Das, was mich immer gehemmt hat den Dingen auf den Grund gehen zu können, ist der Glaube, dass ich mehr „externes“ Wissen über eine Sache brauche, um sie zu „durchschauen“. Ich glaubte andere Menschen wüssten es besser als ich. Sie wüssten, zum Beispiel, besser als ich, was richtig und was falsch ist, was gut und was schlecht ist. Es war, als glaubte ich, die Perspektive anderer Menschen zu brauchen, um etwas wesentliches über mich selbst und/oder das Leben zu erfahren.

Ich habe Menschen erhöht gesehen, die scheinbar mehr Wissen über das hatten, was mich interessiert. Und ich habe Menschen erniedrigt gesehen, die scheinbar weniger Wissen über das hatten, was mich interessiert. In beiden Fällen war mein Blick verzerrt und ich konnte, in Wirklichkeit, nichts erkennen.

Experten sind Menschen, die sich intensiver als andere Menschen mit einer Sache beschäftigen. Sie ziehen ihre Schlüsse aus ihrer anhaltenden Aufmerksamkeit auf ein „Wissensgebiet“. Die anhaltende, unabgelenkte Aufmerksamkeit lässt den Blick, mit dem sie etwas betrachten intensiv und tief werden. In Etwa so, wie die Kraft der Sonne, die durch die Linse einer Lupe gebündelt, den Punkt auf den sie gerichtet ist, zum Glühen, ja wenn nicht gar zum Brennen bringen kann.

Das Betrachtete wird „lebendig“

Ebenso entzündet sich das Betrachtete durch den anhaltenden Blick, es wird lebendig und „zeigt“ sich. Mein Problem war, dass ich die Kraft des Experten immer nur woanders gesehen habe. Nicht aber in mir. Was, im Grunde, kein Wunder ist, denn wir alle werden von klein auf dazu erzogen woanders hinzuschauen und uns von anderen sagen zu lassen, was Sache ist: Womit wir uns zu beschäftigen haben und sogar welche Schlüsse wir daraus ziehen sollten.

All das, um, wenn wir Glück haben, irgendwann zu entdecken, dass wir alles wieder vergessen müssen, um unseren eigenen Blick auf die Dinge zu finden. Es ist die wesentlichste Entdeckung, denn nur durch diese Selbstermächtigung komme ich in die Lage etwas wesentliches über mein und damit über das Leben zu erkennen.

Wenn ich den „vergesellschafteten“ Blick in mir nicht verliere, dann ist es so, als ob ich für immer und ewig dazu verdammt bin aus einer bedingten Perspektive zu schauen. Einer Perspektive also, die an Bedingungen gebunden ist. Um überhaupt „sehen“ zu können, werde ich also immer glauben ein Haus zu brauchen, in dem eine Wohnung ist, in deren Zimmer ich sitze, um aus dem Fenster zu schauen. Der Ausschnitt, der sich mir bietet, wird dann immer nur ein Ausschnitt sein, den ich aber für die Wahrheit halte.

Die Gebundenheit an „Vorgedanken“

Und weil ich ja vergesellschaftet bin, werde ich gar nicht wissen, dass ich geistig in einem Haus sitze, in dem sich eine Wohnung befindet, in deren Zimmer ich sitze und aus dem Fenster sehe. Ich sehe meine Gebundenheit nicht. Das ist der Weltblick, wie er sich seit Jahrtausenden zeigt.

Ein Weltblick ohne Weitblick.

Grundsätzlich sehen heißt ungebunden sehen. An nichts gebunden zu sein. An keine Vorstellung, an keine Idee, an kein „So ist es“, an kein Expertenwissen, an keine vorangegangenen Erkenntnisse. Es bedeutet sich die Freiheit zu nehmen ALLES in sich selbst zu entdecken. Die ganze Welt, das ganze Universum und den ganzen Rest. ALLES in mir selbst entdecken kann ich nur dann, wenn ich selbst an mich nicht mehr gebunden bin. Dann ist mein Blick nicht mehr „mein“ Blick. Dann ist mein Blick nur noch „Blick“.

