Spiritualität ist hochkomplex und gleichzeitig unendlich einfach. Sie hebt uns über die Materie hinaus und beschreibt, indem sie einen geistigen Bogen aus uns selbst heraus spannt, die Vollkommenheit. Sie zerstört jede Vorstellung von Festigkeit und Grenze und Umriss. Sie entlarvt unsere Identifikationen als Identifikationen. Sie macht sichtbar, was vorher unsichtbar war. Sie zeigt uns die andere Seite unserer Existenz. Spiritualität führt uns auf unseren ideellen Ursprung zurück. Sie macht Bewusstsein bewusst.

Erleuchtung beherbergt das Verständnis für die Widerspruchslosigkeit von Spiritualität und Materialismus und ihr gleichzeitiges Auftreten im Erfahrungsraum, der durch jeden einzelnen Menschen entsteht. Es geht um die Ganzheit der Existenz an sich, um den Zusammenschluss der scheinbaren Gegensätze und die Erfahrung dieser Einheit innerhalb einer scheinbar klar umrissenen Form namens „Ich“.

Auf praktischer Ebene verdeutlicht sich Deine Anwesenheit als die Möglichkeit der Wahrnehmung an sich. Deine Existenz wird erst durch die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, erfahrbar. Das ist es, worauf Du aufmerksam wirst. Das, was Erfahrungen macht, ist das, was Dir zugrunde liegt. Ohne Zuschauer gibt es keinen Film. Es muss also etwas anwesend sein in Dir, das erfährt, was Dir widerfährt. Sonst gibt es keine Erfahrung.

Radikale Anwesenheit

Diese Anwesenheit wird unendlich verklärt – weil ihre Radikalität nicht verstanden wird.  Sie wird bunt angezogen und zum Jahrmarkt getragen. Ihr werden Versprechungen auf Freiheit und Erlösung angedichtet, um sie attraktiver zu machen für jene Instanz in uns, die nicht gewillt ist, die Erfahrung zu machen sich vollständig zu entkleiden. Es ist jene Instanz in uns, die „Ich“ sagt und diesem Ich auf den Grund gehen will, aber diesen Grund im Kleiderschrank ihrer esoterischen Vorstellungen sucht. Hier kann sie sich nur verirren.

Die ganze Schwierigkeit ist, dass Vorstellungslosigkeit nicht vorstellbar ist. Der Ursprung unserer Existenz ist deshalb unfassbar, weil er nicht sein kann, was existent ist.

Was „wir“ unter existent verstehen, nämlich erfahrbar.

Und das ist unvorstellbar für jene Eigenschaft in uns, die erst durch Vorstellungen existiert: unser Verstand. Er kann nur mit „etwas“ –(Gedanken, Gefühlen …) operieren, aber nicht mit etwas, von dem er keine Vorstellung haben kann. Und doch versucht er es immer wieder. Weil er nicht anders kann. Er ist dafür gemacht, es ist seine Funktion.

Es gibt nichts außerhalb von Gott

Jene Anwesenheit, die Wahrnehmung (Bewusstsein) ist, kann keine Eigenschaft haben, weil sie sonst nicht umfassend wäre und es außerhalb von ihr noch etwas anderes geben müsste. Was nicht der Fall ist. „Es gibt nichts außerhalb von Gott“ wäre die religiöse Variante davon.

Ganz knapp gesagt: Wenn Materie auf ihren immateriellen Ursprung aufmerksam wird, schließt sich der Kreis, der gleichzeitig im Bewusstsein verschwindet. Die Trennung hebt sich auf. Dann bist Du hier und die Dinge sind einfach so. Dieses So ist allerdings unerklärbar, weil es das reine Auftauchen der Dinge meint.

Dann fällst Du aus der Welt, wie Du sie kennst. Denn sie verliert ihre Festigkeit und Dir fällt auf, dass alles, was Du über die Dinge gelernt hast, so nicht stimmt. Weil ein Baum nicht nur ein Baum ist, so wie Gurkensalat nicht nur Gurkensalat ist. Am anderen Ende von Gurkensalat steht Bewusstsein.

Nichts weniger als ein vollkommenes Universum

Ein Baum ist das, was Du in ihm sehen kannst. Du siehst entweder einen Stamm mit Blättern und Zweigen, oder Du siehst, zum Beispiel, eine lebendige Welt, die nichts weniger als ein vollkommenes Universum in einer für Dich sichtbaren Form ist. Aber was das ist, kannst Du niemals mit vollständiger Sicherheit sagen. Weil Du selbst nicht nur das bist, was wir als Mensch bezeichnen. Du bist eine individuell verkörperte Form der Wahrnehmung, die durch Dich als Mensch geschieht.

