Das Ende der Romantik ist der Liebe Anfang

von Radical Now

Wer liebt Romantik nicht? Die Weltliteratur ist voll davon und ebenso die Musikbibliotheken. Die Film- und Theaterwelt wäre undenkbar ohne die Liebesdramen, in denen der Inhalt und die Personen wechseln, das Drama aber immer das Gleiche ist. Was wären die Poesie und die Liebeslyrik ohne den Schmerz verschmähter Liebe und die Sehnsucht nach totaler Vereinigung mit dem oder der Liebsten? Warum lieben wir die Vorstellung vollkommen mit einem Menschen zu verschmelzen und diese Verschmelzung permanent und in alle Ewigkeit zu fühlen?

Weil wir als Menschen, die nicht verbunden sind, die nicht um sich selbst als Schwingung des Lebens wissen, im anderen die Erfüllung dieses Mangels sehen. Die Erfüllung des Ganzseins, der Trennungslosigkeit in uns selbst. Es ist die Suchfunktion der einen Hälfte, die sich nach der anderen Hälfte sehnt, um sich vollkommen zu fühlen. Um Eins zu werden. Dieses Gefühl des Einsseins nennen wir Liebe und wollen es so oft wie möglich spüren, um die übliche Getrenntheit des auf sich selbst zurückgeworfen Geistes und seine Leerheit nicht zu spüren.

Menschliche Liebe ist der Hinweis des Lebens selbst auf seine ihm innewohnende Unteilbarkeit, die es in der Sprache der Trennung an uns richtet. An uns als jene Wesen, die als „zwei“ voreinander auftauchen. Bewusstsein verkleidet sich als ich und Du, um sich mit sich selbst vereinen zu können, damit es sich selbst spüren kann. Einssein ist Erfüllung per se. Das Leben ist Liebe in Aktion.

Gewinn und Verlust – Die Basis der Leidenschaft

Romantik nennen wir es dann, wenn sich ein getrenntes Selbstempfinden, in der Hoffnung auf Verschmelzung mit dem anderen, aufopfert. Und sich das andere Selbstempfinden durch diese Aufopferung – oder, freundlicher gesagt, Hingabe – zutiefst wahrgenommen und gemeint fühlt. Und sich beide schließlich im Rausch der Sinne ineinander verlieren. Nüchtern gesagt, ist das nichts anderes als die Demonstration gegenseitiger Abhängigkeit.

Diese Abhängigkeit begeistert nur jemanden, der glaubt etwas zu gewinnen, wenn er jemanden für sich gewinnt. Vor Allem glaubt er, dass es wirklich geht, jemanden für sich zu gewinnen. Doch alles, was man gewinnen kann, kann man auch verlieren. Und je mehr wir jemand sind, der gewinnt und verliert, um so mehr wollen wir gewinnen und verlieren.

Wir spüren den Verlust als Leidenschaft, die sich bis ins Unerträgliche aufpeitscht, bis sie sich im Rausch der Vereinigung erlöst. Nur, um sich dann wieder abzustoßen und wieder in den Mangel zu fallen, aus dem heraus sich die Sehnsucht wieder aufbaut, als alles verzehrende Vorstellung, wieder Eins mit dem anderen zu sein …

Liebe verliert nicht

Und hier gehen wir am Leben, wie es wirklich ist, vorbei.
Hier gehen wir an der Liebe, wie sie natürlicherweise ist, vorbei. Die Liebe gewinnt nichts und sie verliert nichts. Sie ist einfach. Das sei die unpersönliche Liebe, die nicht für die personale Ebene herhalten kann, höre ich oft. Das höre ich von Menschen, die aus dem Getrenntsein heraus über Einssein sprechen. Doch aus dem Einssein heraus, gestaltet es sich vollkommen anders, als es für das Getrenntsein erfassbar ist. Sonst wäre Getrenntsein nicht Getrenntsein.

Aus der Vollheit heraus kann ich Dich einfach lieben. Ich erwarte nichts von Dir. Weil ich keine Erwartungen habe. Ich warte nie, ich lebe. Ich fühle mich selbst und alle meine Regungen für Dich. Ich muss mich nicht verbiegen, um Dir zu gefallen. Ich muss Dir nicht gefallen, weil ich nicht gefallen muss. Ich bin einfach nur ich selbst. Und das genügt mir, um mich voll zu fühlen. Ich gehe meinen Regungen nach und ich drücke sie aus. Dazu denkt sich in mir nichts aus.

Ich sehe Dich als das Wesen, das Du bist. Als die Facette der Vollheit, die in meiner Vollheit auftaucht. Ich sehe Dich mit liebenden, mit lassenden Augen, wie ich mich selbst mit liebenden, mit lassenden Augen sehe. Nur so kann ich Dich sehen. Nur so sehe ich Dich. Und nicht eine Abspaltung von mir, die ich entweder bekämpfen oder verherrlichen muss. Wenn wir beide voll von uns selbst sind, ergänzen und inspirieren wir uns.

