Nichts und Niemand kann Dich glücklich machen- Bild

Der Zusammenbruch der Welt in Stille - anhören

von Radical Now

Wohin fallen wir, wenn wir in diese Welt geworfen werden? Nackt und zitternd, zutiefst erschrocken über die Wucht dieses Geworfenseins. Haltsuchend wie ein kleiner blinder Wurm, der einzig seinen wachen Instinkten zu folgen imstande ist. Ich erinnere mich noch, als ich Lelina gebar. Nach unzähligen Stunden und Schmerzen, lag sie endlich auf mir.

Ein blau-rotes Häufchen Mensch, mit weißen Schlieren auf dem Körper, blauen Lippen und geschlossenen Augen. Sie ruderte mit den Ärmchen und suchte, wie eine kleine Raupe, die halb auf dem Blatt liegt und halb aufgerichtet in die Luft ragt, ganz gezielt nach meiner Brustwarze. Und beruhigte sich erst als sie sie gefunden hatte.

Was ich in diesem Moment fühlte war nicht das, was ich mir unter Mutterglück vorgestellt hatte. Keine Euphorie, keine freudige Selbstaufgabe, kein überbordendes Entzücken, wie ich unzähligen Geburtsberichten entnommen hatte.

EINE STILLE HARMONIE

Was ich fühlte war Stille. Eine stille Harmonie. Es war alles richtig so. Ich hatte den natürlichsten Kampf ausgestanden, den eine Frau kämpfen kann. Und nun hielt ich den Lohn in meinen Armen. Ein echter kleiner Mensch, der von nun an sein ganzes Leben mit mir verbunden sein würde.

Ein hilfloses Geschöpf, so unbedingt angewiesen auf mich. So unbedingt an sich selbst ergeben und hingegeben. Nichts wissend. Nichts ahnend. Einfach nur hier. Bei mir.

Ein echtes Wunder, ein unentdecktes Universum, ein Auftakt zu einer Melodie, die sich mit jedem Tag mehr und mehr entfaltet. Unvorhersehbar. Unausgedacht. Live. Aus sich selbst heraus.

KONTROLLE UND OHNMACHT

Irgendwann verblasst das Wunder genauso wie unser Ausgeliefertsein. Irgendwann fangen wir an uns zu kontrollieren und zu glauben, dass wir das Unbeschreibliche, das uns erschaffen hat im Griff haben. Oder, dass es uns entgleiten kann.

Wir haben Antworten und Erklärungen und in diese Ursachen und Wirkungen packen wir alles, was wir wahrnehmen. Und wenn das nicht klappt, werden wir unglücklich, weil wir glauben mit uns würde etwas nicht stimmen, weil wir nicht hinein passen in die enge Welt an die wir glauben.

Dabei steht uns alles vor Augen. Alles. Aber wir können es einfach nicht sehen.

Wir können unser Zuhause nicht sehen. Und suchen es, wie ein blindes Würmchen die Muttermilch, die ganz nah ist. Oder unerreichbar. Je nachdem, wo wir hineingeworfen werden. Wo die Suche beginnt.

DU MUSST DARAN SCHEITERN

Wenn Du versuchst einen Ozean in eine Kaffeetasse zu pressen, dann musst Du scheitern. Genau das versuchen wir immer wieder mit uns selbst. Auf unzählige, völlig verrückte Weise. Das tun wir nicht willentlich. Wir tun es, weil wir es nicht sehen.

Weil wir nur etwas sehen können, das wir glauben zu wissen. Und was wir wissen stammt nicht von uns. Es stammt nicht von Deinem Blick, was Du siehst und glaubst. Es ist Dein Glaube, der bestimmt wohin Dein Blick geht und was er erkennt.

Wenn Du das begreifst ändert sich Dein Blick. Dann fängst Du an, den Ozean zu sehen. Erst nur ein wenig. Entfernt, ungläubig, aber fasziniert. So, dass Du weiter und weiter hinsehen musst. Dann fällt Dir die Kaffeetasse auf. Und Du bist irritiert. Du weißt nicht mehr, wer Du bist.

DARIN STILL BLEIBEN

Wenn Du hier nicht verrückt wirst, oder Dich vorher abwendest, beginnt sich das Bild, wie von selbst, weiter zu entfalten. Du entdeckst den Irrsinn, den Du all die Jahre betrieben hast.

Du entdeckst den verzweifelten Versuch Dich und Dein Leben zu verändern. Den Versuch ein unüberschaubares Universum zu jener Katze in den Sack zu stecken. Es zu verstecken.
Vor Dir selbst.

Dann bleibt nur noch die Kaffeetasse und was darin ist kann keiner genießen.
Diese Entdeckung macht Dich zutiefst unglücklich. Die Unausweichlichkeit Deines Irrtums macht Dich hilflos und liefert Dich an diesem Punkt wieder jenen natürlichen Kräften aus, die Dich erschaffen haben.

