Radical Now - Die höchste Lebenskunst anhören

von Radical Now

Alle Wege führen nach Rom. Dieses traditionelle Sprichwort bezieht sich auf Rom als Sitz des Vatikans. Wenn man es prinzipieller sehen möchte, dann kann man auch sagen: „Alle Möglichkeiten führen zum Ziel“.

Ich mag das Sprichwort, weil es mir etwas anderes, wenn auch ähnliches zeigt, das ich immer wieder erfahre: Alle spirituellen Wege führen irgendwann in die Weglosigkeit. Oder anders – alle spirituellen Konzepte lösen sich im Hier und Jetzt auf. So kommen sie zum Ziel, und das Ziel heißt „Sein“.

In meinem neuen Projekt „Ich. Selbst. Sein.“ werde ich meinen Erfahrungsweg beschreiben, der mich von mir selbst als übersehenem Wesen, zu mir selbst als wahrnehmendem Wesen und von dort hin zu mir selbst als einfach hier seiendem Wesen geführt hat.

Es gibt nur das, was es gerade gibt …

Und hier gibt es nur das, was es gerade gibt. Dieses Hiersein in allem bedeutet für mich die höchste Lebenskunst. Hiersein hört sich nach wenig an, es klingt so einfach und ist doch so unendlich schwer zu verwirklichen.

Es ist schwer, weil wir nicht merken, wie sehr wir uns gegen das Hiersein und damit gegen das Sosein wehren. Allein die Tatsache, dass jeder Mensch nach Glück und nach guten Gefühlen sucht – und die schlechten dabei ablehnt – zeigt diese Abwehr. Könnten wir einfach nur jetzt hier sein, mit dem was gerade ist und wo wir gerade sind, dann gäbe es keine Suche.

Zu dieser Erkenntnis kommen wir erst aus der Erfahrung, nachdem wir den Weg gegangen sind. Es gibt keine Abkürzung in die schlichte, unspektakuläre Liebe, die im Hiersein liegt. Diese stille Offenheit, die um sich selbst weiß, die friedliche Genügsamkeit, die quicklebendig in der Welt fußt.

Die erste Phase „Ich“

In der ersten Phase erkenne ich, wie sehr ich mich in meinen Bedürfnissen übersehen habe. Wir sehr ich nach Außen geblickt habe, um mich zu orientieren. Um zu wissen „Wie geht das? Wie geht das Leben? Richtig leben …?“

Dabei habe ich mich selbst als dieses Wesen, das hier ist, wo ich bin, immer übersehen. Jenes Wesen, das nicht fragen muss, denn schon die Frage allein führt von ihm weg.

Das Wesen, das sich immer als Schmerz meldet, wenn es gedemütigt, angeklagt, verurteilt wird. Wenn an ihm herumgezogen wird, wenn es sich entsprechend verhalten soll. Das tut weh.

Und diesen Schmerz habe ich immer übergangen, weil ich dachte, er würde verschwinden, wenn ich es nur richtig und besser machte, so wie die „anderen“. Ich sah nicht, dass er nur da war, weil ich nicht hinsah, wo er herkam, und die Verbindung zu mir nicht herstellen konnte.

In diesem hier fühlen wir uns immer wieder einsam, unverstanden, abgetrennt, abgelehnt und unbedeutend. Und verlieren uns haltlos darin. Hier ist niemand anwesend, der ihn empfängt.

Wenn ich aufhöre mich zu übersehen

Doch wenn ich aufhöre mich zu übersehen, dann keimt das Pflänzchen in mir, zu dem ich leise Kontakt aufgenommen habe. Ein Pflänzchen, das so verletzt ist, dass es meine ganze Aufmerksamkeit braucht. Und vor allem, und das ist das Schwerste, meine Zweifellosigkeit. Es hat die schwere Aufgabe sich im Schmerz aus sich selbst über sich selbst zu erheben, um sich zu erkennen. Sobald es auch nur den leisesten Hauch von Kritik spürt, droht es wieder zu vertrocknen.

Nein, es braucht das Gefühl vollkommen angenommen und herzlich willkommen zu sein. So, wie Du bist! Egal wie Du bist! Und diese Egalität ist das, worauf es ankommt, und das, wozu wir bereit sein müssen, um uns selbst zu empfangen – in all unserer Hilflosigkeit, Schwäche, Bedürftigkeit und Verwirrung.

In diesem Erlaubnisraum wächst gleichzeitig der Raum für das Bewusstsein, das wir sind, aber dessen wir uns so wenig gewahr sind. Sie sind identisch. Der Raum, der mich über mein Bewusstsein in Kenntnis setzt, bin ich. Die Erlaubnis mich anzunehmen in meinem Schmerz, meiner Angst, meiner Freude, meiner Schwäche, ist das fruchtbare Feld, auf dem ich immer mehr zu mir kommen kann.

