Im Grunde haben die meisten Menschen erst dann eine Chance, wenn es nicht mehr anders geht, als etwas zu ändern. Wenn der innere Ruf nach Veränderung so laut geworden ist, dass es sich von selbst ändert. Ohne eigenes Zutun. Dann geht es nicht mehr darum, sich etwas vorzustellen. Sich vorzustellen, wie es sein sollte oder könnte. Oder wie es wäre, wenn es anders wäre. Dann ändert es sich. Weil alles andere unerträglich ist. Nicht mehr tragbar. Das sind dann die Momente, wo man nicht mehr in die Arbeit geht. Auch wenn man nichts Neues in Aussicht hat – weil es nicht mehr geht.

Weil man da einfach nicht mehr hin will. Weil man nicht mehr kann. Oder man wendet sich endgültig von der unheilvollen Verstrickung mit einem Menschen ab. Die Augen können einfach nicht mehr davor verschlossen werden, dass dieser Mensch niemals in der Lage sein wird, wahrzunehmen, wer man ist. Wenn dieses Ungleichgewicht, als direkte Spiegelung der Selbstsabotage, nicht mehr  tragbar ist.

Diese Momente, die einfach geschehen, die alles ändern, weil nun in die unausweichliche Wahrnehmung drängt, was schon immer da war, was aber von den tiefen Ängsten, den fremden Stimmen im Inneren verdeckt und versteckt wurde. Damit wir eben nicht in die Lage der Änderung kommen. Damit alles beim Alten bleibt, damit es weitergehen kann, wie gehabt.

Sich opfern – für wen?

Für wen? Für den, der es zutiefst gewohnt ist, sich selbst zu missachten. Sich alles abzuverlangen und sich aufzugeben, für die alte Gewohnheit Liebe und Anerkennung nur dafür zu bekommen, wenn man unsichtbar, aufopfernd, leistungsstark, liebevoll, fürsorglich, hingebungsvoll oder bescheiden ist. Hier steckt man in einem kindlichen und damit gleichzeitig traumatischen Automatismus fest, der damals die Rettung und heute die Falle bedeutet. Die Falle, in die man immer wieder tappt. Die Falle, sich für Liebe, Anerkennung, Status und damit für die fehlgeleitete, ausschließlich von außen kommende Lebensenergie
zu opfern.

Und wen meine ich mit „sich“? Sich … das unentdeckte Wunder, das jeden Morgen die Augen zu einem neuen Tag aufschlägt. Zu einem neuen Tag, der hell und inspiriert, kraftvoll und tief, produktiv oder still, der – wie auch immer – sein könnte, aber in jedem Fall dem entsprechend, wer man ist. Der aber meistens dumpf, lustlos, vollautomatisiert, eng, gedankenschwer und voller billiger Ablenkungen ist, weil man eben nicht in die eigene Kraft findet, zu sein, wer man ist, und zu tun, was man tut. Die Gewohnheit ist einfach zu mächtig. Die gewohnten Gedanken sind einfach zu dicht, zu undurchlässig für das Licht, das jeden Morgen neu erscheint und von neuen Möglichkeiten singt.

Dem Leben selbst ist es egal, wie wir leben. Es bringt das hervor, was möglich ist. Nichts sonst. Und neue Möglichkeiten zeigen sich nur dort, wo sie zu Bewusstsein kommen. Doch um zu Bewusstsein kommen zu können, muss Raum für sie da sein. Offener, freier Raum, der nicht besetzt ist mit starren Ansichten oder sich widersprechenden Bedürfnissen, die alle unterdrückt sind vom Oberkontrolleur, der alles im Zaum halten will, damit das Chaos nicht hereinbricht …

Der Vulkanausbruch hinein ins unbeschwerte Universum

Ansichten, die sich über viele Jahre eingenistet haben und unerkannt das Leben steuern. Diese Kruste wird, in den meisten Fällen, durch eine laute oder auch leise Katharsis bewirkt, durch einen Ausbruch aus einer unterträglichen Enge oder einer Last – die einen Menschen in den unmittelbaren Augenblick schleudert. Hierher, wo kein Raum mehr für Gedanken ist, die sich außerhalb des Geschehens stellen wollen.

