Das Potenzial vollständiger Heilung

von Nicole Paskow von Radical Now

Von einem absoluten Standpunkt aus kann man sagen: Leben geschieht. Und es gibt niemanden darin, der etwas „tut“. Es entwickelt sich, wie es sich entwickelt und mehr gibt es nicht zu sagen. Das stimmt vollkommen. Doch es gibt ihn auch, den relativen Standpunkt und da können wir sogar sehr viel über das Leben sagen und herausfinden, das ebenso gültig ist. Das Phänomen Leben ist nun mal paradox, zutiefst an sich selbst interessiert und eine einzige, sich selbst feiernde Inspiration.

Vom relativen Standpunkt aus gesehen gibt es für mich zwei Stufen der Heilung des größten menschlichen Dilemmas: Die Einengung des Bewusstseins. Diese Einengung ist verantwortlich für das Leid, das der Mensch, seit seinem Auftreten in der Welt, erfährt.

Vollwertige Menschwerdung

 Die erste Stufe nenne ich vollwertige Menschwerdung. In diesem Schritt reife ich heran als Mensch, dessen Bewusstsein sich dahingehend klärt und weitet, dass er in relativem Frieden mit sich selbst und seiner Umwelt ist. In ihm existiert ein offener, sich selbst zugewandter Raum, in dem erscheinen darf, was will und muss. Ein Mensch, der sich seiner Konditionierungen bewusst ist, aber mehr und mehr das Interesse am Ausagieren dieser Programme verliert. Die Bewusstseinskraft ist erkannt, das Sehen aktiviert.

Hier begegnen wir den unangenehmen Gefühlen einladend. Wir spalten sie nicht mehr von uns ab, weil wir erkannt haben, dass jedes Gefühl, was wir nicht fühlen wollen, Sucht erzeugt. Ablenkung jeder Art, die mich fern vom direkten Erleben hält.

 Innerhalb dieser Ablenkung kann ich mich gegen das Leben stellen, indem ich mich durch Trägheit und Dumpfheit verweigere, in einen klinisch reinen Geistesraum flüchte oder mich in jedes Gefühl hineinstürze und darin ertrinke – je nach Disposition. In jedem Fall lasse ich mich nicht vollständig auf mich als Empfindungsraum ein und bewege mich in bekannten Bahnen, die meine angstvoll abgeschotteten Gefühle vor mir selbst verbergen. Hier bin ich noch – fern jeder Authentizität – ein in sich selbst gefangenes Wesen und lebe ein Leben aus zweiter Hand. 

Die Psychologie ist vorbei

Als vollwertiger Mensch jedoch habe ich mein Inneres „aufgeräumt“ und sämtliche psychologischen Konflikte beigelegt. Ich bin im Reinen mit meiner „Geschichte“ und erlebe mich als Selbsterleben, das sich nicht mehr durch Selbstbilder und Definitionen eingrenzen muss. Ich erlebe, dass die Frage nach meinem menschlichen Wert hier nicht mehr auftaucht. Minderwert ist kein Thema mehr.
Ich bewohne mich ganz.

Die wunderbare Basis hat sich entfaltet, die mich in das volle Potenzial meiner Reifung als Mensch einladen kann, wenn es mich von hier aus weiter „zieht“. Für die meisten Menschen ist die erste Stufe völlig ausreichend und bezeichnet einen hohen Grad an Bewusstheit, wobei viele oft ihr gesamtes Leben damit verbringen diese Basis zu realisieren. 

Vollständige Menschwerdung

 Die zweite Stufe der Reifung nenne ich vollständige Menschwerdung. Hier beginnt sich das wahre menschliche Potenzial erst zu zeigen. Hier erkennen und erfahren wir, dass wir ein Spiegel der wahren Natur des Lebens sind, die sich durch uns entdecken will. Sie entdeckt sich durch unsere Gedanken, Gefühle, unsere Möglichkeit der Kreativität und allen freien Formen menschlicher Fähigkeiten.

Doch die Natur „an sich“ ist formlos und tritt nicht in Erscheinung.

Menschliche Reifung in ihre Vollständigkeit vollzieht sich „hin“ in diese formlose Natur reinen Bewusstseins. Denn nur als nicht in erscheinungtretendes Gedanken und -Meinungsfeld, können wir uns selbst, als diese Natur, in einer Form erfahren, die erst unser wahres Potenzial erweckt. Erst wenn „niemand“ mehr hier ist, der sich gegen die Natur stellt, kann sie fehlerfrei durch uns wirken.

