Neti Neti ist nur die halbe Miete

by Nicole Paskow von Radical Now

Ich nenne die Fähigkeit, andere Hüllen des Bewusstseins zu betreten, Liebe. Die Liebe sagt, Ich bin alles. Die Weisheit sagt, Ich bin nichts. Zwischen diesen beiden fließt mein Leben.

Nisargadatta Maharaj

Ich bin nichts und ich bin alles. Wie ist das zu verstehen? Im Grunde ist es nur verständlich, wenn man versteht, dass die Welt aus der Vereinigung der Pole besteht. Die Tatsache, dass wir überhaupt (etwas) wahrnehmen können, ist das Ergebnis von Dualität. Etwas taucht auf und wird gesehen. Ohne die Zweiheit gäbe es nichts über das jemand etwas sagen könnte, weil keine Wahrnehmung von etwas existieren würde.

Eine Katze existiert in der Dualität, erlebt sich selbst aber nondual. Also nicht als etwas Eigenständiges. Sie existiert einfach und folgt den Programmen, die ihr angeboren sind. Eine Katze hat kein Problem mit sich selbst, weil sie keinen bewussten Umgang mit sich selbst hat und damit keinen Unterschied zwischen sich und dem, was ihr widerfährt, machen kann. Auch wenn sie Schmerzen hat, krank ist, misshandelt wird – sie „ist“ in allem „drin“ und kann sich nicht von sich selbst als Erfahrungswelt trennen. Sobald der Schmerz aufhört, ist sie größtenteils wieder in ihrem natürlichen Katzenzustand.

Wir Menschen aber haben Bewusstsein und nehmen uns und alles, was uns erscheint, getrennt von uns selbst wahr. Damit kreieren wir Andersartigkeit und der materielle Überlebensmodus diktiert uns, Andersartigkeit als Fremdheit zu interpretieren und damit als Bedrohung zu bewerten. Abgrenzung ist das Ergebnis, dass zu allen menschlichen Problemen führt.

Etwas in etwas Anderem

Wir bekommen mit, dass wir sind. Bewusstsein ist verantwortlich dafür, dass wir uns als Etwas in etwas „Anderem“ empfinden. Als „Mensch“ in der „Welt“, der die Katze sieht. Wenn es kein Bewusstsein gäbe, wäre auch die Katze nicht da. Sie erscheint in meinem menschlichen Bewusstsein als etwas anderes als ich. Diese Trennung kann sich nur im Bewusstsein vollziehen. Wahrnehmung ist das Ergebnis der menschlichen Fähigkeit zu differenzieren.

Im Bewusstsein entsteht die Welt. Dein Gehirn hat sehr früh angefangen polare Eindrücke zu differenzieren und dadurch seiner Anwesenheit gewahr zu werden. Heiß – kalt, hungrig – satt, hart – weich … Durch diese Empfindungen haben wir gelernt zu unterscheiden. Bewusstsein hat sich aus sich selbst heraus weiterentwickelt. Es selbst ist, was jede Weiterentwicklung verwirklicht!

Doch was ist das Gegenteil von Bewusstsein? Das Unbewusste. Ohne das Unbewusste gäbe es kein Bewusstsein, weil Wahrnehmung nur vor dem Hintergrund der Nichtwahrnehmung vollzogen werden kann. Daniel Herbst sagte mal in einem seiner Texte so plastisch: „Nur weil alles um die Tasse herum nicht die Tasse ist, können wir sie wahrnehmen.“

Alles Sichtbare braucht das Unsichtbare

Etwas, das erscheint, tut dies in einem Raum, der nicht die Erscheinung ist. Oder: Alles Sichtbare braucht das Unsichtbare, um sichtbar zu sein.

Wir erleben dieses Prinzip auf weniger totaler Ebene jede Nacht im Tiefschlaf. Oder besser gesagt: Wir erleben es nicht. Im Tiefschlaf haben wir keine Wahrnehmung von uns selbst. Wir treten erst wieder in uns ein, wenn wir aufwachen. Bewusstsein kommt wieder zu sich. Es tritt aus der Nichtdifferenzierung des Unbewussten hervor.

Was können wir über uns sagen, wenn wir das wissen? Wer oder was sind wir?

Die großen Advaita Gurus sagen: Wie könnte etwas, das kommt und geht – wirklich sein? Bewusstsein geht aus dem Unbewusstsein hervor. Das Unbewusste ist unvergänglich, es kommt und geht nicht. Niemand weiß etwas darüber, außer dass es in einer unbekannten Weise „da“ sein muss, als Gegensatz zu dem, was kommt und geht.

