Im Spiegel der Liebe

Für Marie

Das, wogegen der Mensch sich wirklich wehrt, ist die Wehrlosigkeit. Ihm ist noch nicht einmal bewusst, wie sehr er sich dagegen wehrt. Weil er noch nie bewusst erfahren hat, was Wehrlosigkeit eigentlich ist. Der Mensch, wie Du und ich, er kennt nur die Angst davor und die Abwehr dagegen. Als hätte er in sich eine geschlossene Tür, vor der er bis an die Zähne bewaffnet steht. Doch was hinter der Tür ist, das weiß er nicht. Sobald er hineinsehen will, kommen Angst und Abwehr und verstellen ihm den Blick.

Am meisten wehren wir uns gegen die Liebe, denn sie ist der Schlüssel zur Wehrlosigkeit in uns selbst. Wir wehren uns gegen die Öffnung unserer Herzen und das bedeutet, wir wehren uns dagegen zu empfangen. Einfach nur zu empfangen. Wie der Säugling die Mutterbrust. Er empfängt die nährende Liebe der Mutter einfach so und seine Wehrlosigkeit dagegen ist das Geschenk, das den Kreislauf der Liebe schließt und im Fluss hält.

Solange wir die Wehrlosigkeit nicht bewusst kennen, kennen wir die Liebe nicht und so lange sind wir nicht bereit zu empfangen. Es ist die Selbstliebe, welche die verschlossene Tür in uns sichtbar macht. Die Hinwendung zu uns selbst als Mensch. Denn nur mit ihr wagen wir den Blick nach Innen. Und mit ihr lichten sich die Nebel, die unsere Abwehr verschleiern. Mit ihr wird erst die Angst deutlich, die unsere Gedankenwelt antreibt und unsere absichernden Handlungen bestimmt.

Die Öffnung des inneren Blicks

Wir sehen auf einmal klar die Mechanismen, die uns, wie die automatisierte Mechanik eines Uhrwerks, bestimmt. Aber wir können nicht eingreifen. Weil es nichts ändert es zu wissen.
Die Selbstliebe ist das Interesse daran, sich selbst zu entdecken und die innere Matrix aufzudecken. Sie öffnet den inneren Blick und vertreibt damit die Wächter vor der verschlossenen Tür. Der Schlüssel aber fehlt noch.

Um ihn zu finden, brauchen wir das, wofür Gott den Menschen erschaffen hat, wofür der Schöpfer, die Schöpfung kreiert hat, wofür Bewusstsein sich in die Form gießt: um sich selbst zu erkennen. Wir brauchen einen anderen Menschen. Um die letzte Tür zu öffnen, brauchen wir einen Spiegel der Liebe, in der Form eines anderen Menschen. Denn es war ein Mensch, der einstmals den Spiegel in uns getrübt hat, insofern ist es, in den allermeisten Fällen, auch ein Mensch, durch den wir erneut in uns selbst blicken, um zu entdecken, wer wir
wirklich sind.

Vielleicht ist es Gnade, die einem Menschen im richtigen Moment den richtigen Menschen schickt, oder einfach eine undurchschaubare Folgerichtigkeit, die ihren eigenen
Gesetzen folgt.

Es braucht keinen fernen Guru, durch den wir zu uns selbst erwachen. Es reicht ein Mensch, der in einem Akt der Selbstlosigkeit das verschenkt, was er ist. Jeder Mensch, der, und sei es nur für einen Augenblick, das ist, was er aus tiefster Seele ist, hat die Gabe ein Kraftstrom zu sein, der die Hochsicherheitstrakte im Inneren anderer Menschen sprengt. Und sie mit einem Mal wehrlos macht.

Diese Öffnung lässt strömen, was in allen Menschen schläft.

Einfach da. In der Geborgenheit der Existenz

Sobald wir in den Spiegel der Liebe blicken, springt die streng bewachte Tür auf und wir fallen haltlos hinein. In diesem Fallen werden wir so wehrlos wie ein neugeborenes nacktes Leben, das nichts weiß und nichts ist, außer anwesend zu sein. Einfach da. In diesem Leben. Das ist die Wehrlosigkeit des einfachen Daseins, das im Spiegel der Liebe alle Ketten der Abwehr und der Angst verliert. Es fällt in die fraglose Geborgenheit seiner Existenz.

