Ja, ich weiß. Das, was wir uns unter Totsein vorstellen, ist, dass wir eines Tages nicht mehr da sind. Licht aus. Keiner mehr anwesend. Lustig finde ich, dass sich das ja immer derjenige vorstellt, der noch lebt. Also, ich stelle mir vor, wie es ist, wenn ich tot bin: Ich bin einfach nicht mehr da. In etwa so wie im Schlaf. Ich wache einfach nicht mehr auf.
So stellen wir uns das vor.

Spannend daran ist die Frage – woher wollen wir so sicher wissen, was nach dem
Sterben passiert?

Warum halten wir so sehr an der allgemeinen Vorstellung über den Tod fest? Der Tod als ein schlimmes, schreckliches, angsteinflößendes Ereignis? Es ist so, weil wir es uns als Lebende vorstellen. Und als Lebende können wir uns nicht vorstellen, was das Nichtlebende sein soll. Es ist ja genau das Gegenteil von dem, was wir glauben zu sein.

Und wer sollte sich etwas vorstellen können, wenn er nicht mehr ist? Das geht nicht. Also stellen wir uns den Tod als Lebende vor und finden es unterträglich nicht mehr zu leben. Es macht uns traurig und sogar fassungslos. Aus der Perspektive des Lebens ist der Tod etwas, das vermieden werden muss. Das ist so, als würde die Farbe Schwarz unbedingt verhindern wollen zur Farbe Weiß zu werden. Schwarz ist aber Schwarz und kann niemals zu Weiß werden, egal, was passiert.

Ein schwarzer Fleck hat einen Anfang und ein Ende. Ein weißer Fleck auch. Ebenso wie das Leben. Ebenso wie alles, was Du sehen kannst. Was würde passieren, wenn ich mich an den Anfang des schwarzen Fleckes stellen würde und von seinem Anfang zu seinem Ende liefe?

Würde ich an der Grenze herunterfallen in ein ewiges Nichts? Wie sollte das aussehen? Das Nichts? Mit mir darin? Das ist ein komisches Bild, finde ich. Ein nicht sehr glaubwürdiges. Die Vorstellung vom Tod ist genauso unglaubwürdig. Ich, als mein Leben, bin in dieser Vorstellung ja nicht mehr da. Da ist dann die Idee des „Nichts“.

Doch die Vorstellung von „Nichts“ passiert ja in mir als Lebende. Insofern kann dieses Nichts, was ich mir vorstelle, ja gar nicht das Nichts sein, was der Tod tatsächlich ist, denn darin bin ich ja nicht mehr anwesend. Ich bin ja Etwas und nicht Nichts. Glaube ich.

Man könnte sagen: Der Tod ist die Abwesenheit von Leben. Oder auch so: Der Tod ist die Nichtexistenz. Jetzt könnte ich fragen: Gibt es denn die Nichtexistenz? Das ist wieder so eine lustige Frage, die fast schon absurd ist. Ich könnte sagen: Die Nichtexistenz existiert allein als Wort. Und was ist ein Wort? Vielleicht ein Gedanke? Ja, das könnte sein. Wenn wir mutig sind, könnten wir jetzt weiter gehen und sagen: Der Tod ist also ein Gedanke. Wow!

Was ist denn ein Gedanke? Auf jeden Fall etwas Geistiges. Und damit etwas Spirituelles. Es ist vor meinen Augen nicht sichtbar. Aber es ist wahrnehmbar. So wie ein Traum wahrnehmbar ist, oder eine Erinnerung. Es ist eine andere Art der Wahrnehmung, wie die eines Baumes. Wenn ich mich fragen würde, wüsste ich nicht mit welchem Sinn ich Gedanken wahrnehmen kann. Ich kann einen Ton hören, einen Duft riechen, ein Haus sehen, eine weiche Haut fühlen und eine saftig-süße Erdbeere schmecken. Aber womit nehme ich Gedanken wahr?

Bewusstsein.

Sie tauchen im Bewusstsein auf! Eine weitere schöne Frage ist nun: Was taucht denn nicht im Bewusstsein auf? Hier können wir nur mit den Schultern zucken, weil uns nichts einfällt, denn alles taucht im Bewusstsein auf. Alles, was wahrnehmbar ist. Meine Hand, die Kerze vor mir, die Luft, die leicht brummende Stille um mich herum, mein Atem, die Tür, die Wand … die ganze Welt!

Die ganze Welt ist alles, was ich durch meine fünf Sinne wahrnehme. Die ganze Welt taucht im Bewusstsein auf. Wollen wir noch weiter gehen? Ja!

Was ist denn Bewusstsein?