Wenn Nisargadatta davon spricht, dass Weisheit ihm sagt, dass er nichts sei, geht diese Annahme auf genau diese Einsicht zurück: Wir sind nichts ohne Bewusstsein. Und Bewusstsein ist nichts Eigenständiges und deshalb nichts Wirkliches, weil es nicht ewig ist. Es ist beobachtbar, dass es kommt und geht.

Alles, was erscheint, ist vergänglich

Ich bin nichts heißt: Alles, was erscheint, ist vergänglich. Ich halte mich selbst für Etwas, weil ich mich ja wahrnehmen kann, aber das ist eine Illusion, weil diese Wahrnehmung sterblich ist.

Deshalb richten die Gurus ihre Aufmerksamkeit auf das, was unsterblich ist. Und das ist scheinbar das, was Nichtwahrnehmung ist, die weder dies noch das sein kann. Man kann schlicht nichts über sie sagen. Und sich alle Worte sparen, weil sie von Natur aus unbeschreibbar ist. Beschreibung entspringt immer einer Wahrnehmung und somit dem Bewusstsein.

Wir sind also das, was vor sich selbst nicht auftauchen kann, das, was es (vor sich selbst) nicht gibt. Das Unbeschreibliche. Noumenon. Das Unsagbare. Nichts. Für das selbst dieses Wort zu viel Beschreibung ist.

„Die Liebe aber sagt, ich bin alles.“ Die Fähigkeit andere Hüllen des Bewusstseins zu betreten, nennt Nisargadatta Liebe. Damit ist der Akt der Identifikation gemeint. Dass es überhaupt dazu kommt, dass aus dem Unbewussten, dem Formlosen etwas auftaucht, dass sich selbst erkennt, ist das, was Liebe ist. Wir (Verkörperungen des Bewusstseins) sind also Kinder der Liebe. Hier ist etwas, das sich selbst erkennen will, deshalb trennt es sich von sich selbst (dem Unbewussten), um sich wahrnehmen zu können und wird zu Bewusstsein.

Der Wille nach Bewusstheit

Wahrnehmung entsteht immer in der Zweiheit, wie oben schon erwähnt. Dem Unbewussten (der Einheit) wohnt also der Wille nach Bewusstsein inne (der Zweiheit).  Es will sich sehen!
Und wie wird das möglich? Indem es aus sich selbst (!) heraustritt und sich gegenübertritt.
Aus Liebe. Was ist Liebe anderes als „Ich will Dich?“ Was ist Liebe anderes als tiefes Interesse?

Das Unbewusste, Formlose, Unaussprechliche tritt sich selbst als Ich, als Du, als er oder sie oder es entgegen und sagt dazu „Ich“. Und dieses „Ich“ hält sich für alles, was es gibt. Es ist sein eigenes absolutes Zentrum. Nur so kann es sich in Erfahrung bringen, kann es sich entdecken. Hier ist der Anfang unserer bekannten Welt der Verschiedenheit und Dinge, der Erscheinungen, der Gefühle, Gedanken und – der Probleme. Doch die Probleme entstehen nur aus der Einseitigkeit der Sichtweise. Wir halten uns abwechselnd entweder für zu viel „Nichts“ oder für zu viel „Etwas“ ohne Verbindung dazwischen.

Deshalb sagt Nisargadatta: 

„Die Liebe sagt, Ich bin alles. Die Weisheit sagt, Ich bin nichts. Zwischen diesen beiden fließt mein Leben.“

Zwischen diesen beiden fließt das Leben. Ja, wenn wir uns beider Pole in uns selbst bewusst sind. Dann vereinen sie sich als innere Einheit. Dann findet das Leben sowohl als Ich statt, als das ich mich empfinde und gleichwie als Unendlichkeit, in der diese Empfindung stattfindet. Identifikation und Nichtidentifikation finden gleichzeitig statt. Das Ergebnis ist Leichtigkeit in jeder Erfahrung.

Liebe, die sich selbst erfahren will

Wir sind das Unbewusste, das formlose Sein. Wir sind Nichts, das sich in bewusster Form als Alles erfährt. Und das Bindemittel ist Liebe. Wenn wir es ganz pathetisch sagen wollten, dann ginge es auch so: Wir sind Liebe, die sich selbst erfahren will – durch uns.  Doch damit werden wir kaum einverstanden sein, wenn wir den Zustand der Welt betrachten. Ist das aber nicht ein direkter Ausdruck eines bewusstlosen Extremismus?

Extremismus entspringt immer einer einseitigen Sichtweise und ist insofern nicht menschlich, weil alles menschliche bewusst und damit polar ist. Wir werden umso menschlicher und damit umso um-sichtiger, je tiefer sich unser Bewusstsein für die Zusammenhänge des Lebens und damit für seinen eigenen Ursprung interessiert. Für seine eigene Erhellung.
Oder sollte ich sagen – Erleuchtung?

Es liegt in und an uns. 

In Verbundenheit, Nicole

 

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