Das Paradoxon vom Handelnden

Solange wir in uns selbst problembehaftet denken und fühlen, ist jedes Lebensthema davon betroffen. Solange wir nicht innerlich in eine Seelenruhe gefunden haben, die sich zumindest immer öfter selbst wiederfindet, wenn sie sich mal verloren hat, wird jede Handlung und jede emotionale Reaktion von dieser problemhaften inneren Einstellung gefärbt, anstatt der Quelle der Ruhe zu entspringen. Unsere Motive sind nicht rein, sie sind nicht klar, sie sind nicht unabhängig, sie sind nicht frei. Sie sind von einem nicht durchschauten Egoismus durchzogen, der sich in jedem Fall früher oder später als selbst schädigend
herausstellen wird.

Wir können leider erst klar sehen, klar denken und klar fühlen, wenn wir selbst geklärt sind, wenn wir vom Leben so durchgerüttelt wurden, dass es uns an den richtigen inneren Platz gestellt hat. Und klar heißt immer unabhängig, und unabhängig heißt immer wissend, dass von anderen Menschen, von Umständen und Dingen niemals die Quelle der Erfüllung ausgehen kann. Es ist absolut nicht möglich.

Gegen diese Klarheit werden alle Geschütze aufgefahren, die einem Menschen zur Verfügung stehen. Alle Illusionen, alle romantischen Vorstellungen, alle Lügengebäude werden mit Zähnen und Klauen verteidigt, ohne dass wir es bemerken. Wir befinden uns in der Trance der Vorstellung, dass es den Einen oder die Eine gibt, die uns glücklich machen würden, dass es diesen Job, diesen Geldbetrag, diese Energie, dieses Ziel gibt, das uns erfüllen kann. Diese Vorstellungen sind die Ursache für extrem viel Leid, für extreme Blindheit, für extreme Einschränkungen des inneren Reifens und damit für unmögliche, wahrhaftige Begegnungen und Erlebnisse.

Gib mir alles, was Du hast …

Ich werde immer etwas von Dir wollen, wenn ich nicht weiß, wer ich bin. Sei es Deine Aufmerksamkeit, Deine Zeit, vielleicht sogar Dein Geld oder auch Deinen Sex oder Dein Verständnis, Deinen Beistand, Deine Hilfe, Deinen Segen, Dein was auch immer.
Das korrumpiert mich, das versaut mich, das lässt mich zu einem raffinierten Manipulator werden, der nicht versteht, dass er sich selbst hintergeht. Jeder Dieb bestiehlt sich selbst.
Jeder Lügner belügt sich selbst, jeder Betrüger …

Und früher oder später fällt jeder Betrüger auf einen anderen Betrüger herein. Das ist nahezu eine Zwangsläufigkeit. Wenn ich heute gewinne, werde ich morgen an anderer Stelle verlieren. Das ist das ganze Geheimnis der Polarität, die vor rein gar nichts Halt macht, was in der Wahrnehmung auftaucht. Das ist ihre Natur. Aber es gibt einen heiligen Ausweg:

Ich brauche zuerst die vollkommene Distanz, bevor ich überhaupt verstehen kann, was Nähe ist – um nicht immer wieder nach jeder Nähe auf Distanz gehen zu müssen. Je weiter und je aufrichtiger ich es mit der Distanz treibe, um so klarer erscheine ICH auf der Bühne des Lebens, und das verändert die Naturgesetze.

Dem Allerletzten nachgestellt, dem Allerersten noch voran …

Es ist ein Paradoxon, das man unbedingt erleben muss, wenn man was vom Leben verstehen will. Ganz kurz gesagt: Wenn es mir tief genug möglich wird zu allem, was mir erscheint, auf Distanz zu gehen, wird sichtbar, WEM das alles hier erscheint. Und genau das macht den Unterschied. Ich bemerke, dass ich bemerke. Dieses Ich kann erst dann in vollständiger Klarheit auftreten, wenn nichts mehr übrig bleibt als das nackte und damit vollkommen von sich selbst entblößte Es-selbst.

Meistens passiert das nach großen Katastrophen. Nach sehr großen (mindblowing) Katastrophen oder nach Katastrophen, die sich so oft wiederholt haben, dass alles, aber auch wirklich alles endlich loslässt, weil es jede Kraft und damit jeden Willen verloren hat, diese Art des Erlebens noch einmal oder weiter erleben zu wollen oder zu können (was das Gleiche ist). Wenn man die Aufgabe dieses Widerstandes auf dem höchstmöglichen Niveau erlebt, ist es wie ein seliges Sterben.

Endlich ist es vorbei. Endlich ist es losgelassen, endlich geht es aus dem (Er)Leben, endlich ist es weg. Diese Situation, dieser Umstand, dieser Mensch, diese Gedanken, diese Gefühle, dieses Anhaften, diese Identifikation … Ahhh. Ausatmen. Ausatmen. Ausatmen. Ein langes, langes, langes Ausatmen. Ich kann  nicht mal mehr sagen, dass ich ein Mensch bin …

Kein Wunsch No-thing

Und dann lange, lange, lange kein Einatmen mehr. Noch nicht einmal der Wunsch nach dem Einatmen, weil das Ausatmen so schön ist.  Und dann kommt diese Lücke. Diese Lücke, die nach jedem Ausatmen entsteht, bevor wieder eingeatmet wird. Eine heilige Lücke. Das Sinnbild der Totalität, der Moment aller Möglichkeiten. Im Leben selbst verkörpert. Zwischen jedem Einatmen und Ausatmen. Völlig ungesehen, unbe(ob)achtet…

In dieser Lücke komme ich zu mir. Als Impuls aus dem Nichts, der als Einatem in die Erscheinung stößt. Als reiner Lebensimpuls. Dieser Urknall passiert in jedem Augenblick. Und kaum jemand bekommt es mit. Ich bin wieder da. Völlig neu geboren, niemals zuvor dagewesen. Und doch als Anwesenheit immer schon hier. Die reine Totalität, die jedem Atemzug zugrunde liegt. Hier bin ich. Das bin ich.

