Das Paradoxon vom Handelnden

Das Paradoxon vom Handelnden, der keiner ist anhören

von Radical Now

Wer sich mit Spiritualität beschäftigt, wird früher oder später mit folgenden Aussagen konfrontiert:„Du bist nicht der Handelnde. Du hast keine Wahl. Dich gibt’s gar nicht. Alles geschieht einfach so. Es gibt keine Entwicklung.“ Dies sind verwirrende Totschlagargumente für Suchende, die Anleitungen folgen wollen, die sie irgendwohin bringen sollen. In ein besseres Leben, in mehr Verbundenheit, Gesundheit, Fülle und Einssein.

Dabei scheint es zwei Lager zu geben. Die Einen, die Stein und Bein auf die Selbstermächtigung schwören, darauf, dass es möglich ist von sich aus Entscheidungen zu treffen und sein Leben zu verändern. Und die Anderen, die sich zurücklehnen und davon sprechen, dass da niemand ist, der etwas tut, sondern die Dinge des Lebens einfach so vonstatten gehen. Wie es eben regnet oder stürmt, ohne, dass den Regen oder den Sturm jemand machen würde. Das Ich(gefühl) sei, laut diesen Vertretern spiritueller Ansichten, eine Illusion, der wir kollektiv aufsitzen, die verantwortlich ist für alles Leid und alle Freude, die wir als persönlich erfahren. Was stimmt also?

„Du hast keine Wahl. Nur die Illusion davon.“ Nisargadatta Maharaj

Es ist nicht leicht zu verstehen, aber es ist wahr: Das Leben passiert. Einfach so. Ohne einen Macher, Planer, Ausführer oder Gestalter. Wie ein Windhauch, der auf Deiner Wange fühlbar wird. Wer hat ihn hervorgerufen? Niemand. Wer wird sich seiner gewahr? Bewusstsein, das auf die Berührung aufmerksam wird. Wahrnehmung, in der etwas, das wir als Windhauch bezeichnen, stattfindet.

Wer entscheidet?

Du stehst vom Stuhl auf und machst Dir einen Tee. Du hast Dich dafür entschieden, meinst Du? Schau genauer hin, was wirklich passiert ist. Du hast einen Impuls wahrgenommen, vielleicht ein inneres Bild von Tee empfangen, oder einen Geschmack auf der Zunge gehabt. Einfach so. Plötzlich. Aus dem Nichts. Vielleicht war da auch ein Gedanke: Ich mache mir jetzt einen Tee. Wo kam der her? Hast Du ihn gemacht? Oder hast Du ihn nicht viel eher wahrgenommen? Er ist Dir zu Bewusstsein gekommen. Diese Bewusstwerdung hat Dich in Bewegung gesetzt und ins Handeln gebracht. Nichts sonst.

Das ist es, was geschieht. Du nimmst Impulse wahr, die zu Handlungen führen, die Du ebenfalls einfach nur wahrnimmst. Du kannst noch so lange danach suchen, doch Du wirst in Dir keinen Verantwortlichen finden, der die Gedanken, die Du wahrnimmst, unabhängig von ihnen „tut“ und der die Handlungen, die Du ausführst (die durch Dich ausgeführt werden), initiiert. Du nimmst immer nur alles wahr, was als „Du“ abläuft. Du geschiehst. Im Bewusstsein. Es gibt nur Wahrnehmung und alles besteht nur aus Wahrnehmung. Alles. Denn alles ist wahrgenommen. Die Wolke, der Tisch, die Bananen, die Welt, die Freude, der Hunger, der Ärger, Du selbst und auch alle anderen Menschen.

Das ist deshalb so schwer zu verstehen (wahrzunehmen), weil die Konditionierung, die wir seit Menschengedenken erfahren haben, immer von einem „Schuldigen“ ausgeht, von einer verdichteten Wahrnehmungsinstanz, die innerhalb von Körpergrenzen stattfindet. Das ist die Fehlwahrnehmung, die wir, durch die Konditionierung unserer Sichtweise, nicht als solche mitbekommen und deshalb für absolut real halten. Das ist so lange der Fall, so lange die überwiegend auftretende Erscheinung von Bewusstsein sich im Überlebensmodus wähnt. Nur im Überlebensmodus erscheint es sinnvoll, die Wahrnehmung seiner selbst zu begrenzen, um gezielt reagieren zu können.

