Eine Beziehung braucht immer zwei. Einen der sich bezieht und einen auf den sich bezogen wird. Du und ich, wir sind natürlich zwei. Ich bin ich und Du bist Du. Du bist eine andere Perspektive, die das Leben eingenommen hat. Du siehst anders aus als ich. Du hast andere Erfahrungen als ich. Dein Flussbett, durch das die Lebensenergie fließt, ist anders geformt als meines. Wir können uns darauf einigen, dass es so aussieht. Von außen gesehen haben wir eine Beziehung zueinander, weil wir offensichtlich zwei sind. Und doch …

Jetzt kommt es darauf an, wie es in Dir und in mir aussieht. Hast Du eine Beziehung zu Dir? Das würde bedeuten, Du wärest in Dir zwei. Höchstwahrscheinlich ist das so. In den meisten Menschen wohnen mindestens zwei Instanzen. Eine Instanz, die etwas erlebt und eine, die das Erlebte kommentiert, bewertet und einordnet. Dieser Umstand hat sich früh gebildet und resultiert aus dem Wertesystem, das uns vermittelt wurde.

Und hier liegt auch der Knackpunkt. Wir sind es nicht gewöhnt, diesen Umstand – zwei in uns zu sein – zu hinterfragen. Oftmals fällt er uns noch nicht mal auf. Die Kommentare, denen wir ausgesetzt sind, nennen wir einfach Denken. Obwohl wir meistens darunter leiden, nehmen wir es genauso hin wie wir unsere Eltern als gegeben hinnehmen. Mit dem gleichen vertrauten Gefühl dahinter, das wir kennen. Irgendwann einmal kippt dieses Gefühl zu unseren Eltern. Vielleicht kennst Du das.

Dein Bewusstseinsraum wächst

Dann hast Du plötzlich das Gefühl, über Deine Vorstellung von ihnen hinausgewachsen zu sein. Dein Blick auf sie und Dein Gefühl für sie verändern sich. Es ist, als würden sie auf einmal in Dir Platz haben. Du nimmst sie nicht mehr nur als Deine Eltern in Bezug zu Dir als Kind wahr, sondern sie bekommen ihre menschliche Dimension hinzu. Sie bekommen ihr eigenes Leben dazu, was vorher für Dein Kind-Ich nicht sichtbar war.

In diesem Moment ist der Bewusstseinsraum in Dir gewachsen. Du hast Dich aus der Verschmelzung mit Deinen Eltern gelöst. Dieser Akt lässt Dich mehr sehen und er ist gleichzeitig irreversibel. Du kannst nicht mehr zurück. Er lässt Dich sehen, was schon immer da war, was Du aber bis dahin nicht wahrgenommen hast: Das von Dir unabhängige Leben Deiner Eltern.

So ist es auch mit dem so genannten Denken. So lange wir mit dem zwanghaft ablaufenden Gedankenstrom identifiziert, also verschmolzen sind, haben wir nicht genug Bewusstseinsraum, um zu erkennen, dass dieser Strom in uns, als dieser Raum, abläuft. Es ist der gleiche Akt. Plötzlich wird etwas sichtbar, was schon immer da war. Deshalb sagen alle Weisheitslehren: Du bist es schon.

Es geht lediglich darum, den Wahrnehmungsraum so weit zu bekommen, dass sichtbar wird, was tatsächlich stattfindet. Aus der Identifikation heraus können wir nichts sehen. Wir sind dazu verdammt uns für das zu halten, was wir denken. Daraus gibt es kein Entrinnen. Außer, es tut sich eben eine Lücke auf. Ein Riss in unserer Realität, dem wir unsere Aufmerksamkeit schenken.

Ein Riss in der Realität

Du bist in Dir zwei, weil in Dir Wahrnehmung stattfindet, die permanent kommentiert wird. Dadurch entsteht eine Beziehung zwischen Deinem Erleben und Deiner Haltung zum Erlebten. Du findest es gut oder schlecht oder so lala. Du findest es jedenfalls immer „irgendwie“. Und hier ist das Problem. Das, was Du so findest, baut auf dem auf, was Du gelernt hast, wie die Dinge zu sein haben. Und eben diese Sicht begrenzt sowohl Deine Möglichkeit etwas (neues) zu erfahren als auch Deine Haltung dazu zu hinterfragen. Das ist die Gefangenschaft in Deinem Wertesystem, mit dem Du identifiziert bist.

Sobald Du dieses Wertesystem als irrelevant für Dein Leben erkennst, bist Du frei. Dann ist Dein Bewusstseinsraum so weit, dass alles, was Dir erscheint, hineinfällt. Es fällt in Dich als die Wahrnehmung dessen, was ist. Die Beziehung löst sich auf, denn in Dir bist Du nur noch eins: Sein. Unkommentiertes Erleben, das alles, was es zu wissen gibt, aus diesem Erleben erfährt. Und nicht aus dem Denken.

Denken geschieht von selbst, wenn es erforderlich ist. Denn Denken ist funktional. Es wird für alles Planerische und Organisatorische gebraucht, nicht aber, um Dich über Dein Erleben zu informieren. Was Du fühlst, willst und tun sollst ergibt sich aus dem, was Du erlebst. Denn wenn das automatische Denken in den Hintergrund tritt, fühlst Du direkt, was los ist. Und das reicht allemal für alles, was Du brauchst.

