Irgendwann, wenn wir auf dem Weg zu uns selbst sind, kommt der Moment, an dem es einen wirklichen Wechsel gibt. Einen Wechsel der zugrunde liegenden Perspektive. Wir müssen uns so lange in den Stadien (er)wachsenden Bewusstseins aufhalten, bis wir sie tatsächlich mit allen Sinnen erfasst haben. Bis sie zu Ende gespielt sind und nichts mehr darin liegt, was uns in der Form hält, die wir bereits von uns kennen.

Und dann geschieht das, wovon Rumi singt:

Das Erwachen des Wurms

So kann sich ein Mensch verändern:

Da ist ein Wurm, der süchtig danach ist,
Traubenblätter zu fressen.

Plötzlich wacht er auf,
sag dazu Gnade, was immer,
etwas weckt ihn auf,
und er ist kein Wurm mehr.

Er ist der ganze Weinberg,
und auch der Obstgarten,
die Früchte, die Äste,
wachsende Weisheit und Freude,
die nicht mehr verschlingen müssen.

… die nicht mehr verschlingen müssen …
Die Aufmerksamkeit, die wir sind, wird so lange von Gedankeninhalten verschlungen, so lange wir das Verschlungenwerden nicht erkennen. So lange wir nicht erkennen was verschlungen wird. Nämlich wir selbst. Jenes Selbst, das wir tatsächlich sind. Doch das wird erst sichtbar, wenn wir durch Gnade, einen Schicksalsschlag, einen unerträglichen Schmerz, was immer, aufgeweckt werden.

Wir werden aufgeweckt aus der Verhaftung mit einer Perspektive, die unendlich klein, eng und in ihren Möglichkeiten völlig limitiert ist. Wir reduzieren uns immer wieder auf Gedanken, die uns erzählen wollen wer wir sind, wie wir etwas finden, wie wir uns in der Welt zu bewegen haben, was wir sagen, tun und fühlen sollen, um uns sicher und gut zu fühlen.

Diese enge Perspektive lässt uns das Glück suchen und dem Leiden mit Widerstand begegnen. Sie belässt uns in diesem Spannungsfeld aus Leid und seinem Gegenteil – dem Glück, das Bedingungen unterworfen ist. Es belässt unseren emotionalen Zustand in der Abhängigkeit von Situationen.

Dieser Ort, der auf sich selbst besteht …

Es ist die Ichperspektive, die alles auf einen Ort bezieht, der bis zuletzt seine Realität für unumstößlich hält. Es ist dieser Ort, der verletzbar, angreifbar, egozentrisch, allwissend, zweifelnd, kritisch und auch lieblos ist. Er ist all das, nur nicht wirklich berührbar. Weil er Berührung nicht kennt. Ist er selbst es doch, der nichts anderes als der Widerstand gegen Berührung ist. Denn diese findet ausschließlich ohne diesen ichbezogenen Ort statt. Sie findet jenseits von Verstehen, von Gedanken und Emotionen statt. Berührung gibt es nur „hier“.

Du blickst in das Lichtspiel einer Baumkrone, deren Blätter sich sanft im Wind bewegen und unterschiedliche Schattierungen der Sonnenstrahlen durch ihre grüne Haut hindurchschimmern lassen. Wenn Dein Herz frei und offen ist und Dein Geist still, dann wirst Du erfasst von Schönheit. Du wirst erfasst von Freude, wenn ein Hund auf der Wiese tollt und seine Lebensfreude ganz direkt zum  Ausdruck kommt.

Oder wenn ein Kind lacht und Du in diesem Lachen die Liebe fühlst, die durch alles scheint, was sich unverfälscht so zeigt, wie es ist. Der von Anspruch, Erwartung und Wollen freie Blick in die Augen der oder des Geliebten zeigt die wahre Liebe, die sich selbst in die Augen sieht.