Die zweite Phase „Selbst“

Und nun, in diesem erweiterten Bewusstsein, beginnt die zweite Phase von selbst. Sie beginnt mit der Frage: Was heißt eigentlich zu „mir“ kommen? Um überhaupt zu dieser Frage vorzudringen, muss der Bewusstseinsraum schon angewachsen sein. Er muss die Kapazität für diese Frage haben. Das geht eben erst, wenn mein Schmerz Raum in mir hat und ich nicht mehr vollständig darin versinke. Wenn ich um die Mechanismen der Verletztheit weiß, die mir immer wieder einreden wollen, ich wäre die Dunkelheit selbst, in die ich so oft stürze.

In der zweiten Phase begegne ich mir, als dem Selbst, das immer anwesend ist und die Grundlage meiner Erfahrungswelt bildet. Ich erkenne mich als Wahrnehmung, die ich bin. Hier kommt es zum Neti-Neti Prozess, zur Entdeckung dessen, dass ich nicht sein kann, was ich wahrnehme. Ich kann es nicht sein, weil ich nicht wahrnehmen kann, was ich bin. Ich kann nur wahrnehmen, was mir erscheint.

So wie die Himbeere sich selbst nicht schmecken kann, kann ich mich auch nicht „schmecken“. Aber ich kann den Geschmack der Himbeere auf meiner Zunge erfahren, weil die Himbeere etwas anderes ist als die Zunge, die sie wahrnimmt.

Nur eine andere Form von mir …

Ich erfahre mich in anderer Form. Es gibt spirituelle Schulen, da wird die erste Phase, die ich „Ich“ nenne, als der Weg der Anfüllung bezeichnet, und die Phase, die ich „Selbst“ nenne, als der Weg der Entleerung.

Das ist so, weil in dieser Phase erkannt wird, dass alles, was erscheint, nicht ist, was ich bin. Hier wird das Augenmerk darauf gerichtet, was selbst nicht erfahrbar ist, von dem Erfahrung überhaupt erst ausgeht. Bewusstsein. Die Quelle dessen, woraus alles entsteht.
Um diese Erkenntnisse, die hier gemacht werden, nicht misszuverstehen, muss das Bewusstseinsfeld aus der ersten Phase bereits sehr fruchtbar und damit entspannt sein.

Ich muss mit mir bereits größtenteils im Reinen sein, selbst wenn es mich noch immer in dunkle, enge Gefühle zieht. Ich weiß um die Mechanismen dieses Sogs. Und dieses „Ich weiß darum“ ist die Basis.  Sonst kann nichts gesehen werden. Sonst kann sich die Anhaftung an das, was wahrgenommen wird, nicht lösen. Sonst bleibe ich „an der Welt“ kleben und scheitere immer wieder an meiner Identifikation mit den problematischen Gefühlen.

Aufregend und gefährlich …

Diese zweite Phase ist besonders aufregend und auch besonders gefährlich, wenn sie missverstanden wird. Denn viele hören hier auf. Dann verweilen wir in der Erkenntnis, dass alles Illusion ist, weil nichts von dem, was in meiner Wahrnehmung auftaucht, real ist. Die einzige Realität ist die Erfahrungsmöglichkeit selbst, das also, was wahrnimmt. Wenn wir das missverstehen, verbleiben wir in einer und als eine berührungslose Anwesenheit, die sich „aus dem Leben scheidet“. Doch das ist damit gewiss nicht gemeint.

Wenn wir wirklich an den tiefsten Punkt unserer Existenz schauen – und dazu bedarf es der absoluten Anhaftungslosigkeit –, dann erkennen wir, dass es nur Wahrnehmung selbst gibt, die sich als das Empfinden von „Ich“ zeigt. Und was können wir über diese Anwesenheit sagen? Nichts. Weil sie eigenschaftlos ist. Das muss sie sein, um alles Wahrgenommene beinhalten zu können.

Der Name, den wir dieser wahrnehmenden Leerheit geben, ist also „Ich“. Und diese Entdeckung ist erstaunlich. Richtig verstanden macht diese Entdeckung keine Angst, sie spaltet mich nicht von der Welt ab, nein – sie erzeugt Freude. Es ist staunende Freude, die entsteht, wenn wir uns selbst immer tiefer erkennen, als das, was wir wirklich sind – wenn deutlich wird, wie eng das Verständnis für uns selbst war, als wir uns noch für etwas hielten, das Definitionen unterworfen war.

Und wie frei fühlt es sich plötzlich an, wenn klar wird, dass „Ich“ nichts bin, über das ich etwas endgültiges sagen kann, nichts, das ich festlegen kann, nichts, das ich in Schubladen packen und beurteilen kann. Wie weit und frei wird es in der Brust und tief im Herzen, wenn ich aufatme und erkenne, dass ich mich in allem erfahre, was ich erfahre! Aber nicht bin, was ich erfahre. Ich bin das tiefe, endlose, ewige Erfahren selbst. In dieser Erkenntnis bricht der Widerstand gegen die Erfahrung. Und die Welt strömt ein und wird zur Modulation meiner selbst.