Und der Weg ist frei durch diese Form, durch diese Augen, durch diese Sinne zu sehen, was durch diese Form, durch diese Augen, durch diese Sinne gesehen ist. In diesem Sein werden Form und Sinne erkannt. In der Absichtslosigkeit des Blickes zeigt sich alles. Es ist das tiefste und damit grundlegendste Nichtwollen, das Sein sein lässt und damit in die Existenz hebt.

Die wahre Wissenschaft …

In der Offenheit des Gewahrseins zeigt sich alles was ist und wie es ist. Im Grunde, ist das der wissenschaftlichste Blick, den man „haben“ kann. Weil man ihn in Wahrheit  nicht hat – sondern weil man dieser Blick ist. Und zwar ist jeder Mensch dieser Blick in dem alles erscheint.

Es ist der Widerstand gegen den eigenen Blick, der einem Menschen gewahr werden muss, um ihn zu sehen und damit aufzulösen. Solange wir anderen glauben, werden wir uns in uns selbst fremd fühlen und uns fragen, ob das, was wir denken und fühlen richtig oder falsch ist. Wir bleiben auf der Suche nach Antworten, die sich immer falsch anfühlen werden, egal wie richtig sie erscheinen. Weil sie nicht von uns selbst geschaut sind.

Dann ist es auch egal, ob wir nur durch einen Fensterausschnitt in die Welt sehen. Denn er ist alles, was wir haben. Er ist alles, was ist. Weil wir nur sehen können, was wir sehen …

Früher oder später führt kein Weg an uns selbst vorbei. Und zwar ganz direkt. Ohne Umschweife. Das, was ich wirklich denke und fühle, wird umso deutlicher, wenn ich schrankenlos sehen kann. Schrankenlos heißt ungebunden, unidentifiziert, nicht wollend. Wenn ich nehme, was ich habe. Unabgelenkt, intensiv und vollständig. Ich kann mich in die Öffnung einer Blüte versenken und darin das Prinzip des Lebens erkennen: Alles zeigt sich im Gewahrsein.

Eine Wand die da ist und nicht da ist

Tja. Und das kann ich nicht machen. Ich kann es nur einsehen. Wenn ich genug gegen Wände gelaufen bin, um zu merken, dass da eine Wand ist, die mir weh tut und aufhöre so zu tun, als ob sie nicht existiert. Und ich den Schmerz so direkt und ohne Widerstand spüre, dass mir endlich auffällt dass ICH ihn spüre. Diese Anwesenheit hier! Dann falle ich unweigerlich durch mich durch.

Schmerz ohne Widerstand ist nur Schmerz. Ja, es ist ein qualitativer Unterschied zur Freude, die ich auch empfinden kann. Aber es ist ein Unterschied, der keinen Unterschied mehr macht. Weil ICH nichts abwehren muss. Weder Schmerz noch Freude, weder Dies noch Das. Weder Widerstand noch Hingabe.

Ich wehre nicht mehr das immer freie, immer reine, immer seiende Gewahrsein ab, das ich schon immer bin. Und finde alles in mir.

 

Ein Traum von Elias - Nicole Paskow

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2 Kommentare

  1. Miriam Yvonne Melda/ Sash

    Genial erkannt – und rüber gebracht !! Dankesehr, very good reminder !! Mir ging es genau so – doch ich bin selbst Expertin :((:

    Ganz viel Spaß und Erkenntnis bei der weiteren Forschung :))
    und den Podcasts u Texten . Vlg Yvonne

    P.S. Als Tipp, bisschen lang!! Um wirklich aufzunehmen.. in der Kürze ist die Würze, find ich …

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    • Nicole Paskow

      Danke Dir für Deine Gedanken, Miriam Yvonne Melda/Sash! LG Nicole

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