Aber: Sein Wertesystem in Frage zu stellen ist das Schwerste, was ein Mensch vollbringen kann in seinem Leben. Weil das kollektive Bewusstsein selbst noch im Überlebensmodus ist. Deshalb ist es noch immer „normal“, zu denken, wie wir es tun, weil wir noch immer glauben, dass es unerlässlich ist für unser Überleben in dieser Welt. Daher ist die Energie, die uns in der Gefangenschaft unserer konditionierten Denksysteme hält, sehr hoch. Die Aufmerksamkeit ist hier einfach noch zu stark gebunden.

Inneres Einssein

Zahlreiche Menschen aber, deren Bewusstsein sich tatsächlich erweitert hat und die unermüdlich davon berichten, wie anders das (Er)Leben aus dem inneren Einssein heraus ist, beweisen jedoch, dass es möglich ist. Und das ist auch der einzige Umstand, den es erfordert: Für möglich zu halten, dass Du selbst, als dieser Mensch mit all seinen Problemen, Ideen und Meinungen, bereits das bist, was Du Dir tief im Inneren wünschst: Heil. Ganz. Unversehrt.

Für möglich zu halten, dass dieses Heilsein lediglich überdeckt ist von einem Netz aus Vorstellungen darüber, was Unheil und was Heil ist.

Sobald Du dem unermüdlichen Gedankenstrom in Dir keine Aufmerksamkeit mehr gibst, wird er verblassen und zu Tage tritt Deine einfache, freie Anwesenheit genau da, wo Du Dich befindest. Hier ist es un-beschwert, weil das Korsett aus Gedankeninhalten Dich nicht mehr halten kann. Es löst sich auf. Du fällst in Dich als Wahrnehmung und verschmilzt mit dem, was Du wahrnimmst. Da ist nichts mehr zwischen Dir und dem, was Du siehst, hörst, fühlst, riechst, schmeckst. Kein Gedanke über Dein Erleben, der Dich von diesem Erleben trennt.

Beiß in den Apfel, statt ihn zu studieren

Diese Erfahrung kann sich der denkende Verstand nicht vorstellen, weil sie etwas völlig anderes ist als er. Du kannst den Apfel studieren, oder hineinbeißen. Wenn Du hineinbeißt, weißt Du, wie er schmeckt und ob er Dir schmeckt. Hier gibt es keine Beziehung mehr, kein Ich und Du. Kein Ich und der Apfel. Sondern nur noch Schmecken. Nur noch So-sein. Hier reagierst Du einfach, wie Du reagierst. Hier agierst Du einfach, wie Du agierst.

Du brauchst keine Angst davor zu haben, das, was Dir so sicher erscheint, nicht mehr festzuhalten. Denn die scheinbare Sicherheit, die Dir das Denken gibt, ist der Grund dafür, dass Du glaubst, Sicherheit zu brauchen. Das System erhält sich selbst durch Deine Aufmerksamkeit. Systemfrei zu leben ist eine lebensbedrohliche Vorstellung für das Ursystem in uns: unseren denkenden Verstand. Deshalb tut er alles dafür, um uns von direkten Erfahrungen abzuhalten.

Er erklärt uns die Gefährlichkeit von Liebe, vom sich Einlassen, von zarter Berührung, von hilfloser Schwäche angesichts unseres großen Nichtwissens darüber, was Leben überhaupt ist. Er hält unsere Aufmerksamkeit in der Angst vor der Lebendigkeit gefangen, um sein Überleben zu sichern. Und damit Deines. Solange Du das glaubst, wirst Du an ihn gebunden sein und gefesselt von Freiheit träumen. Doch einmal auf den Geschmack echter Gefühle gekommen, wirst Du Dich nicht länger an der Nase herumführen lassen können.

Die Plastikwelt nicht mehr schützen …

Dann erkennst Du die Plastikwelt in der Du lebst und bist nicht mehr länger bereit sie zu schützen. Dann fängst Du an direkt zu fühlen was Berührung ist, die Dich voll erreichen kann, weil Du Dich nicht mehr davon ablenken musst, aus Angst davor, von ihr überwältigt zu werden. Dann wirst Du bereit für Überwältigung, bereit für Nacktsein, bereit für den Wind in Deinem Haar … Ohne zu wissen, wo das hinführt.

Dann schlägt Dein Herz doppelt so laut und Deine Augen glänzen. Dann spürst Du den Regen auf Deiner Haut, die ewige Frische Deines Hierseins und die direkte Verbindung zu Dir selbst, die gar keine Verbindung mehr ist, sondern einfaches Hiersein. Reine Liebe ohne Beziehung. Eins in Dir als das Leben, das sich durch Deine Sinne erfährt. Von hier aus gibt es keinen Plan, dem es zu folgen gilt. Von hier aus gibt es nur das, was jetzt geschieht.

 

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3 Kommentare

  1. Sabine

    Mmmhhh! Endlich ein Zugang zum Einssein, eine Tür, die wirklich zum Durchschreiten einlädt. Danke, Nicole, für die Türen, die Du öffnest. Sabine

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  2. Elisabeth

    Danke, danke …. so wahr und schön gesagt! ☺️ – Namaste!

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  3. Mathilde Schütz

    Es ist großartig Nicole wie du ganz klar,deutlich,mühelos,die Tür zum Eintreten für uns öffnest u. uns Mut machst für den Fall in die Freiheit.
    In mir vibriert es –
    Habe richtig Lust drauf mich aus dieser Plastikwelt u.automatischem Gedankensystem zu befreien,um das diekte Fühlen u. Berühren zu erfahren !
    Bin schon dabei !!
    Mathilde

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