Der Tod als Tor zur Wirklichkeit - anhören

von Radical Now

Es gibt eine Möglichkeit die Angst vor dem Tod zu überwinden. Aber sie ist nicht jedem zugänglich.  Derjenige, der sich dazu entschließt sich mit seiner Endlichkeit zu befassen und den tiefen Wunsch verspürt dem Tod mit Neugier und Vertrauen entgegenzutreten,  lässt sich auf das größtmögliche Abenteuer ein, auf das sich ein Mensch überhaupt einlassen kann. Denn er erklärt sich dazu bereit die Welt, die er kennt, noch zu Lebzeiten zu verlassen.

Wir werden geboren und finden uns wieder in einer Welt, die uns erklärt wird und der wir anhand von Vorbildern folgen. Meine Mädchen wussten schon im Kindergarten, wer Jesus war, wo wir hinkommen, wenn wir tot sind, und wie die Welt entstanden ist. Ihnen wurde die Angst vor der Hölle eingepflanzt und der Himmel bunt ausgemalt. „So ist das. Und so machen wir das.“…

All die Vorstellungen, die wir in diesem Alter bekommen, wirken ungesehen in uns und beeinflussen uns das ganze Leben lang. Wenn wir nicht auf die Idee kommen zu hinterfragen, ob das, was uns erzählt wurde, für uns selbst auch wirklich stimmt, leben wir nach einer Vorgabe, an die wir zutiefst glauben und an der wir – trotz Leiden – festhalten.

Trost und Angenommensein

In den Jahren meines Wirkens als Impulsgeberin habe ich vor Allem erlebt, dass Menschen eine Zuflucht suchen, Trost und ein Angenommensein ersehnen, das ihnen in der Kindheit verwehrt wurde. Die Verlorenheit, die da heraus wirkt, ist unbeschreiblich und durchtränkt das ganze Selbst- und Welterleben. Wir brauchen definitiv keine Psychologie, die uns erklärt, an welchem Punkt des Lebens mit uns etwas falsch gelaufen ist.

Wir brauchen vielmehr die Erfahrung einer bedingungslosen Zuwendung, die uns dadurch heilt, weil sie uns spiegelt, dass mit uns alles in Ordnung ist. Egal, wie wir sind.  Aus diesem inneren Gleichgewicht heraus haben wir erst die Möglichkeit uns unser grundlegendes Menschsein anzusehen. Bis dahin wird uns immer wieder die Sehnsucht dominieren, im Außen jemanden zu finden, der uns um unserer selbst Willen liebt und uns die Geborgenheit schenkt, die wir nicht fühlen können.

Erst wenn wir diese Aufgabe gemeistert haben, die uns von all den Generationen vor uns hinterlassen wurde, werden wir die Sicherheit in uns finden, zu erforschen, was unserer menschlichen Erfahrung tatsächlich zugrunde liegt. Wir werden die Nüchternheit und Klarheit in uns finden, die es braucht, um mit einem freien Geist zu entdecken – einem Geist, der nicht an Bedeutungen gebunden ist, von denen er nicht lassen kann.

Dann sind wir frei, die Welt der Vorstellungen und Konzepte hinter uns zu lassen und uns zutiefst einzulassen auf uns selbst als die Wahrnehmung, die wir sind.

Das Menschsein in Frage stellen

Um die Angst vor dem Tod zu verlieren, ist es unerlässlich sich mit der Frage nach der Natur von Bewusstsein zu beschäftigen. Nach der Natur unserer menschlichen Erscheinung, nach der Natur des Lebens selbst. Auf diesem Weg werden wir uns so sehr allen Glaubens entledigen, dass wir am Schluss sogar unser Menschsein in Frage stellen. Und wer ist schon dazu bereit? Nur jemand, der bei einer solchen Aussage einen erregten Schauer fühlt, in Vorahnung neuer, ungeahnter Erfahrungsdimensionen. Oder jemand, der absolut nichts mehr zu verlieren hat.

Die Angst vor dem Tod zu verlieren bedeutet als der Erfahrungshorizont zu sterben, der Du bisher bist und den Du bisher kennst. Es bedeutet Dich immer tiefer einzulassen auf Dein nacktes Dasein.

Das, was mich mein Leben lang gehindert hat wirklich zu entdecken, war der tiefe Glaube, dass andere Menschen, die sich vor mir mit den Themen beschäftigt haben, es besser wissen als ich. Und dass ich niemals dahin kommen werde, wo sie sind. Ich werde immer etwas übersehen, falsch liegen oder unvollständig sehen.

Ich müsse erst Psychologie, Philosophie, Physik, Biologie und Religionswissenschaften studieren, um wirklich etwas mit Sicherheit über das Leben sagen zu können. Dieser Glaube hat mich viel Zeit und Tränen gekostet.

Alles Wissen vergessen

Bis ich immer einfacher wurde. Und wieder in meine staunenden Augen gefallen bin, die nichts wissen. Die in den Sternenhimmel blicken und so von der Gewaltigkeit der Schönheit überwältigt werden, dass das direkte, einfache Dasein, das ich bin, in den Vordergrund rückte.
Du kennst dieses Gefühl, das Dich bei jeder Erfahrung von Schönheit, echtem Glück,  hoher Qualität und Wahrhaftigkeit erfasst. Dieses Empfinden ist viel näher dran an der Wahrheit dessen, wer Du bist, als jeder Gedanke an Vollständigkeit, Sicherheit oder Kompetenz.

