Nichts und Niemand kann Dich glücklich machen- Bild

Tantra beginnt nicht erst beim Akt zwischen Mann und Frau. Tantra beginnt allein. In Wirklichkeit beginnt Tantra nie. Tantra ist.

Die Süße des Apfels im Mund. Sein festes Fruchtfleisch auf der Zunge. Der leichte Widerstand im Biss, der die Säfte fließen lässt. Fruchtiges Wasser, das von den Lippen tropft, die Kehle hinabrinnt, das die Aromen entfaltet, die als ihr eigenes Wesen erblühen und ihren Duft verschenken. An einem Ort ohne Anfang und Ende. Du bist der empfangende Ort, an dem alles zu sich findet. Als Aroma, als Bild, als Duft. In Dir fließt alles zu einer Berührung zusammen.

Der kühle Windhauch auf der Haut. Wo wird er gespürt? Ganz nah. Ganz nah… Lass den Wind seinen Namen verlieren, lass die Haut ihren Ort vergessen. Pure Empfindung.

Das Wunder der freien Wahrnehmung. Das ist Tantra. Wie der Wildhase auf dem Feld, der auf den Hinterläufen steht, den Körper pfeilgerade aufgerichtet. Witternd, schauend, alles aufnehmend, die Ohren wie Antennen, jede Regung registrierend. Alles fließt in ihn ein, in sein stilles Wissen, das ihn lenkt. Ohne Lenker, der bestimmt wo es langgeht.

Keiner lenkt alles fließt

Es gibt niemanden, der den Regen macht und regnet. Es regnet einfach. Es gibt niemanden, der fühlt. Fühlen ist. Vergessen wir uns als Ort, vergessen wir uns als Zentrum der Kontrolle, in dem alles miteinander verglichen wird, um in eine Schablone zu finden. Wo alles erlebte in die dunkle Ekstase der systematisierten Ordnung fällt. Und seine Freiheit verliert. Seine wilde Schönheit, seine Lust am puren, nackten Dasein ohne Sinn und Zweck.

Ein Kuss ist heilig, wenn niemand küsst. Wenn Küssen geschieht. Ohne Absicht, ohne Ziel. Wenn Zungen sich selbst folgen, sich wie im langsamen Liebestanz feuchter Schnecken einander ganz schenken. Dann wird ein Augenblick zur Ewigkeit, in dem alles im Kuss versinkt. Heilig. Ganz. Vollkommen hier. Tantra ist Hingabe. Sich den Kräften überlassen, die aus sich selbst heraus wirken. Sich nicht einzumischen als lenkender und trennender Gedanke.

Liebe ist eine Kunst, die bereits dort anfängt, wo der Atem die Brust hebt und senkt. Sie geschieht im vollkommenen Vertrauen ins Leben. Blind. Fühlend, empfindent, ganz wach und anwesend. Kein Schmerz kann sie von sich abfallen lassen. Keine Zurückweisung, keine Enttäuschung, kein Verrat und kein Verlust. Im stillen Zusichfinden, im Zurücknehmen der offenen Schneckenfühler, entfaltet sich ihre unbändige, unbesiegbare Kraft.

Ganz im Innen der Erfahrung

Liebe empfängt ohne Kontrollzentrum. Ganz im „Innen“ der Erfahrung. Und von dortheraus wissend. Auf sich selbst besonnen. Das ist die heile Basis, die keine falsche Wahl kennt. Von hieraus geschieht die Wahl von selbst. Welcher Schritt? Welcher Weg? Welcher Mensch? Alles zeigt sich. Von allein.

Hier ordnet niemand die Erfahrungen. Ordnung ist. Klarheit ist. Vertrauen geschieht dort, wo Liebe ist, von selbst. Zweifel gibt es nur dort, wo sie fehlt, wo die Gedanken ihre eigene Ordnung erschaffen wollen, um zu beschützen, was sich nicht hergeben will. Aus Angst vor Überwältigung. Als Hinweis auf die zurückhaltende Lieblosigkeit in sich selbst.

Der heilige, ganze, unangetastete Ort jedoch ist Dasein selbst. Hier und jetzt. Wach und frei. Offen und selbstvergessen. In sinnlicher Unschuld dem Leben überlassen. Hier ist jeder Kuss neu, jede Berührung einzig, jeder Atemzug frisch und jeder Tag ein Neubeginn.

Die volle Erfahrung

Tantra ist Leben. An sich selbst hingegebenes Leben. Still und prachtvoll. Voller Lust und Kraft. Oder auch ganz zart und fließend. Alles! Alles, was voll erfahrbar ist, ist tantrisch, liebend, so seiend.

Auch das Schmerzvolle will die Liebe erfahren, will ohne Zurückhaltung, ohne Abwehr in den Erfahrungsraum dringen, um sein Wesen zu überbringen. Sein schmerzvolles Wesen, dass sein Weh verliert, sobald es empfangen und nicht mehr abgewehrt ist.

Ich öffne mich der Lebenskraft, die mich durchdringt, der ich ins Leben helfe durch meine Lust am Dasein. An der Freude, an der Feier, am Wunder, das jede Gewöhnlichkeit zum Leuchten bringt und aus dem Schatten holt, was scheinbar nicht genügt. Denn alles genügt sich selbst. 

Jeder Krümel auf dem Boden genügt, jedes fahle Novemberlicht, das Räume in Horte der Ödnis verwandelt, genügt. Weil Erfahrung nichts will als zu erfahren. In jedem Grau der Farblosigkeit erhellt das reine Licht der Wahrnehmung die unwirtliche Szenerie. Leben will sich selbst entdecken. In jedem Augenblick. Als das, was ist.

Tantra ist. Ohne Anfang. Ohne Ende. Wie ein stiller Kuss, der in Ewigkeit fällt. Durch die immerwährende Berührung, die sich selbst bedingungslos folgt.

 

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

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2 Kommentare

  1. Luna U. Müller

    „Liebe empfängt ohne Kontrollzentrum. Ganz im „Innen“ der Erfahrung. Und von dortheraus wissend. Auf sich selbst besonnen.“

    Liebe Nicole,
    danke für diesen Artikel über inneres Tantra – das niemand macht und niemand als Konzept haben muss, damit es geschieht.
    Von Herzen
    Luna

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Liebe Luna, vielen Dank für Deinen Kommentar, ich hab mich darüber gefreut! 🙂

      Antworten

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