Die Fremde in Dir Beitragsbild

 Die Welt der Erscheinungen wird in „spirituellen Kreisen“ und besonders im Advaita oft negiert, als unwirklich bezeichnet, als illusionär. Damit geht eine Art Abwertung einher, ein „Das, was Du fühlst ist ja nur Illusion, das gibt’s ja gar nicht“. Und der Verstand frohlockt, weil er sich besser fühlen darf, als der arme Unbewusste, der das noch nicht weiß und gefangen ist in der „Illusion“.

Das ist, als ob jemand zu allem was ihm begegnet sagt: „Damit habe ich nichts zu tun“. Und das führt nicht selten in die Freudlosigkeit, wenn nicht sogar in die Depression.

Auf der anderen Seite gibt es jene, die unaufhörlich verkünden, dass man selbst der Schöpfer ist und die Aufmerksamkeit nur in die richtige Richtung lenken muss, dann erhält man alle Geschenke, die das Leben für einen bereithält. Dass man selbst „Schuld“ ist an seinem Schicksal und es ja in der Hand hätte, ob man im Sumpf der Gedankenmuster sitzen bleibt oder nicht. Man müsse nur dieses und jenes „tun“.

Kreis und Punkt

An Beidem ist was dran und auch wieder nicht. Es ist immer so, wie es ist. Darin gibt es niemanden, der etwas tut. Alles entfaltet sich aus sich selbst heraus. Und doch kann sich das, was ist ändern, wenn man erkennt, was es ist. Es geht immer nur ums Erkennen. Bewusstsein ist die Kraft, die sich – in sich ruhend – selbst führt.

Ein leerer Kreis mit einem Punkt darin ist das eleganteste Symbol dafür.

Der Glaube, dass man alles manifestieren kann, was man sich vorstellt entlarvt sich dabei nach einiger Zeit von selbst als haltlos. Vorstellungen sind eben das, was sie sind – Vor-Stellungen: Ideen, die sich vor Deinen Blick stellen, weil das, was schon ist nicht gesehen wird. Dass wir permanent manifestieren wird dabei übersehen, ebenso dass das, was tatsächlich etwas mit Dir zu tun hat, von selbst in die Verwirklichung tritt.

Dualität und Nondualität sind nicht voneinander getrennt. Die wahre Illusion ist die Trennung zwischen beiden. Aber innerhalb der Dualität hat man die schöne Möglichkeit die Dinge differenziert zu betrachten. Nur hier können wir uns wahrnehmen als Ich und Du. Nur hier können wir uns küssen und streiten und lieben und ärgern und wieder freuen.

Nur von hier aus können wir entdecken und entwickeln, formulieren und erschaffen … Hier staunen wir, hier verzweifeln wir, hier leben wir und sind dabei immer ein direkter Ausdruck des EINEN, weil es nie nicht ist.

Wo fängt Dein Blick an?

Nondualität ist die Entdeckung, dass das, was durch meine Augen sieht, das, was fühlt, riecht und schmeckt, das, was hört und somit alles erfährt was durch die Sinne geht, am besten mit der Qualität von Licht zu beschreiben ist.

Alles taucht darin auf. Ein Streicheln auf der Haut, der Regen, der auf die Fensterscheibe prasselt, die frische Luft oder der Gestank, ein anderer Mensch, die Straße, das vorbeifahrende Auto … alles. Alles taucht in der Wahrnehmung auf. Selbst die Sinne mit denen ich wahrnehme tauchen in der Wahrnehmung selbst auf. Und das ist das größte Geheimnis des Lebens. Wo fängt dieser Blick an, mit dem Du in „die Welt“ siehst?

Was ist das, Wahrnehmung? Darüber können wir nichts sagen, weil alles, was wir darüber sagen können, bereits von „ihr“ wahrgenommen wird und sie deshalb niemals treffen kann. Wahrnehmung selbst ist so transparent, dass sie selbst nicht wahrgenommen werden kann.

Das ist die erste Wirklichkeit, so wird sie genannt. Das Absolute, Unsagbare, was allem Wahrgenommenen vorausgeht. Und das stimmt, wenn man aus der Perspektive der Erscheinung sieht, was nur in der Dualität möglich ist.

Das persönliche im Unpersönlichen ist kein Widerspruch. Es ist die Voraussetzung für Erfahrung …

Denn nur hier können wir die Dinge voneinander unterscheiden, sie benennen, sie analysieren und somit das innewohnende Wissen sichtbar machen. Dualität ist nichts als eine eingenommene Perspektive des Bewusstseins selbst. Ob es sich um den Blickwinkel einer Fliege handelt oder den eines Menschen – es ist immer es selbst, das als Fliege oder Mensch in Erscheinung tritt und damit anfängt sich unterschiedslos zu unter-scheiden.