Ich schätze, es wird auch noch ein paar Jahre (…) dauern, bis wir diese Fehlwahrnehmung in größerem Maßstab erkennen. Bis wir die Dinge kollektiv anders wahrnehmen. Dann wird sich so einiges in der Wahrnehmung ändern.

Eine unzulässige Reduktion

Wenn es auch nur einem einzigen Menschen möglich ist, die Wahrheit über die menschliche Natur herauszufinden und alternativ wahrzunehmen, was sich als verdichtete Bewusstseinsenergie namens Ich in den Vordergrund drängt, ist es potenziell allen Menschen möglich.

Wir bekommen mit, dass das, was wir als „Ich“ empfinden können, sehr flexibel ist. Wir bekommen mit, dass das, was wir bisher als „Ich“ erfahren haben, eine vollkommen unzulässige Reduktion unseres tatsächlichen „Ichumfangs“ ist. Und um ganz genau zu sein, bekommen wir mit, dass dieser Umfang keinen Anfang und kein Ende hat. Wir können also alles, was wir innerhalb der üblichen Grenzen als „uns selbst“ empfunden (wahrgenommen) haben, loslassen.

Wir können einfach wahrnehmen, was in unserem jeweiligen Wahrnehmungsspektrum auftaucht, ohne, mittels des Verstandes, einen künstlichen Kontext daraus zu kreieren, der uns in weltbegrenzender Orientierungssuche gefangen hält und uns damit in unseren Möglichkeiten der Wahrnehmung limitiert.

Die relative Wahrheit

Und hier kommen wir in fließendem Übergang hin zum Handeln, das durch einen Handelnden geschieht. Ja. Es stimmt. Wir nehmen einfach nur wahr, was jetzt geschieht. Mehr nicht. Und „so“ gesehen, gibt es darin auch keine Entwicklung, sondern immer nur das, was gerade wahrgenommen wird. Das ist absolut wahr. Darüber kann es also keine Diskussion und damit auch keine zwei Meinungen geben, also kein: „Für mich ist es aber nicht so“. Wenn es für Dich nicht so ist, dann nimmst Du einfach nicht genau genug wahr. Das liegt dann an Deiner konditionierten Sichtweise, die die Genauigkeit der Wahrnehmung verhindert, weil sie durch die Filter zu vieler Konzepte sieht.

Und doch. Wir haben da noch die relative Wahrheit. Warum, könnte man fragen, nimmt nicht jeder das Gleiche wahr, wenn es doch nur Wahrnehmung gibt? Warum gibt es mehrere Perspektiven auf einen Vorfall, die alle wahr sind und gleichzeitig alle unwahr, weil keine von ihnen absolut sein kann? Weil es im Gewahrsein selbst Perspektiven gibt – weil es Bewusstsein gibt.

Und das ist keine Illusion. Du und ich sind der lebendige Beweis. Du bist eine einzigartige, wahrgenommene Komposition in der Wahrnehmung selbst, eine ganz bestimmte Perspektive, durch die sich Wahrnehmung selbst ihrer selbst bewusst wird. Und zwar nur dadurch, dass es Dich gibt. Diesen Punkt im unendlichen Raum, von dem alle Wahrnehmung ausgeht.

Durch die Begrenztheit zur Unbegrenztheit

Das ist das herrliche Paradoxon: Ich ist ein begrenzter Punkt im ewigen und unendlichen Raum des Gewahrseins, das erst und nur durch seine Begrenztheit auf seine Unbegrenztheit aufmerksam wird. Ohne die verdichtete Perspektive von Bewusstsein namens Ich wird Gewahrsein nicht auf sich selbst aufmerksam. Die Welt bleibt für sich selbst im Dunkeln. Das können wir theoretisch sagen, denn praktisch geschieht es nicht. Praktisch ist da Bewusstsein, das sich selbst durch jede Ichperspektive erlebt. Ob es nun eine Insektenperspektive oder eine menschliche Perspektive ist. Bewusstsein erfährt sich durch die Sinne der lebendigen Wahrnehmung.