Das ist weder schön noch nicht schön. Es scheint einfach so zu sein. Die Erkenntnis ist, dass Du stets nur das über Dich selbst und die Dinge sagen kannst, was Du in Dir und in den Dingen siehst, was wiederum ein direkter Hinweis auf Dich selbst als wahrnehmende Instanz ist. So wird die Welt hier, an der Adresse, die „Ich“ sagt, gesehen.

Es ist nicht wahr …

Das kann die Dinge aber niemals umfassend und „zu Ende“ beschreiben. Weil das, was beschreibt, begrenzt ist, und das, was beschrieben werden soll, nicht benennbar ist. Deshalb kannst Du letztlich alles sagen, was Du willst, weil alles aus Deiner Position heraus richtig ist. Doch es ist niemals „wahr“.

Wenn wir uns von dem Drang nach Wahrheit verabschieden könnten, hätten wir es definitiv leichter. Dann würde Inspiration an ihre Stelle treten. Was nichts anderes ist als das Entflammtsein „Deiner“ Seele, wenn sie sich durch Ideen und Gedanken, die sie wahrnimmt, gemeint fühlt.

Und so ist Erleuchtung auch nichts Weltfremdes. Sie holt Dich zwar aus der Welt heraus, die Du bisher kennst, führt Dich dafür in Deine Welt hinein, die Du als Bewusstsein, das Du bist, erlebst. Sie lässt Dich in der Welt sein, aber nicht von der Welt, was nichts anderes bedeutet, als dass Du Dir darüber bewusst bist, dass Du gleichzeitig existierst und nicht existierst.

Sein und Nichtsein

Diese Erkenntnis ist letztlich nur für den Verstand bedrohlich, weil es nicht verstehbar ist. Sobald Du Dich auf Dich selbst als Wahrnehmung besinnst, klärt es sich und ist viel weniger aufregend, als es sich anhört, wenn auch nicht weniger mysteriös. Du bist weiterhin mit Deiner Gedanken- und Gefühlswelt konfrontiert.

Und Du hast die gleichen Probleme wie vorher. Doch nun kannst Du sie in einem anderen Licht sehen, weil Du Dich als dieses Licht erkennst. Und aus Deinem Licht heraus betrachtet, verlieren sie ihre Bedeutungsschwere, weil sie ihren Ursprung verlieren: Dich selbst als begrenzte Instanz.

Je stärker der Verstand in Dir aktiv ist, umso weniger attraktiv erscheint Dir die nüchterne Beschreibung von Erleuchtung. Weil der Verstand an sich selbst festhält. Er ist kein freier und unerschrockener Forscher, er kann nicht über seine Systematik hinausfinden und er ist auch das ungeeignetste Instrument, diese Dinge zu beschreiben.

Lösungen innerhalb von Denksystemen

Er sucht Lösungen eben immer nur innerhalb von Denksystemen, da er nicht außerhalb von Denksystemen funktionieren kann, weil er sich nicht vorstellen kann, dass außerhalb von ihm etwas existiert, das besser zur Erfassung von Zusammenhängen geeignet ist als er selbst.

All dies führt Dein Bewusstsein in den gegenwärtigen Moment zurück, weil klar wird, dass darüber hinaus nichts existiert. Dieses Hiersein beinhaltet alles, was es beinhaltet, ohne Plan und Ziel. Es entwickelt sich aus sich selbst heraus. Ob Du Dir dessen bewusst bist oder nicht.

Die große Freiheit, die erfahrbar wird ist die, dass Du Gedanken nicht mehr dafür benutzt Dich Dir selbst gegenüber zu erklären. Gedanken sind Gedanken, sie tauchen einfach in Dir auf. Du kannst mit ihnen spielen. Sie tauchen auf und verschwinden wieder.

Gedanken beschreiben Dich nicht

Sie sind nichts, was Dich beschreiben kann. Wenn Du anwesend bist, im gegenwärtigen Moment Deiner Erfahrung, ist da nichts anderes mehr als die Erfahrung, die sich vollständig in Deiner Anwesenheit entfaltet.