Ich würde sagen: Wahrnehmung. Das ist auch schon alles, was wir darüber sagen können. Eine Art Medium, wie ein Bildschirm. Wobei das eine sehr grobe Metapher für Wahrnehmung ist. Aber die beste, die wir momentan haben.

Wahrnehmung ist etwas, worin etwas erscheint. Sagen wir – ein Hund. Das, worin der Hund erscheint, ist selbst aber nicht wahrnehmbar. So wie ein Spiegel. Ich sehe hinein und sehe mein Gesicht. Aber worin erscheint mein Gesicht? Was ist denn der Spiegel? Er ist für sich selbst nichts, denn er spiegelt nur wider, was er sieht. Über den Spiegel selbst können wir nichts sagen, weil er nur widerspiegelt, aber selber keine Eigenschaften hat. Das ist eine ganz gute Metapher für Bewusstsein.

Aber um es kurz zu machen: Wahrnehmung ist Nichts. Und auch das ist zu grob gesagt. Wir können nichts über die Wahrnehmung aussagen, weil sie lediglich widerspiegelt, was in ihr auftaucht. Sie sieht das, was in ihr erscheint. Alles, was wir letzten Endes über sie sagen können, ist: Sie ist da.
Reine Anwesenheit. Pures Dasein, in dem etwas geschieht. Und auch das können wir nur aus der Position des Wahrgenommenen sagen. Wir sind also da, weil wir wahrgenommen werden, und das mitbekommen, weil wir uns, als Wahrnehmung, dessen bewusst sind.
Ein Kreis also.

Und jetzt nimm das alles zu Dir. Worin tauchen die Buchstaben gerade auf, die Du liest? Der Atem, den Du spürst und hörst, der Geschmack auf Deiner Zunge, die Luft, die Du spürst? Wo, wenn nicht in Dir? In Dir – als Wahrnehmung.

Also in etwas, über das nichts gesagt werden kann, weil es selbst nichts ist. Weil es nur wahrnimmt, was auftaucht: ein Gedanke, ein Mensch, ein Duft, eine Berührung,
eine Melodie …

Ein schwarzer Fleck. Ein weißer Fleck. Ein Leben.

All das hat einen Anfang und ein Ende. Doch können wir wirklich sagen, dass Wahrnehmung selbst einen Anfang und ein Ende hat? Also das, worin alles auftaucht? Könnte das wirklich sein? Ich glaube nicht. Dort, wo keine Wahrnehmung ist, ist nichts wahrnehmbar. Darüber kann man also nichts sagen. Hier enden die Worte. Denn Worte sind etwas Wahrgenommenes. Sie können nicht an einem wahrnehmungsfreien Ort existieren. Hier sind wir am Ende der Welt angelangt. Am Ende aller Erscheinungen. Am Ende des Lebens.

Und weil wir nichts darüber hinaus sagen können, sind wir schon tot. Schon immer. Für immer. Der Tod ist ein wahrnehmungsfreier Ort, über den allein in der Wahrnehmung eine Aussage getroffen werden kann. Weil es ihn außerhalb dessen nicht gibt.

Wir sind unsagbar. Unergründlich. Unfassbar. Reines Dasein, über das nichts hinausgeht. Den Tod, den wir uns vorstellen, den gibt es nicht. Es gibt nur das, was in der Wahrnehmung erscheint. Und eine Wahrnehmung, in der nichts erscheint, taucht nirgends auf.

Du und ich, wir sind solche Erscheinungen in der Wahrnehmung – im Bewusstsein selbst. Wie ein schwarzer Fleck. Oder ein weißer. Beide werden wahrgenommen. Von Dir als diesem ewigen Blick, in dem sehr lange ein schwarzer Fleck erscheinen kann, bis sich darin etwas ändert und plötzlich ein weißer Fleck zu sehen ist, oder ein roter. Dann ist der schwarze Fleck nicht mehr sichtbar. Aber dafür etwas anderes. Niemals nichts …

In Verbundenheit, Nicole

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

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4 Kommentare

  1. Christine Geiler

    Jeder Moment birgt das Sterben in das Seiende.
    Mora me entis. Der Tod des ich’s ins Sein. Das erfahren der inneren Anwesenheit.

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    • Nicole Paskow

      :-*

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  2. Maja

    Du bist schon tot

    welch ein schauderndes, provokatives Wort!!
    …..bei mir da ist RiesenAngst darob, sofort!!
    wenn ich nicht wüsste…
    ….wenn…IM AUGENBLICK NICHT alle Lebensleitungen von Vorstellungen besetzt sind…bin ich EWIGlich lebendig schon JETZT sofort!

    ….von wegen…du bist schon +o+

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    • Nicole Paskow

      😀

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