Was soll ich denn von Dir wollen?

Wie könnte ich jetzt noch irgendetwas von dem Bild, das ich ent-werfe wollen? Du bist meine Projektion. Ich bin Deine Projektion: Wir sind Spiegel im Spiegel. Was könnten wir voneinander wollen? Was könnten wir bekommen? Außer Illusionen? Was könnten wir uns abringen, erschleichen und ertrotzen? Von wem? …

Wir sind Impulse aus dem Nichts, das wir sind. Ja. Lies nochmal. Wie großartig das ist! Wie sprachlos das macht. Und wie lächerlich der Glaube erscheint, dass irgendjemand von irgendjemandem etwas bekommen könnte oder das irgendjemand irgendjemand anderem etwas geben könnte. Das ganze Ding ist ein Fake – wenn wir es mal aus der heiligen Distanz betrachten.

Und dann sind wir voll. Weil wir bemerken, dass wir leer sind. Dass wir eben nichts von dem sind, was vor unseren Augen erscheint, nichts von dem sind, was wir fassen können, nichts von dem sind, was wir erleben. Wir sind weder das Einatmen noch das Ausatmen. Wir sind die nichtssagende Totalität aller Möglichkeiten, die im Bewusstsein erscheinen.

Herrliche Möglichkeiten! Ohne Ende.

Und eine Möglichkeit bin ich. Und eine Möglichkeit bist Du. Und in uns als zwei Möglichkeiten erscheinen unzählige weitere Möglichkeiten in Form von feinstofflichen Gedanken und Gefühlen und in Form von materiellen Objekten, die wir, als Ausdruck dieser Möglichkeiten, die in Erscheinung getreten sind, wahrnehmen. Wir sind unendlich in unseren Möglichkeiten der Erfahrung. Wir sind Zellen, die sich unaufhörlich teilen … Wir hören niemals auf, wir fangen niemals an.

Wenn wir das wirklich wissen, und nur dann, wissen wir, was ein echter Kuss ist. Ein echter Kuss ist heilig. Weil niemand küsst. Weil Küssen ist. Jetzt. Völlig unbeschwert, völlig frei. Völlig unabhängig, völlig direkt, völlig  intim, völlig losgelöst, völlig genau so. Sich selbst folgend ohne Folgen. Und genau so ist das ganze Leben. Es ist nichts und darin alles. Und das Ganze auch noch ohne Naht.

Alles steht still und bewegt sich von selbst in Richtungen, die allein von der Summe aller auftretenden Möglichkeiten bestimmt wird. Ich will nichts von Dir, und Du willst nichts von mir, selbst wenn wir alles wollen. Denn wir beide sind heilige Betrüger in einem Spiel
ohne Spieler und damit ohne Betrug. Und dieses Wissen ändert alles. Jetzt können wir lachen
und weinen und einander selbstlos lieben, weil wir Angekommene sind, die niemals
irgendwo ankommen.

 

Wenn Dich der Artikel inspiriert hat, freue ich mich sehr über den Ausdruck Deiner Wertschätzung mittels einer Spende. Vielen Dank!

7 Kommentare

  1. Werner

    Liebe Nicole,
    ein wundervoller, einzigartiger und zweifellos wahrer Artikel von dir.
    Gelänge es uns in ständiger Präsenz dieser Wahrheit und Wirklichkeit zu leben, wären wir frei von Illusion und Selbstbetrug ❤️

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  2. Johannes

    Etwas zum Nachdenken und Nachfühlen am heiligen Karfreitag. Herzlichen Dank liebe Nicole

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  3. Marc

    Nicole, danke für Deine Antwort …
    Dieser Text ist der Hammer. So wie Du –
    Eine Frau mit einem klaren Geist, einem freien Herzen, mit einer unendlichen Tiefe
    und Humor…!
    Du hast meinen absoluten Respekt.

    Marc

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  4. Chris

    Na dann reih ich mich mal ein in diesen Chor ;-). Ich kenne diese Katastrophen.
    Und ich wei´ß, was Du meinst. Der Moment wo alles so krass ist, dass man nichts
    mehr denken kann. Sondern nur noch da ist. Voll da… Leider wars bei mir noch nie
    so heftig, dass ich da bleiben konnte.
    Geiler Text, Nicole, wie immer!Danke

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  5. Beke

    Einfach nur.. Wow.

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  6. Christine

    Die Weite und die Freiheit deiner Worte zu fühlen, nimmt dem Zweifler den beengten Raum, den er für wahrhaftig gehalten hat. Freiheit fängt hier an und wird nicht mehr in Vorstellungen gepackt. Ein Weg ohne Weg, ein Voranschreiten aus Lust an der Beweglichkeit. Eine Offenheit ohne Schranken. Eine innere Eröffnung. Eine Feier des Daseins. Danke für deine inspirierenden Texte meine Liebe.

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  7. matri

    hallo liebe Nicole,

    deine texe zu lesen ist mega, ich vermisse es deiner wunderschönen Stimme zu lauschen, für mich ist es ein tief eintauchen das lesen mir nicht vermittelt
    wundersames für dich Matri

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