Was ist Realität wirklich? Sind wir überhaupt in der Lage die Dinge real zu sehen?

Wenn wir inmitten eines emotionalen Aufruhrs stehen, haben wir einen ungemein verengten Blick auf die Realität. Im Körper herrscht Sturm, im Kopf ebenso. Alles fliegt durcheinander und wir reagieren mit einer Abwehrhaltung auf die dominanteste Empfindung: Verletzung oder Wut oder Angst …

Das Wahrnehmungsfeld ist enorm eingeschränkt und wir können den „Blick“ nicht mehr abwenden von der fixierten Sichtweise, die wir gerade erleben. Unsere Aufmerksamkeit ist vollständig gebunden. Dementsprechend steht uns kein Bewusstseinsraum zur Verfügung, der uns diesen automatischen Vorgang vergegenwärtigen könnte. Alles ist emotional vereinnahmt. Deshalb sind wir gezwungen die Realität, wie sie sich uns bietet, als „so seiend“ zu erleben. Die Ursache unserer Empfindung sehen wir eindeutig im Außen und haben keine Einsicht in die wahre Quelle ihres Ursprungs.

So ist es dann. Jemand hat Schuld an unserer gefühlsmäßigen Verfassung. Wir kommen dann zu Schlüssen wie: Es ist immer so. Das passiert mir immer wieder. So ist die Welt, das Leben, die Männer, die Frauen … Da kann „man“ nichts machen.

Worauf reagierst Du wirklich?

Und so ist es auch. Man kann tatsächlich so lange nichts machen, bis man eindeutig erkennt, worauf man in Wirklichkeit reagiert hat. Wir reagieren selten auf die Dinge, wie sie sind. Unsere Reaktionen sind allesamt Antworten auf eingefleischte Denkstrukturen unserer Vergangenheit. Und so lange uns das nicht bewusst wird, sind wir Gefangene unserer Sichtweise und unserer Reaktionen darauf. Dann sind wir gefangen in einer Realität, die wir für absolut und damit unveränderlich halten.

Starke Emotionalität ist zwar ein eindeutiges Erkennungsmerkmal, das uns die momentane Fixiertheit unserer Aufmerksamkeit gut verdeutlichen kann, doch ist es keineswegs so, dass Gefühlsaufruhr die einzige Vernebelungsmaschine einer klaren inneren Sicht ist.

Es kann ebenso der Glaube, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, sein, der eine perfide Verdunkelungstaktik fährt, die uns – als wachen Aufmerksamkeitsraum – hinters Licht führt. Hier sind wir einfach nicht in das Geschehen um uns herum involviert. Wir stehen außerhalb von Emotionalität und erliegen der falschen Ansicht klar zu sehen und erkennen nicht, wie wir die Augen vor unseren inneren Vorgängen verschließen, mit denen wir nichts zu tun haben (wollen). „Ich bin eben so.“

Ich bin eben so.

Die unbewusste Abwehr des direkten Kontaktes zu den eigenen Gefühlen gaukelt eine Gelassenheit (Ich lasse mich wie ich bin) und Objektivität vor, die uns wie hinter einer Milchglasscheibe leben lässt. Hier können wir nur in uns selbst herumirren, wo wir keinen „Anschluss“ finden. Das zeigt sich dann gespiegelt in der Unverbundenheit zum äußeren Raum. Bis wir bereit sind, die Türen für unsere wirklichen Gefühle zu öffnen.

Bis wir bereit sind zu fühlen, was wir nicht sehen wollen und damit den Raum für eine neue Art des Erkennens zu öffnen. Unerschrockenes Sehen und Fühlen als Verbund, gibt uns eine klare Einsicht in die Realität, wie sie sich durch uns zeigt.

In beiden Fällen brauchen wir eine klare Bewusstheit. Die Bewusstheit darüber, dass Emotionalität die Sicht verengt und Distanziertheit zwar ein größeres Sichtfeld hat, aber keinen inneren Anschluss an das Geschehen und somit in gleichem Maße seine eigene Realität kreiert.

Bewusstheit setzt voraus, das ich sehen will.  Ich muss eine Ahnung in mir tragen, dass der ewige Kreislauf von hell und dunkel, von nah und fern, von eng und weit, von leicht und schwer usw., nicht alle menschlichen Möglichkeiten erschöpft, das Leben zu erleben. Ich muss eine Ahnung in mir tragen, dass die menschlichste Eigenschaft per sé, die Fähigkeit zu Erleben und zu Erkennen ist.