Der Unterschied zur ersten Stufe besteht darin, dass ich erkenne, dass ich keine Geschichte mehr habe. Sie ist, als meine Vergangenheit, vollkommen irrelevant für mich geworden. Hier erlebe ich, dass Heilung nur in diesem Augenblick geschehen kann, in dem ich den Blick auf das fehlende oder beschädigte Urvertrauen richte. Jetzt, in diesem Moment, in dem ich Schmerz oder Angst erlebe und mich vollständig damit verbinde.  Ich mache keine Vergangenheit mehr dafür verantwortlich.

Klare Unterscheidungskraft

 Hier keimt wahre Unterscheidungskraft, die mir hilft von allem zu lassen, was mich von meiner Klarheit, meiner Kraft und meinem wahren Herzen trennt.  Ich bin Präsenz, reine Geisteskraft, die ihrem Erleben beiwohnt. Hier ist der Ort, an dem Schmerz, Angst und Wut und all ihre Differenzierungen aktiv verbrennen. Im Sehen dessen, was sich in mir vollzieht, erkenne ich mich als Präsenz, in die alles hineinfällt, was in ihr erscheint. 

Ich bin die Natur der Natur und erlebe mich als freie Anwesenheit in jedem Augenblick. Hier erst erkenne ich die vollständige Substanzlosigkeit von Gedanken, und dieses Erkennen ermöglicht es mir, sie fallen zu lassen und ihnen nicht mehr zu folgen. Erst mein vollständiges Desinteresse an jedweder Form von geistigem und gefühlsmäßigem Katapult aus der Kraft von Präsenz – seien es Erinnerungen, Gedanken über oder an, Vorstellungen, Fantasien und Ideen an eine imaginäre Zukunft – erlauben mir die Anwesenheit hier und jetzt.

Und nur hier und jetzt erfahre ich vollkommene innere Befriedung. Es gibt mich nur hier. Nur Jetzt. Vorher und nachher verbrennt bzw. kommt nie. 

Die Süße des Lebens

Die Süße und liebende Qualität des Lebens, seine reine Dynamik und Lebendigkeit liegen hier und nicht in sehnsüchtigen und intensiven Gefühlen, die zwangsläufig Frustration und Leere nach sich ziehen, nicht in Gedankengebäuden einer fantasierten Scheinwelt, die mich im Elfenbeinturm meiner Angst vor echtem Kontakt gefangen halten und  nicht in einem gemütlichen Leben, das an der Oberfläche seiner selbst kleben bleibt, dumpf und leblos …

Hier bleibe ich an nichts kleben, hier mache ich mich nicht angstvoll aus dem Staub, hier gibt es  Schmerz aber kein Leid. Hier bin ich bei vollem Bewusstsein in einer Qualität unverwüstlicher geistiger Kraft, die hier sieht, hier erlebt, hier erfährt und alles in sich aufnehmen kann, weil ihre Dimension unermesslich ist. Ein gedankenloser, unbegrenzter Raum, der sich als leibhaftige Anwesenheit erkennt.

Hier wird Handlung wirklich authentisch, weil sie vollständig aus sich selbst heraus geschieht. Hier verlieren Gedanken und Gefühle an Bedeutung, weil erst hier vollkommen klar wird, dass jedes Gefühl aus Gedanken entsteht, für die ich, als unbewusstes Interesse daran, einen Magnetismus darstelle.

Du bist der Magnet für Deine Gedanken

So lange ich ein (ungesehenes) Interesse (und damit Festhalten) an Schmerz, Angst usw. habe, bin ich der Magnet für Gedanken, die Schmerz, Angst usw. erzeugen.

Ich bin aber, in Wahrheit, die Quelle der Aufmerksamkeit und damit jene Anziehungskraft. Ich verschmelze erst mit dem Inhalt meiner Gedanken, wenn ich nach ihnen greife, also in die Identifikation damit falle. Das kann mir bewusstwerden.

Empfindung jenseits von Gedanken ist unmittelbar, leer und nicht mehr von „mir“ als reinem Sein getrennt. Und das, was nicht von mir getrennt ist, bin vollständig Ich. Darin gibt es kein „Problem“. Anhaftung an problematische Gedanken und dadurch auch an den dazu passenden Gefühlen dauert nur so lang, wie ihr Zustandekommen durch mich nicht durchschaut wird. Wenn ich „mich“ erkenne, fällt alles ab, was mich von diesem Erkennen trennt.

Das Leben als heilender Reinigungsprozess

In der ersten Stufe der vollwertigen Menschwerdung lerne ich durch meine abgespalteten Schmerzgefühle zu fallen, durch die Hölle meiner Angst zu gehen und durch die Trägheit meines Bewusstseins. Erst wenn ich diese Tore zum reifen Bewusstsein durchschritten habe, falle ich in die Befreiung von den Inhalten dessen, was mir erscheint. Vorher halte ich das alles noch zu sehr für „mich“. 