Eine Berührung, ein Eindruck, ein Geschmack, ein Gedanke, ein Gefühl, ganz egal was. Es gibt keine Regeln, wie etwas zu sein hat. Du lebst Dein Leben wie es sich entfaltet. Somit fällt alles an diesem Punkt zusammen, wo Du bist. Du fällst vollständig auf Dich zurück.

Vergangenheit und Zukunft sind immer an dem Ort, wo sie aufgerufen werden. Und der ist immer hier. Hier ist niemals etwas anderes als das, was sich gerade jetzt zeigt. Sei damit und mach Deine Erfahrungen.

In Verbundenheit, Nicole

 

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14 Kommentare

  1. Paul Gruber

    Liebe Nicole

    Welche Freude, ich sehe an deinen Worten das Leben nimmt dich, ja in vollkommener Nacktheit dessen was du bist. Es ist total schön für mich deinen Weg verfolgen zu dürfen und zu sehen wie du deine Erfahrungen machst.
    Auf dem Weg zum Erwachen gibt es kein einheitliches gemeinsames Konzept, so meine Erfahrung,
    deshalb fällt man vollkommen auf sich selbst zurück.
    Nichts von Außen kann einem weiterhelfen die letzten Schritte zu gehen, da ist man allein und in diesem
    Allein Sein und vollkommener Zuwendung zu sich selbst werden die letzten Hürden sichtbar.
    Ich verstehe erst jetzt warum einige große Meister sich von der Welt zurückzogen und später wieder zu
    den Menschen gingen.
    Ist meine neue jüngste Erkenntnis Nicole weiß selber nicht warum.

    Alles alles Liebe
    auf Deinem Weg
    Paul

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    • Nicole Paskow

      Lieber Paul, ja, das glaube ich auch, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss.
      Jeder hat einen anderen Zugang zu dem Thema. Wir können uns gegenseitig dazu
      inspirieren nach Innen zu blicken und diesen Zugang zu entdecken. Das finde ich
      schön. Was die Meister betrifft … Ja. Es bedarf scheinbar einer Abkehr von der Welt
      der Erscheinungen, um zu „begreifen“, woraus sie entspringt. Aus einer Unsagbarkeit,
      die keine Benennung kennt, weil sie eigenschaftslos ist. Aus dem Unsichtbaren, das
      das Sichtbare hervorbringt, könnte man auch sagen. Wenn es dann wieder zurück in die
      Welt geht, dann ist der Mensch ganz, weil er beide Pole integriert hat und nun
      als vollständiger Mensch sein kann. Er hat sich aus der einseitigen, materiellen Sicht
      befreit… Herzlich, Nicole

      Antworten
  2. Hans Werner Bramer

    Liebe Nicole, ich frage mich, ob diesen komplizierten, sehr interessanten Text dein Verstand oder deine Intuition geschrieben hat…?

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    • Nicole Paskow

      Und, lieber Hans Werner, wie ist Deine Antwort? 🙂

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      • Michael

        Toll das essentielle verinnerlicht und leidenschaftlich wiedergegeben. Aber der weg dorthin ist prozessual…ich muss mich zuerst identifizierten und gekränkt werden, damit ich irgendwann erkenne, das Identifikation leid erschaft. Alles liebe dir !

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        • Nicole Paskow

          „ich muss mich zuerst identifizierten und gekränkt werden, damit ich irgendwann erkenne, das Identifikation leid erschaft.“
          Ja, Michael, das ist wohl (noch) so. Bewusstsein im Überlebensmodus ist zwangsläufig komprimiert und identifiziert. Ich glaube aber nicht, dass es für immer und ewig so sein muss. Wir(Menschen)lernen! 🙂
          Und ja – Bewusstwerdung ist prozesshaft. Aber identifiziert bleiben wir, so lange wir erscheinen. Womit auch immer … 🙂 Und das ist nur dann schlecht, wenn wir weiter leiden und nicht mitbekommen was es verursacht. Alles Liebe Dir!

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    • Thomas

      Vielen Dank für dein Text. Erst seit letzten Freitag mach ich ein Prozess durch, der mich sehr verwirrt. Und jetzt lese ich diesen Text, der mir sehr hilft. Es gibt keine Zufälle.

