Unter der Tarnkappe - Das verletzte Wesen

by Nicole Paskow von Radical Now

In uns allen wohnt ein zutiefst verletztes Wesen. Es wohnt als leise glühender Schmerz, als vibrierende Angst, als dumpfe Leere in der Dunkelheit einer inneren Höhle, die wir vor uns selbst geheim halten. Wir sind allesamt überwältigte Kinder. Überwältigt von der Unbewusstheit und Überforderung ebensolcher erwachsenen Kinder, wie wir es sind. Das Trauma gibt sich weiter, so lange, bis es gesehen wird. Bis verkörpertes Bewusstsein die Bereitschaft entwickelt sich in seiner stillen, unbegrenzten Anwesenheit
als Wahrheit zu entdecken.

Die Strategien, die wir im Kindesalter entwickelten, um die Verletzung nie mehr spüren zu müssen, sind auch heute noch wirksam. Oftmals vollkommen unentdeckt von uns selbst.
Und doch dringt die Auswirkung dieser Verletzung zu uns hoch, blickt durch unsere Augen, spricht mit unseren Zungen und trübt unsere Sinne. Als hätten wir eine lebende schwarze Perle tief in uns vergraben, deren unheilvolle Impulse unser Gesamtgewebe als Schwingung beschallt. Es ist ein Magnetismus, nach dem sich unbewusst alles in uns ausrichtet.

Ein innerer Magnetismus

Ist es der Schmerz der inneren Verlassenheit, den wir vermeiden wollen, lassen wir uns nicht vollkommen auf die Liebe ein und kontrollieren uns selbst und unser Umfeld. Wir kreieren uns immer wieder Situationen, in denen unsere größte Sehnsucht unerfüllt bleibt, um uns vor der Erfahrung direkter und tiefer Nähe zu schützen. Weil wir, um diese zu fühlen, vollkommen schutzlos sein müssten.

Ist es Angst, die wir nicht fühlen wollen, schaffen wir uns äußere Sicherheiten, die uns nicht mehr in Berührung kommen lassen, mit diesem erschreckenden Gefühl. Wir bleiben außen vor, gehen nicht in echten Kontakt mit uns selbst und anderen, sind blind für unsere Gefühle, verstellen uns durch Undeutlichkeiten und bleiben in uns selbst verschlossen. Wir leben zutiefst in geistigen Welten, die wir für wirklich halten und vermeiden auf diese Weise echte Berührung.

Ist es Leere, die wir nicht empfinden wollen, lenken wir unsere Aufmerksamkeit ab. Wir halten uns beschäftigt, um nicht innezuhalten und die Verlorenheit zu spüren, die uns so große Sinnlosigkeit erleben lässt, dass wir glauben zu erlöschen. Wir füllen unsere Mägen, unsere Lungen, und unsere Sinne und imitieren Vollsein, um nicht das Nichts zu fühlen, das uns die Orientierung raubt.

Ein Leben auf Sparflamme

Es ist wie ein Leben auf Sparflamme. Ein Ersatzleben, ein halbes Leben, ein Leben aus zweiter Hand, dessen wir uns noch nicht mal bewusst sind, weil wir den Unterschied zu einem vollen Leben gar nicht kennen. Die einzige Möglichkeit hier herauszukommen ist die Sehnsucht zu spüren, wirklich zu leben. Echt, wahrhaftig, tief und voll angeschlossen an den Stromkreislauf des Lebens.

Deine Sehnsucht ist es, die Dich aufbrechen lässt zu einer tiefen Ahnung – der Ahnung, dass etwas nicht stimmt mit der Wirklichkeit Deiner täglichen Erfahrung. Würdest Du freiwillig dieses Leben leben?

