Gott ist eine endlose Melodie ...

von Nicole Paskow von Radical Now

Wir sind vom gleichen Stoff,
aus dem die Träume sind
und unser kurzes Leben ist eingebettet
in einen langen Schlaf.

William Shakespeare

Oft wird das, was vor unseren Augen erscheint, als Illusion bezeichnet, inklusive uns selbst. Als Traum. Die gesamte Existenz ein Trugbild, eine Fata Morgana, ein Mandala aus Sand, das beim nächsten Windzug seinen Zusammenhang verliert.

Hirnforschung und Wissenschaft haben schon lange entdeckt, dass es keine Farben gibt und sie lediglich von Sehnerv und Gehirn interpretiert werden. Dies weist darauf hin, dass die Welt nicht ist, was wir wahrnehmen.

Doch wir als Nichtwissenschaftler können uns auch selbst auf die Entdeckungsreise begeben und versuchen hinter die „zehntausend Dinge“ zu blicken, wie die Buddhisten alles, was als Leben erscheint, nennen.

Alpha und Omega

Dann kann uns auffallen, dass alles, was wahrgenommen werden kann, einen Anfang und ein Ende haben muss und auch hat. Hier beschreibt sich die Bewegung des Lebens, das in die Sichtbarkeit eintritt. An und Aus bilden gemeinsam die kleinste Einheit des Lebens. 0 und 1 ist nicht nur die Grundlage jeder Computersprache, sondern ebenso die reinste Formel der Existenz.

Sein und Nichtsein.

Für das Auge, das sehen will, ist alles offensichtlich. Es gibt keine Geheimnisse.
Das Leben offenbart sich früher oder später jedem, der es entschlüsseln will. Und zwar jeweils auf dessen Art: Der Wissenschaftler erhält wissenschaftliche Antworten, die ebenso gültig sind, wie die Antworten, die ein spirituell Suchender findet. Auch wenn sie sich zuweilen gravierend widersprechen mögen. Jeder erhält „seine“ Antworten. Und doch gibt es kosmische Gesetze, die sowohl der Wissenschaftler als auch der Mystiker in Erfahrung bringen kann, jener also, der das Leben in reiner Selbsterfahrung erforscht.

Jeder Moment entsteht und vergeht gleichzeitig. Jeder. Gleichzeitig ist so schnell, dass es nicht wahrnehmbar ist. Aus dem Nichts entsteht Etwas und vergeht wieder ins Nichts und taucht wieder auf … in endloser Wiederholung.
Was wir erfahren, ist der immerwährende Wandel jedes Augenblicks.

Ich weiß noch, wie mir die Gewissheit zum Trost wurde, dass jedes, aber auch jedes Gefühl vergeht. Ich nahm sogar in Kauf, dass auch die freudvollen Gefühle vergehen, wenn das bedeutete, dass auch Leid nicht ewig währt, obwohl es sich für mich immer so anfühlte, wenn ich mittendrin steckte.

Alles kommt und geht …

Im Grunde bedeutete diese Entdeckung meinen Eintritt in die Selbsterforschung. Wohin gehen all die Augenblicke? Schmerz kommt, erlebt seinen Höhepunkt und geht wieder. Woher kommt er und wohin geht er? Alles kann zur Entdeckung werden, selbst der Gang vor die Tür.

Eben noch stand ich in der Küche, und nun bin ich auf der Straße. Wo ist der Küchenaugenblick hin? Er verbleibt lediglich als Erinnerung irgendwo in meinen Synapsen. Und das geschieht permanent.

Ohne, dass es uns auffällt, leben wir alle von einem Augenblick zum nächsten und brennen ab wie eine Flamme. Wir stehen immer an vorderster Front unseres Lebens. Damit meine ich, es gibt nur Jetzt.
Hier. Jenen stillen Ort, der keine Grenzen hat und keine Dimension.

Und damit nähern wir uns der wichtigsten Frage: Welche Instanz nimmt all das wahr? All die ablaufenden Momente, all die Veränderungen, all die Gefühle, all die Gedanken, all DAS?

Ich.

Jedes Ich in jedem Menschen verkörpert diese Instanz.

Bewusstsein.

Bewusstsein ist das ganz große Rätsel. Niemand hat es bisher durchdrungen. Schon gar kein Wissenschaftler, weil er selbst davon durchdrungen ist und seiner Natur nach an einem Ort sucht, der nicht der Ursprung von Bewusstsein ist: Er sucht in der Erscheinung an sich, also außen. Doch Wahrnehmung beginnt zunächst woanders, nämlich innen.

Hier beginnt die Heimat des Mystikers, des Selbst-Erforschers, der tief in sich selbst hinabsteigt, um die Antworten hier zu erfahren. Er ist von der Gewissheit durchdrungen, aus dem selben Stoff zu sein, wie alles, was ihn umgibt, und gleichzeitig das, was all das erlebt und somit all dem zugrunde liegt. Ab einem gewissen Punkt wird der Selbsterforscher zum Gottesfinder. Aber gehen wir langsam:

Wahrnehmung ist still.
Sie ist reines Sehen. Das Sehen von Etwas. Das, was sieht, muss unveränderlich, unbeeindruckbar und außerhalb der Zeit existieren, um überhaupt etwas wahrnehmen zu können. Es darf selbst nicht sein. Es darf selbst nicht als Existenz existieren, selbst nicht in „Erscheinung“ treten, um Bewegung zu erfahren. Und alles, was erscheint, ist in Bewegung. Panta rei … alles fließt.