Ich bin ich und gleichzeitig alles. Ich handle aus dieser „meiner“ Perspektive und gleichzeitig sind alle Handlungen leer (ohne mich als selbständig Handelnder), weil ich immer nur auf das aufmerksam werden kann, was als „Ich“ passiert. Ich kann es nicht hervorrufen oder willentlich beeinflussen, weil es „mich“ als separate Instanz, die neben der Wahrnehmung existiert, nicht gibt. Es gibt kein Entkommen aus der Wahrnehmung selbst. Es gibt nichts außerhalb von ihr. Es gibt nichts außerhalb von mir.

Was für ein wunderschönes Mysterium!

Und jetzt …

einen schönen Tee …

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

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5 Kommentare

  1. Gerhard

    so wunderschön beschrieben … danke 🙂

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    • Tony

      Ich erlebe.
      Das ich, das erlebt, ist mehr ich als das ich, von dem Du in diesem Text sprichst. Das erlebende Mehr-Ich ist inniger Ich als alle Identifikation.
      Bitte definiere mir diese schöne Magie nicht weg, Nicole! 😀

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      • Nicole Paskow

        Hey Tony, ich definiere Dir gar nichts weg 🙂 Schau, wenn Du eine Faust machst, ist es ein spezielles Empfinden, sagen wir
        intensiv, dicht, fest, substanziell. Wenn Du die Faust öffnest ist es ein anderes Gefühl, sagen offen, weit … eine andere
        Qualität. Und die eine Bewegung ist ohne die andere Bewegung nicht möglich. Beide sind eins. Keines ist mehr als das andere …

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  2. Beatrice

    … da brauchte ich wirklich einen Tee, um es mehrmals zu lesen und zu verdauen. Der erste Abschnitt … das kann ich voll unterstreichen: ging mir auch so. Zu Lager 1 fallen mir gerade einige Coaches ein …
    Und ich sehe noch ein drittes Lager, die sich hinter »Spiritualität« verstecken oder aus der Welt entfliehen.
    Mir helfen Aussagen von Meistern nicht, die ich eh nicht nachvollziehen kann. So hoffe ich darauf, dass sich auch mir eines Tages die menschliche Natur offenbart …

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  3. Johannes

    Du hast keine Wahl. Nur die Illusion davon. sagt Nisagadatta. Wenn wir diese Worte lesen, dann spüren wir die tiefe zeitlose Weisheit. Vielleicht schwingen in uns Resonanzen mit, die uns in diesem Moment zum Bewusstsein kommen.

    Handelt es sich für uns um Wissen, um Erkenntnis oder um Erfahrung?.

    Wissen ist faszinierend, aber es ist geborgt. Wie können wir wissen mit Leben füllen?

    Das Wesentliche an der Erfahrung ist, dass es sich um einen Prozess handelt, der immer nur hier und jetzt stattfinden kann. Erfahren ist zeitlos.

    Erfahrungen können in uns zu Erkenntnissen führen. Wie können wir Erkenntnisse mit Erleben füllen?

    Wie können mich Erkenntnisse in meinem täglichen Leben begleiten?
    Kann ich mit Erkenntnissen mein Leben aktiv gestalten?

    Die Erfahrungen die der Johannes im täglichen Leben macht können für ihn bedrohlich sein, ekstatisch sein, verlockend sein, oder schmerzhaft.
    Der Johannes kann auf diese Erfahrungen reagieren um etwas gewünschtes zu erreichen oder um schmerzhafte Ereignisse in der Zukunft zu vermeiden.

    Kann der Johannes tiefenentspannt sein Wissen missbrauchen? Ich brauche nichts zu tun ich brauche nicht zu reagieren ich brauche nicht zu antworten es gibt nichts zu entscheiden. Alles Erscheinende ist Illusion.

    Kann der Johannes auch aus einer tiefen Erkenntnis heraus antworten, eine Antwort finden unabhängig von der Reaktion auf das Ereignis oder den Gedanken?

    Ich nehme wahr, wie der Johannes auf etwas scheinbar oder wirklich Bedrohliches reagiert. Richtig mit Schmackes! Es ist eine reine Freude, mit welchem Feuer und welcher Klarheit er seine Interessen und seinen Standpunkt vertritt. Nach außen trägt und stehen lässt.
    Gleichzeitig kann ich entspannt wahrnehmen was dann passiert. Was mein Leben was die Existenz daraus macht. Das Ergebnis ist offen es bleibt die Hingabe an das Leben.

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