Nichts und Niemand kann Dich glücklich machen- Bild

Ein Tier kennt nur die Welt, in der es lebt. Es lebt darin, ohne gedanklich herausfallen zu können. Ohne sich eine Alternative zu sich selbst ausdenken zu können. Wenn mein Hund traurig ist, weil ich nicht da bin, winselt er. Wenn er draußen einen anderen Hund sieht, will er zu ihm hin. Wenn er müde ist, schläft er, wenn er aufgeregt ist bellt er. Wenn er krank ist, zieht er sich zurück, leckt sich die Wunden und gibt sich ganz der Heilung hin. Er ist ganz er selbst, weil er dazu keine Alternative hat.

Ich aber kenne Alternativen zu dem, was mir gerade widerfährt. Ich kann zu dem, was mir passiert in Distanz gehen oder damit verschmelzen. Ich kann es immer dann, wenn es mir auffällt.

Es ist das Paradox des reflektierten Daseins, das mich lange beschäftigt hat und noch immer beschäftigt. Ich bin genau so, wie mein Hund, in dieser Welt. Ich bin mittendrin, genau wie er. Und doch kann ich mir darüber bewusst werden und er nicht. Das ist das große Geheimnis des Lebens, das sich nicht verstehen lässt. Niemand weiß warum das so ist. Warum der Mensch dazu in der Lage ist.

Weil das aber so ist, kann ich nach und nach darauf aufmerksam werden, wer ich bin. Ich kann etwas erleben. Und entweder bin ich mittendrin und erlebe einfach, oder ich kann mich vom Erlebten distanzieren, indem ich einem Gedanken folge, über das Erlebte. Ich kann also drinnen und draußen sein. Und ab hier komme Ich erst ins Spiel. Wer oder was kann einem Gedanken folgen, sich damit vom direkten Erleben trennen, oder so mit dem Erleben verschmolzen sein, dass es das Erleben ist?

Bewusstsein ist innen und außen

Bewusstsein das, in meinem Fall, den Namen Nicole trägt. Zu dem ich einfach „ich“ sage. Das in mir selbst zu sich „ich“ sagt. Ich bin das Bewusstsein, das sich als Nicole erfährt. Als die Gedanken von Nicole, als die Gefühle von Nicole und das gleichzeitig so intim Nicole ist, dass es sich in keiner Weise von ihr trennen kann, genau so wenig wie ihr Hund sich von sich trennen kann, weil er ist, was er ist.

Und als Nicole habe ich, Bewusstsein, zwei Möglichkeiten meinem menschlichen Drama zu begegnen. Und das menschliche Drama ist nur deshalb ein Drama, weil das kollektive Bewusstsein noch nicht weiß, dass es sich seiner selbst überall, wo es als Mensch erscheint, bewusst werden kann.

Deshalb leben die meisten Menschen als ein Ich, das sich distanzlos auf Distanz hält. Es ist sich seiner Existenz als Bewusstsein, das sich selbst als dieser Mensch erlebt, nicht bewusst und hält sich total für diesen Menschen. Es ist nur dieser Mensch, es kann aber gleichzeitig die Gedanken und Gefühle dieses Menschen benennen und darunter leiden. Und hält sich damit wiederum auf Distanz.

Was heißt das?

Bewusstein, das mit sich verschmolzen ist, kennt nur das, was ist. Ein Tier kennt Schmerz, aber es leidet nicht darunter. Warum ist das so? Weil es sich nicht von diesem Erleben trennen kann. Es kann sich den Schmerz nicht ansehen, es kann nicht sagen: „Oh, dieser Schmerz tut aber weh! Ich will das nicht!“ Es kann keinen Abstand zu dem, was es erlebt, herstellen.

Es kann nur ausdrücken, wie sich das, was es empfindet, anfühlt. Es kann nur mehr oder weniger große Intensitäten wahrnehmen. Es winselt, es bellt, oder leckt sich die Wunde. Oder harrt still aus. Und wenn es vorbei ist, ist alles wieder gut und es wirkt, als wäre nie etwas gewesen. Ein Tier ist deshalb immer das, was gerade ist.

Wir, als das Bewusstsein, das sich seiner selbst bewusst geworden ist, haben aber Spielraum, sobald uns das eben bewusst wird. Um eine Emotion als negativ zu bezeichnen, müssen wir dazu in Distanz gehen, um sie zu sehen. So, wie wir einen Baum nur deshalb sehen können und als Baum benennen können, weil er in einem gewissen Abstand zu unseren Augen steht. Genau so ist es mit unseren Emotionen.

 Welchen Abstand halten wir zu den Dingen?

Um sagen zu können, das ist ein Baum, eine Blume, ein Hund, müssen wir uns von dem Objekt trennen. Wenn Du das Objekt näher und näher an die Augen heranführst, würdest Du nicht in der Lage sein zu sagen, was das ist. Du kannst das ausprobieren. Was auch immer Du Dir ganz nah vor die Augen hältst, oder wo Du ganz nah herantrittst, wirst Du nicht mehr erkennen können als das, was es ist.

Es ist das Gleiche mit Emotionen. Allein dass Du sagen kannst, ich habe dieses unangenehme Gefühl von Ärger, heißt, dass Du Dich davon bereits distanziert hast. Die erste Möglichkeit, die Macht negativer Emotionen auf Dich zu verringern ist, diese Distanz zu erhöhen. Die zweite Möglichkeit ist, diese Distanz zu verringern und die Emotion näher und näher an Dich heranzuholen.

