „Es hat sich immer noch nichts verändert. Ich fühle mich immer noch verloren und nicht „bei mir“. (Ein echter Zusammenbruch kann allerdings auch die relative Heilung auslösen, wenn er endgültig ist.)

Damit wirst Du scheitern

Wenn die Frage nach „Wer bin ich wirklich?“, eigentlich ein verdeckter Versuch ist, Dich aus Deiner Lebensrealität zu erlösen, dann wirst Du damit scheitern. Du wirst immer wieder auf Dich, als dieses ungewollte Subjekt, zurückfallen. So lange, bis Du Dich willst. So, wie Du in (Deiner) Wirklichkeit bist.

Wenn es so ist, dann kannst Du sofort aufhören, Dich mit spirituellen Konzepten zu beschäftigen, die endgültige Transformation beschreiben. Denn sie werden Dich in die Irre führen. Weil Du gar keine andere Möglichkeit hast, als sie misszuverstehen.

Wu Wei, Tun im Nichttun geschieht aus Deiner relativen Ganzheit heraus. Wenn die Bereitschaft da ist, erwachsen zu werden und alle Konzepte zu durchschauen, die Dich davon abhalten, Dich als relatives Ich, anzuerkennen. Aus dieser Entspannung heraus, ganz „Du selbst“ zu sein, hältst Du bereits weniger fest an Gedankenmustern, die Dich „zwingen“ etwas so zu sehen und so zu tun.

Ich kann auch sagen: Bewusstsein ist so gereift, dass es die relative Besetzung erkennt und sie als Folge des Erkennens – verbrennt.

Verwirklichte Selbstliebe und Wunschlosigkeit

Selbstliebe ist ein Konzept, das zuerst verwirklicht werden muss, bevor seine Begrenztheit erkannt werden kann. Erst wenn Du so offen für Deine inneren Vorgänge geworden bist, dass sich „niemand“ mehr einmischt, der etwas umwandeln und verändern will, ist der Weg für das „freie Sehen“ geräumt.

Dann geht es nicht mehr darum unerfüllte Wünsche zu befriedigen. Und zwar ganz von selbst. Denn dann kann gesehen werden, dass Wünsche an sich unbegrenzt sind. Sie werden niemals aufhören, denn es liegt nicht in ihrer Natur „anzukommen“. Und so wirst Du niemals aus dem Hamsterrad des Wünschens aussteigen können. Auf Befriedigung folgt Unbefriedigtsein. Das ist das unausweichliche Hamsterrad. Das bezeichnet das eigentliche menschliche Leiden, aber nicht die letzte Erfahrungsmöglichkeit des Lebens.

Und nur hier liegt der endgültige, dynamische Frieden: In der Wunschlosigkeit des Augenblickes. Und nur hier kann erkannt werden, dass Wunschlosigkeit nicht bedeutet Deine Wünsche zu unterdrücken, sondern tatsächlich keine Wünsche mehr zu haben, die Dich von da wegbringen, wo Du jetzt gerade stehst. Hier kann gesehen werden, dass Wunschlosigkeit einzig den Wegfall der Grenzen Deiner Wahrnehmung bedeutet und damit den bewussten Eintritt ins Sein. Hier geschehen Wille und Handlung von selbst.

Hier kann sich wahrhaftiges und höchst lebendiges Wirken in Frieden entfalten. Aus DIR selbst heraus. Es braucht und gibt niemanden mehr, der sich in irgendwas einmischt, was in Dir, als Innerlichkeit und als Du selbst, in Form veräußerlichter Reflexion – als Sein – geschieht. Das ist die Realisation. Es geschieht keine Handlung mehr gegen Deine Natur.

In Verbundenheit, Nicole

Wenn Dich der Artikel inspiriert hat, freue ich mich sehr über den Ausdruck
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5 Kommentare

  1. Jörg

    Wunderschön, auch wenn mein Verstand gerade Harakiri machen möchte ….

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    • Nicole Paskow

      Das ist großartig! Lass ihn! 😀

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    • Tobias Bock

      Hallo liebe Nicole
      Es war wunderbar, die Verbindung zum wahren Leben zu spüren, die durch deine Art der Worte, für mich fühlbar wurde.

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  2. Heike

    Oh je, da bleib ich auch auf der Strecke, aber ich liebe deine Stimme und die Art wie du sprichst.
    Freue mich, dass du das Bild verwendet hast🙏

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  3. Bibi

    Herzklopfen im Bauch beim „Verköstigen“ Deiner Botschaft, liebe Nicole

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