Nichts und Niemand kann Dich glücklich machen- Bild

Keine Angst vor der unmittelbaren Wirklichkeit - anhören

von Radical Now

Als Kind hatte ich Mitleid mit Bushaltestellen. Nachts, wenn ich allein im Bett lag, dachte ich an sie. Ich dachte daran, wie traurig eine verlassene Bushaltestelle aussieht, wenn kein Bus und kein Mensch kommt, der in den Bus steigt. Sie wirkt dann so verloren.
So nutzlos und einsam.

Ich dachte auch an die Bäume, die im Wald stehen, auch wenn kein Mensch sie sieht. Die da sind und im Wind rauschen, auch wenn ich nicht da bin. Und ich dachte an die kleinen Blumen, die unscheinbar am Wegesrand wachsen, blühen und verwelken und dabei ganz sie selbst sind.

Später dachte ich eher an Menschen, die im Winter kein zu Hause haben. Ich dachte immer dann an sie, wenn ich aus der Kälte in die Wärme kam, froh darum, so ein zu Hause zu haben.

Jetzt denke ich an all die Menschen, die den Großteil ihrer Tage mit Sorgen, Zweifeln und dunklen Gedanken verbringen. Die Menschen, die sich ängstigen, die haltlos sind und keine Möglichkeiten in sich finden, die Schönheit des Lebens zu entdecken. Ich habe auch Momente, die dunkel sind, die mich zweifeln lassen oder mich eng machen. Doch die Sonne bricht immer wieder durch, als hätte sie sich ihr Recht erkämpft in meinem Leben zu strahlen und mich immer wieder ins Licht sehen zu lassen. Als ließe sie sich einfach nicht mehr abschütteln durch die alten Geister der Schwere und Düsternis.

Lebendig sein

Ja, ich glaube der Mensch ist dazu da, seine Kraft und Lust, seine Kreativität und die unfassbaren Möglichkeiten zu entdecken, die in einem bewussten Leben liegen und aus diesem Bewusstsein heraus zu schöpfen.
Der Mensch ist dazu da lebendig zu sein und im Vertrauen ins Leben, aus der stillen Feier des Daseins heraus zu agieren. Und das ist, wie es aussieht, ein langwieriger Prozess. Der, wie ein Geburtsprozess, durch Schluchten und Täler führt, durch Enge und Gewalt, durch Hilflosigkeit und Schwäche, durch Verlorenheit und die oft  blinde Suche nach der inneren Heimat.

In meinen beiden Onlinegruppen sind 17 Menschen, die mich in jedem Treffen tief berühren. Durch ihr Menschsein. Menschen, die sich vorher nicht kannten, öffnen sich einander und vor allem – sich selbst. Es ist frappierend zu erleben, was es macht, wenn wir aussprechen, was uns wirklich bewegt. Ungeschminkt, ungeschönt, direkt und echt. Diese Gruppen ins Leben gerufen zu haben, sie zu leiten, ihnen moderierend und auch kommentierend beizuwohnen, hat mich selbst geerdet.

Es hat mir gezeigt, welchen Unterschied es macht, über Zusammenhänge, die sich mir erschließen zu schreiben und sie direkt zu erleben. Direkt zu erleben, wenn sich ein Mensch in seiner Verletzlichkeit zeigt, in seinem Nichtwissen, in seinem gerade stattfindenden Prozess. Und zu erleben, was das mit den anderen macht: Sie öffnen sich. Wir berühren einander. Und wir erkennen: Nähe entsteht nicht dadurch, dass ich sie mir von einem anderen Menschen wünsche. Sie entsteht dadurch, dass ich mich öffne und zeige, wie ich bin. Wenn ich mich das traue, dann passiert eben etwas, was der Verstand sich nicht traut, weil er dazu nicht gemacht ist: Ich fange an zu fühlen, statt zu denken.

Direktes Erleben

Diesen Unterschied zu erleben macht mich oft sprachlos, auch wenn ich immer etwas zu sagen habe. Diesem Prozess in den Gruppen beizuwohnen hat mich verändert. Er ist verantwortlich für den letzten Text, für den Ausbruch aus der rein geistigen Welt der Spiritualität und für den letztendlichen Zusammenschluss des Geistes und des Gefühls in mir zu einfachem Leben und Erleben und direktem Ausdruck. Das Leben schreibt mich nun. Nicht mehr allein die Lust am Denken, am Sehen, an der großen Vision. Und das macht mich noch berührbarer, als ich es sowieso schon bin. Aber eben nicht schwächer, wie der Verstand oft glaubt, sondern stärker, umfassender, liebender, bereiter.

Ich weiß noch sehr gut, wie es sich anfühlt ein Außenseiter zu sein, nicht dazu zu gehören und mitten im prallen Leben auf einem Wartepsosten zu stehen. Und ich spüre genau, welcher Mechanismus dazu geführt hat, mich so zu fühlen. Meine Angst vor anderen Menschen, davor, falsch wahrgenommen zu werden, kategorisiert zu werden, in Schubladen gepackt und in „kenne ich schon“ abgelegt zu werden, war so groß, dass ich mich kaum ohne Scham und schlechtes Gewissen zeigen konnte, wie ich wirklich bin. Als Kaleidoskop, als Unberechenbarkeit, als Feuerwerk, als Abgrund, als Verschlossenheit, als der tiefe Fluss, der ich bin und als die See, die stürmt und auch schweigt.

