Das Leben ist schwer zu ertragen, wenn man glaubt, dass man im Leben etwas gewinnen kann. Denn wenn man etwas gewinnen kann, dann kann man auch etwas verlieren. Ja, es ist schön etwas zu bekommen, das man sich schon lange gewünscht hat, und ja, es ist sehr schwer es gehen zu lassen, wenn man es wieder verliert.

Beide Zustände haben ihre eigene Erlebenswelt. Die Vorfreude hat ihren Zauber und ihre Leichtigkeit, sie hat ihre Vorstellungen und Ideen. Und sie ist doch eine in sich geschlossene Welt, weil die Wirklichkeit, die folgt, ihr nie entspricht. Die Wirklichkeit ist immer anders als die Vor-stellung, die man sich von ihr macht. Sie ist so, wie sie selbst ist. Das Verlustgefühl nach der Lustbefriedigung ist immer ernüchternd und verlangt bald darauf das Entkommen aus dieser Ernüchterung und damit die Formulierung einer neuen Wunschwelt.

Kein Mensch kann der Polarität und damit dem Auf und Ab dieses teuflischen
Kreislaufes entkommen.

Die Koexistenz der Pole

Der Geist aber ist vollkommen unberührt von ihr. Geist ist das, was sieht, wie hell und dunkel geschehen. Geist ist der Ort, an dem beide Pole koexistieren können. Keiner ist wertvoller oder wertloser als der andere. Begierde ist hier dasselbe wie Wunschlosigkeit.

Beides wird gesehen, wie es ist. Ich sehe also, was geschieht, wenn mich die Sehnsucht nach etwas antreibt, das jetzt gerade nicht hier ist. Ich erlebe, was es mit mir macht, wie es mich motiviert etwas zu tun, um in die Erfüllung meiner Vorstellung zu kommen. Eine Vorstellung, die nichts mit meinem aktuellen Hiersein zu tun hat. Und ich erlebe, was es mit mir macht, wenn das Erreichte vorbei ist, den Abfall, die Leere, die Sinnlosigkeit, wenn ich wieder hier lande, wo ich bin, wovon ich doch die ganze Zeit weg will.

Wenn ich es nicht deutlich genug sehe, komme ich nicht aus diesem Spiel heraus. Dann bekomme ich zwar mit, wie es passiert, aber ich fühle mich immer noch nicht wirklich davon angesprochen, und somit ist der Sog dessen, was mich in die Polarität von „Unerfüllt vs. Erfüllt“ zwingt, noch zu groß.

Nur Patt – nicht Schachmatt

Das ist die unangenehme Pattsituation, die mich zwar erkennen lässt, wie ich immer wieder in die Falle gehe, aber mir nicht die Kraft verleiht hier zu bleiben und „die Füße“ still zu halten.

Hier entstehen typische Aussagen wie: „Ich weiß es doch … und trotzdem passiert es immer wieder. Wie kann es sein, dass ich einerseits so erlöst bin und andererseits so unerlöst?“

Es ist dieses innere Tauziehen, das selbst Ausdruck der Polarität ist, und somit ist in Wirklichkeit überhaupt nichts gesehen. Der Geist ist noch nicht zu sich selbst erwacht, wenn es im ganz praktischen Alltag noch immer darum geht von einem unerlösten Zustand in einen erlösten Zustand zu geraten. Wenn es immer noch eine Unterscheidung zwischen richtig und falsch gibt, zwischen ungerecht und gerecht, zwischen gut und böse, zwischen Erwachten und Nichterwachten, zwischen bewusst und unbewusst, heute und morgen …

Abflug in mich selbst …

Und genau das ist der Sprung, der sich vollzieht, wenn gesehen wird. Es ist der Sprung hinaus aus der engen Box der Gegensätze. Das ist die große Erleichterung. Jenseits von Gut und Böse bin ich. Frei von allen Überzeugungen, die mich im Entweder-Oder halten, im Hier und Dort, im Ich und Du, aus dem heraus sich ein ominöses „Wir“ gestaltet.

Ich bekomme nichts und ich verliere nichts, weil es nichts gibt, das ich nicht bin. Was ich gut finde, bin ich. Was ich schlecht finde, bin ich. Was ich haben will, bin ich. Was ich nicht haben will, bin ich. Geist, in dem auftaucht, was auftaucht, bin ich. Kein Ort ohne mich. Keine Wahrnehmung ohne mich als Wahrnehmung, ohne mich als Wahrgenommenes. Alles ich. Auch ich bin wahrgenommen durch mich.

Genau so klingt es out of the box meiner engen Vorstellungen von Leben und Welt und
Ich und Du. Ich muss nichts sein und ich muss nichts tun, weil ich alles bin. Alles darf genau so bleiben, wie es ist, es muss sich überhaupt nichts verändern, ich muss gar nichts loswerden und mit gar nichts aufhören. Veränderung geschieht von selbst. Immerzu. Permanent.

Es sind nur Überzeugungen, nichts Ernstes …

Ich kann sehen, dass mich bisher allein meine Überzeugungen bestimmt haben und deshalb habe ich Traurigkeit, Stress, Druck, Angst, Sehnsucht und all das wahrgenommen, was eben zu diesen Überzeugungen passt. Solange ich allein meine Überzeugungen bin, geschieht alles nach ihrem Glauben. Sie ziehen alles Geschehen an, was sie beweist und damit den Glauben an sie aufrecht erhält.