      Antworten
      • Nicole Paskow

        Das freut mich Thomas!LG Nicole

        Antworten
      • Branko Pijanovic

        Hi Nicole,

        Vielen Dank es tut gut einfach zu merken dass man mit anderen Menschen dass selbe Gefühl der Erleuchtung oder den Prozess dahin Teilt. Es gibt zum Glück immer mehr Menschen die auch merken dass sie sich Nicht immer nur aus einer Perspektive sehen müssen und die Dinge nicht immer als negativ oder positiv beurteilen müssen.
        Würde mich freuen mit dir mal eine en Kaffee zu trinken 🙂 Liebe Grüße Branko

        Antworten
        • Nicole Paskow

          „Es gibt zum Glück immer mehr Menschen die auch merken dass sie sich Nicht immer nur aus einer Perspektive sehen müssen und die Dinge nicht immer als negativ oder positiv beurteilen müssen.“ Das hast Du schön gesagt, Branko. Schauen wir mal mit dem Kaffee, ich bin gerade zur Teetrinkerin mutiert ;-). Liebe Grüße zurück, Nicole

          Antworten
  3. Christoph

    Letztendlich: Sind wir „nur“ Sein. Stille. Ohne Wissen. Abgrundtiefer Abgrund, indem „Nichts“ und „Alles“ existiert. Ohne Worte.

    Ich liebe Texte – Erklärungsversuche, Hinweise – die auf „Das“ abzielen.

    Vielen Dank für Deine – für mich – bewunderungswürdigen,klaren und verständlichen Wegweiser, die ich immer mit Freude und großer Dankbarkeit lese.

    Gruesse und alles Liebe für Dich

    Christoph

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    • Nicole Paskow

      Danke für Dein schönes Feedback, Christoph! Herzlich, Nicole

      Antworten
  4. Tina

    Liebe Nicole,

    „Am anderen Ende von Gurkensalat steht Bewusstsein“ – das klingt in meinen Ohren wie ein hitverdächtiger Buchtitel 😉

    Danke für Deine Zeilen.

    Insbesondere die Betrachtung „(…) Deshalb kannst Du letztlich alles sagen, was Du willst, weil alles aus Deiner Position heraus richtig ist. Doch es ist niemals „wahr“.“ stimmt mich gerade fröhlich: Ist es nicht ein Freibrief für den unzensierten persönlichen Ausdruck?

    Denn ich – und wenn ich das sage, meine ich auch NUR mich – bin nicht hier, um eine Wahrheit zu verkünden, sondern um „mich in Erfahrung zu bringen“…wie spannend… bin damit in letzter Zeit an Grenzen gestoßen im Kollegenkreis, was Traurigkeit hervorruft, aber es verändert sich und verändert sich und eigentlich sind alle bloß dabei, ihr ganz eigenes Spiel zu spielen, so scheint mir; und es fühlt sich halt einen Moment lang traurig an, wenn andere bei mir nicht mitspielen oder wenn ich den Eindruck bekomme, dass ich bei ihnen nicht mitspielen darf. Wie im Kindergarten 😉

    …zu Deinem letzten Blogartikel „Lebendigkeit“ möchte ich noch schreiben, dass mir das Bild sehr gefällt – der Artikel war toll und das Bild auch 🙂 -Ich hatte das Kommentieren irgendwie nicht hinbekommen, dafür vielleicht jetzt. Liebe Grüße 🙏

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Danke, liebe Tina, vielleicht nehme ich den Titel gleich für das neue Buch! 🙂
      So schön, was Du schreibst und ja … so ist es. Es geht darum, Dich in Erfahrung zu bringen,
      wieder wirklich eine Verbindung zu bekommen, weil wir dazu hier sind, um zu Bewusstsein
      zu kommen. Zu Bewusstsein, wie unermesslich dieses Leben sein kann, das durch unsere Adern fließt.
      Und zwar durch Deine und meine und jedermanns Adern. Wenn es fließen darf, ohne sich ständig
      aufzuhängen an Überzeugungen, die überholt sind und den Energiefluss behindern.
      Hier brauchen wir Pioniere, die wirklich bereit sind, diesen Weg der Heilung für sich zu gehen.
      Es erfordert Mut und Standfestigkeit, wie jede neue Unternehmung, wie jede Änderung der Denkstrukturen.
      Und ja … auf diesem Weg steht man auch oft allein da. Aber Du bist nicht allein, wenn Du
      Dich spürst, wenn Du Deine Energie spürst, die Dich leitet, die Dir den Weg zeigt und eröffnet. Dahin
      wo es Dich hinzieht und dort sind auch andere Menschen, die zu Dir und dem, was Du willst, passen. Das
      geht gar nicht anders. Es geht lediglich darum zu folgen. Ganz herzlich, Nicole

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