Wir können Raum nur durch seine Begrenzung wahrnehmen. Ein Zimmer, in dem ich sitze, ist der Raum, in dem ich in Erscheinung trete. Raum wird hier durch die Wände begrenzt, das Haus in dem ich sitze, durch die Stadt, in der ich wohne, die Stadt durch das Land usw. … Wo landen wir? In der Unendlichkeit.

Ich sehe, dass ich bin

Bewusstsein in mir, als Verkörperung, ist der Raum meiner Selbsterkenntnis. Erst im Bewusstsein wird mir klar, dass ich existiere. Ich sehe im Geist, dass ich bin, und erfahre mich durch den Körper.

Wahrnehmung ist an sich unbegrenzt und braucht eine lokale Auffindbarkeit, um sich partiell zu erfahren. Als ein Ich. Warum wollen wir das Ich verteufeln? Wir können lediglich die Beschränktheit eines Ichs erkennen, dass nicht sehen will, welche Funktion es hat. Innerhalb eines Ganzen.

Etwas Unbegrenztes braucht die Begrenzung, um sich zu entdecken. In „mir“ als Begrenzung existiert also eine potenzielle Unbegrenztheit, die sich als Ich erfährt. Zu der ich „ich“ sage.Grenzenlosigkeit ist uferlos. Doch ohne Ufer gibt es keine Wahrnehmung von irgendetwas. Grenzenlosigkeit ist still. Es gibt sie nicht. Es gibt sie nur aus der Perspektive von Begrenzung, weil sie selbst keine Perspektive hat.

Es braucht die Stille, um einen Ton hörbar zu machen. Damit sich ein Ton überhaupt ergibt, braucht er einen Anfang und ein Ende. Sonst wäre nichts zu hören. So wie ich, so wie Du. Wir haben unseren Lebenszyklus. Wir sind sterblich, weil wir ein Ausdruck des Lebens sind, das aus 0 und 1 besteht. Sein und Nichtsein. An und Aus.
Wir sind tatsächlich Erscheinung. Ein Trugbild, eine herrliche Fata Morgana – ein Traum, eingebettet in einen endlosen Schlaf.

Hörst Du gern Musik? Um einer Melodie folgen zu können, „musst“ Du die vorherigen Töne loslassen. Du musst sie passieren lassen. Das geschieht einfach, in Wirklichkeit musst Du nichts tun.

Genauso verhält es sich mit Dir und Deinem Leben.

Um mich selbst wirklich „empfangen“ zu können, muss ich mich fließen lassen und nichts festhalten. Es ist nicht sinnvoll etwas herausgreifen zu wollen und es zu etwas Feststehendem zu erklären als: „Ich bin so“ oder „So ist es.“ Täte ich das, würde die gesamte Melodie brechen und versickern. Ich hätte sie ihres Flusses, ihrer Möglichkeiten der Entfaltung beraubt, die von selbst geschieht, wenn sie in ihrem Fluss ist. Die Melodie besteht aus allen Noten.

Um mich selbst in meinem vollen Spektrum empfangen zu können, als grenzenlose Möglichkeit in dieser Verkörperung, kann ich mir der Stille gewahr werden, vor der ich erscheine. Als der bewegte Mensch, der ich bin, mit diesem Namen. Ich kann entdecken, dass es nicht sinnvoll ist, mich einzugrenzen, mich zu definieren, an mir als einem Konzept festzuhalten. „So ist es doch und so hat es zu sein …“

Wenn ich erstmal aufhöre, mich ausschließlich mit mir als Erscheinung zu identifizieren und mir der stillen Instanz gewahr werde, vor der ich als Ereignis auftrete, die ebenfalls in mir wohnt, entspanne ich mich als dieses Ereignis. Nun ist es nicht mehr „allein“. Nun weiß es um sich als gleichzeitigem Hintergrund, als sein SELBST. Der liebevolle Blick einer Mutter, die im Sehen mit dem spielenden Kind verschmilzt … Reines Geschehen, das vor grenzenloser Offenheit stattfindet. In mir. Als ich.

Ich lasse mich leben …

Ich bremse mich nicht mehr und beschleunige mich nicht mehr, ich lasse mich fließen. Ich lasse mich leben …

Ich erkenne mich als Hintergrund und Vordergrund in Einem. Ich bin die Leinwand, auf der ich als Farben erkennbar werde. Ohne Leinwand gibt es keine Farben. Ohne Wahrnehmung keine Welt.

Stille und Bewegung. Yin und Yang. ICH BIN von mir durchwebt.

Ja. Wir sind ein Traum, den ein unsichtbarer Träumer träumt. Ein Träumer, der nie erwacht.
Und somit gibt es nur den Traum.

Gott ist nur als Melodie erfahrbar, die in diesem Augenblick ertönt. Du und ich, wir sind das Instrument, durch das sein ungeschriebenes Lied erklingt.

In Verbundenheit, Nicole

 

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3 Kommentare

  1. Monika Maria Slavic

    Nicole phantastisch bewegend und durchwebt, 🙂 wunderschön angekommen.
    Licht und Liebe Moniika Maria

    Antworten
  2. Christoph

    Der Text bringt viele Gesichtspunkte zur Frage „Wer bin ich“ ? in eine verständliche Form. Sehr anregend und inspirierend, vor allem die Stille vor deren Hintergrund jeder Ton erklingt und vor der auch wir in Erscheinung treten/ entstehen und vergehen.

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  3. Bernd Bienentreu

    Liebe Nicole, gefühlte Wahrheit und liebevolle Poesie, die wortlos mit dem sein verwoben werden.
    Danke

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