Du erblickst Dich selbst durch all das, was durch Deine Sinne dringt … hin zu Dir, diesen Ort ohne Anfang, ohne Ende. Diesen Erfahrungsort, der das, was er ist, in den Blättern, dem Lachen und dem Wind wiedererkennt. Wenn er nicht vollgestellt ist mit Gedanken und Emotionen, die immer um etwas vergangenes oder zukünftiges kreisen, das nicht da ist. Gedanken, die ein Ich erfüllen wollen, das niemals erfüllt werden kann, weil es nur aus unerfüllten Gedanken besteht.

Anwesenheit kennt nichts anderes als sich selbst

Hier bist Du kein Wurm mehr. Hier bist Du alles, was Du erfährst. Und kannst es endlich erleben, ohne es verschlingen zu müssen. Ohne davon verschlungen zu werden.

Wir müssen so lange Ich spielen, so lange wir es müssen. Die Einsicht in diese irreale Limitierung unserer selbst, wächst mit der Zeit und dem Interesse an dem, was wir wirklich sind. Das Leben ist dabei gnadenlos. Es präsentiert uns zuverlässig unsere blinden Flecken, die nur deshalb blind sind, weil wir als diese Ichperspektive der Widerstand gegen das Hinsehen selbst sind.

Deshalb bekommen wir die schmerzhafte Quittung immer wieder präsentiert. Wir zahlen den Preis für die Fehlsicht, von der wir nicht lassen wollen, bis wir endgültig genug haben. Bis wir engültig bereit sind dem Leben selbst nicht mehr die gleichen Fragen zu stellen, wie schon immer. Bis wir endgültig bereit sind zuzuhören, was es uns sagen will, bis wir endgültig bereit sind von allem „die Finger“ zu lassen, was uns von dem Ort der Klarheit, der Liebe und des Friedens wegzieht. Von diesem Ort, der sich dann als „Ich“ erkennt, wenn er genug freien Raum für die Lust und die Neugier entwickelt, die denkenden Gewohnheiten fallen zu lassen. Und sich wahrnehmend einzulassen auf das, was wirklich hier ist.

Die Illusion einer greifbaren Welt

Hier wird alles durchschaut, was nicht stimmt, alles, was wir vordem nicht sehen wollen, weil wir die Veränderung fürchten, den vorgestellten Schmerz, den sie mit sich bringen würde. Den Gedanken nicht mehr zu folgen, sie fallen zu lassen, gleicht dem Verlassen der Welt. Denn hier können wir entdecken, dass die Welt, wie wir sie kennen, gedankengeneriert ist. Alles was darin geschieht, ist das Ergebnis von Gedanken und den daraus resultierenden Emotionen. So unbegreifbar greifbar für den Verstand. So illusionär für das sehende Ich.

Lass Dich wirklich treffen, von dem, was Du jenseits Deiner verzweifelten Gedanken bist. Vertraue Dir. Vertraue Dir immer tiefer, und Du wirst nach und nach zu dem, was Du schon immer bist: Freude und Klarheit, reine, namenlose Anweseneheit, die intelligent, weit und offen die Liebe und den Frieden ausdrückt, der sie ist. Im direkten Leben, in Deinem Alltag, mit den Menschen um Dich herum, in der Welt, wie sie ist. Denn es geschieht nicht in einem fernen Paradies. Es geschieht mitten unter uns. 
***
Von einem Liebenden, der im Fallenlassen zerstört hat, was die Liebe verhindert: 

Der Weg der Liebe

Der Weg der Liebe
Ist kein subtiles Argument.

Die Tür dorthin
ist die Zerstörung.

Vögel ziehen vor Freiheit
gewaltige Himmelskreise.
Wie lernen sie das?

Sie fallen und im Fall
erhalten sie Flügel.

Rumi

***

In Verbundenheit, Nicole

 

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4 Kommentare

  1. Bernd

    Und sich wahrnehmend einzulassen auf das, was wirklich hier ist.

    Wundervoll, vielen Dank…

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Danke für Deinen Kommentar, Bernd! 🙂

      Antworten
  2. Marianne Berndt

    Wunderbar ausgedrückt,was für eine Sprache,die so tief anrührt!
    Danke!!
    Marianne

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Liebe Marianne, danke für Deinen Kommentar, er hat mich gefreut! 🙂

      Antworten

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