Das wirkliche Ausmaß der Täuschung

Diese Ahnung zu verwirklichen, heißt die Bewusstheit zu verwirklichen, die jedem Menschen zugrunde liegt. Sind wir bereit wirklich hinzusehen und wirklich zu fühlen, dann erkennen wir erst das wirkliche Ausmaß der Täuschung, der wir anheimfallen, wenn wir glauben, die Welt so zu erleben, wie ist tatsächlich ist.

Denn das ist absolut unmöglich. Nüchtern gesagt, lässt uns allein die Tatsache, eine Verkörperung von Bewusstsein zu sein, zu Interpretatoren einer Informationsflut werden, die in der Verkörperung selbst vonstattengeht. Wir interpretieren aufgrund unserer Vorerfahrungen das, was uns begegnet und begegnen der Welt somit bereits „gefärbt“.  Das ist ganz normal und unumgänglich.

Es kann uns allerdings bewusst werden. Und hier beginnt die eigentliche menschliche Reise. Hier erst haben wir die Chance auszutreten aus einem absolut determinierten Raum, der uns ohne unser Wissen gefangen hält. Jetzt können wir eintreten in den relativ determinierten Raum, der uns die wahren Möglichkeiten unserer jeweiligen Verkörperung erst sichtbar macht.

Was wirklich geschieht

Wenn wir bereit sind unsere inneren Vorgänge vorbehaltlos zu erfahren und nicht auf sie zu „reagieren“, wie wir es gewohnt sind, schaffen wir den Raum, der uns sehen lässt, was wirklich geschieht. Hier können wir entdecken, wie oft unsere Wut und die Bereitschaft anzugreifen eine eigentliche Verletzung verbergen will. Wie oft das Festhalten an Menschen, die wir nicht verlieren wollen, die Angst verdeckt für uns selbst einzustehen, wie oft wir Verbundenheit viel lieber im Außen suchen, als uns selbst wahrhaftig zu fühlen …

Und hier können wir entdecken, dass wir etwas in uns schützen wollen, das zutiefst verletzt dem Leben nicht direkt begegnen will. Weil es einfach noch nicht entdeckt hat, dass die Verletzung eine lebensgroße, mörderische Einbildung ist, die wir erlösen können, wenn wir sie wirklich, mit aller Bewusstseinskraft anschauen und ihr nicht mehr aus dem Weg gehen.

Dann können wir sehen, dass die Urverletzung das einzige Hindernis ist, das uns von unserem wahren Wesen trennt, was nichts anderes als Bewusstsein ist. Bewusstsein erlebt sich selbst als durch die ungesehene Verletzung gefärbte Realität. Und zwar so lange, wie es die Verletzung nicht zu sich nehmen will.  

Deshalb müssen wir durch die Hölle unserer tiefsten Überzeugungen, wenn wir zu uns finden wollen.

Und das schafft nur jemand, der es wirklich will.  Nur der wirklich Wollende weiß bereits um die Unermesslichkeit der Schönheit dieses Lebens, die sich uns spontan in allem offenbart, was uns begegnet, weil es nichts mehr gibt, was uns von dieser Schönheit trennt.

Aus dieser Sicht werden Probleme zu Möglichkeiten, schmerzhafte Gefühle zu Herausforderungen, die für mich da sind, um tiefer gehen zu können, um wirklich hinsehen und hinfühlen zu lernen. Sie werden zu Geburtskanälen in meine wahrhaftige Wirklichkeit. Hier beginnt das wirkliche So-Sein der Dinge.  Wenn die verzerrte Sicht befreit ist, die mich die – sich aus sich selbst heraus entfaltende, unbegrenzte Wesenhaftigkeit allen Seins – durch mich selbst –  erkennen und lieben lässt.

In Verbundenheit, Nicole

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2 Kommentare

  1. Paul

    Liebe Nicole

    Deine Worte sind so nah an der Wahrheit und du versetzt mich immer wieder in Staunen. Etwas berührt mich dauernd während ich deine Worte lese, kann es
    nicht erklären es fühlt sich ungefähr so an als würdest du von mir sprechen, aber das ist es auch wieder nicht.
    Finde einfach keine Worte für alles, es ist grad so als wäre keine Getrenntheit da, so als wäre alles Eins.

    Alles liebe Nicole

    Antworten
  2. Bernd Bienentreu

    In Kombination mit dem gesprochenen Wort und dem lesen des Textes ein Erlebnis, und auch wiedermal ein Thema (nur) für mich.
    Danke.
    Alles Liebe,
    Bernd

    Antworten

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