Erst wenn Du die Zwänge erkennst, die Deine Lebenswirklichkeit hervorbringen, kann der Raum der Bewusstheit wachsen, indem sich zu erkennen gibt, was Deine wahrhaftige Wirklichkeit ist. Vor uns selbst unentdeckt ist Präsenz immer anwesend. Die Präsenz Deiner Gegenwärtigkeit.

Es braucht neue Hinweisgeber auf diese menschlichste der menschlichen Eigenschaften, ohne die Menschsein nicht möglich wäre:

Die pure Fähigkeit zu Erleben und Erfahrungen zu machen. Ein gesundes Kind ist ein Meister der Entdeckung! Stundenlang verliert es sich im Erkunden von Sand, Erde und Steinen. Es erforscht sich selbst und seine Umgebung, unerschrocken und selbstvergessen. Dieser Drang ist in uns allen angelegt. Und zu früh wurde er gedeckelt.

Die Möglichkeit Erfahrungen zu machen

Doch selbst wo er nur noch als scheintoter Pflanzenstrang mit flacher Atmung vor sich hinvegetiert, ist er vorhanden. Denn er ist das, was Leben ist:

Die Möglichkeit Erfahrungen zu machen, vor dem stillen Hintergrund des haltenden Raumes. Dieser Raum ist in jedem Menschen anwesend. Raum und Inhalt sind ein Verbund. Ein universelles Prinzip, das überall in seinen Ausdruck findet.

Bewusstsein, das im Unbewussten seinen Ursprung findet. Relatives, das dem Absoluten entspringt. Sobald mein Erleben die Teilung durch die wahrgenommenen Pole verliert, existiert nur noch Erleben. Gut und schlecht, wahr und falsch fallen in sich zusammen. Übrig bleibt Erleben, in dem alles enthalten ist und dem tiefe Einsicht in sich selbst innewohnt.

Hier heben sich die Grenzen von innen und außen auf, ohne ihr Vorhandensein zu verlieren. Verschiedenheit ohne bewertende Unterscheidung. So-Sein in höchster Einsicht. Das ist Menschsein.

Ich erlebe mich ohne Angst vor mir und meinen Gefühlen, ohne Selbstverurteilung, ohne die Frage nach meinem Wert. Ich bin anwesend mit meiner Freude, meiner Berührbarkeit, meiner Verletzlichkeit, meinem Mitgefühl, meiner Stärke, Zartheit und meinem Mut.

Ich bin Erlebende meiner selbst in grenzenloser Offenheit für das, was ist. Und hier entsteht von selbst die Unterscheidungskraft. Hier sehe ich alles, was mich begrenzt. Es ist das Sehen selbst, das die Grenzen niederbrennt, die mich von mir als Weite, Offenheit und beständig fließender Wandelbarkeit trennen. Von mir als erschienene Anwesenheit innerhalb aller Erscheinungen. Als Wahrnehmungszentrum, das Wahrnehmung selbst über sich informiert.

Wir tragen alle eine Tarnkappe

Wir tragen alle eine Tarnkappe. Eine Kappe, die uns vor uns selbst in der Unsichtbarkeit hält. So, wie wir als Kinder sein sollten, um der elterlichen Umgebung als tauglicher Spiegel zu dienen. Es ist Zeit, dass wir unser Kindsein verlassen. Und vor uns selbst in die Sichtbarkeit erwachsen. Uns trauen zuzulassen, was wir sowieso fühlen, wenn wir uns trauen hinzusehen, hinzuspüren und das Licht anzuzünden, das uns natürlich innewohnt.

Wir werden dann zu Meistern unseres Lebens, denen alle Antworten zur Verfügung stehen, weil sie dem Ursprung entwachsen. Wir brauchen keine Fragen mehr in äußere Räume schicken, wenn wir bereit sind die Antworten in unserem Inneren zu fühlen.