Wir füllen uns nicht gegenseitig auf und wir brauchen uns nicht, um uns voll zu fühlen. Es gibt hier keinen Mangel. Nur Freude. Die Freude des Zusammenseins. Und sind wir getrennt, sind wir in dem, was jeder dort erlebt, wo er ist. Wir sind überall vollständig anwesend und somit nie getrennt von uns selbst.

Wir wollen nichts

Wenn wir uns sinnlich lieben, folgen wir ebenfalls unseren Regungen – anstatt uns Gedanken darüber zu machen, was der andere jetzt will, was denn richtig wäre. Weil wir nichts wollen. Weil es kein richtig gibt. Nur ein „so“. Wir folgen der reinen Lust gelebter Polarität, die zwischen uns auftaucht, und lassen sie uns bewegen. Bedingungslos. Resonanz hat uns zusammengeführt. Resonanz ist es, die uns führt.

Ich bin voll und nicht leer in meinem Schmerz, wenn ich ihn lasse, wie er ist, ohne ihn zu bedenken. Dann fühle ich ihn dort, wo er ist. Im Herzen, im Bauch, im Solarplexus. Ich bin das Bohren, das Stechen, das Zerreißen, und ich nehme es zur gleichen Zeit wahr. Weil ich alles bin. Das ganze Spektrum. Es zeigt und erlöst sich in mir. Ich grenze in mir nichts aus und so auch nicht in Dir. Ich bin voll in meiner Freude, wenn sie durch mich fließt, wie das plätschernde Flusswasser im Sonnenlicht. Ich bin die glasklaren Reflexe auf den kleinen Wellen, und ich bin der Wind, der sie aufpeitscht. Ich bin in allem, was sich mir zeigt. Auch in meinen Tränen, die ich weine.

Ich lasse mich selbst, wie ich bin, und so auch Dich. Hier sind wir zwei Lichtpunkte, die immer wieder zu Licht verschmelzen. Je heller wir strahlen, umso heller bist Du selbst in Dir, bin ich selbst in mir. Wir lassen uns von der Liebe bewegen. Von der Antwort, die wir aufeinander sind. Die als wir ist. Sie bestimmt uns. Sonst nichts. Wir mischen uns nicht darüber nachdenkend ein. Und wenn wir uns voneinander lösen, dann ist es kein Lösen, sondern ein wandeln. Dann lassen wir uns wandeln und es erscheint das, was dann erscheint. Und wir gehen mit. Du für Dich und ich für mich. Zwei volle Töne, die der Melodie des Lebens folgen und als sinnliches Klingen im Raum des anderen verhallen.

Das ist das Ende der Romantik. Das Ende des Mangels. Das Ende der Bedürftigkeit. Und der Anfang von Liebe, die immer von selbst am Anfang steht, da sie kein Ende kennt. 

In Verbundenheit, Nicole

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11 Kommentare

  1. Paul

    Liebe Nicole

    Ich möchte dir danken für diese wunderbare Umschreibung von Romantik und wirklicher Liebe.
    Habe das noch nie mit solch klaren und einfachen Worten zu lesen bekommen, du bist schon echt was
    Besonderes.
    Ja, du hast die besondere Gabe mit soo mit klaren Worten auf die Menschen zu zu gehen.

    Danke danke dir
    du Liebe
    Paul

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    • Nicole Paskow

      Vielen Dank, Paul! Nicole

      Antworten
    • Erika Morsch

      LIEBE NICOLE.

      JA, LIEBE IST . Ich bin wieder tief berührt von deiner auch für mich WAHRHAFTIGEN Umschreibung der LIEBE.Genau so empfinde ich es.

      ICH DANKE DIR VON GANZEM HERZEN für deine liebevollen Inspirationen , die mich daran erinnern, WER ICH WIRKLICH BIN. DANKE

      Antworten
  2. Ma

    WAU, Liebe Nicole, das ist das Schönste und Tiefste, was ich zu diesem Thema je gehört habe und erreichte mich genau im richtigen Augenblick!
    DANKE, DANKE, DANKE!!!

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    • Nicole Paskow

      Danke für Deinen schönen Kommentar, Ma! Nicole

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  3. Sabina

    Wunderbar liebe Nicole wie Du das beschreibst!
    Vielen Dank für diese tiefen klaren Worte!

    herzliche Grüsse
    Sabina

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    • Nicole Paskow

      Danke Dir Sabina! 🙂 Nicole

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  4. Sanja

    Ein Hoch auf die LIEBE ❤️

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    • Nicole Paskow

      Unbedingt, Sanja! 🙂

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  5. Andreas

    Liebe Nicole,

    Dein Text hat mich sehr berührt, aber auch sehr herausgefordert. Ich werde ihn sicherlich noch einige Male lesen.

    Er geht so tief. Er zeigt mir in großer Klarheit und Schönheit den Spiegel meines Selbst.

    Danke!

    Andreas

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    • Nicole Paskow

      Wie schön, Andreas. Ich freu mich über Deinen Kommentar. Nicole

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