In der zweiten Stufe der vollständigen Menschwerdung erfahre ich das Leben als heilenden Reinigungsprozess, der mich reinwäscht von allem, was mich daran hindert klar zu sehen, klar zu fühlen, klar zu sein. Frei von Anhaftungen an Inhalte, die mich auf die falsche Fährte führen wollen, dorthin, wo es scheinbar noch um etwas anderes geht.

Jeder Schmerz, jede Angst, jeder Zorn sind dann Hinweise auf meine Identifikation mit den diese Zustände hervorrufenden Gedanken. Damit ist nichts verkehrt. Dann geht es einfach immer wieder um die Integration all dessen in „mich“ als Präsenz. So lange, bis es kein Herausfallen mehr aus mir gibt. Und das geschieht allein durch die Kraft des Bewusstseins, durch reines Sehen, das sich durch sein Interesse an sich selbst stärkt.

Die beiden Stufen laufen nicht strikt voneinander getrennt ab, sie überlagern und durchdringen sich. Klar ist nur, dass die Transformation hin zur vollständigen Menschwerdung erst dann stattfinden kann, wenn der Mensch sich als Person vollständig eingenommen hat.

So lange es noch um etwas geht,
bin ich nicht frei.

Erst aus der Freiheit des einfachen Seins heraus, das aus seiner wahren Natur der Präsenz heraus lebt, kann sich eine neue Menschheit bilden. Eine Menschheit, die Augen für die wahre Schönheit des Lebens hat, für wahre Liebe, die nichts  ausgrenzt, nichts hält und alles schenkt, für echte Schöpfung aus dem Spiel impulsiver Leichtigkeit heraus, oder unermüdlich bohrender Tiefe, die sich selbst folgt … und echtes Einssein, das sich in jedem Menschen auf seine Weise verwirklicht und heilsam verströmt.

Eine Menschheit, die kein Interesse mehr daran hat, etwas anderem zu dienen als der Realisation ihrer unendlichen Möglichkeiten, diese Existenz zu erkennen, zu feiern, zu ehren und zum Erblühen zu bringen. In dieser Geisteshaltung steht dem vollständigen Menschen Tür und Tor offen, das Paradies auf Erden zu erschaffen, weil er es voller Bewusstheit
in sich trägt.

 In Verbundenheit, Nicole

 

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10 Kommentare

  1. Maja Ferán

    liebe nicole…
    im schriftlichen jemandem zu übermitteln, wie berührt man wird jedes einzelne mal, wie zutiefst es mich in ein spüren zieht und mir jedes einzelne mal die tränen fließen, tränen eines sehnens nach dem, wovon du sprichst…
    ich kann nur hoffen, dass „ihr alle“, die ihr diese schwelle übertreten habt und dieses auch halten könnte, gleichermaßen diese abgründe der gefühlten hölle, der zutiefsten verzweiflung und des haderns mit allem durchleben musstet, denn nur das könnte trost bedeuten, eines tages von einer solchen gnade bedacht zu werden…

    du wunderschönes wesen, hab dank

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Diese Hölle kennt absolut jeder, liebe Maja. Es kommt einzig darauf an, wie
      sehr Du da durch willst. Es geht nicht ohne durchzugehen. Das kann ich
      Dir wirklich „schriftlich“ geben ;-).

      Antworten
      • Maja Ferán

        reden wir von dieser art hölle, in der sich aller, wirklich aller sinn verliert?
        in der es (scheinbar) kein morgen mehr geben wird, in der alles verlischt, was man freude, lebendigkeit, wärme und sinn nennen kann?
        reden wir von der hölle, in der der körper aufgrund der erstarrung der psyche und dem verstummen der seele sich zu zerlegen beginnt? und das leben um einen rum abbröckelt seit 2 jahren?
        von einer hölle, die unendlich erscheint, also endlos und in sich ausdehnend?

        hoffen will ich nicht mehr…
        aber ich will, dass du recht behältst…

        Antworten
        • Nicole Paskow

          Liebe Maja, jeder hat seine eigene persönliche Hölle, doch im Grunde fühlt sich jede Hölle an wie das,
          was wir uns unter Sterben vorstellen. Es ist absolut unerträglich und Du kannst das Gefühl haben, den
          Verstand zu verlieren und überhaupt nicht mehr zu wissen, was jetzt los ist. An diesem Punkt berührst
          Du den tiefsten Mangelpunkt in Dir. Den Urverlust Deines Vertrauens, den Urschmerz, wenn Du so willst.