Hier liegt die Wahrheit, nach der wir uns sehnen, die Sicherheit und die grenzenlose Liebe. In der Verbundenheit mit uns selbst sind wir verbunden mit allem, was uns erscheint, und bewegen uns in reiner Resonanz. Die Bereitschaft, das Gefängnis kindlicher Überlebensstrategien zu verlassen, trägt uns zu uns selbst als lichte Anwesenheit in einem berührbaren, kaleidoskopischen Kosmos, dessen Ebenbild wir sind.

In Verbundenheit, Nicole

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9 Kommentare

  1. Bernd Bienentreu

    Zutat“
    Als Wahrnehmungszentrum, das Wahrnehmung selbst über sich informiert.“
    Zitat Ende.
    Das Eine, das ein Zweites braucht, um sich selber zu erfahren!
    Kann es schöner ausgedrückt werden…
    Vielleicht, doch es ist die Aussage die auf die absolute Wahrheit verweist.
    Danke, für den wundervollen Text, den ich wieder genießen konnte.
    Bernd

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    • Nicole Paskow

      Ich freu mich über Dein „Genießenkönnen“, Bernd 🙂

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  2. Hans

    Ja Nicole, die Botschaft weiß ich wohl, aber das Problem ist immer, wie kann ich es umsetzen, wie komme ich aus den Zwängen heraus?
    geht das ohne fremde Hilfe?

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    • Nicole Paskow

      Lieber Hans, meine Erfahrung ist, dass es allein sehr schwer ist. Die Zwänge leben sich ja über den Kontakt zu anderen Menschen aus.
      Und wir sind zumeist blind für ihren Ursprung und ihre Bewegungen durch unser System.
      Deshalb ist es besser sich an Menschen zu wenden, die in der Hinsicht Unterstützung anbieten.
      Es lohnt sich gemeinsam hinzusehen und die Hemmnisse in unserem Inneren zu identifizieren.
      Das schafft Bewusstseinsraum, in dem gesehen werden kann, wie die Mechanismen wirken und was sie bewirken.
      Damit können wir dann in Kontakt gehen, fühlen, mitfühlen und erlösen.
      Herzlich, Nicole

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  3. Jörg

    Ich bin gerührt, verführt, ohne Worte.
    Einfach nur sein …
    Danke für diese Worte …
    Jörg

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    • Nicole Paskow

      Das freut mich Jörg, zur Berührung verführt, immer mehr …
      Ich umarme Dich, Nicole

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  4. Martina Blind

    Unglaublich tiefe Worte, wie aus einem größeren Raum zu uns geholt… waaawww…
    Ich spüre ich brauche den Text nicht mit meinem Koof komplett verstehen, sondern ich nehme die Informationen aus dem großen Ganzen der Weisheit des Textes in mich auf…
    Befreiende Worte…
    Danke dir Nicole als Mittlerin dieser wunderbaren Weisheiten

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  5. Sabine

    Liebe Nicole, zu Deinem Satz „Als hätten wir eine lebende schwarze Perle tief in uns vergraben, deren unheilvolle Impulse unser Gesamtgewebe als Schwingung beschallt. “ mag ich gerne darauf hinweisen, dass es doch gerade diese Impulse sind, die uns aufmerksam machen, dass da etwas unsere Aufmerksamkeit braucht. Insofern ist genau dies der Wegweiser, wo entlang es zur Heilung geht. Ich empfinde dies nicht als „unheilsam“, sondern lerne mehr und mehr dankbar für diese Impulse zu sein und die Schönheit der „schwarzen Perle“ wahrzunehmen. Herzlichst, Sabine

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    • Nicole Paskow

      Liebe Sabine, absolut, da stimme ich Dir voll zu. Die Perspektive aus der ich diesen Satz sehe, blickt in erster Linie darauf, zu verdeutlichen, dass diese „schwarze Perle“ ein Magnetismus ist, der Situationen anzieht, die dazu passen. Um zu erkennen, dass wir nicht auf äußere Umstände reagieren, sondern auf innere Mechanismen in uns… Herzlich, Nicole

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