Das Paradoxon vom Handelnden

Sehnsucht und Leiden... - anhören

von Radical Now

Wenn die unstillbare Sehnsucht nach Erfüllung der tiefsten Hoffnung, und der pessimistische, schwerstverletzte Schmerz der Hoffnungslosigkeit, von ihrer Energie her gleich groß sind, dann gibt es eine Pattsituation. Dann kommt man nicht weiter. Nirgendwohin – weder vor, noch zurück. Man verharrt in diesem extrem zwiespältigen Gefühl, das keine Tendenz hat. Und erschafft dadurch immer weiter zwiespältige Beziehungen und Situationen, die genau dieses Gefühl des brennenden, tief verletzten Schmerzes, der nie vergeht, und der glühenden Sehnsucht, die immer wieder hofft, weiter anschüren und damit aufrecht erhalten.

Wenn man in dieser Energie ist, dann muss man ihr ihren Lauf lassen. Das heißt, sie nimmt sich sowieso ihren Lauf, weil kein Widerstand sie ändern kann. Und es ist gut, das zu wissen.
Nur wenn sie ungehemmt ihren Lauf nimmt, kann sie sich verbrennen. Verbrennen und einer anderen Energie Platz machen, die dann unweigerlich auftaucht: die Loslösung. Sie ist die natürliche Folge, nachdem etwas restlos verbrannt wurde. Indem es vollständig erlebt und damit durchlebt wird. Dann ist es aus und vorbei und etwas Neues geschieht.

Etwas kann nicht aus und vorbei sein wenn es nicht aus und vorbei ist. Aber man kann es sich in endlosen Auf‘s und Ab‘s vormachen – bis es wirklich aus und vorbei ist.

Der Zustand der schmerzlichen Sehnsucht, die sich nicht verlassen kann, weil sie sich nicht verlassen will, ändert sich dann, wenn er immer wieder durchlebt wurde. Denn mit jeder Ent-täuschung wird es schlimmer. Und je schlimmer es wird, um so mehr wacht man auf. Warum?

Das Zünglein an der Waage

Weil das (mehr oder weniger bewusste) Vergnügen an der leidenden Sehnsucht langsam vom echten Leiden übermannt wird. Das ändert die Pattsituation. Das bringt den Riss in die Leinwand, das ist das plötzliche Aufhorchen kurz vor einer Erkenntnis, das holt den Zweifel auf den Plan. Nicht den Zweifel an irgendeiner Sache. Sondern den Zweifel an sich selbst. Und dieser Zweifel an sich selbst reicht bis an die Identitätsebene heran. Und nur auf dieser Ebene folgt die große Verwirrung.

So eine existenzielle Verwirrung. Sie ist groß und umfassend, so groß, dass man nichts gegen sie tun kann. Sie lässt sich nicht beruhigen mit den alten Strategien, die einem das erste Mal als alt vorkommen. Und das lässt einen noch mehr aufhorchen, weil man gar nicht mehr weiß, wem hier eigentlich was irgendwie vorkommt. Was heißt denn hier eigentlich „mir“?

SO eine große Verwirrung geschieht. Und dann ist er wach, der Blick, der plötzlich die Dinge etwas besser sehen kann. Mit größerem Abstand. Nicht mehr so involviert. Wie ein Schauspieler, der seine Rolle so vertieft spielt, dass ihm auf einmal gewahr wird, dass es möglich ist, dass er gar nicht die Rolle, sondern ein Schauspieler sein könnte. Aber was weiß denn eine Rolle schon von einem Schauspieler? …

Im Fegefeuer der Verwirrung

Und das muss man aushalten. Das hält man auch aus, weil man auch da keine Wahl hat. Und wenn man das aushält, dann etabliert sich dieser Blick langsam und wird immer deutlicher. Und dieser Prozess ist völlig verrückt. Da werden plötzlich Kulissen verschoben, wo vorher echte Bauten standen. Die Welt bricht zusammen. Gleichzeitig zeigt sich etwas, das so still ist, dass es möglich wird immer mehr zu beobachten, was „als Welt“ geschieht, ohne sich selbst zu vergessen. Der Schauspieler spielt seine Rolle auf einmal in der losgelösten Sicherheit, der Schauspieler zu sein. Jetzt spielt er sie souverän, weil er ja weiß und keine echte Angst mehr haben muss …

Er weiß, dass er am Schluss nicht sterben wird, weil es nur eine Platzpatrone ist. Genauso weiß ich, dass mir das Leben nichts anhaben kann, weil das, was geschieht nicht die Wirklichkeit ist. Die Wirklichkeit ist der Blick, der alles sieht, weil er sich seiner so sicher ist, dass er nirgendwo mehr wegsehen muss. Er muss sich nichts mehr vormachen und nichts vor sich selbst verbergen, weil er sich erlaubt alles zu sehen, da er weiß, dass er er ist und seine eigene Geschichte betrachtet, die durch ihn hervorgerufen wird. Aus der er aber nicht besteht.

Es ist nicht die Geschichte, die ihn hervorbringt oder nicht, die ihn glücklich macht oder unglücklich. Es ist allein das Nichtwissen um sich selbst, das Emotionen auftauchen lässt, die Schachfiguren glauben lassen, sie würden für ihren König ihr Leben aufs Spiel setzen.

Leere Bestimmtheit, unschuldige Tiefe …

Und das hemmt die Möglichkeit das Leben aus einer völlig neuen Dimension heraus zu erleben. Zum Beispiel aus einer unschuldigen und messerscharfen Tiefe heraus, oder aus einer unverschlossenen aber deutlichen Bestimmtheit, von einem hoch erregten aber angstfreien Herzklopfen, einem beherzten – es drauf ankommen Lassen heraus.
Egal wie es ausgeht.

Es hemmt die Möglichkeiten zu entdecken, dass man nicht nur ein Planet, sondern gar eine Galaxie ist. Geschweige denn die Möglichkeit diese Größenordnung für alle Größenordnungen zu verlassen …

Und gleichzeitig ist gar nichts gehemmt. Nichts ist verkehrt mit dem Schauspieler, der seine Rolle so selbstvergessen spielt. Nichts ist verkehrt mit der brennenden Sehnsucht, die sich nicht aufgeben will für eine unbekannte Weite ohne sie.

Alles ist gut. Weil es nur das geben kann, was es gibt. Weil es nur das gibt, was es gibt. Weil das hier alles ist, was es gibt. Dieser Augenblick, der sich nur deshalb manifestiert,
weil Du hinschaust.

 

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

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