          Die wirkliche Hölle sind die Gedanken, die so stark sind, dass sie Dich noch tiefer runter ziehen.
          Bermerke das, das nächste Mal. Und die Schwäche, diesen Gedanken die Aufmerksamkeit abzuziehen und ausschließlich auf das Zentrum
          dieser Hölle zu richten. Die reine Energie zu fühlen. Im Körper. Diese Stärke musst Du sozusagen entwickeln, um
          Dich da durchzulotsen. Denn wenn Du es schaffst zu fühlen, statt den Gedanken zu folgen, wirst Du
          erleben, dass sich das Gefühl auflöst. Das ist nicht mit einem Mal getan. Es ist ein Prozess.
          Zusätzlich kann Dir klar werden, dass die ständige Rekreation, also die ewige Wiederholung dieser Gefühle,
          als Programmierung in Dir existiert und sich dadurch immer wieder aufführt. Es ist ein Mechanismus, nicht
          die Wahrheit über Dich oder die Welt. Diesen Mechanismus kannst Du nur aushebeln, indem Du den Gedankenspiralen
          nicht mehr folgst und Dir immer klarer wird, dass es nicht wahr ist. Das es wirklich nicht wahr ist.
          Dieses Bewusstsein, + das tiefe (gedankenlose) Einlassen auf die Energetik dieser Gefühle, ist der Weg raus.

          Alles Liebe Dir.

          Antworten
        • Bernd Bienentreu

          Wenn du in der Hölle bis und kannst es lieben, bist du im Himmel.
          Ramesh Balsekar

          Antworten
          • Nicole Paskow

            Lieber Bernd, dieses Zitat kann man sehr missverstehen,
            wenn man es nicht versteht.
            Dann kann man denken, dass man das lieben soll, was so große
            Schmerzen bereitet.Das ist absolut unmöglich.
            Und weil Menschen es dennoch versuchen, gibt es noch mehr Schmerz…

            Es geht eher darum zu durchschauen, dass die „Hölle“ eine Projektion
            ist und keine Wirklichkeit. Wenn die Bewertung von Schmerz aufhört
            und nur mehr die Wahrnehmung dessen übrigbleibt, verbrennt
            der Schmerz in dieser Wahrnehmung.
            Den Schmerz, also die Hölle in Dir sein lassen zu können,
            ist im Himmel zu sein, weil die Hölle sich im Himmel auflöst…
            Also im reinen Gewahrsein.

            Aber das ist echt schwer zu verstehen für die meisten Menschen.
            Deshalb sage ich immer fühle und denke nichts dazu.
            Reines Fühlen führt Dich direkt in das Erleben, dass
            Schmerz seine Wirklichkeit verliert, wenn Du ihm direkt begegnest, ohne den Gedanken
            zu folgen, die Dich von diesem direkten Erleben abspalten.

            Gedanken, die den Schmerz künstlich aufrecht erhalten.
            Dafür braucht man aber ein starkes Bewusstsein, um auch überhaupt erstmal
            den starken Sog zu erkennen, der einen in die Gedanken zieht …

            Dieses Zitat drückt höchste Verwirklichung als Präsenz aus und kann nicht
            unkommentiert von einem Menschen verstanden werden, der sich im größten Schmerz
            befindet.

  2. Monika Slavic

    Phantastisch Nicole Danke
    Monika Maria

    Antworten
    • Bernd Bienentreu

      Zitat:
      So lange es noch um etwas geht,
      bin ich nicht frei….
      Das sind für mich die Schlüsselwörter in diesem wundervollen Text.
      Danke…

      Antworten
  3. Almuth

    Ich gehe so sehr mit einigen Sätzen in Resonanz, dass ich es schon erlebt haben muss, es ist keine Utopie für mich,keine theoretische bzw philosophische Abhandlung , es ist ein Gefühl von tiefem Verstehen, ein sehr wohliges Gefühl, was mich bis zu Tränen berührt hat .Und erstaunlicherweise ein Gefühl von Frieden, in dem nicht einmal die Sehnsucht existiert ,nach immer wieder mehr davon ..da ist Übereinstimmung. ..ein Aufleuchten und so etwas wie ein Sich- erinnern, ja deshalb  auch das Empfinden von Resonanz. ….und Dankbarkeit , ich glaube dieses Gefühl ist immer da…es ist lediglich überlagert von allem möglichen. …Danke dir, liebe Nicole

    Antworten
  4. Nao MI

    Ich habe noch nie, so eine Klarheit vernommen, die du in deinen Worten zu vermitteln fähig bist..es tut einfach nur gut, eine Wohltat..für Herz/Seele und Geist..Danke Dir, liebe Nicole
    LG Sandra

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