Ein Objekt, das wir ganz nah an uns heranholen, verliert seine definierte Form. Eine Emotion, die wir ganz nah an uns heranlassen, verliert zunächst ihren Namen, ihre Bezeichnung. Wir wissen nicht länger, was Angst ist, was Traurigkeit oder Eifersucht ist, und nach einer Weile, verliert sie ihre negative Aufladung. Wenn Du das Gefühl einlädtst, so nah an Dich heran zu kommen, dass Du Dich nicht mehr davon trennen kannst, um zu wissen, was es ist, wirst Du genau dort, in der Mitte dieses Gefühls, den Frieden finden, den Du suchst. Der Ärger bleibt so lange Ärger, so lange Du ihn auf Distanz hältst. Das heißt es, den Widerstand gegen das Gefühl aufzugeben.

Die alltägliche Distanz zum Leiden

Die alltägliche Distanz, auf der wir die Emotionen halten, ist die Entfernung, die uns sehen und fühlen lässt, dass wir leiden. Die einswerdende Distanz ist so gering, dass wir mit den Emotionen verschmelzen. Wir werden eins mit ihnen und sie können uns nicht mehr weh tun. Die reflektierende Distanz bringt sie so weit weg von uns, dass ihre Ladung uns nicht mehr erreicht.

Nachts im Bett, zum Beispiel, wenn Du plötzlich aufwachst und eine Schwere spürst, oder wenn Du Angst spürst, dann hole sie ganz nah an Dich ran und sage: Mein ganzes Leben habe ich Dich von mir weggestoßen, ohne Dir je begegnet zu sein. Ich schließe Freundschaft mit Dir. Ich heiße Dich willkommen, komm näher. Ich will ganz in Dich reingehen.

Und Du wirst sehen, im Näherkommen verliert die Schwere, die Angst ihre Negativität und wenn sie ganz nah herankommt, dass sie sich nicht mehr von Dir unterscheidet, wirst Du ihr keinen Namen mehr geben können. Du fühlst die Intensität dieses Empfindens. Du weißt noch nicht mal mehr ob es ein angenehmes oder unangenehmes Gefühl ist. Du fühlst die reine Intensität. Und in deren Mitte liegt die Auflösung.

Komm ganz nah heran …

Du lässt die Intenstität ganz nah an Dich herankommen und kannst Dir eine Frage stellen: Was weiß ich über dieses Empfinden? Als würdest Du einen Aufsatz darüber schreiben wollen. Du beziehst Dich dabei nur auf die aktuelle Empfindung dieses Gefühls und nicht auf die Vergangenheit und die Geschichte dieses Gefühls, die es getriggert hat, sondern nur rein auf dieses Gefühl.

Und dann schau mal, ob Du auch nur ein einziges Wort darüber schreiben könntest, das etwas anderes ausdrückt, als dass es eine irgendwie geartete Intensität besitzt. Und wenn Du Dich fragst, ob es angenehm oder unangenehm ist, wirst Du nicht dazu in der Lage sein.

Das ist der Weg hinein in das unangenehme Empfinden. Und dann gibt es den Weg hinaus, indem Du die Distanz erhöhst. Dazu folgst Du Dir selbst bewusst als das Bewusstsein, das Du bist. Du fragst Dich: Wer nimmt dieses Gefühl von Angst, Eifersucht, Neid oder Wut gerade wahr? Wo ist dieser Ärger wenn ich darauf aufmerksam werde, dass Ich, Bewusstsein es bin, das ihn gerade wahrnimmt? Bin ich, Bewusstsein, etwas, das sich ärgern kann? Oder bin ich das, was Ärger, Angst, Schuld, Freude,Trauer etc. wahrnimmt und deshalb von all dem niemals berührt wird?

Wir haben viel mehr Möglichkeiten …

Es ist ein Spiel mit Abständen, das wir spielen können, sobald wir uns darüber bewusst sind, wer wir sind. Und welche Möglichkeiten wir haben. Je nachdem, was gerade möglich ist, können wir hineingehen oder uns herausziehen. Und beide Wege lassen uns am gleichen Ort ankommen. Hier. In der Freiheit des Augenblicks.

Die gewohnte Distanz, die wir zu den Dingen einnehmen, lässt uns leiden. Weil wir im Glauben darin erstarrt sind, dass es so ist und nicht anders geht. Doch wir sind flexibler als wir bisher wissen, das können wir aber mehr und mehr entdecken .

In Verbundenheit, Nicole

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

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6 Kommentare

  1. Oliver Olbert

    sehr schön geschrieben – ich geniesse deine Zeilen immer. Mein Ich meinte: „ja genau so isses“.

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    • Nicole Paskow

      Das nennt man wohl „Resonanz“. 🙂 Danke Oliver! LG Nicole

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  2. Thomas Müller

    Sehr sehr schön beschrieben, vielen Dank 🙂

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    • Nicole Paskow

      Danke für Deinen Kommentar, Thomas! 🙂 LG Nicole

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  3. Tina

    Ich freu mich auch, den Text hier nachlesen zu können, finde ihn sehr wesentlich. Danke 🙂

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  4. Valentina

    Ich hab‘ auch ein JA dazu beim Lesen. :o)

    Und eine Frage formuliert sich in mir:
    „Mir darüber bewußt zu sein, wer ich bin“ … bedeutet das: wenn ich merke, das da „etwas“ in mir ist, was nicht identisch ist mit meinem Körper … Gefühl … Denken? Dieses „wer“ ist dann für mich aber immer noch nicht fassbar … nur erlebbar irgendwie … also ich kann diesem „wer“ keine Form zuordnen, es zeigt sich sozusagen im „wie“ der Wahrnehmung? Kann mensch das so sagen?

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