Jeder Mensch ist in der Lage die Welt, die er wahrnimmt, zu hinterfragen. Ungeachtet aller Menschen, die das vorher getan haben. Es ist sogar von großem Vorteil alles zu vergessen, was Dir jemals darüber erzählt wurde. Und voll und ganz einzutauchen in die Erfahrung, die DU machst. Je zweifelloser Du Dir folgst, um so wahrhaftiger fallen die Antworten und Entdeckungen aus, die Du machst. Und sie stimmen. Immer. Denn Du bist es, der oder die erlebt und erfährt.

Es geht immer um Dich und das Leben, das Du erfährst. Du bist die einzige Kapazität und Kompetenz auf diesem Gebiet – so lange Du nicht zweifelst. Denn dann können andere über die Stimmigkeit Deiner Wahrnehmung entscheiden und Du wirst tatsächlich immer falsch liegen.

Sich bedingungslos folgen

Indiana Jones musste in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, eine Prüfung bestehen, die ihn alles gekostet hat. Er stand vor einem Abgrund, den er überwinden sollte, um auf die andere Seite zu gelangen. Erst als er darauf vertraute, dass er getragen sein würde, setzte er einen Fuß in die Luft. Und der Untergrund zeigte sich. Und trug ihn. Erst da stellte sich heraus, dass es sich um eine optische Täuschung handelte, die erst im Gehen sichtbar wurde. Die Brücke war schon immer da …

Oder nimm das wunderschöne Zitat der Dichterin Hilde Domin: „Und ich setzte meinen Fuß in die Luft und sie trug.“ Auch dieses Zitat illustriert, was es bedeutet, sich selbst bedingungslos zu folgen.

Was hat das nun mit dem Verlust der Angst vor dem Tod zu tun? Sehr viel. Erst in diesem Vertrauen kann Dir eine Tür geöffnet werden. Eine Tür zu einem Wissen, das schon immer da ist, das Du aber erst wahrnehmen kannst, wenn Du den Zweifel verlierst. Vorher brauchst Du zu viele Sicherheiten, um Dich zu orientieren. Und diese vermeintlichen Sicherheiten lassen Dich nicht durch diese Tür gehen.  Auf dieser Tür steht: „Existenz ist ewig.“

Die Bedeutung verschwindet

In der nackten Erfahrung Deiner Anwesenheit ist es unerheblich, wie Du heißt, wer Du bist, was Du machst, wen Du liebst, wen Du hasst, ob Du Geld hast, krank bist oder nicht … Es hat keine Bedeutung. Es ist völlig egal. Kein Hahn kräht danach.

Die nackte Erfahrung von Anwesenheit ist der Ort, der Du bist. Er ist von allen Kleidern befreit, die Dir im Laufe Deines Lebens angezogen wurden. Er ist so frei und ungebunden, dass er reines Glück bedeutet. Denn dort, wo die Freude, die Rührung oder Ergriffenheit entsteht, die Dich beim Anblick der Sterne übermannt, beim Anblick von Anmut, Zartheit oder Wildheit, beim Anblick von Weite und allem, was Dich wirklich erfasst und all Deine Abwehr sprengt – dort ist der Ursprung von Existenz. Existenz bedeutet: ewige Anwesenheit.

Diese Anwesenheit bist Du, bin ich, ist jeder und alles. Sie liegt Deiner menschlichen Erfahrung zugrunde. Sie ist immer da. Auch jetzt in diesem Augenblick. Zu sterben bedeutet, in die höchste Nacktheit Deiner Existenz einzutreten.
Eine Nacktheit, die Deine Kleider nicht mehr braucht, weil sie dadurch sich selbst in Vollkommenheit erfahren kann, ohne eine Erfahrung zu machen.

Ein Kuss ins Licht

Der Tod ist das Tor in die Wirklichkeit. Und wirklich ist das, was immer ist und nie vergeht. Davor brauchst Du keine Angst zu haben. An anderer Stelle schrieb ich einmal, dass jede Geburt einem Gewaltakt gleicht. Wie roh und ungezügelt werden wir in diese Welt geworfen! Welch ein Schmerz das ist!

Ich weiß noch genau, welche Urkraft mich durchlief, als ich meine Töchter gebar. Das Leben beginnt mit einem Schrei und vielen Tränen. Der Tod wiederum, selbst der gewaltsame, gleicht einem zärtlichen Abschiedskuss in den Frieden und die lichte Freude.
 
Aber Du musst nicht erst sterben, um das zu erfassen. Du musst allerdings bereit sein von allem zu lassen, was Du weißt und woran Du glaubst. Und das ist unter Umständen ein lebenslanger Prozess. Er kann schwer sein und er kann auch schön sein. Denn je weniger Du weißt und je mehr Du selbst entdeckst, um so voller und reicher wird Dein Leben, auf das die Krönung erst noch wartet …

In Verbundenheit, Nicole

 

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3 Kommentare

  1. Martin Kuhaupt

    Danke für deine Worte! Keine „Philosophie“, sondern so echt! Es trifft mich ins Herz, schmerzt (ganz doll) und inspiriert ungemein.
    LG Martin

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    • Heinz Mecking

      Liebe Nicole, ich kann dem was Du geschrieben hast, auch voll und ganz durch meine Lebenserfahrungen zustimmen. Ich vertraue hier und JETZT ohne eine Vergangenheit und ohne Vorstellungen von einer Zukunft
      der Kraft meiner Lebendigkeit in meinem SELBST des ABSOLUTEN.
      In der LIEBE zur EINHEIT mit Dir, Heinz

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  2. dakma

    danke erneut von ganzem Herzen…ich hab einige Internetkurse gebucht…..komme nicht hinein….das eine ist vielleicht „die Technik“….das andere jedoch vielleicht…. der Schritt ,den du beschreibst…. ES IST MEINE! ENTDECKUNGSREISE……

    ich lass es wirken…..

    Danke!

    dakma

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