Kann ich das sehen? Ja! Und schon erkenne ich die Herrlichkeit meines Daseins als das Sehen dessen, was sieht. Ich werde in der höchsten Dimension meiner selbst auf mich selbst zurückgeworfen und darf endlich ungestört alles sein, was ich bin. Alle Facetten von Gut und Böse eingeschlossen.

Und das ist Liebe. Nur Liebe schließt alles ein und lässt nichts „draußen“ vor einer imaginären Tür, die es erst zu passieren gilt, bevor man eine Belohnung erhält. Die Belohnung bin ich schon. Dafür brauche ich keine Tür mehr. Ich falle weg als Bedingung und bade im Lohn ohne Empfänger. Ich bin schon empfangen.

Ich spiele keine Spiele mehr mit mir, weil es keinen Gegner mehr gibt. Deshalb spiele ich auch keine Spiele mehr mit anderen Menschen. Wozu? Ich bin alles und jeder. In jedem Moment. Wenn ich manipuliere, dann immer nur mich selbst. Ich muss nichts erreichen, weil sich alles ausdrückt, was ist, und es nichts anderes gibt als das, was ist. Ich will nicht weg von hier, weil es keinen anderen Ort gibt.

Egal, wo ich hinsehe, alles bin ich. Und alles, was ich hier erzähle, erzähle ich mir selbst! Warum? Weil ich es tue! Das ist der herrliche Imperativ des Daseins. Alles geschieht, weil es geschieht. Basta!

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

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10 Kommentare

  1. Christoph T

    Großartig, Nicole …Ich spüre die Erleichterung, die mir Deine Worte vermitteln. Nichts mehr sein müssen, nichts mehr Tun müssen, heißt für mich kein Interesse mehr für die Gedanken aufbringen, die mich wegholen wollen von meinem einfachen Dasein. Dann dürfen auch die Gedanken da sein, wenn ICH da bin. Danke für diese hilfreiche Erinnerung… Christoph

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    • Nicole Paskow

      Wie schön! Ich freu mich Chris! Herzlich, Nicole

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  2. Steffen

    Der herrliche Imperativ des Daseins: Alles geschieht, weil es geschieht!“
    Der Hammer, Nicole, was das heißt … Wer da nicht mit allem aufhört, will einfach nicht ankommen …
    Ich liebe Dich!

    .

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  3. Nicole Paskow

    Liebster Steffen, es ist immer nur einer, der einfach nicht ankommen will. Jeder „andere“ ist Illusion … 😉

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  4. Roman

    Hallo Nicole, kurz halte ich Mal inne, wenn du von ich sprichst, sprichst du auch vom du – die Grenze ist das, woran ich festhalten will. Der Widerstand, der verhindert, dass ich du bin.

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    • Nicole Paskow

      Lieber Roman, Ich ist in jedem Du Ich. Ja, das klingt verrückt!
      Alles sagt zu sich selbst Ich! Auch Du. Dieses Ich ist in allem und jedem gleich. Nur wie es
      aussieht, wie es sich präsentiert ist verschieden. Aber im Kern vollkommen gleich.
      Deshalb bist Du ich und ich bin Du. Das können wir wissen, dann gibt es keinen Widerstand zwischen uns
      oder wir wissen es nicht, dann fühlen wir uns als Ich und Du und dann passiert genau das,
      was im Widerstand passiert. Das ist, was wir schon kennen. LG Nicole

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  5. Werner Strahwald

    Liebe Nicole, wow – einzigartig und wundervoll auf den Punkt gebracht. Wie oft habe ich mir schon gedacht, wenn ich nur stets leben könnte was ich längst weiß.
    Achtsamkeit und Bewusstheit hilft mir,
    zwar nicht stets, aber immer mehr im richtigen Augenblick parat zu haben,
    was wesentlich ist, was zählt, was einzig von Bedeutung ist.

    Es ist all das was in meinem Kopf an Gedanken existiert, was ich mir vorstelle, tue, lebe, fühle.
    Was mich begrenzt, zum Stillstand bringt, mich leiden lässt oder in Illusionen versinken, ist der Versuch etwas festzuhalten, zu erreichen, zu manipulieren oder verändern zu müssen.

    Und dann stell ich fest, dass auch das zu mir gehört, mich ausmacht, mir hilft zu mir selbst zu finden, ich selbst zu sein, zu lernen, immer weniger „etwas“ hinterher zu jagen oder hinterher zu laufen.

    Ja, das Leben ist schön, es ist wunderschön aufzuwachen, zu atmen, Bewusstheit zu erleben.
    Es ist schön einzuschlafen um erneut aufzuwachen und das Wunder Leben, erleben und leben zu dürfen.

    Mein Atem erinnert mich daran bei mir selbst zu sein, anzunehmen und zuzulassen was ist und kommt, was gehen will und geht.

    Welch eine Gnade und Geschenk, nichts festhalten zu müssen, zu wollen oder es zu versuchen.

    Ja, das Leben ist einfach, ist einfach sein

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  6. Beatrice

    Wie befreiend und erlaubend, liebe Nicole …, danke❤️

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  7. Christoph

    Heilige Wut – auf unsere Ignoranz und unsere Dummheit unserem Sein gegenüber! Ich freue mich, diese Energien von Dir zu vernehmen. Sie können wachrütteln und eine Dauerhypnose schlagartig beenden.

    Danke liebe Nicole

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  8. Katja

    Liebe Nicole,
    ich könnte schreiheihen vor Glück, wenn ich mich von Dir erinnern lasse. Ich liebe Dich. Deine Katja

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