Hier fallen wir durch unser Menschsein in Gott. Hier eröffnet sich die Kraft der Liebe, die keine Abwehr kennt, weil sie sie nicht braucht, einfach weil sie ist, was sie ist und keine Veranlassung hat sich vor sich selbst zu verschleiern.

Wahre Selbstlosigkeit ist unbedacht, unschuldig, einfach so. Aus sich selbst heraus. Sie dient keinem Zweck sie berechnet nichts, sie will nichts, sie ist einfach. Das ist das Geschenk des Gebens, das so frei im Herzen ist, dass es den reinen Empfang erst ermöglicht. So wird aus Geben und Empfangen Liebe, die ist. In ihr verlischt die Getrenntheit der Abwehr und Angst vor dem anderen, denn in der Wehrlosigkeit, die eine vollkommen frei strömende Liebe in uns bewirkt, erkennen wir uns selbst und damit erlischt die Spaltung, die nie war.

Wir Menschen brauchen einander. Wir brauchen uns, um durch den anderen zu erkennen, dass es keinen anderen gibt.

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

Wenn Dich der Artikel inspiriert hat, freue ich mich sehr über den Ausdruck Deiner Wertschätzung mittels einer Spende. Vielen Dank!

6 Kommentare

  1. bernd bienentreu

    Danke für den wunderbaren Text. Ich bin immer wieder erstaunt, das nicht mehr Menschen von diesem befreienden Worten ergriffen werden.
    Danke für deine Liebe…😘

    Antworten
    • Almuth

      Ja, das habe ich auch schon oft gedacht, was Bernd schreibt…aber wer weiß, wie viele es wirklich sind…. Ich kommentiere so oft nicht und denke und fühle doch so viel im Nachhinein… Und speziell hier bin ich wieder besonders inspiriert. Genau so stellt es sich mir derzeit dar…. In meinem Fall kann ich sagen, Wehrlosigkeit habe ich mich schon voll hingegeben,hingeben müssen und diese Tatsache erfüllt mich mit Dankbarkeit, weil es durch diese Erfahrung zu einem sehr tiefen Gefühl des Mitgefühls für mich (und in einer anderen Situation auch für mein Gegenüber)kam. Und dass wir einander brauchen ist ja gerade in einer Krisenzeit wie jetzt überdeutlich….
      Wenn ich nicht die Angst der anderen fühlen könnte, wäre ich frei davon…

      Antworten
      • Nicole Paskow

        Liebe Almuth, Du schreibst: “ Wenn ich nicht die Angst der anderen fühlen könnte, wäre ich frei davon …“ Vielleicht kannst Du da nochmal hinschauen und sehen: Wenn Du Angst fühlst, ist es Deine Angst. Es gibt nicht die Angst der anderen. Das Gefühl macht sich in Deinem Körper bemerkbar. Die Frage ist einfach, wie Du damit umgehst. Kannst Du sie wahrnehmen und belassen, oder verstrickst Du Dich in sie und steigst in das Gedankenkarussell ein, das das Empfinden der Angst sowohl verstärkt als auch aufrecht erhält? Frei von Angst zu sein ist ein Ideal, das wenig mit unserem Menschsein zu tun hat. In Frieden mit der Angst zu kommen hat das gleiche Ergebnis, ist aber eine andere Richtung. Sie lässt Dich eher bei Dir sein als von dem, was Du gerade fühlst, wegzugehen, in der Hoffnung, davon frei zu werden.

        Beruhigen, Entspannen und dann Sehen, was wirklich und unmittelbar ist. Und die Unterscheidung machen zwischen einer gedanklich animierten Wirklichkeit und dem, was sich ohne das als Deine Wirklichkeit zeigt. Und das Vertrauen, dass das, was real ist, dort ist, wo allein Du bist. Von Herzen, Nicole

        Antworten
    • Nicole Paskow

      Vielen Dank, lieber Bernd! Ich freu mich über Deine Bestärkung. LG Nicole

      Antworten
  2. Christine Geiler

    Liebe Nicole, das deckt sich mit meiner Wortentschlusselung.
    Tun, englisch : to do
    Während du darbietest, die Gabe, das Anbieten, widmen, gestatten, schenken.
    Das to: das so… das sowohl als auch, dann….das zum Vorschein kommende.

    Antworten
    • Nicole Paskow

      Liebe Christine, ich mag Deine kreativen Auslegungen 🙂 LG Nicole

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.