FOLGE DIR

Wenn Du Dir als das Ungenießbare folgst. Wenn Du Dich ganz austrinkst als das Gebräu, das keiner haben will. Wenn Du Dich zu Dir nimmst, als das schwache, unkontrollierte, ausgelieferte, unwissende, nicht in diese Welt passende Wesen, das Du bist.

Das immer noch und immer wieder die Mutterbrust sucht und niemals zu Ende findet. Weil wir uns am Ende selbst in die Arme schließen müssen. So, wie wir sind. Wenn alle Ideen abfallen. Alle Ideen von dem Menschen, den wir uns als uns selbst erträumen.

Alle Ideen von dem Leben, das wir führen wollen. Wenn wir alles dem Ozean übergeben, was uns von uns selbst trennt, so, wie wir einfach nur sind. Dann finden wir die Nahrung, die uns von selbst nährt. Dann sehen wir ganz deutlich, dass die Kaffeetasse im Ozean schwimmt. Dann sehen wir aus einer umfassenderen Perspektive. Und wir sehen noch etwas.

GANZ EINZIEHEN

Wir sehen, dass wir selbst unser Zuhause sind. Und ziehen ganz in uns ein. Dann werden wir wieder hilflos, wie damals, als wir in die Welt geworfen wurden. Wir werden wieder nichtwissend und nichtsahnend. Und das fühlt sich nah an und gesammelt.

Es fühlt sich stark an, weil alles zu Dir gehört, was in Dir erscheint. Und weil Du in Gewissheit weißt, dass Du all das nicht erschaffst, sondern erlebst. Und weil endlich keine Angst mehr da ist, dass etwas damit nicht stimmt.
Wir werden von einer unbeschreiblichen Schönheit in diese Welt erschaffen. Um uns als Schönheit in ihr wiederzuentdecken. Durch das tiefste Dickicht des Wissens, Glaubens und Festhaltens hindurch.

DIESER FUNKE IN UNS

Weil in jedem Menschen der Funke dieser namenlosen Glut aufblitzt, die uns durchdringt und durchfließt. Immer dann, wenn wir still sind und ergriffen vom direkten Ausdruck einer Hingabe als ein Sosein, das sprachlos macht.

Ein Neugeborenes vielleicht. Oder ein kranker Hund. Eine alte Frau, deren Hände zittern. Ein fallendes Blatt, eine Pfütze in der sich der Himmel spiegelt. Oder ein Kuss, der nichts will als ein Kuss zu sein, Schmetterlingsflügel, die sich als Lippen begegnen …

Oder ein verzweifelter Mensch, der in der Dunkelheit einer Enge lebt, die ihm einfach nicht entspricht und der dennoch nicht aufgibt das Licht zu suchen, dass er nicht weiß, aber zutiefst und ganz blind kennt.

Wir können uns als Ausdruck der Schönheit und Liebe überall wo wir hinsehen entdecken. Selbst im Verlust, selbst im Sterben, selbst im größten Alleinsein. Wenn wir uns trauen zu verlieren, zu sterben und allein zu sein und uns nicht mehr dagegen wehren.

 

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

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2 Kommentare

  1. Werner Strahwald

    Welch eine Freude, zufällig habe ich entdeckt dass es dich gibt. Seit Jahren sind deine Themen auch meine Themen. Neidlos und voller Begeisterung gebe ich zu, dass deine Art und Weise wesentliche Themen unseres Lebens zu beschreiben mehr Leichtigkeit und Klarheit besitzt, als ich es vermag.

    Ich glaube der Leidensdruck muss neben der absoluten Bereitschaft Lebendigkeit spüren und leben zu wollen, groß genug sein um sein vermeintliches Sicherheitskonstrukt, seine Glaubenssätze und sein vermeintliches ICH in Frage zu stellen oder gar zerbröseln zu lassen.

    Die Welt der „Erwachsenen“ erfahren wir als übermächtig. Zum vermeintlichen Selbstschutz stellen wir unser geplagtes kleines individuelles „ich“, uns selbst in hinterste und tiefste Winkel unseres Herzens, um uns rasend schnell in einem Labyrinth von Rollenspielen und Spielern wiederzufinden.
    Wir lernen schnell uns mit einem Scheinleben zu begnügen indem wir uns immer mehr mit einer Welt identifizieren die nichts mit Lebendigkeit, Liebe und Mitgefühl zu tun hat.

    Doch wir finden alles in uns selbst, was wir brauchen um ein friedvolles Leben voller Zufriedenheit, Liebe und Mitgefühl zu leben.

    Danke dass es dich gibt

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Lieber Werner, ja, das sehe ich auch so. Es muss durchaus ein „Geschmack“ davon da sein, zu spüren,
      was Freiheit ist und wenn es auch nur eine vage Idee davon ist. Dieses Gespür ist es, das „zieht“.
      Durch alle Tiefen hindurch. Vielen Dank für Deine Gedanken dazu. Herzlich, Nicole

      Antworten

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