Als dieser unbeschreibliche Lebensstrom, der durch mich fließt, dem ich einfach nur noch beiwohne, ohne ihn selbst zu kennen, zu kategorisieren, einzuordnen und zu beschriften. Das ist es, was mich befreit leben lässt. Was mir die Sicherheit gibt, die ich immer in „Etwas“ gesucht habe, um zu erkennen, dass sie im Fließenlassen liegt. Ich begleite mich selbst im Fühlen, im Denken, im Erleben, im Sein. Das ist alles. Ich bin bei mir und lasse mich in Ruhe.

Lass Dich in Ruhe

Und auf einmal traue ich mich Dinge zu tun, die ich mich nie getraut hätte. Ich mache einfach. Ich denke nicht mehr darüber nach. Ich überrasche mich selbst. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich kann und was ich nicht kann. Ich erlebe das, was mich „zieht“, wo die Lust ist, wo es „will“. Und ich kann mich darauf verlassen, dass sich immer etwas zeigt. Das weiß ich nun.

Die Quelle des Lebens ist in mir selbst und sie ist unerschöpflich. Solange ich mich in Ruhe machen lasse, geschieht alles auf eine erstaunlich kongruente Weise. Ja, das ist erstaunlich, wo doch der Verstand immer alles vorher wissen will und nicht merkt, wie sehr er durch seine Vorwegnahmen von Ereignissen, den natürlichen Lauf der Dinge behindert oder sogar unmöglich macht. Dann kommt es zur geistigen Verkrampfung, die in Enge und Angst führt und zu Entscheidungen, die sich nicht gut anfühlen und zu nichts Gutem führen …

Ich werde in diesem Leben nicht auslernen. Das weiß ich genau. „Der Weg ist das Ziel“, bedeutet für mich genau das: Ich erlebe das Leben als Unwissende, als zutiefst berührbares Wesen, das entdeckt und erforscht, das sich überraschen lässt und mittendrin ist, das keine Lust mehr hat auf Endgültigkeiten, Absolutismen und Endstationen. Diese Ausbildung ist ewig. Weil die Entdeckung ewig ist. Es ist schön nichts zu wissen und alles so zu erleben, wie es ist. Ich bin schon am Ziel, während ich gehe.

Tief und nah

Hier darf es sich zeigen wie es ist und dann wird es tief und nah. Hier verliert sich die Angst vor der Zukunft, weil unmittelbares Erleben so unmittelbar ist, dass es ganz nah an sich selbst dran ist. Ohne gedankliche Filter. Das heißt Handeln aus dem direkten Erleben heraus und nicht mehr aus der Vorstellung davon, was passieren wird. Bei sich sein hat keinen Kern. Ich bin die Freiheit da zu sein. Das ist eigentlich alles, was ich über mich sagen kann.

Und hier ist keine Fremdheit mehr. Keine Grenze zu einem anderen. Hier darf ich 17 Universen erleben und staunen, wie schnell sie sich, trotz aller Unterschiedlichkeit nahe kommen können und wie nah mir selbst jedes dieser Universen ist. Gerade weil sie sagen was sie denken und fühlen und nicht auf künstliche Harmonie achten.

Hier kann sich erst zeigen, was wirklich in uns vorsich geht. Und um die Anerkennung dieser Wirklichkeit geht es auf dem Weg, den jeder für sich selbst geht.
Das ist nichts Großes, das sind oft kleine Dinge, direkt aus dem Alltag. Kleine Dinge, die eine große Wirkung haben können, wenn sie erstmal entdeckt wurden. Der „wahre“ Mensch ist ein Geschöpf, das immer mehr die Angst vor seiner unmittelbaren Wirklichkeit verliert.

In Verbundenheit, Nicole

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

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7 Kommentare

  1. Jens

    Wow. Einfach nur Danke. Vom Herzen. <3

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    • Nicole Paskow

      Sehr gerne, lieber Jens! LG Nicole

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  2. Johannes

    Ich brauche gar nicht ein neuer Mensch zu werden – es genügt ein „wahrer Mensch“ zu sein.
    Herzlichen Dank für Deinen Beitrag liebe Nicole

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    • Nicole Paskow

      „Es genügt ein „wahrer“ Mensch zu sein“, sagst Du, Johannes. Ja… und das ist die Neuerung 🙂 Herzlich, Nicole

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  3. Almuth

    Liebe Nicole, ja, als ich das eben las, ist mir noch einmal mehr deutlicher geworden, wie lebensnah, berührend, inspirierend diese Gruppenarbeit ist. Und es ist auch manchmal recht herausfordernd und unbequem, sich wirklich echt zu zeigen und immer wieder ein Segen wenn man es gewagt hat… Auch bei den anderen zu spüren, wie es erleichtert, wie etwas ins Fließen kommt wo es erst stockte,zum Beispiel…. So bereichernd!
    Mir fiel das Sprichwort ein“hinter die Kulissen schauen „… hier gibt es keine Kulissen mehr, und daher wird hier auch nicht mehr geschauspielert… Ja, und es gibt immer wieder Neues zu entdecken, es hört nie auf.
    Danke für diesen Artikel!!

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    • Nicole Paskow

      Liebe Almuth, es ist wirklich schön, dass Du dabei bist und wie Du Dich dieser Aufgabe stellst …
      Die Kulissen überhaupt erst zu bemerken, sie dann wegzuschieben und nackt zu stehen ist definitiv eine Herausforderung. Alles geschieht in Deinem Tempo. Immer im Vertrauen auf Deine Impulse …
      Herzlich, Nicole

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  4. Christine Geiler

    Ja, so schön. Hinter die Kulissen schauen, mit dem offenen Geist, lässt erkennen wie das Schauspiel und die Szenarien erschaffen wurden. Wie die Begebenheiten ineinandergreifen. Bewusst anwesend, mit allen Sinnen dabei, empfangend, durchdrungen und vom Leben getragen.

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