Aus der Nichtperspektive von Bewusstsein/Wahrnehmung selbst gibt es keine Trennung, keinen Unterschied. Hier ist alles untrennbar eins. Es gibt niemanden, der darin „Etwas“ wäre. Keine Erfahrung, keinen Wahrnehmenden, nur Geschehen selbst.

Es ist so, als würdest Du einen Schmetterling beobachten, der fliegt. Wer kann sagen wohin er fliegt, oder warum? Er fliegt einfach. So ist alles, was ist. Es ist einfach. Ohne warum und weshalb, weil es keinen Unterschied gibt zwischen den Dingen, da es kein Dazwischen gibt. Es gibt nur DAS.

Und doch kannst Du Dich in den Flug des Schmetterlings vertiefen. Und etwas herausfinden. Eine Entdeckung machen. Das geht aber nur mit Dir als Du. Mit mir als (m)Ich.  Es geht eben nur innerhalb einer Perspektive.

Die große Einseitigkeit

Ich erlebe es oft, dass sich Menschen auf die eine oder andere Seite stellen und diese als Wahrheit postulieren. „Du bist nicht der Handelnde, Du bist Illusion. Es gibt nichts zu tun. Alles geschieht.“ Oder: „Du bist Deines Glückes Schmied. Der Weg ist das Ziel. Entdecke Deine Schöpferkraft.“  Dabei ist alles möglich. Es ist ineinander enthalten und gleich wahr und unwahr.

Es gibt, im Grunde, nur die Erscheinung. Wir können nirgendwo anders leben als hier, in ihr. Das Absolute ist eine Abstraktion, die so ist, aber wenn wir sie getrennt von der Relativität sehen wollen, existiert darin niemand separat. Und diese Trennung gibt es nicht. Denn es erscheint alles gleichzeitig.

Ich bin Erscheinung und gleichzeitig das Nichterschienene. Jetzt. Nicht sagbare Wahrnehmung, die sich selbst erlebt. Pure Erfahrung, die sich selbst reflektiert. Und das ist die große Möglichkeit des Lebens, dass es durch und als  Bewusstsein geschieht und sich entdeckt.

Weder wirklich noch unwirklich

Es ist am Leben vorbeigegriffen, wenn man sich von der Erfahrung der Gedanken und Gefühle trennen will, weil man sie für unwirklich hält. Und sich als Erfahrenden aus der Welt erklärt. Das Absolute trägt eine relative Brille. Mit der kann es sehen, sich freuen, entdecken und staunen. Das ist das Wunder, in der sich Schönheit und Liebe erst entfalten können. Schmerz und Verzweiflung sind immer ein Hinweis darauf, dass Du Deine Weite nicht erkennst, und in der Einseitigkeit bzw. Limitierung Deiner – an sich unbegrenzten – Wahrnehmung gefangen bist.

Alle Enge ist nur dafür da, damit Du erkennst, wer Du bist. Damit Du dort hinschaust, wo es weh tut, denn nur vollkommenes Hinschauen heilt, weil Hinschauen Wahrnehmung ist, die Du bist. „Hier“ kannst Du etwas tun. Wirklich fühlen, dabei sein, Dich nicht abwenden von dem, was Dir geschieht. Auch wenn es nicht „getan“ werden kann. Du kannst es nur immer tiefer einsehen, wenn es passiert. Ein echtes Paradoxon für den Verstand. Ein Sosein für die Wahrnehmung selbst.

Es ist nichts verkehrt mit einem Ich, das die Welt entdeckt. So ist das Spiel – ohne Ich gibt es keine einzige Erfahrung. Es ist gut, wenn sich dieses Ich seiner wahren Natur bewusst wird. Erst dann fällt es aus dem Gefängnis der Einseitigkeit und verliert die Angst, weil es sich nicht mehr auf die scheinbar alleinige Wirklichkeit seiner Gedanken reduziert. Dann wird es im Bewusstsein vollständig.

Und die Moral der langen Geschicht‘ : Entspann Dich. Erlebe ALLES voll und ganz. Du bist schon zu Hause. Und kannst alles zu Dir einladen. Nichts muss vor der Tür stehen bleiben. Kein Schmerz, keine Angst … Weil es „vor der Tür“ nicht gibt.

In Verbundenheit, Nicole

 

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2 Kommentare

  1. Heidi Niederberger

    Liebe Nicole,
    herzlichen Dank für diesen tollen Text. Ich bin in letzter Zeit oft staunend und in mir ist die Frage – wie geht meine Wahrnehmung. Ich sehe da öffnet sich eine ganz neue Sichtweise. Du beschreibst mit deinen Worten genau das, was ich erfahre aber nicht in Worten ausdrücken kann. Alles Liebe Dir, Heidi

    Antworten
  2. Patricia Keusch

    Vielen dank für diese Worte liebe Nicole. So sehe und erlebe ich es auch.
    Herzlich Patricia

    Antworten

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