Angst und Schmerz sind die stärksten Empfindungen, die ein Mensch haben kann. Je stärker sie sind, umso größer ist die Abweichung von dem, wer man wirklich ist. Doch erst dann, wenn sie unerträglich werden, gibt es eine Chance. Denn in der größten Angst, im größten Schmerz kann zu Bewusstsein kommen, was nun wirklich sein muss – die Umkehr, die Änderung, die Entscheidung: So nicht mehr. Wenn kein Raum für einen anderen
Gedanken bleibt.

Das große Scheitern, das „Ich kann und will nicht mehr!“, ist in der Lage uns aus der engen Box der betonierten Automatismen zu katapultieren, die uns auf allen Ebenen davon abhalten, unsere gewohnte Wahrnehmungswelt zu verlassen, um ja nicht ins Unbekannte unseres Selbst aufzubrechen. Denn dort, wo DU bist, lauert der Tod. Das ist es, was uns der Abwehrmechanismus seit unserer Kindheit weismachen will. Damals hatte er vielleicht tatsächlich recht. Und heute?

In Dir selbst: Die Wahrnehmung aller Erscheinungen

Heute ist er die Ursache aller Blockaden. Ob emotional, intellektuell, sexuell, spirituell oder auch experimentell … Ohne Widerstand gegen den freien Fluss aller Empfindungen, ohne die Einmischung, ohne das Deckeln der Freude, der Angst, der Wut, der Liebe, der Lust, der Trauer, der Erschöpfung, der Gleichgültigkeit … kommt  endlich ins Fließen, was so lange weggedrückt wurde. Und mit viel Glück, rückt ins Licht, worin all das geschieht. In Dir selbst als die Wahrnehmung aller Erscheinungen, die Du bist. Die Welt, die Dir erscheint, ist die Antwort auf Dich als Deine gewohnte Art zu Denken und zu Fühlen.

Es ist die Resonanz auf den Grad Deiner Entspanntheit mit dem Dasein Deiner Emotionen und Gedanken. Je ungestörter sie sich in Dir aufhalten können, je weniger Bedeutung sie durch Deine nicht mehr gebannte (gebundene) Aufmerksamkeit bekommen, um so leiser werden sie, umso weniger von ihnen gibt es. An ihre Stelle tritt das, was Lebendigkeit ist: eine stille, intime Intensität, die jeder Regung offen zugewandt ist, und dennoch niemals von sich abrückt. Und das von ganz allein. Ohne jede Anstrengung. In dieser Offenheit ordnet sich alles von selbst. Weil diese Offenheit die Ordnung ist, die Du bist. Druck, Stress und Unglück gibt es nur in und als Gedanken.

Gedanken, die um sich selbst kreisen und von den angesprochenen Gefühlen in die Realität befeuert werden. Ja, dieser ganze Mechanismus tut so, als wäre er intensiv und unausweichlich, selbstwollend und damit so total real. Das ist die wahre Illusion und Trance in der wir leben: die persönliche Wichtigkeit im Applaus, das unhaltbare Versprechen der romantischen Liebe, die vitale Energie des Rechthabens usw. Sie alle lullen uns ein und machen uns zu Sklaven von noch mehr Gedanken über das Leben und sein Funktionieren. Statt es feurig und wild, lustvoll und klar, still und einfach zu (er)leben – wie es gerade ist.

Unausweichlich ist nur dieser Augenblick. In tiefer geistiger Entspanntheit bedeutet er nichts als die einfache Anwesenheit in dem, was ist. Nein, das ist kein weiteres Geheimnis des Glücks. Es ist eine vollkommen offen-sichtliche Möglichkeit, die heile Natur des Lebens zu erfahren. Wenn sie sich selbst überlassen ist. Diese Natur ist so vieles. In meiner Wahrnehmung hat sie immer die Qualität von Freude, Leichtigkeit oder tiefem Berührtsein, Klarheit, Transparenz – und in letzter Konsequenz ist sie nicht sagbar, sondern nur erlebbar. Auf einer anderen Ebene. Die sich dann zeigt, wenn man unausweichlich daran scheitert, auch nur einen Augenblick weiter gegen sich selbst zu leben.

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

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