Die dritte Phase „Sein“

Hier erwache ich zu Phase drei und lasse alles fallen. Und damit falle ich zusammen in das alles Erkennende und das Erkannte. Ich falle und falle hierher. Auf meinen eigenen Hintern. Und hier wird mir klar: Es gibt keine Trennung zwischen mir als der absoluten Quelle aller Erfahrung und der Erfahrung selbst. Es gibt nur das, was ich erlebe.

Erleben selbst ist das, was übrig bleibt. Hier hört der Weg auf, und die Erkenntnis „Es gab nie einen Weg“ scheint auf. Alles fällt in sich selbst zusammen. In die Zeitlosigkeit von Hiersein. Hier bin ich untrennbar mit mir, wenn ich weine, wenn ich lache, wenn ich Angst habe, wenn ich mich lächerlich mache, wenn ich schwach bin, wenn ich krank bin, wenn ich liebe, wenn ich leide, wenn ich vergebe.

Es ist also alles wie vorher. Wie ganz am Anfang. Mit einem entscheidenden Unterschied: Ich habe kein Problem mehr mit mir und „der Welt“ – weil ich den Weg gegangen bin und erkannt habe, wer ich bin. Weil nun niemand mehr zwischen mich tritt, der irgendetwas zu beurteilen hat. Und ich nun ganz einfach Ich. Selbst. Sein. kann. Weil nun klar ist, das ich all-ein bin.

Mich in allem zu lassen, was ich bin, und damit auch alles, was mir wiederfährt, zu lassen, wie es ist und damit zu sein, beinhaltet alles zu sein, was ist. Das zu verstehen enthüllt das unbeschreibliche Wunder des Seins. Alles offenbart sich wesen-haft, so, wie es ist, unverzerrt, weil es aus einem sein-lassenden Blick geschaut wird. Aus einer höchsten Entspanntheit heraus.

Dem „Zu sich Gekommensein“.

Der Blick der Liebe

Und das ist der Blick der Liebe. Es gibt nichts, was sie zerstören kann. Es gibt nichts, was sie antasten kann. Sie ist es, die alles hervorbringt, die alles zu sich selbst erhebt. Sie ist es, die sich selbst verschleiert, um sich immer wieder zu begegnen, weil sie einfach dazu da ist, sich selbst zu lieben. Der Geburtskanal dieser Begegnung heißt Leid. Leiden entsteht, weil Liebe sich durch ihre eigene Verschleierung nicht erkennen kann.

Deswegen ist der Weg der Erkenntnis schmerzhaft. Doch unterwegs wirst Du immer lichter und leichter, weil Du Dir selbst immer näher kommst. Bis Du als das erstrahlst, was Du bist und zum Licht wirst, das sich selbst im undendlichen Prisma seiner Erfahrungen erscheint.

In Verbundenheit, Nicole

 

 

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5 Kommentare

  1. Hans Werner Bramer

    Liebe Nicole, ich mag diesen Text und deine Gedankengänge sehr. Er erklärt auch,, warum diese Krise durchlebt und erfahren werden muss…. Danke!

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    • Nicole Paskow

      Vielen Dank, Hans-Werner. Ja, sie muss durch-lebt werden. Das stimmt. Herzlich, Nicole

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  2. Christine Geiler

    Herzlichen Danke, liebe Nicole, deine Worte berühren mich tief, an genau dem Punkt der mir bisher Verwirrung bereitet hat. Die Beschreibung der Phasen kann ich nachvollziehen und verstehe sie für mich nun als Gnade. Der Raum der sich für mich zur Zeit auftut fühlt sich an wie Liebe zu allem was ist, auch wenn der Verstand das nicht erfassen kann. Der große helle Raum in dem sie zu Tage tritt. Alle Wege führen nach Rom 🤗 ja, ein Spruch der mich schon in der Kindheit zum nachforschen angeregt hat. Heute heißt er bei mir: Alle Wege führen in den Raum zum Kern, der Quelle.

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    • Nicole Paskow

      Liebe Christine, danke für Deinen Kommentar! Du schreibst, für Dich tut sich der Raum, der Liebe für alles, was ist auf. Das ist wunderbar! Ich möchte dennoch hier gern betonen,damit es nicht missverständlich erscheint, dass es nicht darum geht, alles zu lieben, was passiert. Sondern in Dir allem, was auftaucht, Raum zu geben und nicht wertend einzugreifen. Den negativen Gefühlen nicht urteilend zu begegnen, sondern sehend.Das bringt eine Entspannung mit sich, die hellen,lichten Gedanken die Tür öffnet und dunkle Gedanken sich kampflos darin auflösen. Dann kann Licht rein und die Sicht auf die Offenheit, die Du bist, wird frei. Das Herz öffnet sich und es geschieht, was Du beschreibst. Ganz herzlich, Nicole

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      • Christine Geiler

        Danke dir Nicole für diese nochmals Klärung. Mit Liebe meine ich Raum. Mit Enge meine ich Kampf. Dennoch fließen in diesen Raum manchmal Konzepte von was Liebe ist ein, die dann Verwirrung stiften.

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